ADB:Otto Ludwig

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Artikel „Otto Ludwig“ von Karl Wittich in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 730–734, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Otto_Ludwig&oldid=- (Version vom 17. Juli 2019, 02:59 Uhr UTC)
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Band 24 (1887), S. 730–734 (Quelle).
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Otto Ludwig, Wild- und Rheingraf, geb. am 13. October 1597, bekannt als Heerführer im dreißigjährigen Kriege. Seit dem activen militärischen Eingreifen des Dänenkönigs Christian IV. (1625) kämpfte er unter diesem und theilte seine Schicksale. In der unglücklichen Schlacht bei Lutter a. B. (August 1626) war er mit dem Oberbefehl über das letzte Treffen betraut; im Herbst des folgenden Jahres suchte er der siegreichen Uebermacht Wallenstein’s gegenüber, nachdem der König bereits auf seinen Inseln Zuflucht gefunden, an der Spitze von etwa 7000 Mann sich vergeblich in den Herzogthümern zu behaupten. Mit Bernhard von Weimar, der sich ihm anschloß, zum Rückzug nach Jütland gezwungen, schlug er, die Reste der dänisch-deutschen Landarmee führend, sich nach Aarhus durch und entkam er von da zu Schiffe nach Fünen. Wie Bernhard verließ dann bald auch O. L. den dänischen Dienst, freilich nicht ohne zuvor noch, besonderer persönlicher Umstände halber, mit Christian in feindlichen Conflikt gerathen zu sein. Ward er doch u. a. selbst eines allzu vertraulichen Umganges mit Christina Munck, der Gemahlin des Königs in morganatischer Ehe, beschuldigt. 1628 trat er in die Dienste Gustav Adolf’s und erhielt als schwedischer Oberst ein höheres Commando über dessen deutsche Reiterei in Preußen, dem Schauplatz des schwedisch-polnischen Kriegs. Nicht lange aber dauerte es, daß sein Uebermuth und seine Eigenmächtigkeit auch Gustav Adolf’s Mißfallen erregte. Insbesondere bezichtigte ihn dieser, das verlustreiche Treffen bei Stum vom Juni 1629, das die Polen freilich sehr übertrieben zu einem großen Sieg aufbauschten, durch seine Unbotmäßigkeit herbeigeführt zu haben. Mehr noch indeß verstimmte die wachsende Zügellosigkeit seiner Soldateska den König, und schon dachte derselbe daran, „einen solchen Gesellen und Großhans“, der sich nicht subordiniren wolle, beim Kopf nehmen und zur Aburtheilung nach Stockholm schaffen zu lassen. Das hohe Ansehen, in dem der Rheingraf bei seinen Truppen, seinen Landsleuten stand. ließ gleichwol von allzu strengen Maßregeln absehen. O. L. selbst, die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen trotzig zurückweisend, schien schnell des schwedischen Dienstes überdrüssig zu sein. Dennoch kam es zu keinem Bruch; vielmehr muß im Jahre 1630, in welchem Gustav Adolf seinen deutschen Krieg begann, eine Ausöhnung beider Fürsten stattgefunden haben. Und fortan kämpfte O. L. unverdrossen als umsichtiger, oft erfolgreicher Truppenführer auf dem Boden seines Vaterlandes unter den Fahnen des großen Königs. So schlug er im März 1631 den Oberst Wengersky, Wallensteins Statthalter in Mecklenburg, bei Plau und verhinderte ihn, sich mit Tilly zu vereinigen. So nahm er im April an der Erstürmung Frankfurts a. O. theil; und nach der unabwendbaren [731] Katastrophe von Magdeburg das Lager bei Werben mit dem König beziehend, erwarb er sich mit seinem Reiterregiment durch seine glückliche Bethätigung an dem Ueberfall der Kaiserlichen bei Burgstall (im Juli) nicht geringe Lorbeern. 7./17. September half er Gustav Adolf die entscheidende Schlacht bei Breitenfeld und Leipzig gewinnen. Ihn auch begleitete er auf dem nunmehr folgenden Siegeszuge über Erfurt durch die „Pfaffengasse“ nach dem Rhein. Unermüdlich vorwärts drängend, erreichte er zu Weihnachten bereits die Mosel bei Trarbach und nahm, jetzt aufs Neue durch Bernhard von Weimar unterstützt, den Spaniern durch kühne Ueberfälle eine Reihe fester Plätze zwischen beiden Strömen ab. Seine Operationen ebneten dem König den Weg zur Eroberung von Kreuznach im Februar 1632. Beim Aufbruch desselben nach Franken und Baiern unter das Obercommando des schwedischen Reichskanzlers Axel Oxenstjerna gestellt, fuhr er im Frühjahr fort, die Feinde auf dem linken Rheinufer zu bedrängen und ihnen in wiederholten Scharmützeln beträchtliche Verluste zuzufügen. Im Mai zwang er die Spanier bis nach Trier zu retiriren – mehr als ein Drittel ihres Volks sollen sie damals verloren haben. Den König sah O. L. allerdings nicht wieder. Noch immer bildete er eine Hauptstütze der rheinischen, nach Oxenstjernas Abberufung zu Gustav Adolf dem Feldmarschall Horn untergebenen Armee, als die Schlacht bei Lützen geschlagen wurde. Bloß ein paar Tage zuvor, 2. November, hatte ihm Horn kraft seiner Vollmacht, doch auf Ratification des Königs, „das Generalat von der Cavallerie bei dieser Armee“ übertragen: und zwar zur Belohnung der vorzüglichen Dienste, die er durch seinen Eifer und seine Kriegserfahrenheit dem König und dem evangelischen Kriegswesen bisher geleistet, sowie in der ausdrücklichen Erwartung, daß er – anders als früher in Preußen – die strengste Disciplin unter seinen Soldaten aufrecht erhalten werde. Bald nach Gustav Adolf’s Tode von Horn auch mit dem Oberbefehl im Elsaß betraut, entfaltete der Rheingraf eben dort eine stetig zunehmende Thätigkeit. Wie bisher den Spaniern, so von nun ab den Kaiserlichen an Kühnheit und Umsicht überlegen, wurde er zumal der österreichischen Landgrafschaft Oberelsaß sehr gefährlich. Noch zwar nahmen die Letzteren, durch Horn’s Entfernung nach Schwaben ermuthigt, im Januar 1633 einen kräftigeren Anlauf und überfielen oder bedrohten mehrere der zuvor von den Schweden occupirten Städte, von denen namentlich Hagenau, trotz des Rheingrafen Achtsamkeit, wieder verloren ging. Weitere Verluste zu verhüten, war dieser aber schnell auf dem Platz; und da er wahrnahm, wie die katholischen, größtentheils fanatisirten Bauern nicht blos hier und dort die Kaiserlichen heimlich unterstützten, sondern auch im Sundgau sich schon öffentlich zu Tausenden zusammenrotteten, in tollkühner Erhebung auf eigene Hand über seine Truppenzüge und seine Besatzungen herfallend barbarische Excesse verübten, so hielt er es für nöthig, an dem „rumorischen“ Landvolk ein abschreckendes Beispiel zu statuiren. Vom Grafen Montecucoli, auf den sie sich stützten, im Stich gelassen, wurden gegen 1600 Bauern auf des Rheingrafen Geheiß in einer Winternacht im Dorfe Dammerskirch umringt und am andern Morgen sämmtlich ohne Erbarmen niedergehauen. – Wiederholt im Frühjahr und Herbst zur Verstärkung des Feldmarschalls Horn nach Schwaben abgerufen, bedauerte O. L. wohl, den Feinden auf beiden Ufern des Oberrheins von Neuem Luft und Raum gewähren zu müssen; jedoch seine baldige Rückkehr gebot ihnen sofort wieder Halt, und bis nach der Schweiz hin dehnten seine Eroberungen sich aus. Noch einmal machten zu Anfang 1634 die kaiserlichen Obersten im Oberelsaß und Sundgau große Anstrengungen, die Herrschaft Oesterreichs daselbst herzustellen. Als ihnen dies aber trotz der Hilfe des Herzogs von Lothringen nicht gelang, als der Rheingraf vielmehr den Grafen von Salm völlig in die Enge trieb, da erfolgte eine neue unerwartete Wendung im Kriege. Salm, der [732] im Felde unterliegend, sich nach der Bergfeste Hohenbaar geflüchtet hatte, fand keine andere Möglichkeit der Rettung, als indem er sich den Franzosen in die Arme warf und König Ludwig XIII. als dem Schutzherrn des katholischen Glaubens außer Hohenbaar auch so wichtige Plätze wie Hagenau und Reichshofen auslieferte. Lieber den Franzosen als den Ketzern! war hinfort die Parole, und der Rheingraf sah sich um seinen Siegespreis betrogen. Er wandte sich nun wieder nach dem Sundgau, eroberte Sultz, Gebweiler und Ruffach, schlug den Rest der lothringischen Truppen, die zum letzten Rettungsversuch des Oberelsaß gegen ihn vorgerückt, im März bei Wattweiler, verfolgte die Fliehenden nach Thann, nahm außer diesem Ort auch Belfort – und noch im nämlichen Monat öffneten alle Plätze des Sundgaus ihre Thore; nur daß auch da die Franzosen mit Besetzung des einen und des andern ihm zuvorkamen. Im April überschritt er bei Neuenburg den Rhein und erzwang nach kurzen Kämpfen auch schon die Uebergabe von Freiburg im Breisgau. Auf den ernstesten Widerstand aber stieß er einen Monat später bei der Belagerung der von dem kaiserlichen Oberst Mercy hartnäckig vertheidigten Waldstadt Rheinfelden. Um so schwieriger ward seine Lage, als ihm zugleich noch eine andere Aufgabe, die Blocade der Hauptfestung Breisach oblag. Immerhin setzte er beiden Orten auf das Aeußerste zu; ja mehr und mehr ging sein Ehrgeiz dahin, dieses den Rhein weithin beherrschende Breisach in seine Gewalt zu bekommen. Da aber empfing er, früh im Sommer, die Ordre von Horn, den Kampf am Rhein hintangesetzt, sein Hauptaugenmerk auf die unter dem Cardinal-Infanten Don Fernando im Anzug aus Italien befindlichen Spanier zu richten und, falls sie in Schwaben einfallen würden, umgehend mit allen im Elsaß entbehrlichen Mannschaften nach der Donau aufzubrechen. Mit dem Feldmarschall vereinigte Oxenstjerna, der Reichskanzler, seine dringenden Befehle an den Rheingrafen, zur Rettung des schwäbischen Kreises vor dem Einbruch der Feinde schleunigst herbeizukommeu. So sah sich der Letztere denn noch einmal in die Nothwendigkeit versetzt, sein unvollendetes Werk zu unterbrechen. Wie ungern er dies that, zeigt freilich nun die Langsamkeit seiner Bewegungen. Hoffte er doch täglich mehr, jene beiden Städte durch Hunger zur Capitulation zu zwingen. Wirklich brach er nicht eher auf, als bis Rheinfelden – 9./19. August – capitu1irt hatte und er dieser Feste recht versichert zu sein glaubte. Aber auch dann zögerte er noch, weil er der Ehre, das viel bedeutendere Breisach „in der Evangelischen Devotion“ zu bringen, nicht verlustig gehen wollte. Die Folge war jedoch die, daß er, von einem Tag zum andern von Horn erwartet, zu spät kam, um die drohende Katastrophe in Schwaben, die so verhängnißvolle Niederlage der Schweden bei Nördlingen abzuwenden. Nur noch einige Stunden war er am 27. August/6. September, dem Schicksalstage, von dort entfernt. Um so schwerer aber trafen ihn dann die Vorwürfe, durch diese absichtliche Verzögerung das Unglück hauptsächlich mit verschuldet zu haben. Statt des Ruhmes also, den er am Rhein vergeblich gesucht, erntete er hier nur Schimpf; ohnehin hatte auch er schnell genug unter den Folgen der Nördlinger Schlacht hart zu leiden. Denn in und um Heilbronn, wo er – nach einer Zusammenkunft mit dem besiegten Herzog Bernhard – von dem geschlagenen und zerstreuten Volk soviel als möglich zu sammeln und an sich zu ziehen gedachte, war seines Bleibens nicht lange, da der Herzog von Lothringen, nunmehr außerordentlich ermuthigt und durch bairische Truppen verstärkt, einen energischen Angriff auf das Elsaß plante und dadurch seine, des Rheingrafen Basis unmittelbar bedrohte. Dieser, vor Allem für Straßburg fürchtend, marschirte im September zunächst auf Kehl, um sich des Uferwechsels zu versichern, kam aber bereits unterwegs, auf einem Streifzug an der Kinzig, [733] durch Truppen des bairischen Generalwachtmeisters Joh. v. Werth in arges Gedränge. Von ihnen umzingelt, rettete er sich nur durch das kühnste Wagestück, durch einen jähen Sprung mit seinem Pferde in das tief unten fließende Wasser, unter einem Hagel von Kugeln, auf das andere Ufer in ein sicheres Versteck. Die Feinde hinter sich und vor sich, arbeitete er sich dann mühsam zu seiner Hauptarmee hindurch, gewann glücklich den Paß von Kehl und brachte sie, obwol stets von bairischen Reitern verfolgt und nicht ohne Schaden, unter[1] die Straßburger Brücke. Darauf aber that er ohne Gewissensskrupel, was ihm selbst vor Kurzem zu seinem großen Verdruß geschehen war; er suchte angesichts der wachsenden Feindesmacht seinen Rückhalt bei den Franzosen, und um durch die Besatzungstruppen von Colmar und Schlettstadt sein Heer im Felde auf der nöthigen Höhe zu erhalten, entschloß er sich, ihnen diese Städte mit vielen umliegenden Ortschaften und Pertinentien, in Wirklichkeit fast schon das ganze Oberelsaß zu überliefern. Zwar tröstete er sich mit der Ueberzeugung, daß es anders doch nicht zu retten gewesen wäre, indeß er sich vorspiegeln ließ, daß Frankreich eben dadurch zu offenem Bruch mit dem Kaiser getrieben werden würde. Zwar auch sollten alle diese Orte, unbeschadet der Rechte des römischen Reichs, nur der Protection der Krone Frankreich bis zum Friedensschluß untergeben sein. Allein schon damals hätte sich Niemand über die Ohnmacht solcher und ähnlicher Klauseln täuschen dürfen, und die Nachwelt hat dem Rheingrafen seine ohnehin ganz eigenmächtige Handlungsweise als Verrath am Vaterlande angerechnet. Seine düstere Stimmung, dazu der allgemeine Mangel an deutschem Nationalgefühl in dieser Zeit der Leidenschaften und der Zerrissenheit des längst den Fremden preisgegebenen Reichs lassen jene wenigstens erklärlich erscheinen. Ueberdies krank infolge seines neulichen Kriegsabenteuers, unterzeichnete er 26. September/6. October den ominösen Vertrag, dessen nächste Wirkung die Auslieferung Colmars und Schlettstadts an die Reichsfeinde war. Dennoch erlebte er selbst das letztere Ereigniß nicht mehr. Wenige Tage zuvor, am 6./16. October ist er, von Oxenstjerna nach Worms gerufen, dort an seiner Krankheit, kaum 37 Jahre alt, gestorben. – Die unerfreuliche Epoche, in welche seine Lebensthätigkeit gefallen, wirft auch auf sein Bild ihre dunklen Schatten. Obwol die Schweden ihm nicht blos als ausgezeichneten und vorwiegend glücklichen Reitergeneral, sondern auch als einem Helden der evangelischen Sache einen rühmenden Nachruf widmeten, erscheint er uns doch mehr im Lichte eines jener heimath- und ruhelos daher stürmenden Condottieri, an welchen die Zeit so überreich gewesen. Aber wenn auch, wie sein früheres Leben zeigt, seine Moral keine allzu strenge war und wir über seine religiöse Haltung Näheres nicht erfahren, so muß doch hervorgehoben werden, daß er, im Gegensatz zu so vielen Anderen, seiner Glaubenspartei als Kämpfer treu geblieben ist. Er entsprach damit zugleich den Traditionen seines Hauses. Ein Oheim und zwei Brüder (der eine fiel bereits 1629 in Gustav Adolf’s preußischem Kriege) kämpften, nicht selten ihm zur Seite, für die nämliche Sache. Sein unstätes, an Abenteuern und Gefahren reiches Leben hatte ihn übrigens nicht davon abgehalten, sich zu vermählen. Seine Wittwe, eine Gräfin von Hanau, gebar ein halbes Jahr nach seinem Tode einen Sohn, Johannes, der 1688 als der Letzte seines Zweiges hinschied.

Niels Slangens Gesch. Christian des vierten, Königs in Dänemark, bearbeitet von J. H. Schlegel. Buch III. 1771. – Konung Gustav II. Adolfs skrifter, 1861. – Arkiv till upplysning om Svenska krigens I-III. 1854 bis 1861. – Cronholm, Sveriges historia under Gustav II. Adolphs regering. II. 1857. VI, 1 und 2. 1872. – Besonders Chemnitz, Königl. schwedischer [734] in Teutschland geführter Krieg. I. und II. 1648, 1653. – Vgl. auch Barthold, Gesch. des großen deutschen Krieges. I. 1842.

[Zusätze und Berichtigungen][Bearbeiten]

  1. S. 733. Z. 7 v. o. l.: über die Brücke (statt unter.) [Bd. 26, S. 832]