ADB:Froberger, Johann Jakob

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Froberger, Johann Jakob“ von Philipp Spitta in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 8 (1878), S. 128–129, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Froberger,_Johann_Jakob&oldid=- (Version vom 24. Juli 2019, 09:12 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Froben, Johann
Band 8 (1878), S. 128–129 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Johann Jakob Froberger in der Wikipedia
GND-Nummer 118536249
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|8|128|129|Froberger, Johann Jakob|Philipp Spitta|ADB:Froberger, Johann Jakob}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118536249}}    

Froberger: Johann Jakob F., gilt als der Sohn eines Cantors zu Halle, an welchem Orte er um den Anfang des 17. Jahrhunderts geboren sein könnte. Spätestens 1630 kam er an den kaiserlichen Hof nach Wien, wo er 1637 als Hoforganist angestellt wurde; bald aber ging er auf kaiserliche Kosten nach Rom, um unter Leitung Girolamo Frescobaldis sich in der Tonkunst weiter zu vervollkommnen. In Rom ließ er sich überreden, zur katholischen Religion überzutreten, kehrte nach einigen Jahren zurück nach Wien in seine frühere Stellung und hatte diese von 1641–45, dann wieder von 1653–57 inne. Wo er in der Zwischenzeit weilte, weiß man nicht genau, jedenfalls war er viel auf Reisen und nicht nur innerhalb Deutschlands. Er besuchte Frankreich und begab sich endlich nach England. Auf der Reise dorthin erging es ihm übel: er wurde zwei Mal von Räubern überfallen und vollständig ausgeplündert. In London, wohin er sich durchbettelte, soll er zuerst als Bälgetreter sein Brod verdient haben, bis ein Zufall seine wahre Persönlichkeit an den Tag brachte. Zurückgekehrt nach Wien, fiel er aus einem bisher nicht festgestellten Grunde in Ungnade und wurde 1657 entlassen. Bei der verwittweten Herzogin Sibylla von Würtemberg, welche in Hericourt bei Mömpelgard residirte, fand der vereinsamte Künstler ein Asyl und endete dort 1667 sein unruhiges, an Abenteuern reiches Leben. Zweifelsohne gehört F. unter die vorzüglichsten Clavierspieler und -Componisten. Seine Zeitgenossen bewunderten ihn, aber auch spätere Generationen und sogar Seb. Bach hielten seine Künstlerschaft hoch in Ehren. Daß er der Schule der niederländischen Clavier- und Orgelspieler vieles verdankt, kann als sicher gelten, da diese damals ihren Einfluß über ganz Norddeutschland bis nach Mitteldeutschland hinein verbreitete und einer der bedeutendsten Schüler Sweelinck’s, Samuel Scheidt, während Froberger’s Jugend in Halle Organist war. Auch der Italiener Frescobaldi, zu welchem F. sich von Wien aus begab, war durch die Schule der flandrischen Organisten gegangen. Kenner aus dem 18. Jahrhundert stellten ihn darin mit Lully und Carissimi gleich, daß er durch Vereinigung verschiedener Stilarten einen neuen Stil gebildet, indem er die natürliche Klarheit der Italiener mit der Grazie der Franzosen und dem harmonienreichen Tiefsinn der Deutschen vereinigt habe. Was F. in den Gattungen der Toccate, Variation und der veredelten Tanzmusik – Formen, welche damals den Hauptbestand der Claviermusik ausmachten – geschaffen hat, übertrifft in der That die gleichartigen Werke eines Sweelinck, Cornet, Scheidt, Frescobaldi sowol an Geschmeidigkeit in der Satztechnik, als auch hinsichtlich des Gedankenreichthums. Auch dürfte er die Grundlagen der bald so beliebt gewordenen Suitenform wenn nicht zuerst gelegt, so doch zuerst befestigt haben. Ob aber nicht der Schwerpunkt seiner Künstlerschaft mehr noch in der Thätigkeit als Spieler, denn als Componist gelegen hat, steht dahin. Die niederländische Schule hatte im allgemeinen den Zug zum Virtuosenthum, und jedenfalls hat F. nicht sehr viel dazu gethan, grade als Componist bekannt zu werden. Während seiner Lebenszeit ist, so viel man weiß, fast nichts seiner [129] Werke veröffentlicht; erst im J. 1693 erschien zu Mainz die erste Sammlung derselben unter dem Titel: „Diverse ingegnosissime, rarissime e non mai più viste curiose Partite di Toccate, Canzone, Ricercate, Allemande, Correnti, Sarrabande e Gigue“ etc. F. selbst widmete den Kaisern Ferdinand III. und Leopold I. in den J. 1649, 1656 und später verschiedene handschriftliche Sammlungen seiner Claviercompositionen, welche noch jetzt sich in der Wiener Hofbibliothek befinden; auch soll er dem Kurfürsten Johann Georg II. von Sachsen bei einem Besuche in Dresden einen sauber geschriebenen Band mit Toccaten, Capriccios, Ricercaten und Suiten selbst überreicht haben. Uebrigens sah er es nicht einmal gern, wenn seine Compositionen sich abschriftlich verbreiteten, da er die Erfahrung gemacht hatte, daß gewissenlose Musiker sie für ihre eigenen ausgaben, aber sie doch nicht vorzutragen wußten, sondern nur entstellten und verdarben. Mit einer gewissen Vorliebe bestrebte sich F. in seinen Compositionen, bestimmte Ereignisse oder durch bestimmte Verhältnisse bewirkte Seelenzustände und Empfindungen zu schildern. Da eine Verdeutlichung solcher Verhältnisse durch die Mittel der reinen Musik unmöglich ist, so suchte er durch Ueberschriften bei den Hörern diejenigen Vorstellungen zu erwecken, in deren Bereiche die dargestellten Empfindungen wirksam werden sollten. Auch hierin fand er viele Nachfolger, bis in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit dem vertieften Verständniß des eigentlichen Wesens der Instrumentalmusik dergleichen Stilwidrigkeiten verschwanden. Eine sichere Würdigung dieses Künstlers wird erst dann möglich sein, wenn die Specialforschung über sein Leben und Schaffen, sowie über den Stand der deutschen Claviermusik in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts helleres Licht verbreitet hat.

Vgl. Schebek, Zwei Briefe über Johann Jacob Froberger, Prag 1874. Verlag des Verfassers. – Nottebohm, Etwas über Johann Jacob Froberger (Musikalisches Wochenblatt, Leipzig 1874, Nr. 32. S. 388 f.).[1]

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 129. Z. 27 v. o.: Vgl. ferner: Franz Beier, Ueber Joh. Jac. Froberger’s Leben u. Bedeutung für die Geschichte der Klaviersuiten. (Samml. musik. Vorträge, hrsg. von Paul Grf. Waldersee. Nr. 59, 60. Leipz. 1884.) [Bd. 21, S. 795]