ADB:Kerver, Thielman

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Artikel „Keruer, Thielemann“ von Jakob Franck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 651–653, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kerver,_Thielman&oldid=- (Version vom 7. Dezember 2019, 00:10 Uhr UTC)
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Keruer: Thielemann K. (Kerver), deutscher Buchdrucker und Buchhändler zu Paris zu Ende des 15. und im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts. Seiner Heimath nach war er ein Niederländer, doch hat sich sowol der Ort als die Zeit seiner Geburt bis jetzt nicht ermitteln lassen und auch von seinem äußeren Leben ist nur wenig bekannt. Anfänglich bediente er sich als Buchhändler der Presse des Jean Philippe, aber er beeilte sich selbst Buchdrucker zu werden und seit Ende des Jahres 1497 druckte er auf Rechnung des Jean Richard v. Rouen und für die des Pierre Regnault v. Caen. Um diese Zeit hatte er seine Officin auf der Brücke Saint-Michel „in pellicano vici sancti Jacobi et in unicorne in port. sancti Michaelis“ mit dem Zeichen zum Einhorn (Licorne). Drei Jahre später trat er seinen Buchladen mit dessen Insigne an den Buchhändler Gillet Remacle ab, für den er auch 1500–1503 mehrere Bücher druckte. Im J. 1506 finden wir ihn in der Straße Saint-Jacques „ad intersignium Craticulae“ und bereits 1502 bezeichnet er sich als „imprimeur et libraire juré de l’université de Paris“ und 1520 als „universitatis parisianae librarius juratus in vico sancti Jacobi ad signum unicornis commorans“; doch bediente er sich zuweilen (Serapeum 1841, 237) auch anderer Buchdruckerzeichen, so 1507 eines Eichbaums mit zwei Eichhörnern und im Schilde T. K., vgl. auch G. C. Lisch, Jahrb. für mecklenburg. Gesch. IV, 61 und Roth-Scholtz, Insignia Nr. 115. Zwei Jahre später (1522) starb er. Verheirathet war er mit Jolande, der Tochter des Pariser Buchhändlers Bonhomme. K. hatte mehrere Söhne, die unter der Wittwe nach seinem Tode das Geschäft fortsetzten und fortfuhren besonders liturgische Bücher in allen Formaten herzustellen. Am Schlusse eines Horae-Buches vom J. 1531 zeigt sich die Wittwe mit den Worten an: „Exaratae quidem Parisis (sic) opera et suspensis Yolandi Bonhomme viduae spectabilis viri Thielmanni Keruer in vico sancti Jacobi 1531, X. Januarii“. Die Wittwe selbst starb um das Jahr 1552 oder wenig später, und es folgten ihr Jakob K. „échevin“, ebenfalls zu Paris, welcher bereits 1545 eine Ausgabe von Philander’s Commentar zum Vitruvius und 1546 des Johann Martinus’ Uebersetzung des „Songe de Poliphile“ gedruckt hatte; im J. 1553 ließ er unter Anderem erscheinen die Uebersetzung von „Traité d’Architecture de Leon Baptiste [652] Alberti“ durch Jean Merlin. Ein zweiter Sohn Thielemann’s, desselben Namens, druckte 1551 das Neue Testament lateinisch, mit Holzschnitten „apud Jolandam Bonhomme sub unicorni in via Jacobea“, und ein weiterer Sohn scheint der Buchhändler Paul K. gewesen zu sein, für welchen unter Anderem auch eine Uebersetzung des eben erwähnten „Songe“ von Jean Leblanc gedruckt wurde. – K. beschäftigte sich vorzüglich und fast ausschließlich mit dem Drucke von französischen Gebetbüchern oder Horarien. Diese Gebetbücher („Heures“, lat. Horae) gingen seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts von mehreren Städten Frankreichs, vorzüglich aber von Paris in außerordentlich großer Menge aus, und sie waren zum Theil höchst glänzend und meist auch auf Pergament gedruckt. Den meisten Ausgaben sind außerdem nicht nur die mannigfaltigsten Randverzierungen (Arabesken), sondern auch große, ganze Seiten einnehmende Bilder beigegeben. Jenen Randverzierungen gesellte sich sehr bald (seit 1488) die beliebte Danse Macabre bei und zwar meist gleich Frauen- wie Männerreigen, während erst 1499 beide vereint als „la grant Dance Macabre“ erscheinen. Dagegen enthalten eine sehr große Anzahl bisher bekannt gewordener Ausgaben dieser Heures den sogenannten Todtentanz in Randbildern nicht (Maßmann, Litteratur d. Todtentänze, im Serapeum 1840, 212; vgl. auch „Der Dresdener Todtentanz“ in d. Zeitschrift „Gartenlaube“ 1881, 163–166). Unter den Pariser Druckerherrn oder Herausgebern dieser Gebetbücher zeichnete sich dann neben Simon Vostre (1484–1520), Philippe Pigouchet (1484–1502) und Antoine Verard (1485–1514; Bulletin du Bibliophile belge XV, 135) Thielemann K. ganz besonders aus. Die Zahl der durch ihn sowie seine Erben edirten Horae mit Todtentänzen beläuft sich von 1505–1531 auf zwölf, und eine der ersten ist betitelt (mit Auflösung der Abbreviaturen): „Horae divinae virginis Mariae … una cum fig. apocalipsis …“, am Schluß: „Venaleque est supra montem sancti Michaelis intersignio Unicornis“. Auch in Deutschland wurden solche Horarien sehr frühe, jedoch nur in niederdeutscher Sprache, unter dem Titel „Gezeiten“ hergestellt, und ein solches druckten unter Anderem Ravenstein und Westphal zu Magdeburg o. J. (wahrscheinlich 1483 oder 1484) in klein Octav, fast Duodez. Horarien aber in oberdeutscher Sprache aus Officinen des 15. Jahrhunderts sind mir nicht bekannt, wol aber solche aus niederländischer, und zu Delft, Leyden, Gouda und Antwerpen sind solche schon im 15. Jahrhundert zum wenigsten zwölf gedruckt worden. Dagegen wurden diese Gezeitenbücher handschriftlich im 15. Jahrhundert in sehr erheblicher Zahl hergestellt und man findet solche auf allen größeren Bibliotheken. Sie haben fast immer ein kleines Format, weil sie namentlich für Frauen bestimmt waren und nicht selten findet man die Namen von Frauen eingeschrieben. Was den Gebrauch der deutschen Horarien anlangt, so scheint es, als ob sie nicht blos bei der Privaterbauung, sondern auch beim öffentlichen Gottesdienste gedient haben, denn darauf deuten wenigstens die Wachstropfen, welche man nicht blos in gedruckten, sondern auch in handschriftlichen Exemplaren bemerkt. Von anderweitigen Druckerzeugnissen des Th. K. sind zu erwähnen „Philippi Beroaldi libellus de optimo statu“, 1500, 4° und des Jodocus Badius Ascensius „Navicula stultarum virginum“, welches 1502 auch bei Prüß in Straßburg und 1508 französisch bei Geoffroy de Marne zu Paris herauskam; über Badius vgl. Fabricius, Bibl. lat. med. et inf. aet. IV, 505–506 und Flögel, Kom. Litt. III, 556 ff. Mit K. ist schließlich nicht zu verwechseln der straßburgische Drucker Kerner, Conrad, aus dessen Presse (Weller, Repert., S. 467) 1517 mehrere Bücher hervorgingen.

Chevallier, l’Origine de l’impr. de Paris p. 111, 374. La Caille, Hist. de l’imprim., 1689. Polepi Exercitationes Vitruvianae, S. 49. La Croix du Maine, Bibl. franç., 1772. Weller, Altes aus allen Theilen der [653] Geschichte, S. 238–43. Brunet, Nouvelles Recherches bibl. T. III, 459 bis 462, 476–77. Hain 7757–58, 7761–70. Bulletin du Biblioph. belge XV, 379–84.