ADB:Felgenhauer, Paul

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Artikel „Felgenhauer, Paul“ von Julius August Wagenmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 8 (1878), S. 278–279, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Felgenhauer,_Paul&oldid=- (Version vom 16. Juni 2019, 21:12 Uhr UTC)
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Felgenhauer **): Paul F., religiöser Schwärmer, Theosoph und Chiliast des 17. Jahrhunderts. – Seine Lebensumstände wie seine (zum Theil anonymen, zum Theil ungedruckten) Schriften sind nur unvollständig bekannt. – Geboren am Schluß des 16. Jahrh. zu Putschwitz in Böhmen, von seinem Vater, einem evangelischen Pfarrer, zum Predigtamte bestimmt, studirte er eine Zeit lang zu Wittenberg und auf anderen hohen Schulen, zog sich dann aber, ohne ein geistliches Amt anzunehmen, in seine Heimath zurück. Seit 1619 trat er als Schriftsteller auf, verkündete in seiner „Chronologie“, auf seltsame Berechnungen und Zahlencombinationen gestützt, das Nahen des jüngsten Tages, trat dann 1620 in seinem „Zeitspiegel“ wider die Verderbnisse der Kirche und Geistlichkeit auf, mußte aber bald darauf in Folge der ausgebrochenen Protestantenverfolgungen sein böhmisches Vaterland verlassen und flüchtete nun zunächst eine Zeit lang in das damalige große Asyl der Vertriebenen und der Schwärmer, nach Amsterdam. Von hier aus ließ er, gemeinschaftlich mit einigen Gesinnungsgenossen, wie Chr. A. Raselius u. A., eine Reihe von schwärmerischen Schriften (gedruckt bes. bei Janson u. A.) ausgehen, z. B. „Morgenröthe der Weisheit“, „Prodromus evangelii aeterni s. chilias sancta etc.“, „Vortrab des ewigen Evangelii“, „Sendbrief an Hirten und Schafe“, „Monarchenspiegel“, „Geheimniß vom Tempel des Herrn“, „Spiegel der Wahrheit und Weisheit“. Er verwirft und schmäht darin alle bestehenden Kirchen als „ein fleischlich, menschlich, animalisches Sectenbabel“, ihre Geistlichen als „buchstäbliche Pfaffen“; er selbst will zu keiner Kirche und Secte gehören, aber auch nicht selbst als Sectenstifter, Visionär oder neuer Prophet angesehen sein, sondern als „Diener Christi an der Gemeinde Gottes im Geist zu Philadelphia“; er will Nichts zu thun haben mit den verderblichen Glaubensartikeln und Sectenlehren, heißen sie katholisch, lutherisch, calvinisch, photinianisch oder wiedertäuferisch, sondern will an Christus allein sich halten, der Bibel glauben, die Quintessenz des wahren Christenthums, das ewige Evangelium verkündigen und den Weisheitsspiegel Christi allen Menschen, auch Juden und Türken, vorhalten. Dagegen sehen die Orthodoxen in seiner Lehre (besonders in seinen Angriffen gegen die kirchliche Christologie und Gnadenmittellehre) Nichts als ein Gemisch aus allen alten und neuen Ketzereien, aus Samosatinismus, Sabellianismus, Manichäismus, Pelagianismus, Chiliasmus, Weigelianismus, kurz einen „Synkretismus und Enthusiasmus“ der gefährlichsten Art. Beunruhigt durch die große Verbreitung, welche diese Lehren und Schriften der neuen Propheten, die sich selbst Erleuchtete oder Theosophoi nennen, unter dem Volk, [279] namentlich in Norddeutschland, fanden, traten verschiedene deutsche Theologen zuerst mit einzelnen Zuschriften gegen ihn auf (so ein Hofprediger Rost in Güstrow, ein Prediger Kregel u. A.), denen F. wieder Gegenschriften entgegensetzte (z. B. „Examen theologiae Rostii“ u. A.); dann vereinigten sich die Ministerien der drei Städte Hamburg, Lübeck und Lüneburg zu gemeinsamen Schritten, wandten sich an das Ministerium A. C. in Amsterdam mit der Bitte der Verbreitung der Schriften Felgenhauer’s Einhalt zu thun, und beschlossen auf einem Convent zu Mölln im März 1633, das Volk vor solchen Schwärmereien zu warnen und die Hülfe der Obrigkeit dawider in Anspruch zu nehmen. Nicolaus Hunn schrieb im Namen der lübeck’schen Geistlichkeit seinen „ausführlichen Bericht von den neuen Propheten“, 1634, dem F. eine „Gründliche Verantwortung“ entgegensetzte. Dieser ließ sich darauf zu Bederkesa bei Bremen nieder, wo er 17 Jahre lebte und Conventikel hielt, bis er wegen unbefugter Sacramentsverwaltung mit Weib und Kindern ausgewiesen wurde. Als er später zu Sulingen in der Grafschaft Hoya sein Wesen trieb, wurde er auf Befehl der hannoverschen Regierung 1657 verhaftet und im Amthaus zu Syke gefangen gehalten, wo im Auftrag des Consistoriums von Celle der Superintendent Rüdecker, ein Pastor Käseberg u. A. Bekehrungsversuche bei ihm machten. Seiner Haft entlassen ging er nach Hamburg, wo er Sermones über die Sonntagsevangelien, eine „Schola passionis“, „novum lumen fidei“, „nova cosmographia“ schrieb. Ort und Zeit seines Todes (erst nach 1660) ist unbekannt. –

Eine Biographie und Verzeichniß seiner Schriften (46 Nummern) hat Adelung zu geben versucht in der Geschichte der menschlichen Narrheit IV, S. 400 ff.; vgl. auch G. Arnold, Kirchen- und Ketzerhistorie, Thl. III, 5, S. 55 (Ausg. von 1700); Starcken’s Lübeck’sche Kirchenhistorie, S. 790; Bertram von Lüneburg S. 216 ff.; Hagenbach, K.-G. Bd. V, S. 345, und in Herzog’s th. R.E. IV, S. 348; G. Frank, Gesch. der protest. Theol. I, 357.

[278] **) Zu Band VI S. 612.