ADB:Willemer, Johann Jakob

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Willemer, Johann Jakob“ von Rudolf Jung in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 265–267, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Willemer,_Johann_Jakob&oldid=- (Version vom 20. November 2019, 04:00 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Willem
Nächster>>>
Willems, Marcus
Band 43 (1898), S. 265–267 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Johann Jakob Willemer in der Wikipedia
GND-Nummer 118633244
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|43|265|267|Willemer, Johann Jakob|Rudolf Jung|ADB:Willemer, Johann Jakob}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118633244}}    

Willemer: Johann Jakob W. wurde am 29. März 1760 als Sohn eines reichen Bankiers in Frankfurt a. M. geboren und zur Uebernahme des väterlichen Geschäftes erzogen. Schon frühe zeigte er eine scharf ausgeprägte, häufig paradox scheinende Eigenart; 1776 zog er bei einer Parade in Berlin durch eine vorlaute Bemerkung die Aufmerksamkeit des alten Fritz auf sich. 1781 vermählte er sich in Berlin mit Maria Magdalena Lang; vielleicht war er der „Frankfurter“, der Goethe am 22. Februar 1781 in Weimar wenig gelegen kam; auf alle Fälle war er schon frühe mit seinem großen Landsmanne bekannt geworden. Als Chef der Frankfurter Bankfirma Johann Ludwig Willemer & Co. trat er bald in lebhafte geschäftliche Beziehungen zur preußischen und kurmainzischen Regierung; die erstere verlieh ihm 1788 die Stellung eines königlich preußischen Agenten beim Frankfurter Rathe mit den Rechten eines Consuls und den Titel eines Geheimen Rathes, und dem häufigen Verkehre mit Mainz verdankte er die nähere Bekanntschaft mit dem Historiker Johannes Müller. Auch in seiner Heimathstadt zeichnete er sich schon damals im Gegensatze zu seinen Standesgenossen durch seine Vorliebe für künstlerische und wissenschaftliche Bestrebungen aus. Am 6. Juli 1789 wurde er in den Rath gewählt; sein Amt als preußischer Agent gab er zugleich auf. Als Senator gehörte er im October 1792 zu den Personen, die General Custine zur Sicherheit für die der Stadt Frankfurt auferlegte Contribution als Geiseln verhaften ließ: doch wurde er schon am nächsten Tage entlassen. Am 20. November 1792 legte er sein Senatorenamt nieder, nachdem er wenige Tage vorher seine Frau durch den Tod verloren hatte. Um diese Zeit begann er eine umfassende schriftstellerische und dichterische Thätigkeit auf den verschiedensten Gebieten. „Er hatte – so urtheilt Creizenach – die Gesammtbildung des Zeitalters mit Lebhaftigkeit und Energie in sich aufgenommen. Ein warmer Deismus, an welchen sich philanthropische Bestrebungen knüpften, beseelte ihn; die sittlichen Wahrheiten des Christenthums nahm er als die höchsten an; mit dem positiven Offenbarungsglauben suchte er sich im Stillen abzufinden. Dabei behandelte er manche römisch-katholische Anschauungen mit einer achtungsvollen Rücksicht, die ihm hie und da verdacht wurde. Der Staatsphilosophie gab er sich mit Eifer hin; insbesondere die Probleme der öffentlichen Erziehung und der sittlichen Hebung des Volkes zogen ihn an. In der Einsicht, daß die Herbeischaffung des baaren Geldes nicht einseitig zu befördern sei, ist er vielen Zeitgenossen voran. Man könnte ihn den deutschen Popularphilosophen beizählen [266] und insbesondere der Gruppe von Johann Georg Schlosser, dem Schwager Goethe’s, anreihen. Seine Darstellung ist kräftig, doch mitunter weitschweifig und bei vieler Wärme ohne Anmuth.“ Eine Aufzählung seiner zahlreichen Schriften und Schriftchen, die auch vielfach locale Angelegenheiten aller Art betrafen, kann hier unterbleiben; eine vollständige Sammlung derselben dürfte nur die Frankfurter Stadtbibliothek besitzen. Nachdem auch Willemer’s zweite Ehe mit Frl. Chiron durch deren Tod gelöst war, verbrachte er die Sommerszeit auf der von ihm gepachteten Gerbermühle bei Oberrad und zog sich nach und nach aus seinem Geschäfte zurück, doch erscheint er noch 1815 als Chef seiner bald darauf eingegangenen Firma. 1800 wurde er in die Oberdirection des Frankfurter Nationaltheaters gewählt und beschäftigte sich jetzt viel, auch litterarisch, mit Theaterfragen; zur gleichen Zeit nahm er die jugendliche Marianne Jung (s. u.) in sein Haus auf, um sie den verderblichen Einflüssen der Bühne zu entziehen; erst am 27. September 1814 führte er sie als dritte Frau heim. In den Jahren 1814 und 1815 trat Goethe in nähere persönliche Beziehungen zur Familie Willemer. Schon bei ihrem Aufenthalte in Frankfurt 1797 hatten Goethe und Christiane Vulpius viel mit Willemer’s verkehrt, 1805 und 1808 hatte auch der junge August dort freundliche Aufnahme gefunden und Christiane hatte sich 1808 bei der Uebernahme des Nachlasses der verstorbenen Frau Rath der Unterstützung des geschäftskundigen Freundes bedient; Goethe’s Dankbrief dafür vom 5. December 1808 ist das erste schriftliche Denkmal der Freundschaft des Dichters, der W. darin mit „theurer alter Freund“ anredet. Der Aufenthalt Goethe’s am Rhein und Main 1814 und 1815 bildet den Höhepunkt der Freundschaft beider Männer: in dem gastfreien Hause Willemer’s in der Stadt und auf dessen Landsitz Gerbermühle verlebte Goethe in anregender und bedeutender Gesellschaft die schönsten Stunden, die ihn der lange vernachlässigten Vaterstadt wieder näher brachten. Sie haben ihre poetische Verklärung in dem Westöstlichen Divan gefunden, dessen Werden mit Goethe’s Aufenthalte auf der Gerbermühle und seinem Verkehre mit Willemer’s Gattin Marianne enge verbunden ist. Beider Beziehungen zu Goethe endeten erst mit dessen Tod, wenn auch W. den Dichter nur noch einmal und Marianne ihn nicht mehr gesehen haben. Nach den Befreiungskriegen, an denen auch ein Sohn Willemer’s als Freiwilliger theilnahm, wendete dieser sich wieder der Schriftstellerei auf localem und politischen Gebiete zu; in freisinniger Weise trat er für die politische Neugestaltung Deutschlands und Frankfurts ein, für erstere etwa im Sinne von Görres, für letztere auf Seiten der bürgerlichen Anschauung gegen die Ansprüche des reichsstädtischen Patriciates kämpfend. Trotz seiner vielfach angegriffenen politischen Haltung erhielt W. 1816 vom Kaiser von Oesterreich den Adel. Er starb am 19. October 1838. Sein einziger Sohn Abraham (Brammy), geboren 1794, trat nach dem Kriege in preußische Militärdienste und fiel am 19. Juni 1819 im Zweikampf; von den drei Töchtern der ersten Ehe ist die älteste, Rosette, die bedeutendste; vgl. über sie A. D. B. XXXVIII, 92. – Willemer’s dritte Gattin Marianne war als Maria Anna Katharina Therese Jung am 20. November 1784 in Linz a. d. Donau geboren; ihr Vater war ein Instrumentenmacher. Schon in früher Jugend brachte sie der Balletmeister Traub zur Bühne; mit dessen Truppe kam sie 1798 nach Frankfurt und spielte auf dem dortigen Nationaltheater kleine Rollen. Als Mitglied der Theaterdirection wurde W. auf sie aufmerksam, nahm sie 1800 in seine Familie auf und ließ sie mit seinen Töchtern erziehen. Aus dieser Zeit stammt auch ihre Bekanntschaft mit Clemens Brentano; eine innige, aber von keiner Seite erklärte Zuneigung verband die beiden jugendlichen Herzen, die später bei aller Verschiedenheit der Naturen in eine warme Freundschaft ausklang. Als Tochter [267] des Hauses lebte Marianne in Willemer’s Familie, bis sie 1814 dessen dritte Gattin wurde. Ihre Vermählung fällt in den ersten Aufenthalt Goethe’s in der Familie Willemer. Wie die junge Frau in Liebe und Verehrung sich dem Dichtergreis zuwendete, wie sie ihre schöne poetische Gabe in den Dienst des Freundes als Mitarbeiterin am Westöstlichen Divan stellte, ist seit Herman Grimm’s 1869 erfolgter Veröffentlichung und besonders aus Th. Creizenach’s trefflichem Buche allgemein bekannt. Ihr reger Briefwechsel mit Goethe endete erst wenige Wochen vor des Dichters Tode. Von ihren Beziehungen zu Goethe hat sie bis zu ihrem Lebensende nur wenig und mit echtem Zartgefühl, von ihrer Betheiligung am Divan fast gar nicht gesprochen. Hochverehrt von ihren Angehörigen und Freunden, vielgefeiert als sinnige Gelegenheitsdichterin überlebte sie den Gatten noch 22 Jahre und starb am 6. Decbr. 1860 in Frankfurt a. M.

Vgl. Creizenach, Briefwechsel zwischen Goethe und Marianne von Willemer (Suleika). 2. Aufl., Stuttgart 1878.