ADB:Heinsius, Nicolaus

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Artikel „Heinsius, Nicolaus“ von Nicht angegeben in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 11 (1880), S. 656–660, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Heinsius,_Nicolaus&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 08:23 Uhr UTC)
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Heinsius: Nicolaus H., Kritiker und Staatsmann, einziger Sohn des Daniel H., am 29. Juli 1620 zu Leiden geboren. Er erhielt im väterlichen Hause eine so tüchtige gelehrte Erziehung, daß er schon als ein Jüngling von siebenzehn Jahren mit J. Fr. Gronov und anderen Gelehrten in literarischen Verkehr trat. Selbst mit einer glücklichen poetischen Anlage begabt, fühlte er sich besonders von den lateinischen Dichtern angezogen, bei deren Studium er bald die Unzulänglichkeit der bisherigen Texte erkannte und zur Einsicht kam, daß eine gründliche Verbesserung derselben ohne bessere handschriftliche Mittel unmöglich sei. Durch diese Erkenntniß ist er der sospitator poetarum latinorum geworden, als welcher er mit Recht gepriesen wird. So unternahm er schon im J. 1642 eine Reise nach England, mit dem Hauptzweck Handschriften des Ovidius zu vergleichen. Doch war sein Aufenthalt in England nicht von langer Dauer, weil er in den Bibliotheken nicht das erwartete Entgegenkommen für Benützung von Handschriften gefunden hatte. Gesundheitsrücksichten führten ihn zunächst nach den Bädern von Spaa, von wo aus er die reichen Städte von Brabant besuchte und in ihren Bibliotheken sich tüchtig umsah. Als der Zustand seiner Gesundheit es erlaubte, nahm er im J. 1645 seine großen Reisepläne wieder auf und begab sich zunächst nach Paris, wo er bei den bedeutendsten Gelehrten der Zeit die freundlichste Aufnahme und in den Bibliotheken die bereitwilligste [657] Förderung seiner Zwecke fand. Bei seinem langen Aufenthalt in Paris veröffentlichte er eine erste Sammlung seiner Gedichte (Elegiarum liber, et varia diversi argumenti poematia), die er seinem Gönner, dem Herzog von Montausier, gewidmet hat. Die Ausgabe ist eine literarische Seltenheit geworden und wegen der starken Abweichungen der späteren Ausgaben der nämlichen Gedichte von hohem Interesse. Im Sommer setzte H. seine Reise nach Italien fort, wurde aber in Marseille von einer lebensgefährlichen Krankheit befallen, die ihn drei Monate lang zurückhielt. Noch stark geschwächt, traf er in Italien ein und fand erst in Florenz und Pisa nach neuer ärztlicher Behandlung seine völlige Genesung. Trotz seines leidenden Zustandes gewann er in den Schätzen der Laurentiana reiche Ausbeute, besonders für Claudianus und Ovidius. In Rom unterstützte ihn der gelehrte Bibliothekar der Vaticana, Lucas Holstein, aufs Beste in seinen Arbeiten und versah ihn auch mit Empfehlungen nach Neapel, von wo H. früher, als er beabsichtigt hatte, durch den im Juli 1647 ausgebrochenen Aufstand des Masaniello verscheucht wurde. Er besuchte zunächst zum zweitenmale Florenz, sodann Venedig und Padua, wo er eine zweite Sammlung von Elegien mit dem Titel „Italica“ herausgab, die in Italien mit Begeisterung aufgenommen wurde, aber die Unzufriedenheit vieler Landsleute erregte, weil er Italien und seine Bewohner zu sehr auf Kosten seines Vaterlands gepriesen hatte. Endlich auf dringende Briefe seines Vaters zur Heimreise entschlossen, nahm er nur noch einen kurzen Aufenthalt in Mailand zur Vergleichung der Ovid-Handschriften der Ambrosiana und kehrte sodann in beschleunigter Reise nach dreijähriger Abwesenheit im Herbst 1648 nach Leiden zurück. Ohne ein öffentliches Amt zu suchen (eine in Italien ihm angebotene Professur zu Bologna hatte er abgelehnt, weil er nicht Katholik werden wollte), bereitete er zunächst aus seinen reichen handschriftlichen Sammlungen die Textesverbesserung mehrerer lateinischen Dichter vor, daneben gab er mit Kasp. Kinschot und Hadrian Wall einen libellus Saturnalium heraus mit scharfen Satiren gegen schlechte Dichter.

Um diese Zeit begannen die Beziehungen zur Königin Christina von Schweden. Heinsius erhielt im Mai 1649 ein Schreiben des Isaak Vossius im Namen der Königin, worin sie ihn um Mittheilung seiner zwei Sammlungen von Gedichten ersuchte. Er schickte ein Exemplar mit einem Widmungsgedicht an die Königin, welche Sendung sie so erfreute, daß sie ihn an ihren Hof einlud. Als ein Mann von Geist und feinen Formen gefiel er ihr so wohl, daß sie einen schmeichelhaften Brief an Daniel H. richtete, mit der Bitte, zu gestatten, daß sein Sohn ganz in ihre Dienste trete. So erfolgte im J. 1650 seine Uebersiedelung nach Stockholm. Zwar fand er am Hofe an Claude Saumaise, dem bitteren Feinde seines Vaters, einen boshaften Widersacher, aber die Versuche, ihn aus der Gunst der Königin zu verdrängen, blieben ohne Erfolg. Sie betraute ihn mit dem Auftrag, eine neue Reise durch Frankreich nach Italien zu unternehmen und für sie Handschriften, seltene Bücher, Münzen und antike Kunstschätze anzukaufen. Ueber diese Reise, auf der ihn ein Hamburger Lucas Langermann begleitete, führte er ein von P. Burman in der unten angeführten Vita ausgezogenes Tagebuch (S. 18–32), in welchem er über die Städte und Bibliotheken, die er besucht, über die Bekanntschaften, worunter auch viele fürstliche, die er gemacht hatte, manches auch über Entdeckung oder Benutzung wichtiger Handschriften sehr genau berichtet hat. Mit einem freudigen Behagen erzählt er, eine wie ehrenvolle Aufnahme er als Geschäftsträger einer berühmten Königin fast überall gefunden habe. Kein Wunder, daß er sich auf seinen langen Fahrten eine hohe weltmännische Bildung erworben hat und so Italien gleichsam die Vorschule des künftigen Diplomaten geworden ist. Die auf zwei volle Jahre ausgedehnte Reise lief nicht ohne Ungemach ab. Schon auf dem Weg über die Alpen im Spätherbst [658] war H. in ein gefahrvolles Sturmwetter gerathen, auf der Heimreise hatte er zwischen Brescia und Mailand den Ueberfall eines Räubers zu bestehen, das Schlimmste war, daß der Hauptzweck seiner Reise durch das Ausbleiben der erforderlichen Mittel nur halb erfüllt wurde. Der Eifer der Königin für Gelehrte und wissenschaftliche Sammlungen war aus verschiedenen Gründen allmählich erkaltet, von denen der zerrüttete Zustand der Staatsfinanzen nicht der geringste war. Nicht gewillt, aus eigenen Mitteln noch weitere Opfer zu bringen, kehrte H. im Juli 1653 nach Leiden zurück. Im Herbste reiste er nach Schweden und brachte, da in Stockholm ansteckende Krankheiten herrschten, den Winter in Upsala zu, von wo aus er ein Bittschreiben an die Königin richtete, worin er auf den Ersatz seiner Auslagen drang und Entlassung aus ihren Diensten sich erbat. Um diese Zeit war der von der Königin längst gefaßte Entschluß, abzudanken, zur Reife gediehen: sie legte die Krone am 7. Juli 1654 nieder. H. erhielt zwar noch ein schriftliches Document, worin sich die Königin zur Zahlung von viertausend Thalern für seine Auslagen auf der italienischen Reise für verpflichtet erklärte, allein eine Ausbezahlung der Summe erfolgte nicht. Nach der Abreise der Königin blieb H. in Stockholm zurück, um seine Forderungen bei der neuen Regierung zu betreiben und befand sich, da seine Mittel, wie er auch der Königin geklagt hatte, erschöpft waren, in ziemlich bedrückter Lage, aus der ihn ein Decret der Generalstaaten vom 7. October 1654 erlöste, durch das er zum Residenten der Republik am schwedischen Hofe mit einem Gehalte von 4000 Gulden ernannt wurde. Die neue Wirksamkeit war jedoch nicht von langer Dauer in Folge der ehrgeizigen Absichten des jungen Königs auf Polen, denen die Republik und ihr Vertreter sich mit aller Entschiedenheit widersetzten. Das dadurch eingetretene gespannte Verhältniß zum Hofe und dringende Familienangelegenheiten, da habsüchtige Verwandte auf den Nachlaß seines im Februar 1655 verstorbenen Vaters Anspruch erhoben, bestimmten H. im Herbst zur Rückkehr nach Holland, auf der er mit Noth einem Schiffbruch entging und schwer erkrankt in Danzig landete, wo er über einen Monat zu seiner Wiederherstellung verweilen mußte. In Anerkennung seiner Verdienste um die Republik boten ihm die Generalstaaten eine neue Gesandtenstelle, es sei in Kopenhagen oder in Berlin, an, die er jedoch wegen seiner noch geschwächten Gesundheit ablehnen mußte. Im J. 1656 folgte er einem ehrenvollen Rufe nach Amsterdam als Stadtschreiber, welches einträgliche Amt ihm auch die Aussicht auf eine freiere Muße für seine gelehrten Arbeiten eröffnete. Aber eine sichere Ruhe sollte ihm nicht so bald zu Theil werden. An dem leichtfertigen Hofe der Königin Christina hatte er Bekanntschaft mit einer Buhlerin, Margaretha Wullen, gemacht. Diese fand sich nun in Amsterdam mit zwei Knaben ein, als deren Vater sie Heinsius ausgab und strengte gegen ihn einen Proceß wegen nichterfüllten Eheversprechens an. Da die Klägerin, wie wenigstens P. Burman behauptet, durch ihre Reize auch in Amsterdam warme Gönner sich gewonnen hatte, nahm der Proceß für Heinsius eine ungünstige Wendung und seine Stellung als Stadtschreiber war unhaltbar geworden. Er begab sich, um zu appelliren, 1658 nach dem Haag und verblieb daselbst, theils mit literarischen Arbeiten, theils mit der Fortführung seines Prozesses beschäftigt, bis in den Sommer des Jahres 1661, wo er wieder als Gesandter der Generalstaaten nach Schweden abging. Auf der Reise traf er mit der Königin Christina zusammen, die ihn sehr freundlich empfing, auch, als die Nichtbereinigung seiner Forderungen zur Sprache kam, ihre Schuld offen bekannte, doch scheint es nicht, daß sie ihren Verbindlichkeiten je völlig nachgekommen ist. Die Gesandtschaftsgeschäfte zu Stockholm besorgte Heinsius mit kurzer Unterbrechung, da er wegen leidiger Prozeßsachen nach dem Haag zurückgekehrt [659] war, bis zum August 1669, wo er von den Generalstaaten als gewiegter Staatsmann zur Ausgleichung von Mißhelligkeiten zwischen dem schwedischen und russischen Hofe an den Czar nach Moskau geschickt wurde (s. Lettres et négociations d’J. de Witt etc. Amsterd. 1725 IV, S. 376 f.), eine Sendung, die er zwar wegen seiner schwächlichen Gesundheit ablehnen wollte, aber zuletzt doch zur Zufriedenheit seiner Regierung ausführte. Nach Beendigung dieses außerordentlichen Geschäftes wirkte er als Resident in Stockholm noch bis zum August 1671, wo er den Ruhestand sich erbat und in seine Heimath zurückkehrte. In der Zeit seiner Zurückgezogenheit hatte er noch viel mit ärgerlichen Rechtshändeln mit Verwandten und mit körperlichen Leiden zu kämpfen; seine letzten Jahre verlebte er in dem abgeschiedenen Städtchen Vianen und starb am 7. Oktbr. 1681 im Haag, wohin er zur Hochzeitsfeier einer Nichte gereist war.

H. war nie verheiratet; mit ihm erlosch sein angesehenes Geschlecht. Er hinterließ eine sehr werthvolle Bibliothek von über 13 000 Werken, die auch an Schriften der französischen, italienischen und spanischen Litteratur sehr reich war; ihre Versteigerung brachte den lachenden Erben die für die damalige Zeit sehr bedeutende Summe von 23 833 holl. Gulden ein. Von seinen handschriftlichen Collationen ist ein großer Theil aus Santen’s Nachlaß in die Berliner Bibliothek gekommen. Je unruhiger das Leben des N. Heinsius gewesen ist, desto mehr muß man die Verdienste bewundern, die er sich um die lateinische Litteratur sowohl durch Vermehrung der handschriftlichen Hülfsmittel, als durch sein ungemein kritisches Talent erworben hat. Es gibt wenige Philologen, die so viele Handschriften verglichen und mit solchem Geschick verwerthet haben, wenige auch, denen es gelungen ist so viele Textesrecensionen herzustellen, die für die betreffenden Schriftsteller epochemachend und die Grundlage aller späteren Ausgaben geworden sind. Die spielende Leichtigkeit, mit der H. an verderbten Stellen Neues zu bringen weiß, sucht ihres Gleichen; es ist schwer zu sagen, was man in seinen Conjecturen, an denen nur methodische Strenge vermißt wird, mehr bewundern soll, die von einer lebhaften Phantasie unterstützte seltene Divinationsgabe oder die durch große Belesenheit gewonnene Sicherheit, mit der er sich in Geist und Sprache der lateinischen Dichter gleichsam eingelebt hat. Als Kritiker wird H. in der Geschichte der Philologie immer einen der ersten Plätze einnehmen. Das öfters wiederholte Urtheil Ruhnken’s (in der Vorrede zu Velleius Pat. S. 1): „haec tantopere celebrata felicitas (in Kritik der röm. Dichter) illum destituit in prosae orationis scriptoribus, Velleio, Petronio, Curtio, Tacito, aliis“ ist nur mit Beschränkung anzuerkennen; denn er hat auch zu den genannten Schriftstellern (die Noten zu Tacitus sind erst in der zweiten Ausgabe von Ernesti 1772 vollständig gedruckt) und zu anderen Prosaikern viele treffende Verbesserungen geliefert. Auch seine lateinischen Gedichte (gesammelt in der Amsterdamer Ausgabe 1666) reihen sich den besten der neulateinischen würdig an und zeichnen sich besonders durch gefällige Leichtigkeit der Verse aus. Die von H. besorgten Textesrecensionen sind: Claudianus 1650. 1665 (und 1760 bei Burman). Ovidius 1552. 1661. 1668 (reiche Nachträge bei Burman 1727). Prudentius 1667. Virgilius 1676. Valerius Flaccus 1680 (die Anmerkungen bei Burman 1724). Velleius Paterculus 1678. Die verheißenen Ausgaben des Ausonius, Lucanus, Statius u. a. sind nicht zu Stande gekommen. Die ausgezeichneten Anmerkungen zu Silius Italicus sind in der Ausgabe von Drackenborch gedruckt: seine übrigen kritischen Beiträge finden sich zerstreut an verschiedenen Orten, am reichhaltigsten im Commentar zum Ovidius und in den „Adversariorum libri IV“ (bes. wichtig für Seneca’s Tragödien), die der jüngere Burman im J. 1742 (Harlingen 774 S. 4°) herausgegeben hat.

[660] Hauptquelle: Petri Burmanni junioris de vita N. Heinsii commentarius, vor den Adversaria 56 S. 4°. Vgl. noch Peerlkamp, de poetis lat. Nederl. 1838. p. 426 seqq. Luc. Müller’s Gesch. der class. Philologie in den Niederl. 1869, S. 51 ff.