ADB:Heinrich II. (Herzog von Schlesien)

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Artikel „Heinrich II. Herzog von Schlesien und Polen“ von Colmar Grünhagen in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 11 (1880), S. 604–606, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Heinrich_II._(Herzog_von_Schlesien)&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 13:02 Uhr UTC)
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Band 11 (1880), S. 604–606 (Quelle).
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Heinrich II. Herzog von Schlesien und Polen 1238–41 fällt im Kampfe gegen die Tataren bei Wahlstatt den 9. April 1241. Unbestritten folgt er seinem Vater Heinrich I. in der Herrschaft über dessen großes Landgebiet, das von den Nordgrenzen der Niederlausitz bis in den Osten des heutigen Galiziens sich erstreckte. Seine enge Verbindung mit dem Böhmenkönig Wenzel, dessen Schwester Anna seine Gemahlin war, befestigte noch seine Stellung. Und es schien ihm nicht an Kraft zu fehlen in die Fußtapfen seines Vaters zu treten; den Erzbischof von Magdeburg, der auf die Nachricht von Heinrichs I. Tode Schloß Lebus wieder einzunehmen versucht hatte, schlug er zurück, und auch dem Clerus gegenüber hielt er die Forderungen seines Vaters bezüglich der Zehntzahlungen energisch aufrecht, während er andererseits an Freigebigkeit gegen die Klöster, z. B. Heinrichau, Trebnitz, jenem nichts nachgab und auch, wie wir aus den Anführungen späterer Urkunden erfahren, neue Klostergründungen in Angriff nahm, die dann erst nach seinem plötzlichen Tode zur Ausführung gekommen sind, wie z. B. die Ansiedlung böhmischer Benediktiner in Grüssau und böhmischer Clarisserinnen auf dem herzoglichen Burgterritorium in Breslau, aber auf dem linken Oderufer, sowie die Fundirungen des großen Elisabethhospitals ebendaselbst, das den gleichfalls aus Prag berufenen Kreuzherren mit dem rothen Stern übergeben wurde, alles Stiftungen, bei denen der Einfluß seiner Gemahlin Anna, die ihrer Schwiegermutter Hedwig an Frömmigkeit kaum nachstand, sich schon darin deutlich zeugt, daß sie sämmtlich an deren böhmische Heimath anknüpfen. Heinrich hat dann einen frühen Tod gefunden in Folge der schrecklichen Heimsuchung, welche im J. 1241 der entsetzliche Tatareneinfall über die abendländische [605] Welt brachte. Unter der Regierung des Oktai, Sohnes des großen Ländereroberers Tschingis-Chan, führte sein Neffe Batu vom J. 1237 an ungezählte Schaaren von Mongolen durch das südliche Rußland gen Westen und hatte noch vor Ablauf des Jahres 1240 die Grenzen Ungarns erreicht, wo er dann einen Theil seines Heeres unter Peta (Baidar) zu einer Diversion gegen Polen entsendet, welcher Letztere am 13. Februar Sendomir erobert. Was den weiteren Zug dieses Heerhaufens bis zur Schlacht bei Wahlstatt anbetrifft, so muß der wunderliche Zickzacklauf, welchen unsere einzige gleichzeitige Quelle (die großpolnische Chronik, Boguphal resp. Godyslaw Pasko) demselben zuschreibt (Krakau, Oppeln, Sieradz, Lenczyc, Kujawien, wozu dann noch Breslau käme) die schwersten Bedenken erregen. Wenn nun der Schreiber dieser Zeilen in seinen schlesischen Regesten zur Lösung dieser Schwierigkeiten und gestützt auf die eine Dreitheilung des mongolischen Heeres konstatirende Angabe eines Briefes Kaiser Friedrichs II. vom 5. Juli 1241 angenommen hatte, es sei vielleicht schon von Sendomir aus der größere Theil des Peta’schen Heeres durch die Gebiete von Sieradz und Lenczyc nach Kujawien vorgedrungen und dann durch Großpolen nach Schlesien und gegen Liegnitz marschirt, während ein anderer Heerhaufe über Krakau gegen die Oder vorgedrungen und bei Oppeln sich den Uebergang über den Fluß zum Zuge nach Böhmen erkämpft haben, so ist dem neuerdings Wolff in seiner Geschichte der Mongolen S. 164 ff. sehr bestimmt entgegengetreten, ohne jedoch die Widersprüche zu lösen, die um so größer werden, wenn man mit der neueren Ausgabe der großpolnischen Chronik (in Bielowski, mon. Polon. II) aus den besseren Handschriften dicta pars exercitus statt decima pars liest. Aus einem Briefe des Böhmenkönigs Wenzel erfahren wir dann, daß Herzog H. II. in Liegnitz von den Mongolen eingeschlossen und belagert worden sei und historisch fest steht, daß er am 9. April 1241 in offener Feldschlacht bei Wahlstatt südöstlich von Liegnitz jenseits der Katzbach gegen die an Zahl weit überlegenen Mongolen den Sieg und das Leben verloren hat. Was Heinrich bewogen hat die schützenden Mauern von Liegnitz zu verlassen und angesichts des Feindes mit seinem Heere die von Liegnitz 1¼ Meilen entfernten Anhöhen von Wahlstatt zu gewinnen, darüber ist es schwer auch nur eine Vermuthung zu äußern. Es läge ja nahe anzunehmen, daß er auf die Vereinigung mit seinem Schwager, dem Böhmenkönig, der ein größeres Heer zusammengebracht, gehofft habe und dieser Letztere erklärt in einem Briefe, er sei zur Zeit der Schlacht seinem Schwager so nahe gewesen, daß er am folgenden Tage demselben mit seinem ganzen Heere hätte zu Hülfe kommen können; aber wenn es anders richtig ist, daß Wenzel erst am 7. April von Prag ausgezogen ist, erscheint jene Angabe kaum wahrscheinlich, und andererseits konnte H. das böhmische Heer doch schwerlich auf der Seite nach Wahlstatt hin erwarten und ebensowenig den Angriffen des nahen Feindes noch etwa eine Zeit lang ausweichen zu können hoffen. Neben dem Herzoge haben unter vielen Anderen sein Vetter, der mährische Prinz Boleslaw, und der Vogt von Löwenberg Thomas hier ihren Tod gefunden. Die Zahlenverhältnisse der Heere werden zu widersprechend überliefert um konstatirt werden zu können und Einzelheiten der Schlacht dem romantischen Schauergemälde zu entlehnen, welches der am Ende des XV. Jahrh. schreibende polnische Chronist Dlugosz entwirft, wird man Anstand nehmen müssen, wenn man bei verschiedenen Gelegenheiten beobachtet hat, mit wie großer Phantasie und wie geringer Gewissenhaftigkeit dieser Chronist Schilderungen aus entlegensten Zeiten auszustaffiren unternimmt. Den Leichnam des gefallenen Herzogs, dem die Mongolen das Haupt abgeschlagen hatten um es auf einen Spieß gesteckt im Triumph umherzutragen, erkannte man, wie es heißt, daran, daß er an einem Fuße eine sechste Zehe hatte. Derselbe ward in der von ihm resp. seiner Gemahlin gegründeten [606] Minoritenkirche zu St. Jakob (jetzt St. Vincenz) in Breslau beigesetzt, wo sich nachmals ein stattliches Denkmal über seinem Grabe erhob. Heinrich hat den Heldentod gefunden als Streiter für die gesammte europäische Civilisation, welcher die wilden asiatischen Horden den Untergang drohten. Es ist eine Thatsache daß die Mongolen trotz ihres Sieges von Wahlstatt aus umgekehrt sind, und es wird uns viel leichter anzunehmen, daß der tapfere Widerstand, den hier das Häuflein der Deutschen ihnen entgegengesetzt, sie stutzig gemacht habe, als daß, wie König Wenzel in seinen Briefen ruhmredig uns glauben machen will, die Furcht vor diesem und seinem stärkeren Heere sie geschreckt habe. Für dessen Eifer sich im Kampfe mit den Eindringlingen zu messen spricht es wenig, wenn wir ihn Mitte April bis in die Niederlausitz zurückgewichen und während die Mongolen sein Land Mähren verwüsteten, sich unthätig auf dem Königstein bergen sehn. Für den Fortgang der Germanisation nach Osten hin war der frühe Tod des hoffnungsvollen Fürsten, der zunächst das Ende der deutschen Herrschaft über Kleinpolen bezeichnete, ein schwerer Schlag; in Schlesien hat sich auf der tabula rasa, welche die Mongolen zurückließen, die deutsche Colonisation um so ungehinderter entwickeln können.

Zusammenstellung des chronikalischen und urkundlichen Quellenmaterials in Grünhagens Regesten zur schles. Gesch. Cod. dipl. Siles. VII. Abbildung und Beschreibung seines Grabdenkmals in Luchs, schles. Fürstenbilder, Bogen 9.