ADB:Lisa, Gerhard von

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Artikel „Lisa, Gerhard von“ von Jakob Franck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 749–752, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lisa,_Gerhard_von&oldid=- (Version vom 17. Juli 2019, 07:07 Uhr UTC)
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Lisa: Gerhard v. L. (von Flandern), verdienter deutscher Drucker in Italien 1471–1499. Seitdem die Deutschen Sweynheim und Pannartz als die ersten in Italien die Buchdruckerkunst im Kloster Subiaco bei Rom ausübten, verbreitete sich dieselbe rasch und wiederum zumeist durch Deutsche auch im übrigen Italien; sie hielt ihren Einzug in Rom 1467, zu Venedig und Mailand 1469, und das folgende Jahr wurde sie gleichzeitig zu Bologna, Ferrara. Padua, Florenz, Neapel und Treviso eingeführt, in der letzteren Stadt durch L. Dieser, dessen flämischer Name eigentlich van der Leye hieß, war allem Anscheine nach zu Harlebeke, einem Marktflecken am rechten Ufer der Lys in der Nähe von Kortryk (Courtray) geboren, benannte sich aber als Drucker nach diesem Flusse, wie er sich denn auch in zweien seiner Erzeugnisse ausdrücklich als in Flandern geboren (Flandria quem genuit primus) bezeichnet. Seine Geburtszeit fällt zwischen die Jahre 1430–1440 und es ist sehr wahrscheinlich, daß er in Beziehungen zu Nikolaus Jenson (Bd. XIV, 462) stand, mit dem er nach Venedig ging, um einige Zeit unter ihm zu arbeiten. Was zu dieser Annahme berechtigt, ist, daß er feste und gut unterhaltene Verbindungen in den venetianischen Staaten hatte, weil er während seiner beständigen Wanderungen doch niemals das Territorium der Republik verließ, obgleich mehrere bedeutende italienische Städte, damals noch ohne Druckerei, ihm alle Grundlagen zu einem günstigen Erfolge geboten hätten, dann aber, weil seine Typen und vorzüglich seine großen und kleinen Anfangsbuchstaben eine unverkennbare Aehnlichkeit mit denen haben, welche der geschickte Arbeiter der Münzstätte zu Tours hergestellt hatte. Um die Mitte des Jahres 1471 verließ L. Venedig, um eine eigene Officin in Treviso anzulegen. Diese Stadt besaß damals noch keine Druckerei, dagegen eine sehr blühende höhere Schule, an welcher auch der lateinische Dichter und Philolog Franciscus Rholandello lehrte, und man nimmt nicht ohne Grund an, daß dieser Gelehrte es war, der L. einlud, die bescheidene Stellung, die er in Venedig einnahm, mit der glänzenden Aussicht, welche ihn zu Treviso erwartete, zu vertauschen. Sicher ist, daß L. (Tiraboschi, Storia della Letteratura ital. VI, 172) seit seiner Ankunft zu Treviso diesen Gelehrten mit der litterarischen Direction seiner Officin betraute, der ihm Manuscripte verschaffte, deren Texte verglich und endlich auch die Correctur besorgte. Der erste Druck, welchen L. hier erscheinen ließ, war: „Examinationes grammaticales“ und zwar o. O., J. und Druckerangabe, aber, weil durch Rholandello zum Gebrauche seiner Schüler verfaßt, ohne allen Zweifel der Erstlingsdruck des L. Der zweite, unterzeichnet von L., führt den Titel: „Augustini de salute sive de aspiratione animae ad Deum“, 1471. 4°; ihn begleitete Rholandellus mit einigen lateinischen Versen, in denen er bezeugt, daß L. aus Flandern sei und daß Treviso diesem die erste Druckerei verdanke. Es folgten im Laufe des Jahres 1471 noch vier weitere Werke, unter welchen hervorzuheben ist: „Mercurii Trismegisti liber de potestate et sapientia Dei“ und 1472–1476 21 Drucke, darunter mehrere italienische, sowie solche, welche Panzer und Hain unbekannt geblieben. Unter diesen sind bemerkenswerth: „M. Terentius Varro de lingua latina“, 1473, Fol.; „P. Terentii Afri comoediae“, 1474, Fol. und „Mirabilia Romae“, 1475, 4°; vgl. über diesen letzteren Druck die ausführliche und höchst interessante Beschreibung nach Form und Inhalt bei Joh. Gottfr. Weller, Altes und Neues aus allen Theilen der Geschichte, I, 529–531. Die typographische Thätigkeit, welche unser Drucker im Anfang entfaltet hatte, fing seit 1476 an zu ermatten. [750] Sein Gönner und Freund Rholandello war soeben nach Venedig als Lehrer der griechischen und lateinischen Sprache berufen worden und unser Künstler, um nicht eines so unersetzlichen Mitarbeiters verlustig zu gehen, entschloß sich ihm zu folgen. Ueberdies begannen allmälig auch andere Drucker in Treviso sich niederzulassen (seit 1477 bis 1482 deren 10, worunter auch Hermann Lichtenstein [vgl. d. Art.] und Bernhard von Cöln), woselbst er bis jetzt allein das Monopol besessen hatte, um den geistigen Ansprüchen der Bewohner der Stadt zu genügen. Nachdem er daher noch 1476 mit Unterstützung des Rholandello eine Ausgabe der lateinischen Grammatik des Perotti hatte erscheinen lassen, begab er sich fürs erste nach Vicenza. Aus welchem Grunde er aber gerade diese Stadt zu seinem wenn auch nur vorübergehenden Aufenthalte wählte, wo noch weit mehr Drucker angesessen waren als zu Treviso, ist unerfindlich; denn seit 1473 bis 1491 arbeiteten hier nicht weniger als 15 Typographen, unter denen sich auch wieder H. v. Lichtenstein, dann Leonhard Achates (Bd. I, 28), Johann und Stephan Koblinger von Wien befanden, auch ein Buchhändler „Henricus Librarius de St. Urso“ erscheint hier von 1480–1499. Hier, wo sich zugleich die älteste aller europäischen Universitäten (seit 1204) befand, veröffentlichte L. den 21. December desselben Jahres des Cicero Buch „De Oratore“ Fol., ohne sich zu nennen, mit einem Commentare des Omnibonus Leonicenus, des Correctors von N. Jenson (Vgl. über des O. L. Leben und Schriften die Biograph. Univ. XXIV, 165–166. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß der Katalog des Crevenna diesen Druck dem L. Achates zuschreibt, der neuere italienische Bibliograph jedoch, Federici, der den Erzeugnissen des L. eine besondere Untersuchung gewidmet hat, behauptet a. a. O. S. 58–59 mit vollster Bestimmtheit, daß der Druck unter den Augen des Commentators durch L. und mit denselben römischen Charakteren, deren er sich zu Treviso bedient, hergestellt worden und daß er erst 1477 nach Venedig übergesiedelt sei: Das unstäte Wanderleben aber, dem sich L. seit seinem Wegzuge von Treviso hingegeben hatte, führte er von jetzt an bis zu seinem Tode fort und er erscheint 1477–78 zu Venedig, 1480 zu Cividale, 1484–85 zu Udine und endlich noch einmal 1489–99 zu Treviso. Nach seiner Ankunft zu Venedig war seine erste Sorge die Beschaffung einer neuen römischen Type, viel kleiner als jene, mit welcher er seine ersten Erzeugnisse zu Treviso gedruckt hatte. Diese Type aber, eben so ausgezeichnet durch die Zierlichkeit der Form als die Reinheit des Schnitts steht in nichts jener nach, die den Namen des N. Jenson zu Venedig unsterblich gemacht hat. Aus seiner Venediger Officin besitzen wir nur drei Werke: „Ystoria breve del Re Karlo Imperatore e del nascimento …“, 1477, Fol.; „Rubricae novae … pro officio divino celebrando …“, 1477. 4° und (Bartholo de Saxo Ferrato) „Libellus procuratoris in quo dyabolus producit litem …“, 1478, Fol. Indessen war sein Wechsel mit Venedig ein durchaus verfehltes Unternehmen, denn wie konnte er hoffen, in dieser Stadt glänzende Geschäfte zu machen, welche damals mit Buchdruckern überhäuft war und wo die Pressen des Johann und Wendelin von Speyer (Bd. XIV, 472) sowie des Nik. Jenson ihre vollste Thätigkeit entfalteten. L. verließ deshalb bereits noch 1478, mindestens 1479 wieder Venedig, aber wohin er jetzt seine Schritte lenkte, ist völlig unbekannt. Man hat geglaubt, er sei nach der Weise mancher der ersten Drucker zwei Jahre lang, von Stadt zu Stadt, von Schloß zu Schloß gewandert, um, sein Leben fristend, namenlose Kleinigkeiten zu drucken, wir aber nehmen an, daß L. keinswegs in dieser Zeit in Unthätigkeit verbracht, sondern manche Erzeugnisse nur namenlos veröffentlicht habe. Denn bekanntlich ist die Zahl solcher anonymer Drucke des 15. Jahrhunderts eine sehr beträchtliche, es genügt schon, um sich hiervon zu überzeugen, ein Blick in die typographischen Annalen [751] Panzer’s und Hain’s. Und wenn es eines Tags gelänge, die Namen aller dieser Typographen festzustellen, die uns mit solchen Büchern beschenkt haben, die scheinbare Ruhe oder Unterbrechung in den Arbeiten so vieler Künstler wäre auf unmittelbare Weise erklärt. Aber noch eine andere Thatsache ist es, welche diese vermeintlichen Arbeitseinstellungen zu erklären im Stande ist: das „tempus edax“, der Verlust und Untergang einer großen Zahl wirklich gedruckter Werke während der ersten Jahre, die der Erfindung der Buchdruckerkunst folgten. Von dem durch Sweynheim und Pannartz in 300 Exemplaren gedruckten Donat hat sich nicht ein einziges Blatt erhalten, eine Ausgabe des Glanvilla „De proprietatibus rerum“, Köln 1470, die „Trionfi“ des Petrarca, Lucca 1477, eine in demselben Jahre zu Valencia durch Lambert Palmart gedruckte lateinische Bibel, die Geschichte von Varentin und Orson, zu London durch Wynkyn de Worde gedruckt und eine große Zahl anderer Werke sind völlig verschwunden und auch nicht ein einziges Exemplar hat sich erhalten, und erst 1855 entdeckte man zu Hamburg ein Fragment einer Ausgabe in flämischen Versen des Reineke Fuchs; und im gleichen Jahre („Messager d. sciences hist.“, 1855, 488) im französischen Städtchen Ecluse ein Blatt einer „Pronosticatio“, gedruckt zu Oudenarde um 1480, dessen Existenz Niemand vermuthet hatte.

Im Jahre 1480 verlegte L. seine Werkstätte nach Cividale in Friaul in der Provinz Udine („Civitas Austriae“, weil der Ort sehr frühe schon einmal zu Oesterreich gehört hatte). Dieses Städtchen, damals der Sitz eines eigenen Statthalters der Republik Venedig, hatte bis dahin noch keine Druckerei gesehen, besaß aber eine kleine Universität und manche litterarische Hülfsquellen und unter diesen ganz besonders die Bibliothek der Universität mit sehr wichtigen alten Manuscripten der Kirche von Aquileja, welche sich im Gemeindearchiv der Stadt befinden. In Cividale ließ L. gleichwol nur die zwei Bücher 1480 erscheinen: „Platynae de honesta voluptate et valetudine“ und „La chronica de Sancto Isidoro Menore …“, beide in Quartform. Getreu seiner Wanderlust verließ unser Drucker auch diese Stadt wahrscheinlich noch in diesem Jahre und wir finden ihn erst wieder 1484 zu Udine, der Hauptstadt des alten Friaul (Forum Julii), welche seit 1420 gleichfalls den Staaten der venetianischen Republik angehörte. Wie L. der Ruhm gebührt, die neue Kunst in Treviso und Cividale eingeführt zu haben, so auch in Udine, aber auch hier verweilte er nur zwei Jahre: 1484 und 1485, in welchen auch nur zwei Werke seine Presse verließen: „Constituzioni de la patria de Frivoli“, 1484. 4° und „Nic. Perotti rudimenta grammatices“, 1485. 4°. Bemerkenswerth ist, daß L., während er für die Mehrzahl seiner Drucke zu Treviso und Vicenza römische Charaktere gebrauchte, diese für die zu Cividale und Udine mit gothischen vertauschte, deren Gebrauch allmälig in Italien sich einzubürgern anfing; dabei sind diese letzteren Drucke nach der Gewohnheit der Zeit mit Abbreviaturen überladen und die großen Initialen einstweilen durch kleine Buchstaben ersetzt, um nachträglich durch Illuminatoren hinzugefügt zu werden. Die Jahre 1486–1489 geben bis zu seiner Rückkehr nach Treviso keinerlei Nachweise weder über das Leben noch die Arbeiten unseres Künstlers, aber da die meisten alten Drucker auch zugleich Buchhändler waren, so ist wohl glaublich, daß er diese Jahre dazu werde benutzt haben, um seine Erzeugnisse, die sich im Laufe der Jahre in seinen Magazinen aufgehäuft hatten, abzusetzen. Während der zwölf Jahre, die L. von Treviso entfernt gewesen war, hatte sich daselbst eine große Zahl von Buchdruckern, unter diesen, wie erwähnt, Hermann v. Lichtenstein und Bernhard von Köln niedergelassen, aber alle diese hatten, als L. 1492 seinen alten Wohnplatz wieder aufsuchte, schon seit 1485 ihre Arbeiten daselbst [752] eingestellt. Doch sind auch aus seinem zweiten Aufenthalte in dieser Stadt nur ungefähr zwölf größere oder kleinere Werke bekannt, von welchen sechs in das J. 1492, zwei in 1493 und der Rest in die Zeit von 1498–99 fällt, während aus den Jahren 1494–1497 bis jetzt nicht ein einziges Werk bekannt geworden ist, das seinen Namen trüge. Unter den Erzeugnissen von 1492 führen wir an: „Jacobi Purliliarum de liberorum educatione …“, 4°, ein Buch, das wegen seines gediegenen Inhaltes in der von Aug. Israel edirten „Sammlung selten gewordener pädagogischer Schriften des 16. und 17. Jahrhunderts“ (Zschopau 1880) eines Wiederdrucks gewürdigt ward; der Verfasser war Jakob Graf Porzia. Sein letzter Druck (die Zahl aller seiner Erzeugnisse beläuft sich auf etwa 50) war: „Divinus Tractatus terrestrium et coelestium trutina …“, 1499. 8° und in diesem Jahre starb er. Die Angabe, daß er (Dibdin, Bibl. Spenc. p. 472) die Buchdruckerkunst auch zu Brescia eingeführt habe, haben neuere Untersuchungen nicht bestätigt. L. darf zu den ausgezeichnetsten deutschen Buchdruckern in Italien gerechnet werden. Die Mehrzahl seiner Erzeugnisse, mit römischen Typen gedruckt und die gefällige Form der letzteren repräsentiren die italienische Kalligraphie des Mittelalters in ihrer Vollkommenheit, seine Ausgaben sind außerdem bemerkenswerth durch die Reinheit und Gleichmäßigkeit des Satzes und durch das schöne Papier, welches von glänzender Weiße ist. Was aber seine Lebensweise, d. h. seine unaufhörlichen Wanderungen anbelangt, so zählt er zu dem Schwarme jener im 15. und dem ersten Viertel des 16. Jahrh. vorkommenden fahrenden Typographen, welche, wie Peter Schöffer der Jüngere von Mainz, zu Mainz, Worms, Straßburg und Venedig, Hans Sporer von Nürnberg zu Erfurt, Augsburg, Worms, Stuttgart und Reutlingen oder des Johann Guerlins (Gherling) zu Barcelona in Spanien, zu Braga in Portugal und zu Toulouse in Frankreich ruhelos von Stadt zu Stadt und von Land zu Land zogen, was allerdings damals, wo die lateinische Sprache als Umgangssprache der Gebildeten galt, nicht schwer war. Und dabei ist nicht zu vergessen, daß die Incunabeln, welche die Bibliotheken aufbewahren, nur ein Theil der damaligen Druckerzeugnisse sind, ein bedeutender Theil der letzteren bestand in Einzelblättern, Kalendern, Prognosticationen u. dgl., welche sich auf Jahrmärkten mit gutem Gewinn anbringen ließen, und man muß sich wundern, daß gleichwol so viele Werke dieser fahrenden Drucker, von denen allerdings fünf Sechstel theologischen Inhalts sind, erschienen und diejenigen Männer achten, die zugleich als Buchhändler große Summen in Circulation erhielten, um den Büchermarkt zu bereichern.

Federici, Memor. Trevig. sulla tipogr. d. s. XV. p. 46, 58, 60. Marchal, Bulletin de l’Acad. roy. de Belgique [WS 1] XI, 263. Bartolini, Saggio epist. s. la Tipogr. del Friuli p. 8, 53. Panzer, A. t. I, 243. III, 31, 32. 66. V, 555. IX, 87. Hain, 2027. 12, 892. 92 Bl. 15, 854. Meersch, Recherches I, 273 ff.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Belgiqne