ADB:Günther, Gustav Biedermann

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Artikel „Günther, Gustav Biedermann“ von Ernst Gurlt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 169–170, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:G%C3%BCnther,_Gustav_Biedermann&oldid=- (Version vom 20. September 2019, 06:19 Uhr UTC)
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Günther: Gustav Biedermann G., Chirurg, Geh. Medicinalrath, Professor der Chirurgie und Director der chirurgischen Klinik, Oberwundarzt des Jacobshospitals zu Leipzig, war am 22. Febr. 1801 zu Schandau geboren, war von 1813–1818 Schüler in Pforta und studirte von da ab auf der Universität zu Leipzig Medicin. Eine während dieser Zeit vom Juni 1819 bis October 1820 zusammen mit dem Ornithologen F. A. L. Thienemann nach Norwegen und Island unternommene Reise hielt ihn 1½ Jahr von der Heimath fern. An dem unter Beider Namen herausgegebenen Werke „Reisen im Norden Europa’s etc.“, 1824–1827 hat jedoch G. keinen Antheil. – Am 9. Novbr. 1824, nach Beendigung seiner Studien, promovirte G. in Leipzig mit der Inauguraldissertation „Analecta anatomica fungi medullaris“ und wurde ein Jahr später, 1825, Assistent an der unter Fricke’s Leitung in hoher Blüthe stehenden chirurgischen Abtheilung des Allgemeinen Krankenhauses zu Hamburg. Das dortige reiche Material und die von Fricke eingeführte Behandlung der Syphilis ohne Quecksilber, gab ihm Veranlassung darüber Etwas (Gräfe’s und Walther’s Journal der Chirurgie Bd. 9. 1826) bekannt zu machen und die Schrift von Desruelles „Ueber die Behandlung ohne Quecksilber bei venerischen etc. Krankheiten, mit Vorrede von Fricke“, Hamburg 1829, in deutscher Uebersetzung herauszugeben. Nachdem G. die Assistentenstelle 1829 aufgegeben, ließ er sich in Hamburg als praktischer Arzt nieder und errichtete daselbst 1831 ein des besten Rufes sich erfreuendes orthopädisches Privatinstitut. Er kam jedoch nach und nach zu der Ueberzeugung, daß die Orthopädie bei Weitem nicht Das zu leisten vermöge, was die Laien von ihr erwarten, er gab deshalb seine Anstalt nach längerem Bestehen wieder auf und legte seine Erfahrungen in der 1839 erschienenen Abhandlung „Bemerkungen über die Verkrümmungen des Rückgrats und besonders über die Mittel denselben vorzubeugen. Als Resultat einer mehr als 10jährigen Erfahrung“ nieder. In Hamburg begann G. sich auch bereits derjenigen Richtung zu widmen, der er sein ganzes übriges Leben treu geblieben ist, nämlich die Chirurgie auf genaue anatomische Untersuchungen und Studien zu basiren. Indem er einen sehr guten Zeichner in der Person des Malers Julius Milde bei der Hand hatte, gab er in Gemeinschaft mit demselben eine „Chirurgische Anatomie in Abbildungen“ heraus, von der jedoch nur die beiden Abtheilungen „Knochenlehre“ und „Muskellehre“ 1838 bis 1840 erschienen sind. – Inzwischen war G. bereits am 8. August 1837 zum Professor der Chirurgie in Kiel und zum Director der chirurgischen Klinik am dortigen Friedrichshospital berufen worden. Er blieb in Kiel bis zum October 1841, um einem an ihn von Leipzig ergangenen Rufe zu folgen und leitete daselbst die chirurgische Klinik im Jacobshospital fast volle 25 Jahre, bis zu seinem wenige Wochen vor Ablauf dieser Zeit erfolgten Tode. – In der Richtung der Anatomia applicata, die er in Hamburg begonnen, weiter arbeitend, gab er 1841 eine werthvolle Monographie über das Handgelenk („Das Handgelenk in mechanischer, anatomischer und chirurgischer Beziehung. Mit Zeichnungen von Julius Milde“) heraus, 1843–44 eine „Operationslehre am Leichnam für Studirende etc.“ mit Abbildungen. Die um dieselbe Zeit erschienene kleine Schrift „Die Verrenkung des ersten Daumengliedes nach der Rückenseite“, 1844. 4. ist in derselben opulenten Weise, wie Günther’s frühere chirurgisch-anatomische Schriften mit Abbildungen ausgestattet. – Als Vorläufer des großen Werkes, das G. in den letzten 15 Jahren seines Lebens beschäftigte und bei seinem Tode noch nicht ganz vollendet war, erschien 1851 eine Abhandlung „Der hohe Steinschnitt seit seinem Ursprunge bis zu seiner jetzigen Ausbildung“, die ganz in derselben Weise gehalten ist, wie das gleich anzuführende große Werk, das sich namentlich die möglichst vollständige Sammlung aller [170] bekannten Thatsachen zur Aufgabe gemacht hat. Dieses letztere, die „Lehre von den blutigen Operationen am menschlichen Körper“ ist unter Mitwirkung mehrerer Schüler und Collegen Günther’s (Ritterich, Streubel, B. Schmidt, Berger, Coccius, Hennig), in 7 Abtheilungen von 1853–1866 erschienen und ist mit einer sehr großen Zahl von Abbildungen begleitet. Trotz des auf dieses Werk verwandten enormen Fleißes, stiftet es dennoch nicht denjenigen Nutzen, den man von ihm erwarten könnte, einmal weil die ausländische Litteratur meistentheils nicht nach den Originalquellen benutzt und deshalb nicht immer ganz zuverlässig ist, und dann, weil es im Ganzen zu wenig Kritik, bei dem Bestreben möglichst vollständig zu sein, ausübt, indem alle veralteten und unbrauchbaren Operationsmethoden ebenso gewissenhaft angeführt werden, wie die wirklich brauchbaren, ohne daß das Eine und Andere gehörig hervorgehoben und durch Gründe motivirt ist. An demselben Uebel krankt auch das einen Auszug aus dem großen darstellende, namentlich für den Gebrauch der Studirenden bestimmte kleinere Werk „Leitfaden zu den Operationen am menschlichen Körper“, 3 Thle. 1859–1865“. – Eine kleine für das Laienpublikum bestimmte Schrift „Ueber den Bau des menschlichen Fußes und dessen zweckmäßigste Bekleidung. Mit 65 Abbildungen im Text“, 1863, stellt sich die Aufgabe, richtige Ansichten über eine den Verhältnissen des Fußes nicht zuwiderlaufende Bekleidung desselben zu verbreiten und bildet u. A. auch eine große Zahl der im Laufe der Jahrhunderte in Gebrauch gewesenen Fußbekleidungen ab. – Wir wollen noch anführen, daß G. sich um den ärztlichen Stand durch Begründung einer Wittwen- und Waisenkasse für Aerzte, Wundärzte, Thierärzte und Apotheker in den königlich sächsischen und angrenzenden Ländern ein großes Verdienst erwarb. – Günther’s Tod erfolgte am 8. Septbr. 1866. – G. zeichnete sich durch Reinheit des Charakters, Biederkeit und Liebenswürdigkeit seines Wesens, bei großer Bescheidenheit, Pflichttreue und Humanität aus. Mit einem umfassenden Wissen verband er das Bestreben, immer Neues sich zu eigen zu machen, und erinnern wir uns noch sehr gut, auf denselben Bänken mit ihm gesessen zu haben, um von seinen Collegen (Oppolzer, Bock) aus den von ihnen vertretenen Fächern zu lernen. Dabei war er von einer unermüdlichen Thätigkeit und Gewissenhaftigkeit in seinem Lehramte; in der Klinik sowohl, als bei den von ihm mit Vorliebe geleiteten Operationscursen am Cadaver ließ er sich angelegen sein, seine Schüler zu denkenden Aerzten auszubilden. Allen Routiniers war er ein erklärter Feind. Auf seine Veranlassung wurden Seitens der Facultät 1854 die Zulassungsbedingungen für diejenigen Zuhörer, die sich nur zu niederen Chirurgen ausbilden wollten, verschärft; es wurde dadurch erreicht, daß diese Classe von Heilpersonal sich erheblich verminderte. Noch eines Verdienstes Günther’s um die Wundbehandlung wollen wir erwähnen. Er war ein großer Freund der Behandlung Verletzter und Operirter in frischer und freier Luft, indem er dieselben mit ihren Betten aus den zu ebener Erde gelegenen Krankensälen in einen Schuppen rollen ließ, in welchem sie zwar gegen die Witterung geschützt, aber sonst dem freien und ungehinderten Zutritt der Luft ausgesetzt waren. Diese sogenannte „Luftbude“ im alten Jacobshospital zu Leipzig, ist denn wol für viele Chirurgen Veranlassung gewesen, ihre Kriegsverwundeten unter ähnlichen Verhältnissen zu behandeln; namentlich im Kriege von 1866 ist von diesem Verfahren in großem Umfange Gebrauch gemacht worden.

Vgl. (Leipziger) Illustrirte Zeitung. 1866. 15. Decbr. Nr. 1224. S. 408.