ADB:Herrgott, Marquard

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Artikel „Herrgott, Marquard“ von Franz Xaver von Wegele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 212–214, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Herrgott,_Marquard&oldid=- (Version vom 19. Oktober 2019, 10:06 Uhr UTC)
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Herrgott: Marquard H., (ursprünglich Johann Jacob), steht an der Spitze der fruchtbaren litterarischen Thätigkeit, die sich in der Benediktinerabtei St. Blasien auf dem Schwarzwalde, unter den Nachwirkungen des von den französischen Maurinern gegebenen Beispieles, im Laufe des 18. Jahrhunderts auf verschiedenen Gebieten des Wissens, vornehmlich aber der geschichtlichen Forschung entwickelt hat. Geboren zu Freiburg im Br. am 9. Oktbr. 1694, machte er seine Studien, die im Anfang nur allgemeine Ziele verfolgt zu haben scheinen, zuerst in seiner Vaterstadt und setzte sie ziemlich frühreif, in Straßburg fort. Offenbar ist es zunächst nicht seine Absicht gewesen, dem Leben in der Welt zu entsagen: noch sehr jung in das Haus eines Straßburger Kaufherrn als Hofmeister eingetreten, begleitete er seine beiden Zöglinge nach Paris und verweilte hier mit ihnen zwei volle Jahre. Welche Anregungen er hier empfangen, läßt sich mit Bestimmtheit nicht sagen, gewiß ist, daß nach seiner Heimkehr in ihm der Entschluß durchbrach, auf eine weltliche Laufbahn zu verzichten: er wurde im Novbr. 1715 Mönch in St. Blasien und im Dezbr. 1718 zum Priester geweiht. Und nun entschied sich seine Zukunft. Der damalige Abt des Klosters, ein erklärter Förderer wissenschaftlicher Bestrebungen, schickte ihn, sei es aus eigener Initiative oder den Wünschen des jungen Mönches nachgebend, zum Zwecke seiner weiteren Ausbildung zu den Benediktinern von St. Germain nach Paris, dem Centralsitze der durch Mabillon begründeten gelehrten Schule, mit welcher H. vielleicht oder wahrscheinlich schon bei seinem ersten Aufenthalt in Berührung gekommen war. Hier bildete sich H. zum Geschichtsforscher und erhielt er die Richtung, die dann für sein ganzes übriges Leben maßgebend geblieben ist. Auch trat er hier (1726) bereits als Schriftsteller auf mit einer Schrift „Ueber die ältere Regel des Benediktinerordens“, eine Arbeit, die den sichtenden, umsichtig sammelnden Geist des angehenden Historikers deutlich verräth. In sein Kloster zurückgekehrt, wußte sich H. mit seiner erworbenen höheren Kenntniß rasch geltend zu machen. Er wurde von dem Fürstabte zum Großkeller – ein Amt innerhalb der Verwaltungsskala der Abtei – und was wichtiger, zum Bibliothekar ernannt. Bereits trug er sich mit verschiedenen litterarischen Entwürfen. Eine „Urkundliche Geschichte der Abtei St. Blasien“ war das erste was er vollendete, aber das Werk mußte Manuscript bleiben, weil wie es scheint, Rücksichten der Aengstlichkeit auf die Interessen des Stiftes gegen dessen Veröffentlichung sprachen. Die Ausführung anderer schriftstellerischer Pläne verhinderte eine Sendung, die ihn schon im J. 1628 in Angelegenheiten seiner Abtei nach Wien führte. Er war Weltmann genug, sich auf dem Boden des Wiener Hofes so gut zurecht zu finden, daß er dort einen ihm so günstigen Eindruck machte, [213] daß die Breisgauischen Stände ihn zu ihrem ständigen Vertreter am Wiener Hofe ernannten. Hiermit tritt Hergott’s Leben in ein neues Stadium. Seine diplomatischen Geschäfte ließen ihm noch Zeit genug, auf seine Lieblingsstudien zurückzukommen und sich eine Aufgabe großen Styles zu setzen, wie sie zugleich seiner gegenwärtigen Stellung entsprach und deren Förderung er von dem kaiserlichen Hofe mit Grund erwarten durfte. So ist im Verlaufe von etwa acht Jahren seine „Genealogia diplomatica augustae gentis Habsburgicae“ entstanden, die im J. 1737 zu Wien in 3 stattlichen Foliobänden und entsprechender Ausstattung erschien. Bei den unumgänglichen Vorstudien zu diesem Werke haben ihn zwei Mönche von St. Blasien, Wilberg und Gump, durch Aufsuchung und Herbeischaffung des gelehrten urkundlichen Materials aus den zerstreuten Bibliotheken und Archiven wirksam unterstützt. Der Erfolg des Werkes für H. war groß genug. Kaiser Karl VI. bezeigte ihm u. a. seine Anerkennung durch Ernennung zum kaiserl. Rathe und Historiographen und auch die Wissenschaft gab trotz mancher Einwendungen ihre durch dasselbe erfahrene Förderung gern zu. Die gediegene Schule, aus der H. hervorgegangen, ließ sich in der That nicht verkennen, wenn man auch nicht in Abrede stellen konnte, daß H. namentlich in der Feststellung der früheren Epoche der Habsburgischen Genealogie, vielleicht mit Rücksicht auf gewisse Lieblingsmeinungen des Wiener Hofes, sich von Willkührlichkeiten nicht frei erhalten hat. Was aber die Hauptsache war, H. fühlte sich durch diesen Erfolg angespornt, ein noch großartigeres und umfassenderes Werk über die Geschichte des Habsburgischen Hauses in Angriff zu nehmen, nämlich die berühmten „Monumenta augustae domus Austriacae“, deren erster Theil nach 12 Jahren wirklich erschienen ist. Inzwischen aber war in der Lebensstellung Herrgott’s eine erhebliche Veränderung eingetreten. Im Verlaufe des fünften Jahrzehnts war H. in Folge eines zwischen den Breisgauischen Ständen selbst ausgebrochenen Confliktes aus einem Vertreter der Gesammtheit derselben, zum Vertreter bloß mehr des Prälatenstandes geworden und trat als solcher für dessen Interesse mit so unbeugsamer Entschiedenheit ein, daß er am Wiener Hofe darüber in Ungnade fiel und Maria Theresia seine Abberufung verlangte, ein Wunsch, dem der Fürstabt von St. Blasien nur nachkommen zu müssen glaubte. So kehrte, schwerlich mit voller Befriedigung, H. in seine Heimath zurück und wurde dort für den Verlust seiner glänzenden Stellung in Wien, durch die Ernennung zum Statthalter der, der Abtei von St. Blasien zugehörigen Herrschaft Staufen und Kirchheim und überdies durch die Verleihung der Propstei Krotzingen entschädigt. In dieser Propstei nahm H. nun seinen bleibenden Wohnsitz; sie lag in der Nähe von Freiburg im Br. und die Ueberlieferung sagt, daß sie ihm gerade deswegen und aus Rücksicht auf die dort vorhandenen gelehrten Hilfsmittel überlassen worden sei. In der That bildet den Hauptinhalt der noch übrigen zwölf Jahre von Herrgott’s Leben die Vollendung seines großen, der Verherrlichung des Habsburgischen Hauses gewidmeten Werkes. Die Ungnade, die ihn noch eben von dieser Seite her getroffen, hat seinen Eifer in dieser Richtung in keiner Weise abzukühlen vermocht; er hat sogar nebst Zeit und Mühe demselben zu Liebe sehr reale Opfer gebracht: ein Beweis, daß er bei diesem Unternehmen zugleich von einem höheren Gedanken geleitet war. Der erste Band in zwei Theilen trat bereits im J. 1750 an das Licht und war noch in Wien gedruckt; die beiden folgenden erschienen in je 2 Theilen in den Jahren 1752–1760 zu Freiburg, der letzte wurde zwar bei Herrgott’s Lebzeiten in der Handschrift zum größern Theile noch vollendet, aber erst nach seinem Tode zu St. Blasien gedruckt und ging vor der Veröffentlichung in der großen Feuersbrunst der Abtei im J. 1769 vollständig zu Grunde, so daß dann der Fürstabt Gerbert (s. d. Art.) die Ausarbeitung desselben von vorne anfangen mußte. [214] Bei der Vorbereitung und Ausarbeitung der Monumenta hat sich H. vornehmlich durch P. Rustenus Heer (s. d. Art.) unterstützen lassen, der 1740 Bibliothekar in St. Blasien geworden war und den er sich gleichsam als Helfer herangebildet hatte. Heer hat auch nach seines Meisters Tode was vom 4. Bande noch fehlte, allein zu Ende gebracht. Das Werk hat gleich beim Erscheinen des 1. Bandes, zumal es mit seltener Pracht ausgestattet war, verdientes Aufsehen gemacht. Die einzelnen Bände behandeln der Reihe nach in Abhandlungen und urkundlichen und künstlerischen Belegen 1) die Siegel, Schilde; 2) Münzen; 3) Genealogie und Abbildungen; der (von den Flammen vernichtete und von Gerbert wiederhergestellte) 4. Band endlich die Taphographie, d. h. die Beschreibung der Gräber der österreichischen Fürsten nicht bloß aus dem Habsburgischen, sondern auch dem ihm in der Herrschaft vorausgegangenen Babenbergischen Hause. Es ist kein Zweifel, daß wir in diesen Monumentis ein Werk nicht bloß der luxuriösen Ausstattung, sondern auch wissenschaftlichen Werthes anzuerkennen haben. Schon die Herbeischaffung und Veröffentlichung des reichlichen urkundlichen und monumentalen Stoffes ist kein geringes Verdienst; aber auch die beigegebenen Abhandlungen und Erklärungen haben einen bestimmten Werth und bezeugen ein nicht flüchtig erworbenes Verständniß der in Betracht kommenden Fragen und Gegenstände. An Kritik fehlt es den Verfassern nicht, wie namentlich der mit dem Gelehrten des Klosters Muri wegen der in Frage gestellten Zuverlässigkeit der Acta Murensia geführte Streit beweist. In vielem freilich, zumal den beigegebenen Untersuchungen, sind die Verfasser meist überholt und ruht der bleibende Werth ihrer Anstrengungen zum größeren Theile in dem offengelegten Stoffe. Von Anfechtungen sind sie, namentlich in der genealogischen Abtheilung, schon damals und öfters mit Recht, nicht unverschont geblieben. Von seiner regen litterarischen Thätigkeit abgesehen, hat H. seit seiner Rückkehr in den Breisgau auch sonst mancherlei Interesse gepflegt. In den Versammlungen des Breisgauischen Prälatenstandes hatte er meist, anstatt des Fürstabtes den Vorsitz zu führen und er that es mit Gewandtheit und Unabhängigkeit nach allen Seiten. Gelehrte Verbindungen nach außen unterhielt er gern, so namentlich auch mit Schöpflin und den Historikern der Pfälzer Akademie, wie Lamey u. A. Am 16. Oktbr. 1762 ist er gestorben; sieben Jahre später ist ihm sein Helfer Heer nachgefolgt.

S. u. a. den Art. H. in Ersch und Gruber, II. 7, S. 19. Hirsching, Hist.-lit. Handbuch III. 1, S. 112–117 und Jos. Bader, das ehemalige Kloster St. Blasien auf dem Schwarzwald und seine Gelehrten-Akademie Freiburg im Br. 1874.