ADB:Drechsler, Gustav (Landwirt)

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Artikel „Drechsler, Gustav“ von Carl Leisewitz in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 48 (1904), S. 78–79, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Drechsler,_Gustav_(Landwirt)&oldid=- (Version vom 21. Mai 2019, 11:20 Uhr UTC)
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Drechsler: Dr. Gustav D., Professor der Landwirthschaft und Director des landwirthschaftlichen Lehrinstituts der Universität Göttingen, seit März 1890 Curator der Universität Greifswald, † am 14. October 1890. In Clausthal am 18. Juni 1833 geboren, empfing er daselbst eine vortreffliche Schulbildung, die ihm bei der günstigen Vermögenslage und der achtbaren socialen Stellung seines Vaters, eines höheren Forstbeamten, auch völlig freie Wahl des Berufes gestattete. Seine Neigung wandte sich wol unter dem Einfluß der aus dem väterlichen Grundbesitz hervorgegangenen Anregungen und Beziehungen dem landwirthschaftlichen Berufe zu, dem er jedoch für seinen Standpunkt durch eine umfassende theoretisch-wissenschaftliche Fachbildung, sowie durch gründliche praktische Schulung entsprechenden Gehalt und weitere Competenz zu geben suchte. Die wissenschaftlichen Studien betrieb er theils in Jena, theils in Halle und ergänzte dieselben noch durch humanistische Studien in München. An diesen Hochschulen hatte er das Glück, durch Männer, wie G. Schultze, Fraas und H. Riehl auf wirthschaftlichem und culturhistorischem Gebiete, durch Schleiden, Langethal, Liebig und Schaeffer auf naturwissenschaftlichem Gebiete reiche Belehrung zu finden. Nachdem er seine Berufsbildung noch durch Ausführung verschiedener Studienreisen vervollständigt hatte, übernahm er das väterliche Gut Crimderode bei Nordhausen, um es zu reorganisiren und für eine Reihe von Jahren selbst zu bewirthschaften. Als er damit das von ihm selbst gesteckte Ziel erreicht hatte, ließ er sich von dem Verlangen nach wissenschaftlicher Thätigkeit bestimmen, vorerst den Doctorgrad zu erwerben und sich sodann im J. 1869 in Göttingen an der philosophischen Facultät zu habilitiren.

Obschon er dort als Docent für Landwirthschaft keine dankbare Aufgabe fand, so wurde er doch bereits nach zwei Jahren zum außerordentlichen Professor und mit der von ihm 1873 durchgeführten Reorganisation des dortigen landwirtschaftlichen Lehrinstituts zu dessen Director wie zum Ordinarius ernannt. Mit dem weiteren Ausbau dieses Institutes betraut, war es ihm bald vergönnt, sich neben seiner Lehrthätigkeit mit der Verfolgung wissenschaftlicher Aufgaben im Wege der Forschung etc. zu befassen. Als Professor hatte er die Lehrgebiete der landw. Betriebslehre und der Pflanzenproductionslehre großentheils zu vertreten und entlehnte diesen beiden Gebieten auch die Themata, welche seiner litterarischen Thätigkeit Richtung und Ziel gaben. Gleichzeitig stand ihm die Leitung des mit dem Göttinger Institute verbundenen landw. Versuchsfeldes zu, das er mit Erfolg zu Cultur- und Düngungsversuchen zu benützen bezw. zum Ausbau der Düngerlehre zu verwerthen wußte. Schon im ersten Jahre seiner Lehrthätigkeit konnte er mit einer preisgekrönten Schrift über den Pachtvertrag an die Oeffentlichkeit treten und damit den Beweis von scharfsinniger Auffassung und gediegener Fachkenntniß liefern, denn es war ihm gelungen, dem Pachtverhältniß eine gefestigte Grundlage und einen gesicherten Halt zu geben, indem er durch Adoptirung gerechter Principien für die Regelung der Rechte und Pflichten beider Contrahenten eine treffliche Klärung der bezüglichen Verhältnisse gewonnen und zugleich eine Interessengemeinschaft angebahnt hatte. Auch durch andere Schriften suchte er Aufklärung über die wesentlichen Aufgaben des [79] landwirthschaftlichen Betriebes zu verbreiten und Mittel zur Hebung desselben nachzuweisen; außer verschiedenen kleineren Abhandlungen, welche dieser Bestimmung dienten, hatte er namentlich durch sein Buch: „Die Statik des Landbaues“ der Einführung einer correcten Tendenz des landw. Betriebes Vorschub geleistet und damit den Einklang zwischen den einseitig gestützten Forderungen Liebig’s und den wirthschaftlichen Interessen wieder ermöglicht. Nicht minder instructiv waren seine Schriften über verschiedene Fragen der Pflanzencultur, deren Lösung er theils im Wege der Forschung durch Anstellung von Anbau- und Düngungsversuchen, theils im Wege empirischer Beobachtung durch Ueberweisung der Versuchsaufgaben in den Bereich der Praxis herbeizuführen suchte. Auch hierbei trat seine Originalität im Denken und Disponiren, sowie sein Scharfblick im Interpretiren und Deduciren oftmals überraschend hervor.

Außer seiner wissenschaftlichen Thätigkeit war ihm durch mannichfache Beziehungen zu den Vertretern der landw. Praxis noch eine ausgebreitete Wirksamkeit für das landw. Vereinswesen in der Provinz Hannover eröffnet, als Vorsitzender des landw. Hauptvereins zu Göttingen wirkte er an der Förderung des Genossenschafts- und Schulwesens, an der Stärkung der Vereinskräfte, wie an der Hebung der Landescultur in verschiedenen Richtungen zum Wohle der heimathlichen Kreise mit. Ihm wurde daher auch als einer bewährten und angesehenen Kraft ein Mandat zum Deutschen Reichstage übertragen, wodurch er für die letzte Hälfte der 80er Jahre noch zu parlamentarischer Thätigkeit genöthigt war. Hatte er bis dahin mit seiner allgemein anerkannten Autorität im Verein mit anderen Koryphäen der Wissenschaft auch das von ihm geleitete landw. Lehrinstitut im Range als Pflegestätte der Wissenschaft zu heben vermocht, so blieb es ihm doch versagt, dem Göttinger Institute eine so reichhaltige Ausstattung zu verschaffen, daß dadurch zugleich eine wesentliche Bedingung zur Hebung der Frequenz desselben erfüllt worden wäre. Es mag ihm daher nicht schwer gefallen sein, dem von der Universität Greifswald an ihn ergangenen Ruf, sich der Pflege ihrer Interessen als Curator zu widmen, im März 1890 Folge zu geben; auch an dieser Stelle schien ihm eine weitere Mitwirkung an der Förderung der Landwirthschaft gesichert zu sein. Aber früher, als irgend jemand geahnt, sollte seinem Wirken durch den unerbittlichen Tod ein Ziel gesetzt sein, und so mußte der Theil seiner Lebensaufgabe unerfüllt bleiben, den er zu lösen sich noch berufen fühlen durfte und den auch Andere ihm gerne vindicirt haben mochten.

Vgl. Gedächtnißrede auf Gustav Drechsler von Prof. Dr. Liebscher im Journal f. Landwirthschaft 1894.