ADB:Ihlee, Johann Jacob

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Artikel „Ihlee, Johann Jacob“ von Elisabeth Mentzel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 50 (1905), S. 664–666, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ihlee,_Johann_Jacob&oldid=- (Version vom 15. September 2019, 16:43 Uhr UTC)
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Ihlee: Johann Jacob I., geboren am 8. October 1762 zu Elmarshausen, einem freiherrlich v. Malsburgischen Gute im Hessen-Kasselischen, gehörte dem Frankfurter Nationaltheater von 1792–1827 in den verschiedensten Stellungen an. Schließlich wurde er während der Regierungszeit des Großherzogs Karl in Gemeinschaft mit dem Capellmeister C. J. Schmitt Director der Frankfurter Bühne. Das Amt eines artistischen Leiters behielt I. auch nach dem Tode Schmitt’s (1817) bis an sein am 11. Juli 1827 in Frankfurt a. Main erfolgtes Ende. Dennoch war Ihlee’s Stellung unter den wechselnden finanziellen Oberdirectionen der Frankfurter Theater-Actiengesellschaft, die das Schauspielhaus gepachtet hatte, nicht immer die gleiche. Der Kreis seiner künstlerischen Thätigkeit hat sich bald verengt, bald erweitert. Den Höhepunkt von Ihlee’s Wirken bilden die Jahre von 1806–1813. Damals wurde ihm und Schmitt der Betrieb der Frankfurter Bühne unter einem finanziellen Ueberwachungscomité zu gemeinschaftlichem Gewinn und Verlust überlassen. Während dieser Zeit leitete namentlich I. die Geschäfte so ausgezeichnet, daß alsbald neben dem künstlerischen auch ein finanzieller Erfolg eintrat. Zumeist dieser veranlaßte die Actionäre, die Führung des Frankfurter Theaters wieder selbst zu übernehmen, jedoch ohne die gleichen günstigen Ergebnisse zu erzielen.

I. gehört zu den Naturen, die sich durch ungewöhnliche Begabung, verbunden mit zielbewußtem Streben und eisernem Willen, auf eine höhere Lebensstufe zu schwingen vermochten. In dem Bruchstück einer Selbstbiographie, die Börne in der „Iris“ 1827 veröffentlichte, hat I. alle von früh an auf ihn einwirkenden Einflüsse bis zu seiner Ankunft in Frankfurt, 1787, liebevoll geschildert. Er wurde von dem in der Blüthe des Mannesalters verstorbenen Vater zum Studium bestimmt, mußte aber nach einer an Noth und Entbehrungen reichen Kindheit in Kassel das Posamentirhandwerk erlernen. Der sieben Jahre dauernde Aufenthalt dort hatte ihn nicht nur in seinem Beruf, sondern auch durch die mannichfachen, mit unermüdlichem Fleiß von ihm benutzten Bildungsgelegenheiten in seiner geistigen Entwicklung ungemein gefördert. Vor allem scheint er in den fremden Sprachen bedeutend weiter gekommen zu sein.

Von Kassel ging I. auf die Wanderschaft, eine Zeit der bittersten Erfahrungen für ihn. Mitte der achtziger Jahre kam er in die Nähe Frankfurts, wahrscheinlich nach Hanau, wo er damals schon mit dem Theater in Verbindung getreten sein soll. Wie der alte I. selbst sagt, begann in Frankfurt a. M. „die glücklichste Epoche seines Lebens“. Neben befriedigender Thätigkeit im Handwerk fand gleichfalls sein Talent und geistiges Streben von den verschiedensten Seiten die freundlichste Aufmunterung. Hier gewann er auch in Anna Magdalena Petsch, der Tochter seines Meisters, 1793 eine verständnißvolle Gattin. Zu jener Zeit war I. schon anderthalb Jahre Mitglied des 1792 gegründeten Frankfurter Nationaltheaters; dennoch machte er nach der Aufnahme in die Bürgerschaft und kurz vor seiner Verheirathung sein Meisterstück als Posamentier. Entweder konnte er also nur unter einem Deckmantel seine Stellung im Theater behaupten, oder die Eltern wünschten [665] bei der damaligen Unsicherheit der Bühnenverhältnisse für die Ehe der Tochter eine sichere bürgerliche Grundlage. Indessen gewann Ihlee’s Stellung bei der Bühne mehr und mehr an Halt. Neben seiner künstlerischen Wirksamkeit schätzte man ihn auch als Mensch hoch. Männer wie Börne und Kirchner hoben dieses in ihren Berichten über das Frankfurter Nationaltheater zu Ihlee’s Zeiten stets hervor und weisen auch mehrmals darauf hin, daß es ihm gelang, alle gegen sein Streben und Wollen gerichteten Angriffe ohne Schwierigkeit abzuwehren. Nach Börne suchte I. die praktische Seite des Bühnenbetriebs mit idealen Zielen zu vereinen. Daneben verstand er, „das Unmögliche, es Allen recht zu machen, dem Zunächstliegenden – die Mehrzahl zu befriedigen – in der rechten Weise nachzustellen.

Seit Ihlee’s Verweilen in Frankfurt erschienen poetische und prosaische Leistungen von ihm in verschiedenen Blättern. Auch politische Flugschriften, sowie „Kriegslieder für Josephs Heer“ (1790) soll er verfaßt haben. Diese waren höchstwahrscheinlich Nachbildungen der Grenadierlieder des dem jungen I. wohlgesinnten Dichters Gleim. Im J. 1793 gab er sein erstes größeres Werk „Tagebuch von der Einnahme Frankfurts durch die Neufranken“ heraus. Dies Buch bekundet ungemein viel Gewandtheit im sprachlichen Ausdruck und ist zugleich ein Denkmal feurigster Vaterlandsliebe und warmer Anerkennung der „glücklichen Zustände in Frankfurt a. M.“. Ueber einen etwas einseitigen Franzosenhaß kommt der Verfasser aber nicht hinaus. Ob I. diese streng legitimen Gesinnungen bis an sein Lebensende bewahrte, kann wegen mangelnder Quellennachrichten nicht angegeben werden. Im J. 1797 veröffentlichte I. einen Band „Gedichte“. Sie zeigen ihn abhängig von Anakreontischen Mustern, verrathen aber auch da und dort eine anerkennenswerthe Ursprünglichkeit, zumal in der Begeisterung für die Natur.

Das deutsche Theater, in erster Linie die Frankfurter Bühne, verdanken I. eine große Anzahl mehr oder minder freier Uebersetzungen und Bearbeitungen von Operntexten und anderen Stücken aus dem Französischen und Italienischen. Für solche Arbeiten besaß er neben reichen Sprachkenntnissen ein nicht gewöhnliches Geschick, das durch die ihm innewohnende dichterische Kraft vor schablonenhafter Entartung bewahrt wurde. Von den durch I. bearbeiteten ausländischen Opern sollen hier nur drei namhaft gemacht werden: „Palmira“ von Salieri, der „Wasserträger“ von Cherubini und „Johann von Paris“ von Boieldieu. Von 1792 an bis zu seinem Tode 1827 hat I. auch eine Menge Prologe geschrieben, durch die er alle möglichen Vorkommnisse und Begebenheiten poetisch verherrlichen half.

Frankfurter Rathssupplikationen 1798, Bd. IV. – Acta, das Schauspielhaus betreffend. Ugb. A 12 Nr. 36 (Frkf. Stadtarchiv). – Zettelsammlungen des Frankfurter Theaters v. 1792–1828. – J. J. Willemer, Streitschriften über das Frankfurter Theater v. 1802–1823 (Stadtbibliothek). – Frankfurter Montagsblatt v. 14. Dec. 1801 bis 15. März 1802. – „Einige Worte über Theaterführung im Allgemeinen“ und „Abschied“, beide von Fr. Werdy, Frankf. 1817. – J. J. Ihlee, Audiatur et altera pars, Frankf. 1817. – A. Kirchner, Ansichten von Frankfurt a. M. Frankf. 1818. – „Iris“, herausg. von L. Börne, Frankf. 1827. – C. Heyner, Frankfurt im Jahre 1796, Frankf. 1796. – „Didaskalia“ des Frankf. Journals 1827. – Konversationsblatt, Beilage z. Frankf. Oberpostamts-Zeitung, 1827. – Schriften über das Frankfurter Theater von A. H. E. v. Oven, A. Bing und E. Mentzel. – E. Devrient, Geschichte d. deutschen Schauspielkunst III. Leipzig 1848. – E. Heyden, Gallerie berühmter und merkwürdiger Frankfurter, Frankf. 1861. – Die Briefe der Frau Rath [666] Goethe, hrsg. von Albert Köster, Leipzig 1904. – J. J. Ihlee’s eigne Werke und Bearbeitungen fremder Bühnentexte, soweit sie erhältlich waren.