ADB:Karl (Landgraf von Hessen-Kassel)

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Artikel „Karl, Landgraf von Hessen-Kassel“ von Theodor Ilgen in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 292–296, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Karl_(Landgraf_von_Hessen-Kassel)&oldid=- (Version vom 23. Mai 2019, 23:53 Uhr UTC)
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Karl, Landgraf von Hessen-Kassel, zweitältester Sohn Landgraf Wilhelm VI. und der Hedwig Sophie, der Schwester des großen Kurfürsten, war am 3. August st. v. 1654 zu Kassel geboren, † 1730. Seine wie seiner Brüder Erziehung beaufsichtigte die Mutter gewissenhaft; bei der Auswahl der Lehrer ihrer Kinder hielt sie in erster Linie darauf, daß diese dem streng reformirten Bekenntniß zugethan waren. Der frühzeitige Tod seines älteren Bruders Wilhelm († am 21. November 1670 zu Paris) brachte K. die Anwartschaft auf die Landesregierung, die ihm jedoch seine Mutter, obwol er 1670 ausdrücklich als Nachfolger Wilhelm VII. anerkannt war, auch nachdem er am 3. August 1672 das 18. Lebensjahr erreicht hatte, entgegen dem kaiserlichen Majorennitätsprivilegium und dem Testamente Landgraf Wilhelm VI. einstweilen noch vorenthielt. Auf der Landgräfin ausdrücklichen Wunsch vermählte er sich 1673 mit der Braut seines verstorbenen Bruders, Marie Amalie, Tochter des Herzogs Jacob von Kurland, obgleich diese Verbindung dem kanonischen Rechte zuwider lief. Weniger Gewissensbisse hierüber als vielmehr der Umstand, daß er dauernd in völliger Abhängigkeit von seiner Mutter und deren Bruder gehalten wurde, die auch seinem lebhaften Wunsch, das Ausland zu bereisen, entgegentraten (eine Reise an den dänischen Hof zum Besuch seiner Schwester Charlotte Amalie, der Gemahlin König Christian V., unternahm er 1671 in Begleitung Hedwig Sophiens), versenkte ihn in eine schwermüthige Stimmung, die ihn erst verließ, als es ihm gelang in offener Auflehnung gegen das bisherige Bevormundungssystem sich zugleich dem brandenburgischen Einfluß zeitweilig zu entziehen. Als nämlich 1676 Kurfürst Friedrich Wilhelm 6000 Mann in Hessen in die Winterquartiere zu legen sich anschickte und alle Versuche Hedwig Sophiens, diese Last von dem Lande abzuwenden, vergeblich geblieben waren, da erklärte sich plötzlich K. in mannhaftem Entschluß, wie es scheint, wesentlich auf Anstiften des Grafen Chavagnac, der den jungen Landgrafen für Oesterreich zu gewinnen den geheimen Auftrag hatte, zum Mitregenten und Kriegsfürsten, bot die hessische Ritterschaft und Landmiliz auf und zog einen Grenzcordon von der Weser der Werra entlang, um das Einrücken der Brandenburger nöthigenfalls mit Gewalt abzuwehren. Dafür ratificirte der Kaiser den mit dem Abgesandten des Herzogs von Lothringen, dem Grafen von Mansfeld, am 8. Juli 1676 geschlossenen Vergleich, wonach Hessen-Kassel gegen Verstärkung der Reichstruppen vor Philippsburg fürderhin von aller Einquartierung befreit sein sollte. Am 8. August 1677 erfolgte dann endlich die feierliche Abdication der Regentin und die Uebernahme der Regierung durch K., wobei dieser trotz der eindringlichen Vorstellungen seiner Mutter in der Dankrede es unterließ, die Bitte um ihren ferneren Beistand und Rath vorzutragen. Der Regierungsantritt Karls hatte aber doch nicht die durchgreifende Aenderung in der bisherigen Politik Hessen-Kassels zur Folge, die man nach den obigen Vorgängen hätte erwarten sollen. Gleichheit der Religion und der Interessen und die nahen Familienbeziehungen (Hedwig Sophie betrieb überdies damals die Verbindung der Schwester Karls, Elisabeth Henriette, mit dem Kurprinzen von Brandenburg, die 1679 vollzogen wurde) ließen eine dauernde [293] Entfremdung vom Hause Hohenzollern nicht aufkommen. – Die vornehmste Sorge des Landgrafen war sich ein stets kriegsbereites Heer zu schaffen, für dessen Unterhaltung er während seiner langjährigen Regierung die schwersten Opfer brachte, nicht ohne dabei einen ziemlichen Luxus in der Ausrüstung seiner Truppen zu entfalten. An deren Spitze berief er den in der Schule Wilhelm III. von Oranien gebildeten Grafen August von Lippe. 1682 vereinigte sich K. mit dem fränkischen und oberrheinischen Kreis zur Wiedereroberung von Straßburg und ließ es sich aufs eifrigste angelegen sein auch den Herzog Ernst August von Braunschweig-Hannover zum Anschluß an diesen Bund zu bewegen, um ihn so dem französischen Einfluß zu entziehen. Auch Kaiser Leopold II.[WS 1] war demselben beigetreten; als jedoch Wien von den Türken umlagert wurde, zog er es doch vor zunächst diese Stadt zu retten, zu deren Befreiung auch K. in Person herbeieilte, aber erst eintraf, als die Entscheidung bereits gefallen war. Der Streit wegen Besetzung des Kölner Erzbisthums veranlaßte dann 1688 den Wiederausbruch der Feindseligkeiten mit Frankreich. Bereits im Juli dieses Jahres vereinbarten Brandenburg und Hessen-Kassel bei einem Besuche des Landgrafen in Berlin am Hofe Friedrich III. im Hinblick auf die Uebergriffe Ludwig XIV. und die grausamen Verfolgungen der Reformirten ein immerwährendes Bündniß zu gemeinsamer Abwehr, dem sich auch Wilhelm von Oranien anschloß. Ludwig XIV. ergriff die Initiative, es erfolgte die furchtbare Verheerung der Pfalz. K. erschien zum Schutz der unglücklichen Lande, wehrte die Angriffe der Franzosen auf Coblenz und Frankfurt ab und half 1689 bei der Wiedereroberung von Mainz und Bonn; 1691 eilte er auf die Aufforderung des Königs von England zum Entsatz von Lüttich herbei. Im Januar 1693 zwang er die Franzosen zur Aufhebung der Belagerung von Rheinfels, das der hessische Generalmajor v. Görtz mit 3000 Mann tapfer gegen die Uebermacht Tallard’s vertheidigt hatte. Wegen Abtretung dieser Festung unterhandelte K. damals mit Landgraf Ernst von Hessen-Rotenburg; doch dieser starb 1693 und sein Sohn und Nachfolger widersetzte sich der Herausgabe aufs entschiedenste. Und selbst das Besatzungsrecht derselben wurde dem Landgrafen im Ryswicker Frieden abgesprochen, der für die Gesammtheit der Protestanten ebenso demüthigend war, wie ehedem der Friede zu Nymwegen für Brandenburg. Man begreift es daher, daß K. 1699 das Anerbieten einer Allianz mit Ludwig XIV. im Hinblick auf die Verwickelungen, die das Aussterben des spanischen Königshauses hervorrufen würde, nicht ohne Weiteres von der Hand wies; doch wollte er sich dem französischen Gesandten gegenüber in keiner Weise binden, bevor er sich nicht mit dem Kurfürsten von Brandenburg ins Einvernehmen gesetzt hatte. Am 5. December 1699 trat er unter dem Namen eines Reichsgrafen von Solms seine italienische Reise an, die er bis nach Neapel ausdehnte und auf der er nichts versäumte, um soviel als möglich von den Kunstschätzen und Sehenswürdigkeiten Italiens kennen zu lernen (s. die officielle Reisebeschreibung des Joh. Balthasar Klaute). Während der viermonatlichen Abwesenheit Karls hatte Erbprinz Friedrich die Regierung geführt. – Beim Beginn des spanischen Erbfolgekrieges schloß der Landgraf 1701 einen Subsidienvertrag mit Holland und England. An dem zunächst am Rhein gegen Frankreich ausbrechenden Krieg nahm er nebst seinen Söhnen persönlich Theil, besetzte sofort Rheinfels und eroberte 1702 Andernach. Im weiteren Verlauf des Krieges kämpften die hessischen Truppen vornehmlich unter Führung des Erbprinzen, der bei den Siegen Eugens und Marlborough’s mehrfach bedeutend mitwirkte. 1708 erschien K. noch einmal zur Belagerung von Lille und kehrte erst nach deren erfolgreicher Beendigung nach Kassel zurück. Indessen alle Opfer – auch drei Söhnen des Landgrafen, Karl, Leopold und Ludwig kostete dieser Krieg das Leben – waren vergeblich; im Frieden zu Utrecht war dem [294] Landgrafen der Besitz von Rheinfels, namentlich auch auf die Fürsprache Ludwig XIV. hin, zugestanden, vom Kaiser aber unterstützt gelang es Hessen-Rotenburg dessen Auslieferung später wieder durchzusetzen, obwol K. in der Zwischenzeit auf die Neubefestigung dieses Platzes nicht unbedeutende Summen verwendet hatte. – In dem nordischen Krieg suchte der Landgraf zwischen Karl XII. und Friedrich I. von Preußen zu vermitteln, seine Bemühungen hatten indeß wenig Erfolg. Auch die Zustimmung Karls XII. zur Vermählung von dessen Schwester mit dem Erbprinzen Friedrich erhielt er erst nach langen Verhandlungen 1714 gegen das Angebot eines hessischen Hülfscorps von 6000 Mann. Karls zweitgeborene Tochter, Marie Louise, war seit 1709 an Johann Wilhelm Friso, den Erben Wilhelm III. von Oranien verheirathet; als dieser 1711 starb, übernahm der Großvater für seinen nachgeborenen Enkel, den späteren Wilhelm IV. die Vormundschaft und Regentschaft in den nassau-dietzischen Landen. 1726 trat K. der sogenannten hannöverschen Allianz bei und ging zugleich mit England einen Subsidienvertrag ein. Das hinderte aber den damals altersschwachen Landgrafen nicht trotz der Abmahnungen einzelner Räthe 1727 durch den Prinzen Eugen auch dem Kaiser zwei Regimenter anbieten zu lassen, die jedoch von diesem begreiflicher Weise zurückgewiesen wurden. Uebrigens kann man Karls patriotischen Eifer in den vorausgehenden Kämpfen nicht genug würdigen. Stets war er zur Vertheidigung des Reiches bereit, sobald dessen Grenzen von Feinden bedroht wurden, und trotzdem er sich mehr als einmal bitter darüber beklagte, daß die unbeständige und zögernde Wiener Politik eigentlich jedes erfolgreiche Handeln unmöglich mache, trotzdem man alle seine Anstrengungen von Seiten des kaiserlichen Hofes mit Undank lohnte, war er immer wieder mit seinen wohlgerüsteten Truppen der erste im Felde. Höher als des Reiches Interesse stand ihm freilich noch der Schutz des Protestantismus und er scheute zu diesem Zwecke selbst eine Verbindung mit Ludwig XIV. nicht. – 1724 erwarb K. von Kursachsen die Anwartschaft auf die hanauischen Reichslehen und bereitete zu gleicher Zeit alles vor, um sofort nach des letzten Grafen von Hanau Ableben zu Folge älteren Successionsverträgen von dessen Verlassenschaft Besitz zu ergreifen. – Die Hebung des Wohlstandes seines Landes lag ihm sehr am Herzen. Um demselben neue Hülfsmittel an Kapital und Arbeitskraft zuzuführen, gewährte er den durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes vertriebenen Hugenotten unter den günstigsten Bedingungen Aufnahme in Hessen; Karlsdorf und Mariendorf sind dem Fürstenpaar zu Ehren benannte französische Colonien. Verschiedene segensreiche Einrichtungen traf er, um Handel und Verkehr zu beleben: 1679 erließ er eine Münzordnung; 1710 ernannte er eine Commerzkammer, die die Ausführung der Produkte und Erzeugnisse des Landes fördern und überwachen sollte; 1720 gründete er eine Commerzienbank. Viel that er zur Sicherung und Regelung des Postwesens. Besonders ließ er sich die Verbesserung der Straßen angelegen sein, bei welchen Arbeiten der spätere russische Generalfeldmarschall von Münnich hervorragend thätig gewesen ist. In den Jahren 1699–1706 erfolgte die Anlage eines Hafens an der Weser (Sieburg, später Karlshafen genannt). Diesen beabsichtigte K. durch einen Kanal mit Kassel zu verbinden, der von da weiter zur Lahn geführt werden sollte. Indessen nur die Schiffbarmachung der Diemel, wobei man übrigens auf ein Projekt des Landgrafen Moritz zurückgriff, und der Kanal von Stammen bis Schöneberg gelangten zur Ausführung. Karls Bauthätigkeit ist überhaupt eine sehr bedeutende. Die Oberneustadt in Kassel, zu der der Franzose du Ry den Plan entwarf, verdankt ihm ihre Entstehung. Das großartigste Denkmal aber hat er sich in den Anlagen auf dem Karlsberg (Wilhelmshöhe) geschaffen, so wenig man auch sagen kann, daß in dem von dem Italiener Guerneri ausgeführten Riesenbau der [295] Cascaden und des Octogon mit der Statue des farnesischen Herkules irgend eine künstlerische Idee zum Ausdruck gekommen wäre. Karls empfänglicher Sinn für die Natur giebt sich auch in der bereits früher begonnenen Anlage der Karlsaue kund, die er aus sumpfigen Niederungen mit Hülfe seiner Soldaten erschuf; mit ihr ward das Orangerieschloß und das reich mit Statuen und Sculpturen von der Hand des Bildhauers Monnot ausgestattete Marmorbad verbunden. Ein hervorragendes Interesse zeigte K. für Kunstgegenstände und Curiositäten aller Art. Nicht nur daß er von seiner italienischen Reise eine reiche Sammlung von antiken und modernen Gemmen und Münzen, Karten, physikalischen und astronomischen Instrumenten mitbrachte, die in dem von ihm erbauten Kunsthause Aufstellung fand, eine Reihe von nennenswerthen Malern, so die Familie Roos, haben in seinen Diensten gewirkt, eine Edelsteinschleiferei wurde von ihm in Kassel eingerichtet, Bildhauerei (Karls Bildsäule in Kassel von B. Eggers 1686 zu Rom vollendet) und Bildgießerei förderte er in jeder Weise. Er war selbst musikalisch (spielte die Viola di Gamba) und verausgabte für die Unterhaltung einer tüchtigen Musikcapelle und guter Sänger und Sängerinnen für seine kirchlichen Concerte und Singspiele nicht unbedeutende Summen. Hauptsächlich seine entschiedene Vorliebe für mathematisch-physikalische Untersuchungen und Experimente trug ihm den Beinamen eines „curieusen“ Herren ein. 1688 berief er den Franzosen Denis Papin als Professor der Mathematik nach Marburg und hat ihn nahezu 20 Jahre in seinen Diensten zu halten gewußt. Seit 1695 in Kassel thätig, hat Papin hier unter den Augen des Landgrafen und von ihm nach Kräften unterstützt, eine Reihe der epochemachendsten Versuche durchgeführt, die in erster Linie die praktische Verwendung der Dampfkraft zum Zwecke hatten. Ebenfalls als Professor der Mathematik wirkte später auch in Marburg Christian Wolff, dem K., weniger in religiösen Vorurtheilen befangen als sein königlicher Schwager, bereitwillig in seinem Lande eine Zufluchtsstätte gewährte. Als Vorbereitungsanstalt für die Universität gründete der Landgraf 1709 in Kassel das Collegium Carolinum. – Am 14. August 1727, auf welchen Tag nach Einführung des neuen Kalenders auch Karls Geburtstag fiel, fand die Feier seines fünfzigjährigen Regierungsjubiläums und zugleich die zweite Säcularfeier der Universität Marburg statt. Seitdem nahmen seine Körper- und Geisteskräfte zusehends ab, so daß er der Last der Regierungsgeschäfte nicht mehr gewachsen war. Aber er konnte sich doch nicht entschließen, die Regentschaft, – was einst Landgraf Moritz über sich vermocht hatte, mit dem K. in anderer Beziehung manche Aehnlichkeit hat, – seinem Sohne Wilhelm zu übertragen. Am 23. März 1730 machte endlich der Tod seinen Leiden ein Ende. – K. war von schlanker, doch ebenmäßiger Gestalt, hatte eine längliche wohlgebildete Nase, scharfe Gesichtszüge und lebhafte Augen. In seiner Jugend kränkelte er häufig und litt namentlich an Ausschlag an Kopf und Oberlippe. Mit den Jahren kräftigte sich jedoch bei seiner mäßigen Lebensweise seine Gesundheit mehr und mehr, so daß er selbst die Beschwerden des Krieges ohne Nachtheil ertragen konnte; dem Vergnügen der Jagd folgte er gern und, wie sein aus dem Jahre 1687 erhaltenes Tagebuch ausweist, häufig. K. hatte einen lebhaften Geist und war, wie sein vielseitiges Interesse für Kunst und Wissenschaft zeigt, nicht ohne Anlagen. An dem Knaben tadelte die Mutter gelegentlich dessen allzu wildes und ungestümes Wesen. Das Andenken der ausnehmenden Leutseligkeit des späteren Regenten erhielt sich noch lange in einzelnen Volkstraditionen. Mit seiner Gemahlin, die ihm 15 Kinder, 10 Söhne und 5 Töchter schenkte, lebte K. 38 Jahre in glücklicher Ehe. Erst nach deren Tode knüpfte er das Verhältniß zur Gräfin Bernhold an, die ihm eine Tochter gebar. In [296] seinen letzten Lebensjahren übte die Marquise de Langallerie einen wenig günstigen Einfluß auf ihn aus.

Marburger Staatsarchiv. Rommel, Geschichte von Hessen X. Ungewitter, Leichsermon bei Karls Tod.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. gemeint ist offenbar Leopold I.