ADB:Leonhard, Karl Cäsar von

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Artikel „Leonhard, Karl Caesar von“ von Wilhelm von Gümbel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 308–311, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Leonhard,_Karl_C%C3%A4sar_von&oldid=- (Version vom 21. April 2019, 18:31 Uhr UTC)
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Band 18 (1883), S. 308–311 (Quelle).
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Leonhard: Karl Caesar v. L., berühmter Mineralog und Geognost, geb. am 12. Sept. 1779 zu Rumpenheim bei Hanau, † am 23. Jan. 1862 in Heidelberg. Frühzeitig seiner Eltern beraubt erhielt L. in seiner ersten Jugend eine nur lückenhafte Bildung, die er jedoch später bei seiner reichen geistigen Begabung und großen Strebsamkeit soweit zu vervollständigen wußte, daß er bereits in seinem 18. Lebensjahre zuerst die Universität Marburg, später Göttingen beziehen konnte, um innerem Drange folgend sich cameralistischen Studien zu widmen. In Göttingen waren es besonders Blumenbach’s geistreiche Vorträge über Mineralogie, welche in dem an sich leicht erregten jungen Studenten die Liebe zu dieser Wissenschaft anfachten und schon damals denselben aneiferten, eine Mineraliensammlung anzulegen, welche gleichsam den Grundstock zu Leonhard’s später höchst beträchtlichen Sammlung lieferte. Eine frühzeitige Verheirathung hielt ihn von der Ausführung seines Vorhabens ab, auch noch Freiberg zur weiteren Ausbildung zu besuchen; er nahm vielmehr eine Assessors-Stelle bei der Landsteuer-Direction in Hanau an, entsagte damit jedoch keineswegs der tiefgewurzelten Neigung zur mineralogischen Wissenschaft. Um das in Freiberg Versäumte nachzuholen, suchte L. sich nunmehr durch vielseitigen brieflichen Verkehr mit gelehrten Mineralogen, wie Werner, Voigt, v. Buch, Goethe u. A. und durch Selbststudium zu belehren und fortzubilden. So konnte er schon 1805 mit einer damals mit Anerkennung aufgenommenen Schrift: „Handbuch der allgemeinen topographischen Mineralogie“ 1805–1810 vor die Oeffentlichkeit treten, nachdem er seit 1803 zahlreiche Reisen nach Thüringen und Sachsen ausgeführt und fleißig Mineralien eingesammelt hatte. Damals stellte sich L. in dem heftig entbrannten Streit über Neptunismus und Vulkanismus gegen Voigt auf die Seite Werner’s, dessen Ruhm noch in stetem Wachsen war. Selbst die inzwischen eingetretenen politischen Unruhen und Kriege verhinderten nicht, daß L. seine mineralogischen Reisen eifrigst jetzt in die österreichischen Alpen und ins Salzkammergut fortsetzte. Bei dieser Gelegenheit knüpfte er persönliche Beziehungen mit dem berühmten Wiener Mineralogen Mohs und mit v. Moll in München an. Schon 1806 war ein gemeinschaftlich mit K. F. Merz und H. Kopp verfaßtes, sehr fleißig ausgearbeitetes Werk: „Systematisch [309] tabellarische Uebersicht und Charakteristik der Mineralien“ seiner ersten Publication gefolgt und mit dem Jahre 1807 schuf L. in dem „Taschenbuch für die gesammte Mineralogie“, das bis 1829 fortgesetzt wurde, in klarer Auffassung eines sehr fühlbaren Bedürfnisses ein litterarisches Centralorgan für eine Reihe verwandter Fächer (Mineralogie, Geognosie, Versteinerungskunde) und erwarb sich dadurch rasch eine Stellung unter den ersten Mineralogen seiner Zeit. Dieses Taschenbuch ging dann 1830 unter der gemeinschaftlich mit Bronn geführten Redaction in erweiterter Form über in das Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie und Petrefactenkunde und wurde unter gleicher Redaction seit 1833 unter dem Titel „Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie und Petrefactenkunde“ fortgesetzt, welches nunmehr, wenn auch unter anderer Leitung, als wahre Zierde unserer Litteratur bis jetzt fortblüht. Durch die Gründung und Fortführung dieses dem Entwicklungsgange der Wissenschaft genau folgenden, mit dem Fortschritt in derselben gewissenhaft gleichen Schritt haltenden Zeitschrift erwarb sich L. in diesen Zweigen der Naturkunde unvergängliche Verdienste. Neben dieser Schrift ließ L. seit 1811–1821 noch ein „Allgemeins Repertorium der Mineralogie“, das dann in die erstgenannte Zeitschrift aufging, erscheinen. Inzwischen war L. in seiner dienstlichen Stellung 1809 zum Kammerrath und Referenten in dem Bergfache bestellt, dann 1810 bei Errichtung des Großherzogthums Frankfurt von K. v. Dalberg an die Spitze der Domänenverwaltung berufen und 1813 zum General-Inspector und Geheimen Rath ernannt worden. Sehr angelegentlich pflegte in dieser Zeit L. den Verkehr mit L. v. Buch, der ihn sehr hoch schätzte und seine Verdienste als wahrer Förderer der mineralogischen Wissenschaft laut anerkannte und rühmte. Die unglückliche Schlacht bei Hanau am 30. Oct. 1813 brachte eine verhängnißvolle Wendung in Leonhard’s Verhältnisse. Nach der Restauration als übereifriger Freund der Franzosen verdächtig, wurde er aller seiner hohen Würden beraubt und mußte sich wieder mit der bescheidenen Stellung eines Assessors, die er früher eingenommen hatte, begnügen. Dies und die steten Plackereien verleideten L. den Aufenthalt in Hanau und gern folgte er 1815 einem wohlwollenden Rufe König Max I., der L. bei einem Besuche des verwundeten und in Leonhard’s Hause verpflegten Prinzen Waldeck persönlich kennen und schätzen gelernt hatte, an die Akademie in München, in welcher er sich mit einer begeisterten Rede „Ueber Bedeutung und Stand der Mineralogie“ (eigentlich Geognosie, im Sinne der damals noch herrschenden Werner’schen Schule) einführte. Aber trotz der collegialfreundlichen Aufnahme im Münchener Gelehrtenkreise wollte es L., der sich etwas wegwerfend und unvorsichtig über altbayerische Eigenthümlichkeiten zu äußern pflegte, nicht gelingen, in München heimisch zu werden und er nahm daher bereitwillig einen Ruf an die Universität Heidelberg, welche ihm die Gunst des badischen Ministers v. Reitzenstein verschaffte, als Professor der Mineralogie an und vertauschte 1818 das Kabalenreich, wie L. München nannte, mit der Neckarstadt. Aus diesen Jahren stammen mehrere bemerkenswerthe Schriften: „Formverhältnisse und Gruppirungen der Gebirge“ 1812 (mit P. E. Jassoy); „Mineralogische Studien“ (mit Selb) 1812 und eine sehr fleißige, die ganze ältere Litteratur umfassende Arbeit, ein wahres Quellenwerk gemeinsam mit J. K. Kopp und K. L. Gärtner: „Propädeutik der Mineralien“ 1817; außer diesen noch „Denkrede auf Werner“ und „Zur Naturgeschichte der Vulkane“ 1818. Bereits stand L. um diese Zeit auf dem Sprunge, aus dem Lager der Neptunisten in jenes der Vulkanisten überzutreten, wozu ihn namentlich das Studium der Basalte veranlaßte. In seiner neuen Stellung in Heidelberg entwickelte L. eine sehr erfolgreiche Thätigkeit; in seinem Vortrage weniger tief und erschöpfend, als lebhaft begeisternd und in hohem Grade anregend, wußte L. als Lehrer großes Interesse für seinen Gegenstand zu erwecken [310] und den Zuhörer zu fesseln. Auf zahlreichen Reisen sammelte L. inzwischen vielfache Erfahrungen, und brachte stets großes Material aufgefundener Mineralien und Gebirgsarten mit nach Hause. Auch pflegte er persönliche Bekanntschaften aufs eifrigste. 1822 besuchte er Berlin und mit Bronn Paris. Mit Gmelin publicirte L. 1822 eine kleine Schrift über einige Felsarten: „Nephelin in Dolerit vom Katzenbuckel“, dann ein vortreffliches „Handbuch der Oryctognosie“ 1822, welches 1826 eine 2. Aufl. erlebte. In diesem Werke folgte L. dem Gmelin’schen System der Eintheilung, auf chemische Grundlagen gestützt, wobei immer ein Stoff als chemisch Formendes, der andere als chemisch Geformtes angesehen wird, so daß z. B. die nicht metallischen Stoffe gegenüber den metallischen als formendes Princip gelten. Demgemäß theilen sich die Mineralien in Nichtmetalle mit dem Sauerstoffe an der Spitze und in Metalle mit Kalium als Schlußglied. Fast unmittelbar darauf folgte eine noch umfassendere Publication: „Charakteristik der Felsarten“ in 3 Abth. 1823–24, der erste, allerdings noch schwache Versuch einer Petrographie, in der, abgesehen von den Lagerungsverhältnissen, die Gesteine in wenig zutreffender Weise in ungleichartige, gleichartige, Trümmergesteine, lose Massen und in Kohlen eingetheilt werden. Eine Art Geologie bietet „Die Naturgeschichte der Mineralien“ 1825, welche auch eine kurze Schilderung der Lagerungsverhältnisse enthält und 1831 in einer 2. erweiterten Auflage den Titel: „Grundzüge der Geognosie und Geologie“ erhielt; eine 3. Auflage erfolgte 1839. In einer etws kürzeren Form und übersichtlicheren Behandlung des Stoffs erschien 1838 ein Werk ganz ähnlichen Inhalts mit dem Titel: „Lehrbuch der Geognosie und Geologie“, in 2. Auflage 1849. Hierin zeigt L., daß er ganz auf der Höhe der Wissenschaft stehe. Ausnehmend klar verfaßt und besonders für den praktischen Gebrauch als Anleitung zum Studium nützlich ist: „Agenda geognostica“ 1829, in 2. Auflage 1838. Mit einer umfassenden Publication, einer der besten Monographien auf diesem Gebiete: „Die Basaltgebilde“ 2 Bde., trat L. 1831–32 vor die gelehrte Welt. Als Frucht ausgedehnter Reisen namentlich in der Auvergne, in Böhmen, und zahlreichen vulkanischen Gegenden suchte L. in diesem mit größtem Fleiße und Sachkenntniß verfaßten Werke, bei dem nur eine tiefere Einsicht vom chemischen Standpunkte aus vermißt wird, dem Vulkanismus in der ausgedehntesten Weise zum Siege zu verhelfen und gelangte so in der Hitze des Gefechts, in dem er sogar den körnigen Kalk im feurig-flüssigen Zustande aus dem Innern der Erde aufsteigen ließ, bis zu dem Ultravulkanismus. Praktisch angelegt und voll Eifer bestrebte sich L., besonders den mineralogischen Wissenschaften eine weitere Verbreitung auch in den Laienkreisen zu verschaffen, was er durch eine Reihe populärer Vorträge zu erreichen suchte. Diese legten den Grund zu einer umfangreichen, populären Schrift: „Geologie oder Naturgeschichte der Erde“ 1833–44 in 5 Bänden. In diesem Werke zeigte sich L. bei umfassender fachlicher Darstellung zugleich auch als Meister in der populären Schilderung und schuf dadurch, daß er in glänzendem Style Belehrendes mit Interessantem und Auffallendem kunstreich und in einer die Aufmerksamkeit fesselnden Weise zu verweben verstand, eine der besten populären Schriften, welche wir in diesem Fache besitzen, so daß sie Anfängern auch jetzt noch zur Orientirung empfohlen werden darf. L. trug durch diese und andere Schriften wie kaum ein Anderer zur Verbreitung der geognostischen Wissenschaft bei und das ist keines seiner geringsten Verdienste. Weitere Reisen führten ihn in den Harz, bei welcher Gelegenheit er seinem alten Lehrer Blumenbach eine verdiente Huldigung brachte, in das pfälzische Kohlen- und Quecksilbergebirge, in die rheinischen Gebirge, nach Sachsen und Böhmen (1846) überall beobachtend, sammelnd und persönliche Beziehungen anknüpfend. Ein kleines Büchelchen: „Naturgeschichte des [311] Steinreichs“, populär verfaßt, fand 1844 seinen Weg in die weitesten Kreise und mit dem „Taschenbuch für Freunde der Geologie“ in 3 Bdn. (1845–47) versuchte der Verfasser, die Leser seiner populären Geologie mit dem Neuesten und Wissenswerthesten der Wissenschaft auf dem Laufenden zu erhalten. An die Reise nach Böhmen schloß sich ein Wiederbesuch von Wien und eine Exkursion durch die Gebirge des Salzkammerguts und Tirols bis zur Bodenseegegend. Bis zu diesem Zeitabschnitte reichen Leonhards eigene biographische Aufzeichnungen, die er unter dem Titel: „Aus meiner Zeit und meinem Leben“ 1844–46 reich ausgestattet mit interessanten Schilderungen der Oeffentlichkeit übergab. Die Wirren der Jahre 1848 lähmten seine schriftstellerische Thätigkeit. Neben seiner regelmäßigen Berufsthätigkeit als Lehrer und sehr gewissenhafter Mitarbeiter an dem „Jahrbuche für Mineralogie“ etc. befaßte sich in dieser Zeit L. mit besonderer Vorliebe mit dem Studium der durch große Hitze künstlich erzeugten Mineralien in Form von Schmelz- und Hüttenproducten, hauptsächlich in der Absicht, dem stark angegriffenen Vulkanismus neue Stützpunkte zuzuführen. Ueber denselben Gegenstand hielt er auch 1852 auf der Naturforscherversammlung in Wiesbaden, der letzten, welcher er beiwohnte, einen umfassenden Vortrag. Dieser Gegenstand war es auch, über welchen er seine letzte Ausarbeitung: „Die Hüttenerzeugnisse als Stützpunkte geologischer Hypothesen“ 1858 veröffentlichte. Besonders nahe ging ihm L. v. Buchs im Frühjahre 1853 erfolgter Tod. Seit dem Jahre 1860 begannen seine Kräfte rasch zu schwinden, bis endlich am 23. Jan. 1862 sein Lebenslicht erlosch. Um das Bild dieses verdienstvollen Forschers allseitig abzurunden, muß noch erwähnt werden, daß Leonhard’s phantasiereicher Geist ihn auch Versuche auf belletristischem Gebiete wagen ließ: „Fräulein von Scudery“, „Carlo Frontoni“, „Wenthworth“ gehören hierher. L. war ein großer Theaterfreund und liebte es in Privatkreisen selbst als darstellender Künstler aufzutreten. Auf wissenschaftlichem Gebiete gehört L. zu den wenn auch weniger durch selbstständige wichtige Forschungen glänzenden, als die Entwicklung, die Verallgemeinerung, Erweiterung und Verbreitung der wissenschaftlichen Forschungen auf dem Gebiete der Mineralogie und Geologie ungemein fördernden Gelehrten. Ihm zu Ehren trägt ein Mineral den Namen Leonhardit.

v. Leonhard, Selbstbiogr.; Poggendorff, Biogr. I, 1427.