ADB:Kummer

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Artikel „Kummer, Johann Gottfried“ von Moritz Fürstenau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 368–371, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kummer&oldid=- (Version vom 12. November 2019, 19:12 Uhr UTC)
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Kummer: Johann Gottfried K., der Vater und Großvater einer großen Familie von ausgezeichneten Musikern, geb. am 5. Novbr. 1730 zu Krummenhennersdorf bei Freiberg, wo sein Vater als Bergmann lebte, war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kurfürstl. Jagdhautboist in Dresden. Er starb am 17. März 1812 und hinterließ drei Söhne, welche sämmtlich Musiker geworden waren.

Karl Gottfried Salomon K., der älteste der drei Söhne, war den 16. Septbr. 1766 in Dresden geboren, kam 1785 zur kurfürstl. Leibgrenadiergardemusik und 1791 als Fagottist in die kurfürstl. Kapelle. Später ging er zum Contrabaß über, ward 1831 pensionirt und starb 1850.

Friedrich August K., der zweite Sohn, geb. den 7. Septbr. 1770 zu Dresden, kam 1789 als Oboist in die Kapelle zu Meiningen und 1797 in gleicher Eigenschaft in die kurfürstl. sächsische Kapelle. Seit 1831 pensionirt, starb er den 22. Juni 1849 in Dresden.

[369] Friedrich August K., der älteste Sohn des Vorigen, ward am 5. August 1797 in Meiningen geboren. Durch die Berufung des Vaters in die kurfürstl. sächsische Kapelle kam er schon als zartes Kind nach Dresden, wo sich zeitig sein reiches musikalisches Talent, unterstützt durch trefflichen Unterricht, entwickelte. Als Hauptinstrument wählte er das Violoncell, auf dem ihn zuletzt der berühmte Justus Friedrich Dotzauer (seit 1811 in der Kapelle angestellt) unterwies. Schon im J. 1813 spielte der junge K. übungsweise die Recitativproben der italienischen Oper mit, wodurch sein sehnlicher Wunsch, in die Kapelle zu kommen, nur erhöht ward; doch war gerade damals keine Stelle beim Violoncell vacant, weshalb ihm der Kapellmeister Morlachi rieth, die Oboe zu erlernen, da bei diesem Instrumente eine Stelle zu besetzen war. Der junge talentvolle und strebsame Künstler folgte mit Eifer diesem Rathe und brachte es bald so weit auf dem neuerwählten Instrumente, daß er durch Rescript des damaligen Generalgouvernements von Sachsen an die Administrationscommission des königl. Theaters d. d. Dresden, 18. Nov. 1814 als Oboist in der königl. Kapelle mit 200 Thlrn. Gehalt angestellt ward. Als sein College, der Violoncellist Karl Wilhelm Höckner (namentlich als geschickter Medailleur bekannt), starb, ging K., hauptsächlich auf Veranlassung Karl Maria v. Weber’s, auch in der Kapelle zum Violoncell über und erhielt 1817 des Verstorbenen Stelle. Seit dieser Zeit schritt K. rasch und unermüdlich vorwärts und errang sich so einen Namen, der bald mit hoher Achtung in allen Musikkreisen genannt ward. Als Virtuos, Lehrer, Quartett- und Orchesterspieler, sowie als Componist für sein Instrument, zählte K. zu den berühmtesten Vertretern desselben. Mehr denn 163 Werke von ihm sind in Druck erschienen. Dazu kommen noch im Manuscript gegen 200 Entr’acte für das königl. Hoftheater, sowie eine Menge Concertstücke für Oboe, Clarinette, Fagott, Horn, Trompete etc. Kummer’s Spielweise charakterisirte sich zunächst durch einen wundervollen mächtigen Ton, frei von allem materiellen Beiklang, gleich in allen Lagen, von großer Wirkung, namentlich auf den tieferen Saiten, unterstützt durch eine tadellose Bogenführung. Im Besitze einer vorzüglichen Technik, ging er mit dieser über die Grenzen des Instrumentes nie hinaus: absolute Schönheit zeichnete sein Spiel aus. Es ist begreiflich, daß, ausgestattet mit solchen Vorzügen, Kummer’s Leistungen nicht nur als Solist, sondern auch als Quartett- und Orchesterspieler vorzüglich waren. Im Vereine mit den Concertmeistern Franz Schubert und Karl Lipinski hat der treffliche Künstler dem Dresdener Publicum den reichen Schatz der Quartett- und Quintettlitteratur zugänglich gemacht. Mit wahrhaft classischer Ruhe bildete er das Fundament dieser Musterleistungen, sich dem Ensemble eng anschmiegend, ohne jedoch alle subjective selbständige Auffassung aufzugeben. Auch als Lehrer hat K. die ehrenvollsten Resultate erzielt. Unter seinen Schülern zeichneten sich besonders aus die königl. sächsischen Kammermusiker Fritz Schubert (†) und Schlick (†), ferner Grabau in Leipzig, Metzner in Meiningen (†), d’Arien in Hamburg, Coßmann in Wiesbaden, Drechsler jun. in Edinburg (†), v. Lutzau in Riga, Suhr in Schwerin (†), Goltermann in Stuttgart (†), Hausmann in London, Poorten in Petersburg, Bellmann in Schwerin, Graf Flemming etc. – Im J. 1864 feierte K. sein 50jähriges Dienstjubiläum und wurde an diesem Tage durch Verleihung des Ritterkreuzes des Albrechtsordens ausgezeichnet; den Titel eines Kammervirtuosen hatte er bereits durch König Friedrich August IV. erhalten. Unmittelbar nach seinem Jubiläum trat K. in Pension und lebte seit der Zeit ruhig im Kreise seiner Familie, bis vor wenigen Jahren noch thätig als Lehrer am Conservatorium für Musik, mit regem Sinn theilnehmend an dem Dresdener Musikleben, namentlich an den Bestrebungen des [370] Tonkünstlervereins, dessen Ehrenvorstand er war. – Er starb am 22. Mai 1879.

Karl Gotthelf K., ein Bruder des Vorigen, geb. den 9. Decbr. 1799 zu Dresden, kam 1817 als Oboist, Schüler seines Vaters in die königl. Kapelle. Ein ausgezeichneter Künstler auf seinem Instrumente, trat er 1859 in Pension und starb den 9. April 1865.

Ferdinand Wilhelm K., jüngster Bruder des Kammervirtuosen F. A. K., geb. am 15. Oct. 1802 in Dresden, ein tüchtiger Violoncellist, kam 1820 in die königl. Kapelle, starb aber schon am 21. Juni 1834.

Gotthelf Heinrich K., der dritte Sohn Johann Gottfried Kummer’s, war am 23. Jan. 1774 zu Neustadt bei Dresden geboren, erlernte die Musik bei seinem Vater und übte sich vorzüglich auf dem Fagott, worauf er es in seinem 18. Jahre schon so weit gebracht hatte, daß er als erster Fagottist beim Hautboistencorps der kurfürstl. sächsischen Leibgrenadiergarde angestellt wurde. Im J. 1798 machte er seine erste Kunstreise und zwar nach Stockholm und Kopenhagen, wo er sich mit Erfolg hören ließ. Im J. 1809 bekam er einen Ruf als Fagottist in die kurfürstl. sächsische Kapelle und unternahm von da an wieder mehrere Kunstreisen, die ihm vielen Beifall einbrachten. K. besaß einen wohlverdienten Ruhm als Fagottist, er zeichnete sich durch schönen Ton, geschmackvollen Vortrag und Fertigkeit aus. Im J. 1842 feierte er sein 50jähriges Dienstjubiläum und trat zugleich in den Ruhestand. Er starb in Dresden am 28. Jan. 1857.

Heinrich K., einziger Sohn des Vorigen, wurde zu Dresden am 8. Nov. 1809 geboren und schon in der frühesten Jugend vom Vater im Klavierspiel unterrichtet, so daß er bereits im sechsten Jahre in einem Concert in Bischofswerda spielte. Im Frühjahr 1816 concertirten Vater und Sohn an den Höfen zu Berlin und Dresden; zwei Jahre später in München. Seit dieser Zeit wiederholten sich ein Jahr ums andere diese Kunstausflüge nach vielen Orten Deutschlands. Inzwischen hatte Karl Krägen in Dresden die weitere Ausbildung des strebsamen jungen Clavierspielers übernommen, auch wurde von letzterem keine Gelegenheit verabsäumt, von der vorübergehenden Anwesenheit berühmter Claviervirtuosen in Dresden, namentlich Hummel’s und Moscheles’, so viel als möglich zu profitiren. Auf Wunsch des Vaters hatte der Sohn auch das Fagottspiel erlernt, so daß er im J. 1827 bei der königl. Kapelle in Dresden als Accessist eintrat. Als indeß bis Anfang 1832 wegen Mangel einer offenen Stelle in der Kapelle keine feste Placirung möglich war, zog es der junge K. vor, einem Engagement als Clavierlehrer zu folgen und zwar beim Obersten v. Philippeus, damaligem Verwalter des Fürstenthums Lowitz in Polen. Nach zweijährigem Aufenthalte daselbst und mit vorzüglichen Empfehlungsbriefen reich versehen, ging er nach Petersburg, wo er sich bald Ruf erwarb, so daß er in den vornehmsten Häusern Eingang fand. Um sich eine Pension schon nach 10jährigen Diensten zu sichern, trat er 1837 als erster Fagottist in das kaiserl. Theaterorchester zu Petersburg ein. 1847 pensionirt, verließ er ein Jahr später diese Stadt, um sich in der Schweiz niederzulassen. Doch vermochte er nicht, sich dort heimisch zu fühlen, und so kehrte er 1851 für immer in seine Vaterstadt Dresden zurück, woselbst er noch eine Reihe von Jahren als Musiklehrer mit Erfolg wirkte.[1] – Außer zur Musik fühlte sich K. von frühester Jugend an auch zur Mechanik hingezogen. Bereits 1837 hatte er in Petersburg ein Project zu einer Hängebrücke über die Newa ausgearbeitet und durch den damaligen sächsischen Gesandten, Baron v. Lützerode, dem Kaiser überreicht; dieselbe sollte die Verbindung der Admiralitätstheile mit Wassili-Ostrow bewerkstelligen und zwar so, daß der Verkehr zu Wasser und zu Lande keinen Augenblick [371] unterbrochen würde. Wegen der großen Tiefe der Newa (12,5 Meter) an den projectirten Punkten machte er einen bis dahin noch nicht gehörten Vorschlag: zur Gründung des Kettenträgers inmitten der Newa einen hohlen Pfeiler von Eisen zu versenken und denselben auszubauen, ohne vom Wasser irgend behindert zu sein. Die Prüfungscommission mußte zwar die Art und Weise, wie der ununterbrochene Land- und Wasserverkehr zu bewerkstelligen sei, gut heißen, erklärte aber den vorgeschlagenen Pfeilerbau als unausführbar! Jahrelang beschäftigte ihn das Studium des Vogel- und Insectenfluges, wobei es ihm gelang, mehrere Automate derartig herzustellen, daß dieselben mit Hülfe einer Uhrfeder, ähnlich wie der Fisch im Wasser oder der Vogel in der Luft, sich ganz frei eine Strecke durch Flügelschläge vorwärts bewegen. Ebenso that sich K. durch die Erfindung eines sehr praktischen einfachen Recheninstrumentes hervor, welches er der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Petersburg zur Begutachtung vorlegte; dieses Gutachten fiel so günstig aus, daß dem Erfinder vom Manufacturdepartement ein zehnjähriges unentgeltliches Patent ertheilt wurde, – eine äußerst seltene Begünstigung. In weiteren Kreisen wurde K. auch als guter Schütze bekannt; er war es, der zuerst die Schweizer Schießkunst in Sachsen zur Geltung brachte. Durch sein vorzügliches Atelier begünstigt, hat er die meisten seiner Gewehre eigenhändig angefertigt, mit welchen er gar manchen Ehrenpreis in Frankfurt, Bremen, Wien etc. errang.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. Kummer, Heinr. XVII 370 Z. 6 v. u. l.: Er starb am 20. März 1880 in Dresden. [Bd. 56, S. 397]