ADB:Nering, Arnold

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Artikel „Nering, Johann Arnold“ von Lionel von Donop in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), S. 431–435, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nering,_Arnold&oldid=- (Version vom 27. November 2020, 11:19 Uhr UTC)
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Nering: Johann Arnold N. (Nehring), einer der namhaftesten Architekten Berlins im 17. Jahrhundert unter der Regierung des großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Ueber die Herkunft, das Geburtsjahr und die früheren Lebensschicksale des Meisters hat sich keine zuverlässige Nachricht erhalten. Vermuthlich aus Holland stammend gehörte er den von französischen und holländischen Einflüssen bestimmten Meistern an, welche vermöge der formalen Strenge ihrer Stilrichtung die Berliner Baukunst beim Aufschwung des preußischen Staates einer neuen und glänzenden Entwicklung entgegenführten.

Seine Bauthätigkeit war von kurzer Dauer, doch um so ergiebiger der Umfang seines künstlerischen Schaffens. Ein bedeutender Theil seiner architektonischen Schöpfungen ist in Folge des Wachsthums der Hauptstadt beseitigt, andere sind durch Umbauten wesentlich verändert. Seit 1675 angeblich unter Smids (1626–1692) in Berlin thätig, soll N. als eine seiner frühesten Arbeiten den Entwurf zu dem ehemaligen, im J. 1675 abgebrochenen Pomeranzenhause im Lustgarten daselbst gezeichnet haben. Nach dem Tode Memhard’s übernahm er als ausführender Architekt im J. 1679 die Fortsetzung der Schloßbauten zu [432] Oranienburg und Potsdam. Von 1679–1681 ließ er als Ersatz der alten Stechbahn an der Südfront des Joachim’schen Schloßbaues 16 nicht mehr vorhandene steinerne Kaufläden mit dorischen Bogenlauben errichten. Der reich ausgestattete Monumentalbau des alten Leipziger Thores auf der Stelle der heutigen Friedrich-Werder’schen Gewerbeschule in der Niederwallstraße, durch welche N. der Kölnischen Seite im J. 1683 den Abschluß gab, wurde bereits im J. 1739 bei Abtragung der Festungswerke niedergelegt. Zu den noch heute sichtbaren Zeugen seiner Thätigkeit gehört in erster Linie der im J. 1685 begonnene galerieartige Mittelbau an der Wasserseite des Berliner Schloß, welcher das Haus der Herzogin und den Bau des Grafen Lynar neben der Schloßapotheke mit einander verbindend, zugleich die Ostseite des sogenannten Eishofes abschließt. Ueber den beiden unteren loggienartigen Stockwerken mit Rundbogenarkaden erhebt sich ein Geschoß mit horizontal gedeckten Fenstern. Das Innere von geringer Tiefe enthält in jedem Stockwerke eine verbindende Galerie. Die einfach und streng durchgebildeten Formen lassen in den Details das Studium der italienischen Renaissance erkennen. Die strenge Richtung des Meisters zeigt auch der von 1681–1685 gemeinsam mit Smids ausgeführte Bau des sogenannten Alabastersaales, mit korinthischen Pilastern decorirt, im Quergebäude des Schlosses über den alten Küchen, welcher später in ein Schloßtheater verwandelt wurde. Im J. 1684 baute N. die Schloßcapelle zu Köpenick. Er bekleidete damals die Stelle eines kurfürstlichen Oberingenieurs mit 400 Thalern Gehalt. Noch während der Regierung des Kurfürsten führte N. in Berlin drei kleine Palastbauten aus, die nach Form und Ausstattung, vor Allem in der Raumentwickelung des Innern den gesteigerten Ansprüchen der Neuzeit gemäß verändert und bereichert sind. So ist das kronprinzliche Palais am Opernplatz aus dem im J. 1687 für den Feldmarschall v. Schomberg errichteten Palais mit Verwerthung einzelner Theile des ursprünglichen Unterbaues entstanden. Hierher gehört auch das am Kölnischen Fischmarkt Nr. 4 gelegene, für den Feldmarschall v. Derfflinger erbaute, um ein modernes Stockwerk erhöhte Haus, das die von R. getroffene Anordnung der Verhältnisse bewahrt hat. Endlich ist das im J. 1685 für den damaligen Geheimen Rath v. Danckelmann bestimmte, unter dem Namen des Fürstenhauses bekannte Palais auf dem Werder in der Kurstraße Nr. 52 zu erwähnen. Der ausdrucksvolle Bau Nering’s beschränkt sich auf den mittleren Theil mit einem Portal. Die Erweiterung des Ganzen und die Bereicherung der Balustrade durch den figürlichen Schmuck ist muthmaßlich auf einen Umbau durch G. v. Knobelsdorff (1741) zurückzuführen. Einer im vorigen Jahrhundert beliebten Sitte in Berlin folgend erbaute N. im J. 1687 an Stelle eines hölzernen Ueberganges über den Fluß die Colonnaden des Mühlendammes, deren durch Brand zerstörten Theile später von Feldmann und Stüler erneuert worden sind. Der bedeckte Gang, welcher sich durch Bögen zwischen dorischen Pilastern nach der Straße öffnet, ist hallenartig im Charakter sogenannter Lauben ausgeführt.

Unter dem Nachfolger des großen Kurfürsten entfalteten sich die von Letzterem gepflanzten Keime eines selbständigen Kunstlebens zur vollen Blüthe. Die schnelle Entwicklung der Stadt bedingte die Anlage neuer Bauplätze und so erfolgte unter Nering’s Leitung noch im J. 1688 die Absteckung des die neue Friedrichstadt umfassenden Straßennetzes, welches im Anschluß an den südlichen Theil der Dorotheenstadt regelmäßige Bauquartiere darbot. Der Plan dieser Stadterweiterung wurde durch freie Gewährung von Baumaterial und Steuererleichterungen zu Gunsten der Ansiedler schnell gefördert. Im Zeitraum von 7 Jahren ließ N. hier zum Theil nach eigenen Entwürfen nicht weniger als 300 Häuser errichten, unter denen sich jedoch nur wenige Kunstbauten befanden. [433] Von dem unter dem Kurfürsten Friedrich III. durch N. zwischen der Lindenpromenade und der Dorotheenstraße erbauten Marstall dient nur noch der an der nämlichen Straße liegende Theil seiner alten Bestimmung, während das Gebäude der Akademie Unter den Linden aus dem Umbau jener Stallanlage entstanden ist. Im J. 1691 wurde N. zum Oberbaudirector aller kurfürstlich brandenburgischen Gebäude ernannt, doch ohne Vermehrung seines Gehalts. Unter Beihülfe des Ingenieurs Louis Cayart stellte er zunächst seit dem Jahre 1692 die Lange- oder Kurfürsten-Brücke zwischen der Königstraße und dem Schloßplatze aus Pirnaischem Sandstein her, einen künstlerisch angelegten Monumentalbau, der zu den besten Leistungen Nering’s gehört und als Standort der später errichteten Reiterstatue des großen Kurfürsten zu den Sehenswürdigkeiten der Residenz gehört. Durch die Zerstörung der von Schlüter stammenden plastischen Gruppen an den Pfeilern und durch das von Schinkel entworfene gußeiserne Geländer statt der alten Sandsteinbrüstung hat die Brücke den Reiz ihrer ursprünglichen Erscheinung zum Theil eingebüßt. Leicht, flach und kühn gewölbt erscheint sie durch die einfache Gediegenheit ihrer Gesammtform als ein charakteristisches Werk des Meisters, das durch die Verbindung von Baukunst und Plastik eine überaus günstige Wirkung erzielt. Außer mehrfachen Anlagen und Erneuerung von Schleusen errichtete N. im J. 1694 den sogenannten Hetzgarten, ein dem römischen Amphitheater nachgebildetes Gebäude von elliptischer Grundform, das später zu militärischen Zwecken verwerthet und im J. 1776 abgetragen worden ist. Nach Nering’s Entwurf wurde ferner im J. 1693 das alte Berliner Rathhaus durch einen neuen Flügel in der Spandauer Straße vergrößert. Dieser dreigeschossige Bau mit rundbogigen Arkaden im Erdgeschoß ist ebenfalls zu Gunsten eines Neubaues beseitigt. N. betheiligte sich auch an der unter der Regierung des großen Kurfürsten und seines Nachfolgers immerhin bescheidenen kirchlichen Bauthätigkeit. Nach seinem Entwurfe ist seit 1695 die Parochialkirche in der Klosterstraße zu Berlin erbaut, deren Grundriß an die Kirche St. Maria della consolazione zu Todi von Bramante erinnert. Der in Gestalt eines griechischen Kreuzes mit vier Apsiden projectirte Centralbau, dem N. ein wirkungsvolles Portal mit korinthischen Säulen zugedacht hatte, wurde späterhin durch M. Grüneberg und Gerlach, nachdem der Gewölbebau im J. 1698 eingestürzt war, seiner inneren Disposition nach wie auch in der Herstellung der Façade wesentlich verändert. An die Stelle des beabsichtigten centralen Kuppelthurmes trat ein Westfrontthurm zur Aufnahme des Glockenspiels.

Mit Nering’s Namen hat die bisherige Tradition seit Nicolai auch den Entwurf zu dem in der Berliner Architekturgeschichte epochemachenden Zeughause vereinigt, das bei allem Wandel der Geschmacksrichtung als eines der schönsten Monumentalgebäude durch Beschreibung und Abbildung bis auf den heutigen Tag gewürdigt und gepriesen ist. Der Entwurf, welchen N. nach Nicolai bereits im J. 1685 noch unter der Regierung des großen Kurfürsten gezeichnet haben soll, zeigt eine reichere dreigeschossige Anlage mit einer durch Reliefs geschmückten Attika. Am 25. Mai 1695 fand in Gegenwart des Kurfürsten Friedrich III. die feierliche Grundsteinlegung statt, welche durch eine Medaille von dem Stempelschncider R. Falz verewigt worden ist. Documentarisch ist nicht zu entscheiden, ob N. selbst noch eine Umarbeitung seines früheren Entwurfes vorgenommen und welches Maß selbständigen Verdienstes an dem Baue jedem Einzelnen seiner Nachfolger gebührt. Es steht jedoch fest, daß die Leitung des Baues zunächst auf kurze Zeit von dem mäßig begabten Architekten M. Grüneberg, dann vom 30. März 1698 bis zu Anfang des Jahres 1699 von Schlüter übernommen wurde und die Vollendung des Werkes im wesentlichen durch den Franzosen Jean de Bodt erfolgte. Nach einer nicht ganz verbürgten Nachricht [434] soll N. für den Grundriß ursprünglich auf der Rückseite einen halbkreisförmigen Abschluß geplant haben, der angeblich durch Jean de Bodt quadratisch gestaltet wurde. Aus dem architektonischen System der Façade, welches die Wehrhaftigkeit des preußischen Staates zum trefflichen Ausdruck bringt, sowie aus den Detailbildungen im Sinne der formalen, von barocken Elementen freien Weise klassischer Vorbilder und aus den Gesammtverhältnissen des Baues hat man bis vor kurzem auf die Autorschaft Nering’s geschlossen und im Einklang mit dem Zeugnisse Nicolai’s ihm das Verdienst des Grundrisses zugeschrieben. Eine Abbildung der Façade, welche von dem jetzigen Bau in wichtigen Punkten abweicht, ist u. a. in dem 1733 erschienenen Prachtwerke von J. B. Broebes „Vues des palais et maisons de plaisance de S. M. en Prusse“ Blatt 6 mitgetheilt. Die Aenderungen des Nering’schen Façadensystems haben im Ganzen eine Vereinfachung angestrebt und erzielt, namentlich ist durch den Umgestaltungsproceß ein organischer Zusammenhang der seit 1695 begonnenen Bildwerke mit der architektonischen Gliederung herbeigeführt, was ohne Zweifel als Schlüter’s Verdienst anzusprechen ist. Gegen die bisher gültige Auffassung der Berliner Architekturgeschichte, welche mit Nicolai’s Nachricht im Einklang steht, hat neuerdings der Dresdener Architekt C. Gurlitt nachdrücklich Einsprache erhoben. In Ermangelung einer actenmäßigen Beglaubigung von Nicolai’s Aussage stützt sich Gurlitt in der Beweisführung, daß der Entwurf nicht von Nering, sondern von dem Franzosen François Blondel herrühre, im Wesentlichen auf das oben angeführte Quellenwerk von J. B. Broebes über die Bauten König Friedrich I. von Preußen. Die hier in Betracht kommende, auffallende Unterschrift des bezüglichen Stiches lautet: „Façade de l’Arsenal Royal de Berlin du Dessin de M. Blondel, conduit par Nerin Archit. Gruneber Schr. Bot“ (=Nering, Grüneberg, Schlüter und Jean de Bodt). Zudem hält Gurlitt die reine Formensprache des angeblich von Blondel herrührenden Entwurfes, der nur durch Schlüter’s und de Bodt’s Aenderungen in einzelnen Theilen seine Eigenart verloren, mit der nüchternen Architektur der gleichzeitigen Niederländer und Nering’s unvereinbar. Daß das Zeughaus unter dem Einflusse des französischen Meisters entstanden, scheint ihm, von anderen Gründen abgesehen, auch aus den dem Blondel’schen Vorbilde entsprechenden Proportionen und Profilen des Baues hervorzugehen. Gegen Gurlitt’s Argumente hat sich wiederum im Sinne der Ueberlieferung P. Wallé ausgesprochen. Ein endgültig befriedigendes Resultat hat die neuere Untersuchung nicht zu erzielen vermocht. Nach der Gesammtwürdigung der ihm unzweifelhaft angehörigen Werke erscheint N. als ein begabter, in den Schranken seiner Zeit befangener Architekt, bei dem die technische Durchbildung und das Wissen die freie Regung der Bauphantasie überwiegt. Sind seine Bauten im Werthe einander nicht gleich und einige von verstandesmäßiger Gemessenheit und Einfachheit, so ist doch bei anderen ein feineres Verständniß der italienischen Renaissancebauten völlig ersichtlich. Ohne erheblichen Aufwand an decorativen Zuthaten strebte er bei sicherer Herrschaft über das Formale nach einer maßvollen Wirkung durch edle Verhältnisse und kräftige Profilirung. Die Façaden seiner Bauten zeigen bisweilen Pilasterstellung, häufig auch rundbogige Pfeilerarkaden und als ein wirksames Motiv die besondere Ausbildung des Unterbaues. Inwieweit N. als Meister die Kunst der Raumgestaltung und der Innendecoration verstand, ist nur in begrenztem Sinne zu beurtheilen möglich. Sein Fleiß und die vornehme Einfachheit seiner Werke charakterisirt nicht minder den Künstler wie den Menschen. N. starb plötzlich im October 1695 am Schlage, als er eine Reise zum Kurfürsten nach Kleve zu unternehmen beabsichtigte. –

Vgl. Nicolais Beschreibung von Berlin und Potsdam nebst Anhang. 1786. Nachricht von den Baumeistern, Bildhauern u. s. w. von Friedrich [435] Nicolai. Berlin u. Stettin 1786. – Andreas Schlüter. Ein Beitrag zur Kunst- und Baugeschichte des 18. Jahrh. von K. F. v. Klöden. 2. Ausg. Berlin 1861. – Zeitschrift für Bauwesen. Redig. v. G. Erbkam. Jahrg. XVIII. Berlin 1868. Jahrg. XX. Berlin 1870. – Die Baugeschichte Berlins bis auf die Gegenwart von Dr. Alfred Woltmann. Berlin 1872. – Berlin und seine Bauten. Herausgegeben vom Architekten-Verein zu Berlin. 2 Theile. Berlin 1877. – Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst. Leipzig 1884. 19. Jahrg. Nr. 18, 19, 29, 44. –