ADB:Hevelius, Johannes

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Artikel „Hevelius, Johannes“ von Karl Christian Bruhns in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 341–343, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hevelius,_Johannes&oldid=- (Version vom 16. September 2019, 16:04 Uhr UTC)
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Hevelius: Johannes H., hieß eigentlich Höwelcke und wurde auch Höfelcke, Hewelcke, Höfelius, Hövelius, Hövellius geschrieben. Er selbst schrieb seinen Namen latinisirt Hevelius. Er wurde geboren am 28. Januar 1611 in Danzig, wo der Vater, Abraham Höwelcke, Besitzer einer sehr einträglichen Brauerei und die Mutter eine geb. Cordula Hecker war. H. war von zehn Kindern das zweitgeborene. Seine drei Brüder starben im zarten Kindesalter, von den sechs Schwestern überlebte ihn wahrscheinlich die jüngste, Constantia. Nach dem Willen der Eltern sollte der Sohn die Handlung erlernen, bevor er jedoch seine Lehrzeit antrat, gaben die Eltern ihn nach Gondecz in Pension, um die polnische Sprache zu erlernen. Nach seiner Rückkehr in die Heimath 1627 wurde er Zögling des akademischen Gynmasiums, wo der Professor der Mathematik, Peter Krüger, ihn durch seine Vorträge so fesselte, daß derselbe dem Schüler noch Privatunterricht gab und ihn Planetenörter, Sonnen- und Mondfinsternisse nach den üblichen Tafeln rechnen lehrte. Auf Krüger’s Anrathen beschäftigte er sich auch viel mit Zeichnen, Graviren, Kupferstechen und mit Anfertigung von allerhand Instrumenten aus Holz und Metall. Im J. 1630 studirte er in Leiden Jurisprudenz, unterrichtete sich aber gleichzeitig über Optik und Mechanik und in anderen Fächern der angewandten Mathematik, dann ging er nach London, wo er mit James Usher, John Wallis und Samuel Hartlieben bekannt wurde, besuchte in Paris Gassendi, Bouillaud, in Avignon Kircher und gern hätte er noch in Italien Galilei und Scheiner gesehen, aber als einzigst lebenden Sohn wünschten die Eltern ihn zurück, welchem Wunsche er 1634 Folge leistete. Mit Eifer und Fleiß wirft er sich auf das Studium der Verfassung und der Privilegien seiner Vaterstadt, lebt dabei in den umfänglichen Geschäften seines alten Vaters, vermählt sich nicht viel älter als 24 Jahre am 21. Mai 1635 mit der Tochter eines reichen Danziger Kaufmanns, Katharina Rebeschke, und läßt sich 1636 in die Brauerzunft aufnehmen. H. besucht im Mai 1639 Peter Krüger wenige Tage vor seinem Tode und dieser bittet ihn dringend, sich doch wieder mit der Astronomie zu beschäftigen, welche Bitte H. veranlaßt, schon am 1. Juni 1639 die eintretende Sonnenfinsterniß zu beobachten und sich nun vollends, so viel seine Geschäfte erlauben, der Astronomie zu widmen. Er macht sich daran, selbst Linsen zu Fernröhren zu schleifen und zu poliren, Quadranten und Sextanten anzufertigen, Sonnenuhren zu construiren. Ihm kömmt zu Statten, daß seine Frau außer den häuslichen Angelegenheiten auch eine Menge der mit der großen Brauerei verbundenen Geschäfte besorgt. Aber viel Zeit ging ihm wieder verloren, als er 1641 in den Schöppenstuhl gewählt wurde, welcher Wahl 1651 die in das Rathscollegium folgte, in welchem er vielfach den Vorsitz und auch das Richteramt zu verwalten hatte. Je beschränkter aber seine Zeit, desto mehr wuchs sein Eifer für seine Lieblingsbeschäftigung. Seine Sternwarte richtete er so großartig ein, wie es für damalige Zeit möglich war und da in Paris und Greenwich noch keine existirten, galt die seine als die vollkommenste in ganz Europa, welche sowol vom König von Polen, Johann II. Casimir und seiner [342] einflußreichen Gemahlin Maria Ludovica von Gonzaga am 29. Januar 1660, als auch während der Friedensunterhandlungen in Oliva von den Gesandten, Bevollmächtigten und hochgestellten Militärs besucht wurde. Am 11. März 1662 starb die treue Lebensgefährtin und obgleich H. bereits über 51 Jahre, verheirathete er sich doch wieder und wählte als Gefährtin die schöne 16jährige Elisabeth Koopmann, die Tochter eines angesehenen Handelsherrn in Danzig, welche sich bald in die Verhältnisse fand und gern und willig die Lasten des Haushaltes und Geschäftsverkehrs übernahm und dabei ihm noch als Gehülfin auf seiner Sternwarte zur Seite stand, ihm auch noch einen Sohn schenkte, der aber nach einem Jahre wieder starb. Durch Vermittelung des Ministers Colbert wurde er von Ludwig XIV. in die Liste derjenigen Personen eingetragen, welche eine jährliche Pension erhielten. Am 30. März 1664 wurde er Mitglied der Londoner Gesellschaft der Wissenschaften; im Mai 1678 besuchte ihn der Nachfolger von Johann Casimir, Johann III. Sobiesky, welcher ihm nicht nur eine jährliche Pension von 1000 Danziger Gulden auf Lebenszeit aussetzte, sondern ihn und seine Erben von allen Abgaben an die Brauerzunft freisprach, sowie ihm und seiner Gattin für ihre Lebenszeit die uneingeschränkte Freiheit des Bierverkaufs ertheilte. In der Nacht vom 26. zum 27. September 1679 hatte er das Unglück, daß, während er auf einem Landgute war, in seinem Stadtgebäude Feuer ausbrach, wodurch er fast alle Instrumente und die Bibliothek seines Observatoriums verlor, und obwol brave Freunde eine Menge Manuscripte, einige Instrumente, einige Exemplare der Druckschriften und die Kupferplatten gerettet hatten, wurde doch der Gesammtverlust auf 30,000 Thaler geschätzt. Das Unglück erregte im In- und Auslande Theilnahme und er erhielt aus Holland, vom Könige von England, von Ludwig XIV., Johann Sobiesky Unterstützungen und Geschenke und ging an die Anlage einer neuen Sternwarte und die Anschaffung neuer Instrumente. Es erschien auch 1685 noch ein Werk, aber die Kraft war doch gebrochen und er starb nach einem zwölfwöchentlichen Krankenlager am 28. Januar 1687. Sein Observatorium war zuerst ein Zimmer im obersten Stockwerk eines seiner Hintergebäude, 1644 kam ein thurmähnliches Häuschen auf dem Dache hinzu. Später ließ er sich eine große Plattform von 1250 Quadratfuß Flächenraum aufführen und setzte darauf zwei kleine Häuschen, wovon das eine drehbar war. Im obersten Stockwerk hatte er zugleich die Kupferdruckerei. Die Instrumente waren Quadranten und Sextanten erst von 3 und 4 Fuß, nachher von 6 und 8 Fuß Radius, erst theils von Holz, später von Metall, und durch Transversalen konnte er 5 Secunden ablesen. Er hatte Räder- und Sonnenuhren und bestimmte durch Pendelschwingungen die Secunden. Seine Fernröhre hatten erst 6 und 12 Fuß Brennweite, später schliff er sich die Linsen von 20 und 32, 60–70 Fuß Brennweite und baute endlich ein Riesenfernrohr von 150 Fuß Brennweite, bei welchem nach damaliger Art das Objectiv an einem Maste von 90 Fuß Höhe befestigt wurde. Er begann 1639 mit Beobachtungen von Sonnen- und Mondfinsternissen, 1642–44 beschäftigte er sich mit Sonnenflecken, zu gleicher Zeit beobachtete er die Planeten Mercur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn, von 1642–45 auch die Trabanten des Jupiters, 1647 begann er mit einer Revision des Fixsternhimmels, beschäftigte sich unter Anderen mit dem Andromeda-Nebel und mit der Milchstraße, dann mit den veränderlichen Sternen im Walfisch und im Schwan, und 1652 beobachtete er zuerst einen Kometen. Er hat die Positionen von mehr als 1500 Sternen gemessen, suchte die Parallaxe zu bestimmen, fand sie, was richtig war, nicht meßbar, gab aber den Sternen erster Größe einen viel zu großen Durchmesser von über 5 Bogensecunden. Bei der Sonne beträgt nach ihm die Parallaxe 40 Secunden, während Tycho 3 Minuten, Kepler 1 Minute hatten: wir nehmen jetzt [343] 8,8 Sekunden an. Seinem Werthe entsprechend gibt er die Entfernung der Sonne von der Erde zu 5156 Erdhalbmessern an. Die Sonne denkt er sich theils fester, theils flüssiger Natur und durch Dämpfe und Dünste entstehen Sonnenflecken und durch Feuerexhalationen die Sonnenfackeln. Von allen Planeten bestimmt er die Entfernungen und Durchmesser, welche wegen der zu gering angenommenen Entfernung zu klein sind. Für die Jupiterstrabanten ermittelt er sehr nahe die richtigen Umlaufszeiten. Vom Monde gibt er nahe richtig den Abstand, den Durchmesser, die Umlaufszeiten, in der Selenographie beschreibt er den Mond sehr ausführlich, bestimmt die Libration in Breite und Länge und erkennt die Mondberge, welche nach ihm eine Höhe bis zu ¾ deutschen Meilen haben. Bei Kometen macht er auf die eigenthümlichen Erscheinungen aufmerksam, er denkt sie sich entstanden aus feinen, dunstförmigen Stoffen, welche auch die Atmosphäre der Sonne und der Planeten ausmachen. Seine Kometenbeobachtungen sind leidlich genau, so daß man sie hat benutzen können. In der Kometographie unterscheidet er 12 Hauptformen von Kometen. Seine wichtigsten Werke sind die in lateinischer Schrift geschriebene „Selenographia“, welche 133 sauber gearbeitete Kupfer, darunter 60 Abbildungen des Mondes und seiner Phasen enthält. Die Mondflecken bezeichnet er mit aus der Geographie entlehnten Namen, welche Nomenclatur aber durch die weniger genaue Mondkarte des Riccioli fast ganz verdrängt worden ist. Dem Werke „Prodromus Cometicus, quo historia cometae anno 1664 exorti etc. exhibetur“, Gedani 1665, folgte 1668 die „Cometographia. totam naturam Cometarum … exhibens“, worin die Beschreibung der Kometen von 1652, 1661, 1664, 1665, sowie die verschiedener Sonnenflecken und eine Aufzählung aller Kometen bis zum J. 1665 gegeben ist. 1673 erschien die „Machina coelestis pars prior“, 1679 pars posterior, worin alle seine Beobachtungen, seine Biographie und die Beschreibung seiner astronomischen Arbeiten enthalten ist. Bis auf 50–90 Exemplare, welche versandt waren, verbrannte der „Prodromus astronomiae“, Briefe astronomischen Inhalts; endlich erschien 1685 das „Annus Climactericus, seu rerum uranicarum observationum annus quadragesimus nonus“ etc., welches als Nachtrag zu dem zweiten Theil der Machina zu betrachten ist und seine Beobachtungen bis 1685 enthält. Die Wittwe gab nach seinem Tode 1687 noch heraus den „Catalogus stellarum fixarum“ und 1690 erschien ferner das „Firmamentum Sobiescianum sive Uranographia“ mit 56 Karten (Sternkarten in Fol.) und 1690 endlich der „Prodromus astronomiae“, welcher die Grundlagen des Fixsterncataloges und andere Tafeln enthält. Seine Manuscripte sind theils 1734 bei der Belagerung Danzigs durch eine Bombe zerstört, theils durch de Lisle 1726 angekauft. Seine Schriften haben bei seinen Lebzeiten große Anerkennung gefunden, sein Sternatlas verdrängte aber nicht Bayer’s vortreffliche Uranometria und wurde durch Flamsteed’s Atlas bald überholt. So lange die Sternwarten an den Tychonischen Grundsätzen festhielten, so lange standen Hevel’s Arbeiten obenan, aber schon bei seinen Lebzeiten wurden die Beobachtungen durch die Benutzung des Fernrohres bei Messungen so verfeinert, daß die seinigen nicht weiter beachtet zu werden brauchten und er selbst wollte mit dem Fernrohr nicht messen. Er war zwar einer der ausgezeichnetsten Beobachter, aber er lebte gerade in der Zeit der Reformation der Beobachtungskunst. Am meisten Werth hat seine Selenographie und er ist als der Vater der Mondbeschreibung zu bezeichnen.

Vgl. J. H. Westphal, Leben, Studien und Schriften des Astronomen Johann Hevelius, Königsberg 1820, und Seidemann, Johann Hevelius. Ein Beitrag zur Geschichte des 17. Jahrhunderts. Programm des Gymnasiums und der Realschule in Zittau, Zittau 1864.