ADB:Günther, Christian

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Artikel „Günther, Johann Christian“ von Gustav Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 170–173, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:G%C3%BCnther,_Christian&oldid=- (Version vom 6. Dezember 2019, 08:46 Uhr UTC)
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Band 10 (1879), S. 170–173 (Quelle).
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Günther: Johann Christian G., geboren den 8. April 1695 zu Striegau in Schlesien. Sein Vater, ein praktischer Arzt, lebte in dürftigen Vermögensverhältnissen und vermochte seinem lernbegierigen Sohne die Mittel [171] zu einer höheren geistigen Ausbildung nicht zu gewähren, bis sich ein Dr. Thiem des Knaben annahm und seine Aufnahme in das Gymnasium zu Schweidnitz veranlaßte (Anfang 1709). Durch die Unterstützung freundlicher Gönner, wie durch reichliche Spenden für Gelegenheitsgedichte, durch welche sich G. in kurzer Zeit einen gewissen Ruf erworben hatte, war seine Existenz während seiner sechsjährigen Gymnasialzeit gesichert, poetisch verklärt durch eine innige Schülerliebe, deren Lenz in seinem Herzen in liederreicher Pracht aufgeblüht war. Mit frischem Jugendmuth, mit der überschwänglichen Hoffnung auf eine ruhmvolle und glückliche Zukunft bezog er, 20 Jahr alt, die Universität Wittenberg (September 1715). Anfangs bemüht, sich dem Studium der Medicin, das er nach dem Willen des strengen, pedantischen Vaters, aber ohne den Enthusiasmus innerer Neigung gewählt hatte, mit Ernst zu widmen, mangelte ihm jedoch bald die sittliche Kraft und die Ausdauer zu einer geregelten Thätigkeit. Die mühelose, durch leicht hingeworfene poetische Productionen gewonnene Existenz seines Schweidnitzer Aufenthalts, die durch überreich gespendetes Lob genährte Selbstüberschätzung, die wie so oft bei phantasievollen Naturen, so auch bei ihm vorherrschende Genußsucht, endlich die in dem Charakter seiner Zeit begründete, leichtsinnige Lebensauffassung, hatten in ihm den Entschluß reifen lassen, in genialer Unabhängigkeit und frei von jeder beengenden Fessel eines materiellen Brotstudiums seiner Kunst allein zu leben. Da trifft sein Herz der erste erschütternde Schlag. Seine Leonore ist ihm untreu geworden; sie ist bereits das Weib eines Andern! Mit der Leidenschaftlichkeit seiner von wildem Schmerz ergriffenen Natur stürzt er sich sinnlos in die wüsten Ausschweifungen des studentischen Lebens; noch ist die Poesie ihm ein milder, freundlicher Genius, der tröstend und beruhigend die Hand auf die heiße Stirn des Verzweifelnden legt, und dann weint er wie ein Kind Thränen der bittersten Reue. Noch hat er die sittliche Kraft, nachdem ihn seine Landsleute aus der Schuldhaft befreit, sich aufzuraffen, um in Leipzig, wohin er im Juni 1717 übergesiedelt war, und wo einflußreiche Gönner, vor allem der edle Professor Burkhard Menke sich des talentvollen Jünglings annahmen, in neuerwachender Hoffnung ein neues Leben zu beginnen. Durch eine umfangreiche Dichtung auf den zwischen Oesterreich und der Türkei eben geschlossenen Frieden zu Passarowitz (1718) hoffte er sich neue Gönner, vielleicht eine dauernde Lebensstellung zu gewinnen. Allein diese Hoffnung erfüllte sich nicht, und bald ergreift ihn von neuem der Strudel roher Genußsucht mit unwiderstehlicher Gewalt, immer tiefer versinkt der unglückliche Dichter in ihrem Schlamm, immer schwächer wird die Stütze seiner moralischen Kraft. Hatte der strenge Vater ihm schon das erste Mal nur nach den inständigsten Bitten die Hand der Versöhnung, freilich ohne ein Herz voll Liebe, gereicht, so verstieß er den wieder gefallenen Sohn jetzt, nachdem er selbst durch einen verheerenden Brand völlig verarmt war, für immer; sein Fluch traf den von Ausbrüchen schmerzlicher Reue Gefolterten wie ein Donnerschlag. Unterdessen hatte Professor Menke ihn dem Hofe zu Dresden empfohlen, wo viel unbedeutendere Talente zu Ehre und Ansehen gekommen waren. Doch auch hier verfolgte ihn ein unseliges Geschick. In der entscheidenden Audienz erschien G. (wie man sagt, auf Veranstaltung des neidischen Hofpoeten König) betrunken vor dem Fürsten und wurde in Ungnade entlassen. Am 2. September 1719 verließ er Dresden. Da taucht noch einmal ein freundlicher Stern an dem umnachteten Himmel seines Daseins auf; noch einmal ergreift ihn die süße Gewohnheit des Lebens mit aller Jugendlust: die Geliebte seiner Schülerjahre Leonore ist Wittwe geworden; die alte Liebe zu ihr kehrt in sein verödetes Herz zurück; zu ihr wendet er seine Schritte. Ueber Striegau, wo er vergebens die Versöhnung mit dem Vater zu erflehen suchte, geht er nach Borau und verlebt [172] glückliche Tage mit ihr. Darauf zieht er nach Breslau, wo theilnehmende und vornehme Gönner (v. Löwenstädt, v. Breßler u. A.) sich thätig seiner annehmen. Allein unfähig seine Neigung zum Trunk wie zu sarkastischen Ausfällen zu beherrschen, zerstörte er selbst die wohlwollendsten Absichten, und so bieten die letzten Jahre dieses tragischen Dichterlebens ein unsäglich trauriges Bild. Ruhelos und rastlos zieht er von Ort zu Ort, umringt von Hunger und Elend, zu dem sich in Lauban noch eine schwere Krankheit gesellt (März 1720). Wie durch ein Wunder dem Tode entronnen, rafft er sich nun zu dem Entschluß auf, sich in Creuzburg als Arzt niederzulassen; ja er will sogar nach der Verlobung mit einer Tochter des Pastors Domoratius einen eignen Herd gründen, zuvor aber um jeden Preis die Verzeihung des Vaters gewinnen. Doch auch diese letzte Hoffnung auf eine Wendung seines Jammergeschicks zerrinnt: der hartherzige Vater stößt den reuig heimkehrenden Sohn von der Schwelle seines Hauses mitleidlos hinaus in Noth und Verzweiflung. Damit war Günther’s tragisches Schicksal besiegelt. Zu seiner Braut wagt er nicht mehr zurückzukehren und so irrt er, die Ausbrüche seines Schmerzes über ein verlorenes Leben in niedrigen Ausschweifungen betäubend, ohne Plan und Ziel durch Schlesien bis nach Sachsen, den Tod in der Brust. Er fühlt, daß es mit ihm zu Ende geht; aber er will ohne Groll von hinnen scheiden, und so ruft er Allen, die ihm einst nahe gestanden, oder die ihm Wohlthaten erwiesen, in seinen „letzten Gedanken“ ein ergreifendes Abschiedswort zu, auch ihr, die er einst so heiß geliebt:

„Komm, Du Liebste meines Herzens, schau, es geht zur letzten Ruh;
Komm und drücke, schöne Seele, mir nur noch die Augen zu.“

Am 15. März 1723 erlag er zu Jena seinem Elend im Alter von 28 Jahren. – Wenn wir bei der Beurtheilung Günther’s litterarischer Bedeutung erwägen, daß wir es nur mit Jugendwerken zu thun haben, da

 „Glück und Zeit nicht wollte,
Daß seine Dichterkunst zur Reife kommen sollte,“

so sind wir wol zu der Annahme berechtigt, daß sein verfehltes Leben wie sein frühzeitiger Tod ein poetisches Talent nicht zur vollen Geltung habe gelangen lassen, das, mit der Klarheit, Ruhe und Gedankentiefe des Mannes ausgestattet, die reifsten und gediegensten Früchte gezeitigt hätte. Ueberragt er doch an wahrhaft dichterischer Begabung derartig seine poetisirenden Zeitgenossen, daß trotz aller Geschmacks- und Formlosigkeit, in der er den Sohn seiner Zeit verräth, ein nicht geringer Theil seiner Dichtungen geradezu vortrefflich genannt werden muß. An Wahrheit des Gefühls, an Reichthum und Tiefe der Gedanken, die sich überall auf dem Gebiet des echt Menschlichen bewegen, an Kindlichkeit der Naturbetrachtung reicht er an Paul Flemming und Friedrich v. Logau, die besten Dichter des 17. Jahrhunderts, hinan; an Leichtigkeit, Gewandtheit und Zierlichkeit der Darstellung, an Witz, Phantasie und melodischem Fluß des Versbaues übertrifft er sie bei weitem. Schon die Hinweisung auf seine Auffassung von dem Wesen der Poesie, auf seine Ueberzeugung von ihrer Hoheit und Würde dürfte allein hinreichen, um Günther’s Stellung und Bedeutung in der Litteratur zu kennzeichnen. Während sie selbst noch für Gottsched nichts mehr als eine erlernbare Fertigkeit ist, und der bessere Dichter sich lediglich durch die größere Geschicklichkeit in der Handhabung „sinnreicher Beiwörter“, erlernter Phrasen und Bilder offenbart, ist sie für G. eine unmittelbare, göttliche Gabe, die in geweihten Stunden als reine Opferflamme seiner Dankbarkeit wiederum gen Himmel steigt; sie ist die vertraute Freundin, der er mit der Seligkeit und Schüchternheit des Jünglings das Geheimniß seiner ersten Liebe verräth; sie ist sein Trost im Unglück und nach den Stürmen jugendlicher Verirrungen eine Quelle des Friedens und stiller Einkehr. Ja selbst als er später, umringt [173] von Noth und Entbehrung, sich auch an ihrer Würde versündigte und die hohe Himmelstochter zur niedern Magd herabwürdigte, die ihm in gewohnheitsmäßigen Gelegenheitsreimereien das tägliche Brot verdienen mußte: da empört sich noch manchmal sein besseres, poetisches Gefühl gegen diese Entweihung und mitten in bezahlten Hochzeitsgedichten macht sein Ingrimm sich in bittern sarkastischen Ausfällen Luft. So viel also hatte die Natur für G. gethan; und daß er die Erwartungen, die man nach seiner reichen Begabung von ihm zu hegen wol berechtigt war, nicht erfüllte, das war ein schwerer Verlust für die Entwickelung unserer Litteratur; aber dennoch verdient er mehr unser Mitleid als unser Verdammungsurtheil; denn die Ungunst äußerer Umstände haben mehr als eigene Schuld ihn in seiner Blüthe zerstört, so daß „sein Leben wie sein Dichten zerrann“.

Sammlung von Joh. Christian Günther’s aus Schlesien bis anhero herausgegebne Gedichten etc., 5. Aufl., Breßlau und Leipzig 1751. Ueber sein Leben vergl. Joh. Christian Günther’s, des berühmten schlesischen Dichters, Leben und Schriften, gedruckt in Schlesien 1738 (der Verfasser ist Dr. Steinbach, cf. meine Abhandlung: Joh. Chr. Günther’s Biograph Dr. Steinbach von Breslau und die Gottschedianer, Programm des Gymn. zu Maria Magdal. in Breslau 1872). J. Chr. Günther’s curieuse u. merkwürdige Lebens- und Reisebeschreibung, Welche er selbst mit poetischer Feder entworfen etc., Schweidnitz u. Leipzig 1732. Joh. Christian Günther, ein litterar-historischer Versuch von Dr. Heinrich Hoffmann (von Fallersleben), Breslau 1832. Leben und Dichten Joh. Chr. Günther’s von Otto Roquette, Stuttgart 1860. Gedichte von Joh. Christ. Günther, herausgeg. v. Julius Tittmann, Leipzig 1874.