ADB:Eurich

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Artikel „Eurich, Westgothenkönig“ von Felix Dahn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 48 (1904), S. 450–451, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Eurich&oldid=- (Version vom 23. Mai 2019, 15:46 Uhr UTC)
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Eurich, Westgothenkönig, a. 466–485, Sohn Theoderich’s I., der a. 451 in der Hunnenschlacht bei Châlon gefallen war, Bruder Thorismund’s, der dem Vater gefolgt war, aber 453 von dem dritten Bruder Theoderich II. ermordet ward, der dann a. 466 „büßte wie er gefrevelt“, d. h. ebenfalls von einem Bruder, eben E. ermordet ward (s. diese Artikel). Dieser gewaltige Herrscher sollte das Reich der Westgothen zu der Gipfelhöhe der Macht erheben, so daß es, weit über den (noch unter viele Kleinkönige zertheilten) Franken und den (noch nicht nach Italien eingewanderten) Ostgothen emporragend, der ohne Zweifel stärkste Germanenstaat der Zeit war und zur „Hegemonie“ über allen anderen Germanenreiche des Festlands (abgesehen von Skandinavien) berufen schien: denn E. gelang es nicht nur, Gallien bis an die Loire im Osten und die beiden Meere im Norden und Süden zu gewinnen, auch die ganze pyrenäische Halbinsel (ausgenommen den schmalen von den Sueben im äußersten Nordosten [Portugal] behaupteten Streifen). Diese Erfolge verdankte er seiner Kriegsheldenschaft, aber nicht minder wahrlich seiner hohen Staatskunst; er war sehr zäh, sehr kühn, sehr schlau und verstand es meisterhaft, die Wirren in dem rasch sinkenden römischen Westreich und die Uneinigkeit seiner germanischen Nachbarn auszunutzen, um sein Volk aus einer viel bedrohten Lage in herrschende Stellung zu erheben; kurz und treffend sagt Jordanes: „E. sah den häufigen Wechsel der römischen Kaiser und das Schwanken des Reiches, da gedachte er, Gallien sich zu eigenem Recht zu unterwerfen“. Die argen Zustände im Reich führten gar manche Provinzialen dazu, sich E. anzuschließen, um Ordnung und Ruhe zu gewinnen: so that Arvandus, der römische Präfect von Gallien selbst. Im Bunde mit Geiserich (s. den Artikel) gegen den byzantinischen Kaiser Leo und den weströmischen Anthemius und dessen rasch wechselnde Nachfolger (Olybrius, Glycerius, Julius Nepos) machte er in Gallien immer wachsende Fortschritte.

Nur eine höchst wichtige Landschaft, das waldige Hochland der Auvergne, mit ihrer tapferen Bergbevölkerung und ihrer festen Hauptstadt Clermont-Ferrand trennte wie ein Keil das südliche von dem nördlichen Gothengebiet in Gallien; der Provinzialadel unter Ecdicius, dem Sohne des ehemaligen Kaisers Avitus und Schwager des Bischofs der Stadt, Apollinaris Sidonius, vertheidigten ihre Freiheit mit Muth und Erfolg: der Bischof schildert diese Kämpfe des Schwertes und der Staatskunst gar anschaulich in seinen Briefen: geistreich und witzig erscheint er als der erste „Franzose“ in dieser „Correspondenz- und Memoiren-Literatur“; seine Briefe geben mit der Uebertreibung, aber auch mit der Wahrheit der Leidenschaft ein lehrreiches Bild der Parteiungen, der Zustände in dem Gallien des sinkenden 5. Jahrhunderts. Mit heißem Eifer und mit kühler Hartnäckigkeit zugleich verfolgte E. seine Pläne auf Erwerbung der Landschaft. Lang sonder Erfolg; auch an die förmliche Abtretung durch den schwachen Kaiser Glycerius kehrten sich Ecdicius und der Adel der Auvergne nicht; muthig setzten sie fast nur mit eigenen Mitteln den Widerstand fort, bis auch der neue Kaiser Julius Nepos die noch nicht eroberten Theile der Auvergne feierlich abtrat in der eiteln Hoffnung [451] dadurch dauernde Herstellung des „foedus“ mit E. und Ruhe in Gallien zu erkaufen: nun floh Ecdicius zu den Burgunden, Apollinaris ward eingebannt, aber bald begnadigt. So war nun Eurich’s Gebiet in Gallien zwischen den beiden Meeren, Loire und Rhone trefflich abgerundet; als aber bei dem Sturz des weströmischen Reiches durch Odovakar (s. den Artikel) a. 476 alle Germanenvölker in Gallien und Spanien in Bewegung geriethen und Stücke des verwaisten Erbes an sich rissen, bemächtigte sich E. in raschem Ueberfall der ganzen iberischen Halbinsel (abgesehen von dem Gebiet der Sueben, s. oben). dadurch war den Gothen jenseit der Pyrenäen eine sichere Zufluchtstätte gewonnen, als sie schon unter Eurich’s Sohn und Nachfolger Alarich II. den größten Theil ihrer Besitzungen in Gallien an die gefährlich um sich greifende Macht der Franken verloren, die E. noch ebenso erfolgreich abgewehrt hatte, wie sächsische Seeräuber (bei Saintonge). Dieser glänzenden Stellung entspricht das Gedränge der Gesandten fremder Völker in dem Palatium zu Toulouse, das Apollinaris schildert: nicht nur Römer, Franken und Sachsen, auch Burgunden, Heruler, sogar Perser, die Hülfsgelder gegen Byzanz zahlten, waren hier vertreten und Theoderich der Große rühmt bald darauf, wie oft und wie erfolgreich E. die Könige der Thüringe, Warner, Heruler vor den Angriffen der Nachbarn – offenbar der Franken – geschützt habe; seine Gemahlin Ragnachild war eine Königstochter unbekannten Stammes. Dem äußern Glanz des Reiches entsprach so ziemlich die innere Blüthe: unter E. zuerst ward westgothisch Recht aufgezeichnet; die jetzt herrschende Meinung hält die sogenannte „Antiqua“ für diese Gesetze (leges Eurici). Die Romanen als solche wurden so wenig unterdrückt, daß vornehme Römer wie Leo und Victorius die wichtigsten Staatsämter bekleideten.

Der oft harte, aber in den Schilderungen der Priester stark übertriebene Druck auf die katholische Kirche war eine Folge ihrer ganzen höchst feindlichen Haltung gegen den Ketzerstaat der Arianer: „so daß schon der Name ‚Katholisch‘ dem König Miene und Herz wie Essig zusammenzog“ (Apollinaris); wie nothwendig scharfe Ueberwachung dieser Bischöfe war, sollte sich alsbald nach Eurich’s Tod (a. 485 in Arles) zeigen: ihr Verrath trug ganz wesentlich bei zu den Erfolgen Chlodovech’s gegenüber Alarich II. und dem Verlust des größten Theils des gothischen Galliens an die eifrig katholischen Franken.

Quellen und Litteratur: Dahn, Die Könige der Germanen V. 1870; Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker I, 2. Ausgabe, 1898.