ADB:Hedwig (Herzogin von Schlesien-Breslau)

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Artikel „Hedwig, die Heilige, Herzogin von Schlesien“ von Colmar Grünhagen in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 11 (1880), S. 229–230, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hedwig_(Herzogin_von_Schlesien-Breslau)&oldid=2492515 (Version vom 14. Dezember 2018, 05:57 Uhr UTC)
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Hedwig, die Heilige, Herzogin von Schlesien, Gemahlin Heinrichs I., stirbt den 13. oder 14. October 1243. Eine Tochter des in Franken reich begüterten Grafen Berthold von Andechs, der den Titel eines Herzogs von Dalmatien (Meran) führte, erzogen in dem fränkischen Benedictinerinnenkloster Kitzingen, wird sie wahrscheinlich bereits in sehr früher Jugend dem mächtigen schlesischen Herzog Heinrich dem Bärtigen vermählt. Sie bringt demselben einen Brautschatz von angeblich 30000 Mark zu, opfert diese Summe aber zum Bau des Klosters Trebnitz, eines unweit ihrer Hauptresidenz Breslau gelegenen Nonnenklosters, wohin sie aus ihrer fränkischen Heimath Cistercienserinnen berief. Bezüglich ihres ehelichen Lebens rühmt ihre Heiligenlegende ihr nach, daß sie und ihr Gemahl in die Hand des Breslauer Bischofs vollständige Enthaltsamkeit gelobt und dann diesem Gelübde getreu noch ungefähr 30 Jahre gelebt hätten, doch hatte H. vorher ihrem Gemahl sieben Kinder geboren. H. lebte dann auch vorzugsweise in dem Kloster Trebnitz, resp. auf ihrem nahegelegenen Gute Schawoine Werken ascetischer Frömmigkeit und barmherziger Nächstenliebe, nur zeitweise ihrer Zurückgezogenheit sich entreißend, wenn Schicksale, die ihren Gemahl oder ihr Haus trafen, ihre Mitwirkung heischten. So pflegte sie ihren Gatten nach dessen Verwundung bei Gonsawa, und als dieser 1229 in die Gefangenschaft Konrads von Masowien gerieth, begab sie sich selbst nach Plock zu Herzog Konrad und vermittelte dort einen Frieden, der ihrem Gemahl die Freiheit wiedergab, und welchen die Vermählung zweier ihrer Enkelinnen mit Söhnen Konrads besiegelte. In ihrer Familie hatte sie viel Leid zu erdulden; eine ihrer Schwestern, Agnes, Gemahlin Philipp Augusts von Frankreich, stirbt verstoßen im Elend, eine andere, Gertrud, Königin von Ungarn, stirbt eines unnatürlichen Todes, der Verlobte ihrer Tochter Gertrud, Otto von Wittelsbach, befleckt sich mit dem Morde des Königs Philipp von Schwaben, unter Mitschuld zweier ihrer Brüder, ihr Gemahl und ihre vier Söhne sind vor ihr ins Grab gesunken, und zwar starben die beiden Erwachsenen Konrad und Heinrich eines gewaltsamen Todes; Konrad fand, nachdem er einen verhaßten Bruderkrieg entzündet, auf der Jagd seinen Tod, und Heinrich fiel am 9. April 1242 im Kampfe gegen die Mongolen. Der Schmerz über diesen Verlust gesellte sich zu dem, welchen ihr die grausame Zerstörung der zahlreichen Kirchen und milden Stiftungen, die ihre Frömmigkeit ins Leben gerufen, erregen mußte. Als Herzogin H. 1243 starb, wird sie im Kloster zu Trebnitz ihrem Wunsche gemäß in einer Seitencapelle beigesetzt, und 23 Jahre später (1266) bewegt die Kunde [230] von allerlei Wundern, die an ihrem Grabe geschehen, Papst Clemens IV. die Herzogin H. unter die Heiligen der Kirche aufzunehmen, wo dann auch die Translation der Gebeine unter feierlichem Gepränge und in der Gegenwart des Böhmenkönigs Ottokar, schlesischer Fürsten und zahlreicher geistlicher Würdenträger erfolgte (1268). Noch ist uns eine Statue erhalten, welche aus dieser Zeit zu stammen scheint, während über dem Grabe der Heiligen sich ein 1680 gefertigtes prachtvolles Denkmal von schwarzem Marmor erhebt. Wenn wir erwägen, daß die zahlreichen Kirchen und frommen Stiftungen, welche sich auf die Herzogin H. zurückführen lassen, für jene Zeit als wirklich culturfördernd angesehen werden müssen, und daß ferner die von H. hergerufenen Ordensleute zugleich auch besonders deutsche Cultur verbreiteten, wenn wir ferner in Betracht ziehen, wie mächtig in jener Zeit ein vom Throne aus gegebenes Beispiel selbstverleugnender Nächstenliebe und Frömmigkeit auf die Gemüther des Volkes wirken mußte, so werden wir die allgemeine Verehrung, die H. sich erwarb, als gerechtfertigt anerkennen müssen, wenn gleich manche Züge ascetischer Frömmigkeit, welche die Legende von ihr überliefert, in ihrer Uebertreibung uns wenig anmuthend erscheinen. Wir werden dabei außer dem Unterschiede der Zeiten auch das noch in Erinnerung behalten müssen, daß wir doch nicht sicher sind, ob die Legende, wenn gleich schon etwa um den Ausgang des 13. Jahrhunderts entstanden, immer mit ganz getreuem Pinsel malt. Wenigstens stimmt das Bild, welches uns die Legende von der Fürstin entwirft, die ihren durch die ärgsten Kasteiungen zum Skelette abgemagerten Körper mit dem gröbsten härenen Gewande bedeckt und die ihr von ihrem Beichtvater aufgedrungenen Schuhe aus Demuth nur unter dem Arme trägt, nicht überein, weder mit der erwähnten ursprünglichen Statue ihres Grabmals, welche eine Gestalt in reicher Fülle mit kostbarer Gewandung und in vollem herzoglichen Schmuck zeigt, noch mit dem Siegel, welches die Herzogin zu verschiedenen Zeiten und noch ein Jahr vor ihrem Tode zur Anwendung gebracht hat, und welches die üppige Tracht einer Modedame jener Zeit zur Anschauung bringt, ein eng anschließendes Gewand mit Aermeln, die an den Knöcheln plötzlich sich so erweitern, daß sie fast bis auf den Boden herabfallen.

S. die alte vita S. Hedwigis in Stenzel’s Ss. rer. Siles. II., zu welcher Bilder, die etwa dem 14. Jahrhundert angehören, Ritter v. Wolfskron aus einem Codex im Kloster Schlackenwerth herausgegeben hat. Eine deutsche Bearbeitung dieser Legende edirte als einen der ältesten schlesischen Drucke 1504 Conrad Baumgart zu Breslau. Eine kritische Zusammenstellung des Quellenmaterials, auch des urkundlichen, findet sich in Grünhagen’s Regesten zur schlesischen Geschichte (bis 1238 in zweiter umgearbeiteter Auflage). Von neueren Bearbeitungen trägt Knoblich’s Lebensgeschichte d. h. Hedwig (Breslau 1860) mehr den Charakter einer kirchlichen Erbauungsschrift als einer kritischen historischen Monographie, dagegen verdient Luchs’ Biographie in seinen schlesischen Fürstenbildern, Bogen 8, angeführt zu werden, vornehmlich um der sorgfältigen Ermittelungen willen, die sie durch Abbildungen illustrirt über das Grab der Herzogin u. die versch. Hedwigsstatuen bietet.