ADB:Notker Labeo

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Artikel „Notker Labeo“ von Gerold Meyer von Knonau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 39–41, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Notker_Labeo&oldid=- (Version vom 21. Juli 2019, 07:47 Uhr UTC)
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Notker Labeo, Mönch in St. Gallen, † am 29. Juni 1022. Einer der vier Neffen Ekkehart’s I. (und zwar wohl der dritte in der Reihe dem Alter nach), die durch jenen in das Kloster gebracht worden waren (s. A. D. B. V, 791), ist N., durch den nach der großen Lippe geschaffenen Beinamen von andern St. Galler Mönchen seines Namens unterschieden, der berühmteste Lehrer der St. Gallenschen Klosterschule gewesen. Vorzüglich in die Zeit seines Vetters, des jüngsten jener Neffen, des trefflichen Abtes Purchart II., seit 1001, scheint seine Wirksamkeit gefallen zu sein. Eine beim Heerzuge Kaiser Heinrichs II. nach Italien im Sommer 1022 verderblich wirkende Seuche war auch nach St. Gallen übertragen worden. Hier starben am 12. Juni der Klosterlehrer Erinbert, am 29. N., am 16. Juli der Klosterlehrer Ruodpert; am 17. Juli wurde in Italien, wol zwischen Siena und Lucca, Abt Purchart selbst dahingerafft. Aber das Kloster verlor in diesem Jahre überhaupt zehn seiner Angehörigen durch diese Heimsuchung. Der namhafteste Schüler Notker’s, Ekkehart IV. (s. d. Art.), welcher selbst am Sterbelager des beliebten Lehrers stand, redet in einem Gedichte, das er in sein „Buch der Segnungen“ beim Feste des heiligen Otmar einreihte, von den letzten Lebensstunden des frommen Mönches: er habe öffentlich Beichte abgelegt und als schwerste Sünde bekannt, daß er als Jüngling einmal im Mönchsgewande einen Wolf erlegt habe, dann angeordnet, daß die Armen an sein Bett kommen und da speisen sollten (vgl. Mittheil. Z. vaterländ. Gesch. d. hist. Ver. in St. Gallen, Heft XV/XVI, s. LXXXVIII, in diesen Versen „Item de aliis“, sc. sincellitis amborum – der Heiligen Gallus und Otmar). Der „gelehrteste und gütigste Lehrer“, mit welcher Bezeichnung das Todtenbuch ihn aufführt, starb im Alter von siebzig Jahren. – Ekkehart sagt über N. in einer Glosse zu den schon erwähnten Versen, daß derselbe aus Liebe zu seinen Schülern mehrere Bücher deutsch ausgelegt habe, und hierin liegt gerade Notker’s litterarische Bedeutung, die aber mit seiner Lehrthätigkeit auf das engste zusammenhing. Der Name Teutonicus scheint ihm von diesen eigenthümlich als Lehrbücher gestalteten Uebersetzungswerken schon bald nach seinem Tode gegeben worden zu sein. N. ertheilte in einem Briefe an den Bischof Hugo von Sitten {998–1017), der in J. Grimm’s „Kleineren Schriften“, Bd. V, S. 190 und 191 von Neuem publicirt [40] worden ist, Auskunft über die Absicht, die ihn dabei leitete, und über die Zahl seiner Arbeiten. Er sagt in diesem Berichte, es sei zum Verständnisse gewisser Bücher kirchlichen Inhaltes, welche vorzüglich in den Schulen gelesen werden müßten, das Studium der freien Künste vorher nothwendig, und so habe er, um seinen Schülern den Zugang zu denselben zu erleichtern, etwas ganz Außergewöhnliches gewagt, nämlich die Uebersetzung des Lateinischen in die Landessprache, um zum Verständnisse der logischen oder rhetorischen Schriften des Aristoteles, des Cicero und anderer Classiker zu helfen. Solche „libri expositionum“ sind mit Recht, so wie sie sich als eine sonderbare Mischung beider Sprachen neben einander in dem gleichen Satze darstellen, als ein Weiterbauen auf der Grundlage des Glossenapparates hingestellt worden; denn der Charakter der Uebersetzung tritt hinter dem Bestreben, Erklärungen zu den übrigens mitunter durch N. etwas umgestalteten lateinischen Texten zu geben, dadurch den Schulvortrag zu verdeutlichen, in den Hintergrund zurück. N. theilte dem Bischof Hugo mit, er habe zuerst des Boethius De consolatione und De trinitate bearbeitet, dann verschiedenes Metrisches – Cato (die Sittensprüche), Vergil’s Bucolica, die Andria des Terenz – folgen lassen, darauf die Nuptiae Philologiae (die beiden ersten Bücher des Martianus Capella), von Aristoteles die Kategorien und De interpretatione, ferner Principia Arithmeticae an die Hand genommen; diesem Allen schließen sich theologische Werke an: das Psalterium, mit Erklärung aus Augustinus, und Hiob, von dem jedoch erst der dritte Theil vollendet sei; außerdem habe er in lateinischer Sprache eine neue Rhetorik und einen neuen Computus, sowie einiges Weitere verfaßt. Ferner bezeugt Ekkehart IV. in jenen Versen, daß N. auch Gregors Moralia, die Auslegung zu Hiob, ins Deutsche übertrug, und daß das große Werk der Uebersetzung des Hiob von dem unermüdlich fleißigen Lehrer genau an seinem Sterbetage abgeschlossen worden sei. Von dem Psalterium und der Hiob-Uebersetzung ließ sich die Kaiserin Gisela, wahrscheinlich bei Anlaß ihres 1027 in St. Gallen gemachten Besuches, Abschriften anfertigen, und überhaupt wurden die Psalmen unter den von N. hinterlassenen Werken wohl am meisten verbreitet. Von den Arbeiten, welche sich N. selbst ausdrücklich zuschreibt, sind erhalten (abgesehen von den Psalmen und den übrigen psalterartigen Stücken des Alten und Neuen Testamentes) Boethius, De consolatione, Aristoteles’ Kategorien und Hermeneutik, von Martianus Capella eben die zwei ersten Bücher, diese auf der Stiftsbibliothek von St. Gallen, ferner auf der Pariser Nationalbibliothek höchst wahrscheinlich der Computus, und zwar von N. seinem Schüler Ekkehart IV. (wenn so statt Erkenhart gesetzt werden darf) gewidmet. Mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit werden N. noch vier kleine Abhandlungen von den Theilen der Logik, eine ausführlichere über die Syllogismen, sowie eine Abhandlung von der Redekunst zugeschrieben, wovon die letzte, welche zahlreiche deutsche Beispiele, auch aus Volksliedern, eingereiht zeigt, vielleicht das von N. in seinem Briefe erwähnte Lehrbuch – die Rhetorik – ist. Von Notker’s Wirkungen auf die Schule tritt das Meiste aus seinen Beziehungen zu Ekkehart IV. hervor. Dieser versichert, sein „Liber benedictionum“ (Codex Sangall. Nr. 393) sei dadurch entstanden, daß er zu seiner Freude unter den alten Schriften des Lehrers seine einst demselben eingelieferten Schulaufgaben, nämlich die lateinischen poetischen Pensen, sorgfältig aufbewahrt gefunden habe; danach wurden diese Proben der Verskunst gehörig umgearbeitet und zu einem Schulbuche zusammengestellt. Ferner zeigt der St. Galler Codex Nr. 621 des Orosius, aus dem 9. Jahrhundert, auf Geheiß Notker’s eingefügte Correcturen von Ekkehart’s IV. Hand, und in dieser Handschrift stehen zugleich mitten im Texte, die einzigen zwei von N. selbst erhaltenen Zeilen. – Das, was N. [41] angeregt, fand jedenfalls zunächst in St. Gallen guten Boden; doch ist wohl nach seinem und seiner Mitlehrer Tode eher ein Rückschlag eingetreten, wie ja auch Ekkehart IV. noch 1022 St. Gallen auf einige Zeit verließ. Man darf also Notker’s eigene Leistungen nicht dadurch einengen, daß man dem Lehrer gegenüber die Schule von Uebersetzern zu sehr betont. Wenigstens ist es auffallend, daß gerade bei Ekkehart IV., demjenigen St. Galler, der uns in erster Linie die um N. versammelte Schule darstellt, der Eifer für das Deutsche sehr zurücktritt: der „barbarischen“ Sprache wird ein Anrecht auf gelehrten Gebrauch nicht zugestanden. Ueberhaupt hat St. Gallens Schule unter N. einen letzten Gipfel des Erblühens und des Ruhmes erreicht, der später nicht wieder gewonnen wurde.

Vgl. als neueste Bearbeitung des über N. vorliegenden Materiales in P. Gabr. Meier’s Geschichte der Schule von St. Gallen im Mittelalter (Jahrbuch f. schweiz. Geschichte, Bd. X, 1885), S. 85–89. – Die germanistische Litteratur seit der Zeit, wo Hattemer (vgl. Bd. XI, S. 24) sich das Verdienst erwarb, in den „Denkmalen des Mittelalters“, Bd. II und III, „St. Gallens altdeutsche Sprachschätze“ zuerst herausgegeben zu haben, verzeichnet Goedeke, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, 2. Aufl., Bd. I, S. 27 u. 28.