ADB:Tilly, Johann Tserclaes Graf von

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Artikel „Tilly, Johann Tserclaes Graf von“ von Karl Wittich in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 314–350, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tilly,_Johann_Tserclaes_Graf_von&oldid=2492605 (Version vom 16. Dezember 2017, 20:42 Uhr UTC)
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Tilly: Johann Tserclaes Graf v. T., Heerführer der katholischen Liga, einer der namhaftesten Feldherren des dreißigjährigen Krieges. Er stammte aus dem alten brabantischen Adelsgeschlechte der Tserclaes und war auf dem Schloß Tilly bei Genappe oder zu Brüssel im Februar 1559 als zweiter und jüngster Sohn seiner Eltern geboren. Als er neun Jahre alt war, wurde der Vater, Martin Tserclaes, wegen Betheiligung an dem „Compromiß der Edlen“ und ihren aufständischen Bewegungen gegen die spanische Regierung in den Niederlanden zu ewiger Verbannung verurtheilt und seiner dort gelegenen Güter für verlustig erklärt (September 1568). Dagegen bezeichnet es die Richtung der Mutter, einer geborenen v. Schierstaedt, daß sie den zehnjährigen Johann den Jesuiten zur Erziehung übergab; nach kurzem Aufenthalt in ihrem Colleg zu Châtelet im Stift Lüttich, kam er mit ihnen nach Köln. Daß er aber als Novize [315] bei ihnen eingetreten sei, läßt sich trotz seiner früh auf ascetische Frömmigkeit gerichteten Neigungen keineswegs behaupten; sicher ist, daß er sich vielmehr mit ganzer Seele für die militärische Laufbahn entschied. Und der Umstand, daß sein Vater, nach völliger Trennung von den alten Freunden und Verbindungen im April 1574 von König Philipp II. begnadigt, in die Heimath zurückkehren, die eingezogenen Güter wieder übernehmen durfte, mag nicht wenig dazu beigetragen haben, dem dankbaren Sohn die Bahn vorzuschreiben, die wir ihn fortan wandeln sehen. Indem er sich zunächst dem Dienst der spanischen Krone widmete, hatte er das Glück, in eine vorzügliche Kriegsschule, in die des Herzogs von Parma, Alexander Farnese’s, einzutreten. Gleich anderen Edelleuten seiner Zeit begann er mit der Pike in der Hand zu dienen; als Volontär zog er mit dem Regiment des Grafen Octavio v. Mansfeld zuerst ins Feld und zeichnete sich durch Tapferkeit aus. Dieser Mansfeld empfahl ihn den katholischen Bundesgenossen Spaniens in Deutschland, als es (1583) den vom alten Glauben abgefallenen Kölner Kurfürsten Gebhard Truchseß von Waldburg zu bekämpfen und zu vertreiben galt. An der Spitze einer vornehmen Compagnie half T. dazu in einer Reihe siegreicher Gefechte mit. Als aber (1584) das Ziel des kölnisch-westfälischen Krieges erreicht, Gebhard und seine Schaar vertrieben war, ergriff T. von neuem als einfacher Volontär die Pike, um an der weltberühmten Belagerung von Antwerpen theil zu nehmen. Und nachdem diese Feste gefallen, ließ er, infolge der Einmischung Philipp’s II. in die religiös-politischen Wirren Frankreichs und Dank seinem intimen Verhältniß zu der Heiligen Ligue, sich bei dem spanischen Hülfscorps gebrauchen, das Alexander Farnese den Guisen sandte. Im Cürassierregiment des Grafen Ad. v. Schwarzenberg befehligte er eine Compagnie und that sich namentlich in der Schlacht von Auneau, wo das Heer der deutschen Protestanten unter Graf Fabian v. Dohna geschlagen wurde, hervor. Auch im Dienste des Herzogs von Lothringen, in den er darauf eintrat, kämpfte er weiter für die Heilige Ligue und damit zugleich für Spanien, wenn auch, wie an dem Tage von Ivry (1590), das Kriegsglück seiner Partei nicht immer hold blieb. Zur Belohnung seiner Thaten ward er vom Herzog von Lothringen zum Gouverneur von Dun und Villefranche ernannt; und er hielt diese Plätze bis 1594, wo sie durch den Theilfrieden Lothringens mit Heinrich IV. von Frankreich an letzteren übergingen. Gern, wie es heißt, hätte dieser König T. selber zu sich herübergezogen; glänzende Anerbietungen soll er ihm gemacht haben. Aber der belgische Edelmann und Soldat blieb der Krone Spanien sowie dem streng katholischen Princip getreu und widerstand.

Für die nächstfolgenden Jahre läßt sich von T. wenig melden. Nicht einmal den Zeitpunkt kennen wir, wo er, ähnlich wie sein älterer Bruder Jakob, nach Ungarn zog, um für das Gesammthaus Habsburg wider den Erbfeind des christlichen Namens zu kämpfen. Als der alte Liguistenführer Herzog von Mercoeur durch Rudolf II. zum Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen im Kriege gegen die Türken berufen wurde, erhielt hier auch T., wegen seiner früheren Verdienste im Kriege der Ligue, eine höhere militärische Charge, und einige der schwierigsten Aufgaben wurden ihm gestellt. Seine muthigen Diversionen zur Rettung der strategisch hochwichtigen Festung Canissa, die im Herbst 1600 von den Türken belagert wurde, hatten freilich nicht den gewünschten Erfolg. Nur einen schwachen und vorübergehenden Ersatz für den unabwendbaren Fall Canissas gewährte ein Jahr später unter seiner hervorragenden Mitwirkung die Erstürmung von Stuhlweißenburg. Die Ungläubigen eroberten den letzteren Platz schon im August 1602 zurück – zu einer Zeit, da T. vom Kriegsschauplatz abwesend war. Denn mit einem Oberstenpatent Kaiser Rudolf’s vom 7. Mai d. J. zur Errichtung eines Fußregiments von 3000 Wallonen versehen, weilte [316] er damals im Stift Lüttich und traf mit seiner mühsam zusammengebrachten Mannschaft erst während des September im Lager von Raab, dem kaiserlichen Hauptquartier, wieder ein. Gleich im folgenden Monat aber sollte dieses Regiment im Sturm auf Ofen, der vom Erzherzog Matthias zur Revanche für Stuhlweißenburg beschlossen war, seine Feuertaufe erhalten. Mit T. an der Spitze, stürmte es die Wälle, half es sich der Vorstädte bemächtigen. Allein der Generalsturm gegen die Festung mißlang; die tapferen Wallonen wurden bei dieser Gelegenheit fast schon aufgerieben und ihr Anführer T. selbst in der linken Schulter schwer verwundet. Es währte lange bis zu seiner Genesung; indeß war die nächste Zeit und das folgende Jahr (1603) überhaupt an kriegerischen Begebenheiten arm. 1604 von Kaiser Rudolf zum General der Artillerie ernannt, fand er endlich neue Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Dem von den Türken ernstlich bedrohten Gran eilte er im September zur Hülfe; durch das Feuer seiner Artillerie, das er erfolgreich auf die Belagernden richtete, trug er wesentlich zur Rettung dieser Hauptfestung bei. Aber freilich brachte noch das nämliche Jahr ihm, wie insgemein der kaiserlichen Heerführung, unerwartete und außerordentliche Beschwerden durch den weitreichenden, von den Türken geschürten Aufstand des siebenbürgischen Edelmanns Stephan Bocskay. Ein Winterfeldzug wurde dadurch nöthig, in welchem T. wiederholt in Gefahr gerieth von den hinterhaltigen Heyducken gefangen genommen zu werden. Erfolg und Mißerfolg wechselten jählings. Trotz aller Anstrengungen gelang es den aufs empfindlichste nothleidenden Kaiserlichen doch nicht, sich Siebenbürgens vor Bocskay zu sichern; es fiel in seine Hände. Daß aber T. hieran am wenigsten Schuld trug, ward ihm gleichsam durch seine ehrenvolle Ernennung zum Feldmarschall (1605) bezeugt. Mit eiserner Strenge suchte er den militärischen Geist der stark erschütterten Armee aufrecht zu erhalten. Als nun auch Gran fiel, ließ er alle höheren Officiere der Garnison vor ein Kriegsgericht stellen und neun von ihnen hinrichten. Zu schwach indeß an Kräften, um noch die Offensive zu ergreifen, mußte er sich auf die Wahrung der noch übrigen festen Plätze und zur Belästigung der Feinde auf einige kleinere Unternehmungen beschränken. Seine letzte Waffenthat war die glänzende Vertheidigung seiner Stellung bei Hydweg gegen ein überlegenes Corps von Türken. Zu verhindern vermochte er es bei alledem nicht, wenn in dem Friedensvergleich mit Bocskay (23. Juni 1606) Siebenbürgen diesem förmlich überlassen werden mußte. Daß nicht auch Ungarn völlig verloren ging, daß der im November mit den Türken geschlossene Friede zu Sitvátorok auch einige für die Kaiserlichen vortheilhafte Bedingungen enthielt, war immerhin nicht zum geringsten Theil der bisherigen kriegerischen Thätigkeit der belgisch-wallonischen Helden, T. obenan, zu verdanken. Unter der Ungunst der allgemeinen Verhältnisse, der Ohnmacht und Geldnoth des Kaiserhofes hatten sie leiden müssen, ohne größere Erfolge erringen zu können, wie gerade dieser Mann als begeisterter Kämpfer für die katholische Kirche sie erwartet und vom Himmel erfleht hatte.

Die Lage in Ungarn blieb nach wie vor sehr unsicher; und diese Unsicherheit wird T. vornehmlich bestimmt haben, auf seinem undankbaren Posten auszuharren. Als kaiserlicher Feldmarschall wartete er eben die weitere Entwicklung der Dinge ab. Der Ausbruch des bekannten Bruderzwistes zwischen Rudolf II. und Erzherzog Matthias schuf aber bald noch andere höchst peinliche Verhältnisse, von denen er dann gleichsalls unvermeidlich berührt wurde. Er war – obwohl nur passiver – Zeuge der Verhandlungen, die unter Matthias’ Aegide im Januar 1608 zu der Preßburger Conföderationsacte zwischen den ungarischen und österreichischen Ständen führten. Matthias schickte ihn hierauf nach Prag mit dem Auftrage, diesen eigenmächtigen und bedenklichen Tractat, der seine [317] Spitze in Wirklichkeit schon gegen den Kaiser richtete, daselbst vor letzterem persönlich als eine zum Wohl der Christenheit bestimmte Handlung zu rechtfertigen. Sehr wahrscheinlich aber, daß der Erzherzog, der Tilly’s streng monarchische Gesinnung und unbedingte Kaisertreue kannte, sich auf diese Weise seiner entledigen wollte. Unmittelbar nach seiner Abreise befahl er den kaiserlichen Officieren in Ungarn, ihre Truppen zu verabschieden – wohingegen er in den conföderirten Provinzen Werbungen für sich selber vorzunehmen gedachte. Weit entfernt, sich von Matthias irreführen zu lassen, eilte T. nach Prag, um Rudolf vielmehr über den wahren Sachverhalt aufzuklären und ihm angesichts der Gefahr seine Rathschläge zu ertheilen. Der unglückliche Geisteszustand, die zunehmende Schwermuth und Apathie dieses Kaisers machten seine Absicht in der Hauptsache zu Schanden. Doch erreichte er so viel, daß Rudolf durch eine besondere Proclamation (vom Februar) jene Truppen anweisen ließ, nur von ihm, als ihrem Feldmarschall, Befehle anzunehmen und ihre Fahnen nicht zu verlassen. Zu der ungarischen Armee zurückgekehrt, trat T. dem ehrgeizigen Erzherzog mannhaft entgegen. Und als, für ihre religiöse Freiheit fürchtend, jetzt auch die mährischen Stände, namentlich die mit Rudolf’s Regierung längst unzufriedenen Adligen Mährens der „Preßburger Zusammenschwörung“ beizutreten und so sich ebenfalls Matthias anzuschließen Miene machten, suchte der kaiserliche Feldmarschall dies durch militärische Demonstrationen zu verhindern. Er nahm mit seinen Truppen an der Grenze Mährens eine drohende Stellung ein. Trotzdem aber wurde am 19. April das Bündniß der mährischen mit den österreichischen und ungarischen Ständen zu großer Genugthuung des Erzherzogs und im antikaiserlichen Sinne vollzogen. Zur officiellen Rechtfertigung des Bündnisses erließ Matthias noch im nämlichen Monat ein Manifest, worin er zumal auch seinem Mißmuth über T. in den heftigsten Klagen Luft machte. Der habe mit seinem Kriegsvolk auf der mährischen Grenze gebrannt, geraubt und sich verlauten lassen, den Adel ausrotten zu wollen. Der Feldmarschall verantwortete sich, gleichfalls mit Hülfe der Presse, vor der Oeffentlichkeit; voller Entrüstung wies er die Verdächtigung, ein Räuber, ein Mörder, ein „heimlicher Ausrotter der löblichen Nobilität“ zu sein, zurück. Und das um so mehr, je mehr er seine stets „aufrichtigen“ Handlungen wider den Erbfeind christlichen Namens glaubte rühmen zu dürfen. Dem Kaiser treu ergeben – auch das betonte er hier – fuhr er aber fort, denselben zu strengem, energischem Vorgehen gegen die „Rebellen“ aufzufordern. Für sich selbst erwirkte er den Auftrag zu einer neuen Truppenwerbung in seiner niederländischen Heimath. Und er betrieb sie mit solchem Eifer, daß er bereits im Juni ein kriegstüchtiges Corps von 5000 Wallonen zum Schutz des von Matthias mehr und mehr bedrängten Kaisers nach Böhmen führen konnte. In der That schien auch dieser unglückliche Fürst einen ungewohnten Anlauf zur Rettung seiner Integrität und seiner Ehre nehmen zu wollen. Indem er immer noch bei seinen vorwiegend getreuen Böhmen einen Rückhalt fand, ließ er kriegerische Aufgebote durch das ganze Land ergehen. Es schien, als würde sich unter Tilly’s Commando ein großartiges Heer bei Prag concentriren. Allein, während sich diesem Commando einige deutsche Heerführer aus Eifersucht widersetzten, erlahmte Rudolf’s Thatkraft schnell von neuem. Ja, unter dem Eindruck verstimmender Nachrichten aus dem Reiche bemächtigte sich seiner eine größere Niedergeschlagenheit als je. Tilly’s ungeachtet verzweifelte er daran, dem in Böhmen eingedrungenen und bis in die Nähe von Prag gelangten Heere seines Bruders siegreich widerstehen zu können. Am 25. Juni trat er, ohne einen Schwertstreich geführt zu haben, dem ihm so verhaßten Erzherzog Matthias Ungarn, Oesterreich und Mähren ab. Wohl nahm Matthias, nachdem er seinen Willen durchgesetzt, sein Heer aus Böhmen wieder heraus; indeß auch Rudolf entließ, gänzlich erschlaffend, [318] das seinige. Und damit endete nun auch Tilly’s militärisches Amt, seine Thätigkeit im Dienste dieses Kaisers, dem er als solchem, als dem ersten weltlichen Herrscher der Christenheit und dem Oberhaupte des Hauses Oesterreich, als Blutsverwandten des Königs von Spanien, sich in hingebendster Weise gewidmet hatte. Nirgends hatte seinen heißen Bemühungen der Erfolg entsprochen; an unüberwindlichen Hindernissen, vor allem aber an der Trägheit und Indolenz, an der persönlichen Unfähigkeit des Monarchen waren sie gescheitert. Mit trauriger Resignation zog sich der Feldmarschall seit Sommer oder Herbst 1608 in das Privatleben zurück – bis er, erst beinahe zwei Jahre später, nach langen Verhandlungen von einer anderen Stelle aus zu einer hervorragenden und seinen Wünschen in der Folgezeit weit mehr entsprechenden, sein ganzes ferneres Leben erfüllenden Thätigkeit berufen wurde. –

Sein Ruf als Heeresorganisator und als Feldherr, als Kämpfer für den christlich-katholischen Glauben war wohl schon überallhin gedrungen; und so ersah sich ihn die in Deutschland neu begründete Liga, mit dem Herzog Maximilian von Baiern an der Spitze, zum Anführer ihrer Bundesarmee. Indem T. (Frühjahr 1610) auf das Anerbieten des Herzogs einging, nahm er übrigens erst definitiv seine Entlassung vom Kaiser. Er versprach, dem Hause Oesterreich gleichwohl auf immer treuergeben bleiben und bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihm auch fernerhin mit Gut und Blut dienen zu wollen. Die Interessen des Hauses Baiern und dieser neuen katholischen Liga konnte er sich gar nicht getrennt von denen des Kaisers und des Erzhauses denken. In den gegebenen Verhältnissen lag es jedoch, daß er selbst als Feldmarschall der Liga durch Maximilian von Baiern beständig in Anspruch genommen wurde und sich den militärischen Angelegenheiten dieses Herzogthums ganz besonders widmen mußte – wie er sich dem Herzog nun auch in erster Linie verpflichtet fühlte. So ließ er sich denn die Wehrfähigkeit des bairischen Volkes, die Landesvertheidigung Baierns vornehmlich angelegen sein, während er zugleich, an die Spitze einer Commission für die militärische Organisirung der Liga gestellt, ihr ein Heer schuf, dessen eigentlichen Kern dann wieder das bairische Contingent bildete. Maximilian’s natürliches Uebergewicht in der Liga konnte T. bei dieser nur zu Statten kommen, da er ihm ein außerordentliches Vertrauen schenkte und von seinem Gutachten die Entscheidungen des Kriegsraths abhängig machte.

Daneben wurden dem kriegserfahrenen Manne bereits sehr früh auch gewisse diplomatische Verhandlungen, sei es im allgemeinen Interesse der Liga, sei es in dem speciellen Baierns, durch Maximilian übertragen. So nach der ersteren Richtung hin bei den Conferenzen, die der Bund im October 1610 mit den Bevollmächtigten des evangelischen Gegenbundes, der sogenannten Union, abhielt. So nach der ersteren, aber noch mehr nach der letzteren Richtung hin zur Beilegung der Irrungen, die zwischen Maximilian und seinem Nachbarn, dem eigenwilligen Erzbischof Wolf Dietrich von Salzburg, einem Gegner ebenso der Liga wie der Jesuiten, bestanden. Nach beiden Richtungen waren ernste Erfolge freilich kaum zu erwarten. Das Verhältniß zwischen Liga und Union war bloß das eines Waffenstillstands. Zwischen Baiern und Salzburg aber kam es schon 1611 zum offenen Bruch; Maximilian triumphirte über seinen Gegner und züchtigte ihn grausam, ohne damit allerdings der Sache der Liga zu nützen. Als unter mancherlei anderen Gefahren und Krisen, bei der unabwendbaren Eifersucht des österreichischen Erzhauses, der Fortbestand des Bundes dann doch in Frage kam, als Maximilian selbst zu Anfang 1616 das Amt des Bundesobersten niederlegte, blieb nichtsdestoweniger T. diesem Fürsten treu zur Seite. Er fuhr in seiner militärischen Arbeit zur Stärkung Baierns fort, da er in der zielbewußten und außergewöhnlichen Thatkraft des Baiernherzogs nun einmal die beste Bürgschaft für [319] die Wiederherstellung des Katholicismus in Deutschland erkannt hatte. Uebrigens legte Maximilian schon im Mai 1617 den Grund zu einer neuen Liga und bereitete bald nach Ausbruch des dreißigjährigen Krieges ihre völlige Wiederherstellung auf einer stärkeren Basis als bisher vor. Als Oberbefehlshaber über die gesammte Kriegsmacht des Bundes verließ er sich dabei aber mehr als je auf T. Dieser, längst als bairischer Generallieutenant bezeichnet, würde auch als solcher der Liga unbedingt anerkannt worden sein, wenn nicht der lothringische Prinz Franz von Vaudemont Anspruch auf diese hohe Stellung erhoben hätte. Lediglich Rücksichten auf Lothringen, dessen Hülfsmittel man für die Liga nutzbar zu machen, das man an dieselbe zu ketten hoffte, ließen von T. daher zunächst absehen. Mit anerkennenswerthem Tact trat er selber um der Sache willen vor seinem fürstlichen Rivalen zurück und begnügte sich mit dem Feldmarschallamt. Als dann aber Vaudemont seine Ansprüche fallen ließ, erhielt T. ohne Widerspruch die ihm gebührende Generallieutenant-Charge (1620). Mit Vorliebe scheint er sich indeß immer General oder Generallieutenant der Armee von Baiern genannt zu haben.

Er stand im Alter von 61 Jahren, und jetzt erst ward es ihm gegeben, sich als Feldherr im großen Stile zu zeigen. Herzog Maximilian hatte sich dem neuen Kaiser Ferdinand II. in dessen Bedrängniß gegen bedeutende Versprechungen verpflichtet, als unumschränkter Oberbefehlshaber der liguistischen Streitkräfte die Waffen für die Erhaltung des alten Glaubens und für die Rettung des Hauses Oesterreich zu ergreifen. Vornehmlich galt es, Böhmen wieder zu erobern und die Erhebung des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, der Ferdinand die böhmische Krone entrissen hatte, niederzuschlagen. Jedoch nicht ohne weiteres wagte Maximilian gegen Böhmen vorzugehen. Er hatte überdies noch besondere Interessen, erst das Land ob der Enns zu überziehen. Mit der schnellen Occupation desselben durch das Heer der Liga, durch T. wurde den aufständischen Böhmen aber bereits ein wichtiger Bundesgenosse entrissen; die überraschten und erschreckten Stände von Oberösterreich mußten dem Baiernherzog huldigen, auf ihr Bündniß mit jenen verzichten und noch dazu ihre Truppen dem liguistischen Heer überlassen. Dieser Erfolg bewog Maximilian und seinen Generallieutenant, den entscheidenden Schlag gegen Friedrich nicht länger zu verschieben: nur, daß sie zuvor noch ihre Vereinigung mit dem kaiserlichen Heer unter General Bucquoy ausführten. Bucquoy fand ihr Vorhaben doch auch so noch zu gefahrvoll; Maximilian hingegen trug kein Bedenken mehr, zum directen Marsch auf Prag anzutreiben. Zu seiner und seines Heeres Freude ward eine Erkrankung Tilly’s schnell wieder gehoben, wie man annahm „durch die Reliquien des heiligen Ignaz“. Immerhin verzögerte sich – nach einem fruchtlosen Versuch, erst Pilsen dem Grafen Ernst v. Mansfeld zu entreißen, sowie nach einem mißlungenen Angriff auf Rakonitz – der Vormarsch der beiden vereinigten Armeen nach Prag bis in den November hinein. Die liguistische zog voran; und T. ließ sie am weißen Berge, dem Fürsten Christian von Anhalt gegenüber, der mit seinen Truppen die Höhe besetzt hielt, sich in Schlachtordnung aufstellen. Auch dies Vorgehen hielt der kaiserliche General Bucquoy wegen des unleugbaren Vortheils der feindlichen Position für zu gewagt und mißbilligte es. In einem unter Maximilian abgehaltenen Kriegsrath stimmte er, T. zum Trotz, für Vermeidung des Kampfes. Daß es anders kam, soll nach einer freilich nicht verbürgten Erzählung namentlich das Verdienst eines Karmeliterpaters gewesen sein, der im festen Vertrauen auf den Sieg begeistert zum sofortigen Angriff gerathen hätte. Man ward an das Evangelium des Tages (es war Sonntag der 8. November), an die Worte desselben erinnert: gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist! – Worte, die T. in seinen späteren Feldzügen [320] gelegentlich mit besonderem Nachdruck gebraucht hat. Während Bucquoy seinen Widerstand fallen ließ, erfolgte der Angriff, der, nach anfänglichem hartem Kampfe, gar bald durch die Uebermacht und die überlegene Disciplin der katholischen Truppen in der That ihren vollständigen Sieg herbeiführte. Der Flucht des „Winterkönigs“ Friedrich, der Unterwerfung Prags und der böhmischen Stände folgte die Unterwerfung fast des ganzen übrigen Landes durch T. Ihm übergab der nach München heimkehrende Herzog das Militärcommando in Böhmen, während der kaiserliche Feldherr nach Mähren weiter zog.

So großartige Vortheile aber auch der Sieg am weißen Berge dem Kaiser und der katholischen Sache brachte: noch stand in Friedrich’s Söldnerhauptmann, jenem Ernst v. Mansfeld, dem liguistischen General ein hartnäckiger und schlimmer Feind entgegen. Entschlossen, sich in Pilsen zu halten, dachte derselbe noch sein Heer mit Aussicht auf Kriegsbeute locken und, zum Zweck der Rückeroberung des Königreichs Böhmen, beliebig vergrößern zu können – indeß T. nur von einem regelmäßig bezahlten Heere die ihm unentbehrlich erscheinende Kriegszucht und volle Kriegstüchtigkeit erwartete. An Truppenzahl fühlte dieser sich jenem freilich nicht gewachsen, so lange nicht die fürstlichen Mitglieder der Liga ihre Genehmigung zu Verstärkungen gegeben hatten. Als aber der Baiernfürst früh im J. 1621 auf dem Bundestage von Augsburg zur Unterstützung des Kaisers die Aufstellung einer Armee von 15 000 Mann und die Bewilligung der hierzu nöthigen Unterhaltsmittel erwirkte, nahm schnell auch T. wieder einen größeren Anlauf. Er entriß Mansfeld, dem ohnedies Pilsen durch den Verrath seiner Hauptleute verloren ging, eine Reihe kleinerer Plätze im westlichen Böhmen und drängte ihn auf die oberpfälzische Grenze zurück. Allein es trat nur eine Gefahr an die Stelle der anderen, als dieser Feind Böhmen nun verließ und in die Oberpfalz einrückte. Und die neue Gefahr erschien um so größer, als die Truppen der soeben aufgelösten Union den Fahnen Mansfeld’s zuströmten – als auch sonst von allerhand Zuzug der mißvergnügten Protestanten zu ihm die Rede war. So würde T. ihn denn am liebsten umgehend verfolgt und angegriffen haben. Jedoch zum Einmarsch in die Oberpfalz, auf den Boden des Reiches, war der liguistische Feldherr nicht ermächtigt. Gleichsam mit gebundenen Händen stand er dem zügellosen Söldnerfürsten an der Grenze gegenüber und mußte ihn jenseits gewähren lassen: auch als aus dem Mansfeldischen Lager bei Waidhaus ein für ihn, T., schmähliches Gerücht ausgesprengt wurde. Dort nämlich sollte ein verdächtiger Italiener festgehalten worden sein und sich als zur meuchlerischen Ermordung Mansfeld’s von T. und den Jesuiten gedungen bekannt haben. Bei seiner ritterlichen Ehre ließ der katholische General seinem Gegner versichern, daß dies erlogen sei. Gleichwohl ließ der letztere die angebliche Aussage des Italieners nachher noch durch den Druck veröffentlichen. Eine geraume Zeit verging, ehe die Genehmigung des Kaisers zum Einrücken ins Reich, zur Besetzung der Oberpfalz durch das Heer der Liga eintraf. Die Mansfelder wichen sodann zwar auch hier vor T. zurück: aber nur, um nach trügerischen Verhandlungen ihres Oberhauptes mit dem Baiernherzog den Kriegsschauplatz noch im Herbst 1621 nach der Unterpfalz zu verlegen. Maximilian sandte ihnen T. mit 10–20 000 Mann nach, jedoch zu spät, um ihre neueste Invasion zu verhindern. Hätte jener Söldnerführer die Zeit besser auszunützen verstanden und seine Kräfte nicht unnütz zersplittert, so würde er die Spanier, die als Alliirte des Kaisers dem Kurfürsten Friedrich V. bereits den größten Theil seines rheinischen Stammlandes entrissen hatten, vielleicht unschwer vertrieben haben. Mit Tilly’s Ankunft daselbst wurde, was Mansfeld versäumt, vollends unmöglich. Auf der anderen Seite fand jedoch T. an Cordova, dem spanischen Commandanten in der Rheinpfalz, nicht den gewünschten Succurs, um den Feind „zertrennen [321] zu können“. Obwohl er Ladenburg am Neckar einnahm, durfte er noch nicht daran denken, die Uebergabe der Hauptstadt Heidelberg zu erzwingen. Der bevorstehende Winter ließ ihn den Beistand der Spanier noch weniger erwarten, und er selbst sah der Frostzeit in dem ihm unbekannten Lande mit Sorgen entgegen. Er setzte sich, so gut er konnte, am Neckar fest, um Mansfeld den Durchbruch nach dem Odenwald und den benachbarten geistlich-liguistischen Ländern zu vermehren. Da aber seine Soldateska abgemattet und stark zusammengeschmolzen, ihm auch die erwarteten kaiserlichen Mannschaften nicht zugekommen waren, so fühlte er sich zu schwach, dem beutegierigen Söldnerführer damals nach dem Elsaß zu folgen. Umsonst gab er zu Anfang 1622 den Rath: jeden, der diesen vom Kaiser wiederholt schon geächteten Widersacher begünstigen werde – hieß es u. a. doch, daß derselbe mit Hülfe der protestantischen Reichsstädte ein ungeheures Heer zu werben im Begriff sei – für vogelfrei zu erklären.

Beim Herannahen der besseren Jahreszeit beeilte sich der liguistische Feldherr, sich wenigstens zwischen Neckar und Rhein weiter auszubreiten. Am 5. April zerschlug er bei Bruchsal 28 Cornet Mansfeldische Reiter; darauf eroberte er Hilsbach und Eppingen. Schnell aber gebot ihm die Kunde, daß Mansfeld in Begleitung seines officiellen Kriegsherrn, des Kurfürsten-Pfalzgrafen Friedrich, und einer Armee von 18 000 Mann wieder auf dem rechten Rheinufer erschienen sei, hierauf Rücksicht zu nehmen. Und das um so mehr, als die Nachricht hinzukam, daß Mansfeld sich mit dem eben ins Feld ausrückenden Markgrafen Georg Friedrich von Baden-Durlach und dessen achtunggebietenden Streitkräften zu vereinigen vorhabe. Nun kam es T. darauf an, diese Vereinigung durch einen schleunigen Angriff auf Mansfeld zu vereiteln. Unweit Wiesloch, bei Mingolsheim, fand am 27. April ein Treffen zwischen beiden Heerführern statt, das die numerische Ueberlegenheit der protestantischen Truppen indeß ungünstig für die katholischen gestaltete. T. zog sich nach Wimpfen zurück, um dort die Brücke über den Neckar zu wahren. Der gefürchteten Vereinigung Mansfeld’s und des Markgrafen stand aber nichts mehr im Wege; und der Kurfürst-Pfalzgraf träumte bereits von glänzender Vergeltung für seine Niederlage bei Prag. Einer erdrückenden Uebermacht gegenüber schien Tilly’s Lage so kritisch, wie nur je zu sein; Eilboten an den spanischen General Cordova schickend, erklärte er, daß die Wohlfahrt des Reiches auf dem Spiele stehe. Und diesmal zögerte der Spanier nicht, sich mit ihm zu verbinden. Dagegen begingen die feindlichen Befehlshaber den verhängnißvollen Fehler, sich alsbald wieder von einander zu trennen, der Markgraf überdies noch den, auch für sich allein, im Vertrauen auf seine wohlausgerüstete Armee, sich einem T. für überlegen zu halten. Er wähnte, ihn schlagen und nachher ohne Mühe durch die Oberpfalz von neuem in Böhmen einfallen zu können. Er rückte auf Wimpfen gegen T. los, und freilich war der Anfang der Schlacht, zu der er jenen hier am 7. Mai herausforderte, für ihn glückverheißend. Allein die Dinge wandten sich, als ein von ihm nicht erwarteter Eingriff der Spanier erfolgte. Und so erlitt denn Georg Friedrich eine völlige Niederlage. Ueber schwere Verluste hatten aber beide Parteien zu klagen; der katholische General ward durch die seinigen von ernstlicher Verfolgung seines Sieges abgehalten. Und neue Sorgen bedrückten denselben, als kurz darauf der braunschweigische Prinz Christian der Jüngere, der sogenannte „tolle Bischof“ von Halberstadt, nach arger Brandschatzung der geistlichen Stifter in Westfalen Miene machte, sich zur Wiedereroberung der Pfalz mit Mansfeld zu vereinigen. Nach Söldnerart führte Christian den Krieg wie dieser, während sein leidenschaftlicher Haß gegen die „Pfaffen“ und eigentlich [322] gegen alles Katholische ihn, aus der Ferne betrachtet, noch gefährlicher erscheinen ließ. Als Rächer des unglücklichen Pfalzgrafen-Kurfürsten oder vielmehr seiner schönen Gemahlin, für die er eine begeisterte Verehrung zeigte, hatte er geschworen, nicht eher ruhen zu wollen, als bis er auch Böhmen recuperirt haben werde. Mit diesem Mann also mußte T. jetzt rechnen; die Verbindung seines und des Mansfeldischen Heeres zu verhindern, beide möglichst getrennt nach einander zum Schlagen zu bringen, war sein nächstes bedeutsames Ziel. Durch einen Scheinangriff auf die Mannheimer Brücke (anfangs Juni) nöthigte er den für seine Stellung im Elsaß fürchtenden Mansfeld zur Umkehr von dem Marsch gen Norden, der seine Verbindung mit dem Halberstädter hatte herstellen sollen. Mansfeld eilte auf Mannheim zurück und verlor unterwegs bei Lorsch, von Tilly’s und Cordova’s vereinigter Macht bedrängt, wohl ein paar tausend Mann in heftigem Scharmützel. Schnell wandte sich der liguistische Feldherr darauf gegen den anderen, von Norden her anrückenden Feind, um ihn nicht weiter avanciren zu lassen. Mit unversehrter Macht war Christian bereits an den Main gelangt; sein auf etwa 20 000 Mann geschätzte Heer besetzte schon die kurmainzische Stadt Höchst. Eben dorthin richteten T. und Cordova ihren Marsch. Christian erwartete sie vor Höchst am 20. Juni in voller Bataille; und sie nahmen noch am nämlichen Tage, nach Eroberung einiger Punkte in der Nähe, das Treffen an. Ihre taktische Ueberlegenheit, namentlich auch in Hinsicht der Artillerie, zeigte sich bald; noch vor Anbruch der Nacht schlugen sie Christian’s mangelhafte Truppen in die Flucht; zahlreiche Flüchtlinge ertranken im Main. Die Besatzung von Höchst ergab sich; viele der Besiegten traten in liguistische Dienste über, so daß der Halberstädter sich nur mit etwa 6000 Mann gerettet haben soll. Und allerdings gelang es ihm jetzt doch, mit seinen Resten Mansfeld und Mannheim zu erreichen. Letzterer aber empfing ihn mit großen Vorwürfen: Christian hätte T. ausweichen sollen, anstatt sich mit diesem „alten Fuchs“ tollkühn im Felde zu messen.

Wenn auch nicht schon von entscheidender Bedeutung, bildet der Tag von Höchst immer einen Glanzpunkt in Tilly’s Kriegerlaufbahn. Auf diese zurückblickend dankte ihm demnächst Kaiser Ferdinand: daß er sich nun seit vielen Jahren um das H. R. Reich, das Haus Oesterreich und den allgemeinen Wohlstand (!) verdient gemacht und unsterblichen Ruhm geerntet habe durch Bekämpfung anfangs der Rebellen in den Niederlanden, dann des Erbfeinds der gemeinen Christenheit, der Türken, und nunmehr wieder der rebellischen offenen Feinde aller getreuen Kurfürsten und Fürsten, wie seiner selbst, des Kaisers. Ferdinand versprach ihm unvergeßlichen Dank, versprach, ihn zu „recompensiren“. Und zweifellos war es ein Ausfluß der kaiserlichen Gnade, wenn T., der sich bis dahin nur als „Freiherr“ gezeichnet, seit Ende Juli dieses Jahres den gräflichen Titel führte. Andere Auszeichnungen sollten folgen. Er aber, weit entfernt, auf seinen Lorbeern auszuruhen, eilte nach der Unterpfalz zurück, wo es – auch abgesehen von Mansfeld und Christian, die schnell nach dem Elsaß auswichen – noch die drei festen Städte Mannheim, Heidelberg und Frankenthal der pfälzischen Kriegspartei zu entreißen galt. Dem noch im Juli von Seite der beiden protestantischen Heerführer an T. gestellten Anerbieten, für eine Geldzahlung und für den Pardon des Kaisers in dessen Dienste treten zu wollen, wurde als einer bloßen Vorspiegelung keine Folge gegeben. Thatsächlich aber konnten sie sich in ihrer Geldnoth so wenig, wie in der Pfalz, im Elsaß mehr halten; ihr Abzug nach den Niederlanden kam der katholischen Kriegsleitung am Oberrhein äußerst gelegen. T. vermochte sich nunmehr ungestört der Belagerung von Heidelberg zu widmen. Am 16. September erstürmte er es; bloß ein Theil der Besatzung rettete sich vor dem Schwert der Eroberer aufs Schloß, das sich [323] indeß nur zwei Tage später durch Accord ergab. Zur Kriegsbeute wurde verhängnißvoller Weise auch die berühmte Bibliotheca palatina gerechnet, und als Tilly’s oberster Kriegsherr vindicirte sich der Herzog von Baiern das Recht der Verfügung über sie, um ihren reichen Hauptbestandtheil bald darnach dem Papst Gregor XV. zu überlassen. T. selbst lieferte sie mit Freuden dem Vatican aus. Und auch sonst gab er als Sieger schon seine wahre Gesinnung, die eigentliche Tendenz des Kampfes zu erkennen. In der Stiftskirche zum hl. Geist ließ er den Gottesdienst wieder katholisch verrichten. Einige Monate später erließ er sein Decret zur Ausweisung aller calvinistischen Prediger aus der Stadt, das mit voller Strenge zur Ausführung kam. Gleichwohl aber wollte er nicht durch offene Proclamirung des Religionskrieges die Bevölkerung allzu sehr reizen; an anderen Orten in der Unterpfalz soll er an die Kirchen des calvinischen Bekenntnisses sogar Schildwachen zum Schutz des üblichen Sonntagsgottesdienstes haben stellen lassen. Er wollte offenbar dem Lauf der Dinge nicht vorgreifen und zuerst seine militärischen Aufgaben erfüllen. Von Heidelberg begab er sich sofort nach Mannheim und erstürmte auch diese Stadt nach einmonatlicher Belagerung, am 18. October. Auch hier suchte sich die Besatzung in die Citadelle zu retten; jedoch auch hier mußte letztere nach wenigen Tagen capituliren. Jetzt trotzte allein noch Frankenthal dem eifrigen Feldherrn; und der einbrechende Winter ließ damit freilich eine Lücke in seinem Werk, der im übrigen ganz vollendeten Eroberung der Unterpfalz.

Seine Armee bezog Winterquartiere in der Wetterau; er selber begab sich, einer Einladung des Kaisers folgend, zum Fürstentag nach Regensburg. Wie ein Donnerschlag aber traf in die Berathungen desselben die Nachricht, daß Mansfeld und Fürst Christian von Holland aus aufs neue in das Reich und zwar in den westfälischen Kreis eingebrochen seien. Mansfeld setzte sich in Ostfriesland fest und Christian – seit Februar 1623 – in Rinteln an der Weser mit der Absicht, sich von dort weiter im niedersächsischen Kreise auszubreiten, zunächst aber so viel Truppen als möglich an sich zu ziehen. Dies freilich unter dem Schein, als habe er den Dienst des geächteten Kurfürsten-Pfalzgrafen definitiv verlassen, als sei er dagegen in den unverfänglicheren seines Bruders Friedrich Ulrich, des regierenden Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, übergetreten, zugleich zu dem Zweck, dem niedersächsischen Kreis im Nothfall seinen Beistand zu leisten. Durch die Fiction, als bemühe er sich um den Pardon des Kaisers, suchte Christian noch immer T. zu täuschen; und dieser ließ ihn (im März) wenigstens auffordern, sich vertrauensvoll an den Kaiser anzuschließen, weil für einen deutschen Fürsten nur unter der kaiserlichen Fahne wahrer Ruhm zu ernten sei. Sich auf die Dauer täuschen zu lassen, war T. aber nicht der Mann. Das bedrohliche Anschwellen von Christian’s Heer, seine Brandschatzungen im eigenen Stift Halberstadt wie im Stift Hildesheim und auf dem Eichsfeld, ferner bestimmte Nachrichten, daß er dem pfalzgräflichen Paar noch keineswegs entsagt habe, mußten an und für sich das allgemeine Mißtrauen rege halten. Und außerdem vernahm der liguistische General (im Mai), daß Christian vorhabe, sich auf die Länder des Kurfürsten von Mainz und des Bischofs von Würzburg zu werfen, um durch diese dann nach Böhmen vorzubrechen. Ja noch mehr: der Landgraf Moritz von Hessen-Cassel, der Christian’s Abneigung gegen die katholischen Mächte theilte, war durch die Einquartirung der Tillyschen in seiner Nachbarschaft höchst irritirt worden; und da der General, um im Namen der Liga wie des Kaisers Mansfeld vom Reichsboden zu vertreiben, den Durchzug durch Hessen forderte, beschloß Moritz, sich dem zu widersetzen. Er beschloß ferner, sich offen an Christian anzuschließen, zumal als T. ihm auch die beanspruchte Neutralität kurzweg abschlug und von ihm stricten Gehorsam in [324] Bezug auf den Willen des Reichsoberhauptes zugleich mit der Einräumung von Quartieren in seinem Lande forderte. Den Entschluß, T. den Durchzug mit Gewalt zu verweigern, konnte Moritz gegen den Widerspruch seiner Landstände allerdings nicht aufrecht halten. Durch diesen Entschluß aber schwer gereizt, maschierte Ersterer noch im Mai in Hessen ein und nahm sein Hauptquartier in Hersfeld. Und bevor er weiter rückte, verlangte er – über den unbotmäßigen, schnell von dannen gezogenen Landgrafen hinweg – von allen hessen-cassel’schen Behörden die schriftliche Erklärung: daß sie seine oder, wie er sagte, die kaiserlichen Truppen fortan ungehindert durchmarschieren ließen. Erschien ihm dies doch um so nothwendiger, als sein Argwohn gegen Christian, zu dem nun eben auch Moritz in unmittelbare Beziehung getreten war, täglich wuchs. Mit dem Halberstädter wollte der katholische Feldherr seine nächste Abrechnung halten.

Und wohl zu Statten kam es ihm, daß der Kaiser von den niedersächsischen Kreisständen im Juni eine kategorische Erklärung forderte, ob und wie sie den Herzog Christian zur Entwaffnung bringen wollten; ferner, daß er ihnen sogar den Beistand Tilly’s verhieß, um Christian mit seinem Haufen zu schlagen und zu trennen. Freilich, zaghaft und schwankend, dachten sie insgemein an nichts weniger, als an eine Vereinigung mit T. Gegen ihn als den Vorkämpfer gerade der liguistischen und der prononcirt katholischen Interessen bestand, wie anderwärts, auch in diesem Kreise von vornherein das größte Mißtrauen: ein Mißtrauen, dem die nur zu gerechtfertigte Besorgniß der protestantischen Kreisstände um den Besitz ihrer geistlichen Güter, der nach und somit trotz dem Augsburger Religionsfrieden eingezogenen Stifter und Klöster, zu Grund lag. Immerhin aber hatte Tilly’s Aufforderung vom Juli an den damals in Lüneburg tagenden Kreistag, gegen Christian die Waffen des Kreises mit den „kaiserlichen“ zu vereinigen, eine durchschlagende Wirkung. Das um so mehr, als Christian’s unklug herausforderndes Auftreten wider Ersteren im Zusammenhang mit seinen feindlichen Angriffen auf das katholische Eichsfeld die Kreisfürsten selber gegen ihn, ihr Mitglied, großentheils erbitterte. So nämlich kam es, daß sie ihm jetzt die Alternative stellten: entweder unter Annahme des kaiserlichen Pardons sein Heer sofort abzudanken, oder es sofort aus dem Kreise abzuführen. Widrigenfalls würden sie, wie sie drohten, sich mit T. gegen ihn vereinigen. Christian nannte daraufhin sich von seinen Mitständen hülflos verlassen und beschloß – ohne Aussicht, im niedersächsischen Kreise sich halten oder von da nach Böhmen durchdringen zu können – sich mit seinen Truppen in der entgegengesetzten Richtung, d. h. wieder nach Holland zu retten. T. aber, der seine Wiedervereinigung mit Mansfeld fürchtete, suchte ihn womöglich noch auf dem Boden des niedersächsischen Kreises zu schlagen. Und um die gegen ihn selbst so mißtrauischen Kreisstände sich geneigter zu machen, ertheilte er ihnen noch auf seinem Verfolgungsmarsch gegen Christian, von Reiffenberg aus, am 23. Juli die Zusicherung: den Besitzstand der geistlichen und weltlichen Stände des Kreises schonen zu wollen. Ohnehin nöthigte sein Vorhaben ihn doch, Niedersachsen wieder zu verlassen; er setzte die Verfolgung thatkräftig fort, da er, über Christian’s nächste Absicht aufgeklärt, nun auch dessen Uebertritt nach den Niederlanden zu verhindern bestrebt war. Durch Graf Anholt, seinen liguistischen Unterfeldherrn in Westfalen verstärkt, erreichte er den flüchtigen Fürsten am 6. August bei dem münsterischen Städtchen Stadtlohn. Nach zweistündigem scharfem Kampfe warf er ihn aus einer nicht ungünstigen Stellung, dank der Bravour seiner Truppen, zurück und brachte hier ihm die zweite Niederlage bei, die aber noch weit empfindlicher als jene erste bei Höchst war. Die protestantische Heeresmacht lag zerschmettert am Boden; kaum mit 2000 Mann rettete sich ihr geschlagener Führer über die nahe Grenze. Man nimmt an, daß T. ihn am liebsten auch [325] über diese verfolgt, ihn nicht bloß in seinem Asyl aufgesucht, sondern letzteres selbst nun feindlich überzogen hätte; mit anderen Worten: daß er die Holländer, die er immer nur als Rebellen und als die Hauptschürer aller im Reiche noch fortbestehenden Unruhen betrachtete, mit seiner siegreichen Armee im eigenen Lande angegriffen haben würde – wenn er nicht die Neutralität, die die Liga aus politischen Gründen mit ihnen zu halten beflissen war, gehorsam hätte respectiren müssen. So beschloß er denn, die Abrechnung mit Mansfeld nicht länger aufzuschieben und nach Ostfriesland zu marschieren. Hoffte er doch auch auf diesem Wege den verhaßten Holländern einen Schlag versetzen zu können, da er mit Mansfeld zugleich auch ihre von früher her in Ostfriesland liegende Besatzung zu vertreiben gedachte. Wider beide Theile richtete er am 22. August von Meppen aus schriftliche Aufforderungen an Graf Enno, den Landesherrn, und an die Hauptstadt Emden: es sei ihnen nunmehr die Gelegenheit zur Befreiung von dem unerträglichen Joche der Fremdherrschaft, zur Rückkehr unter den gesegneten Schutz des kaiserlichen Adlers geboten (!). Sein directes Verlangen an die Emdener, mit ihm gemeinsame Sache gegen Mansfeld zu machen, hatte aber eine völlig andere Folge: in ihrer Furcht vor T. nahmen sie nur noch mehr holländische Truppen in ihre Mauern auf. Ein Hinderniß nach dem anderen, schlechte Witterung und Noth stellten sich seinem Anmarsch auf Ostfriesland entgegen. Noch unternahm er den Versuch, auf dem Umweg über Oldenburg einzudringen. Etwa eine Meile von der gleichnamigen Hauptstadt bezog er bei Wardenburg Anfangs September ein festes Lager. Er ließ hier seine Armee zunächst wieder ordentlich verpflegen. Trotz der Zahlungen aus seiner Kriegskasse und trotz seiner Schutzbriefe lastete der Druck der übermüthigen Soldateska schwer auf der Landschaft. Den Plan, Mansfeld, den geächteten Friedensstörer zu verfolgen und Ostfriesland von ihm wie von seinen „Adhärenten“ zu befreien, brachte er aber dennoch nicht zur Ausführung. Der Graf von Oldenburg, Anton Günther, dessen loyales Benehmen T. übrigens ausdrücklich rühmte, war mit dem König von Dänemark eifrig bemüht, zur Vermeidung eines neuen und in seinen Folgen unberechenbaren Krieges, Mansfeld zu gutwilliger Räumung jenes Landes zu bewegen. Ein weitaussehender, gefährlicher Krieg hätte es für T. selber werden können: nicht nur wegen der Holländer, sondern auch wegen des Dänenkönigs. Auf die noch ungestörten Beziehungen desselben zu Kaiser und Liga hatte er volle Rücksicht zu nehmen; demnach gab er gegen die Verpflichtung Dänemarks und Oldenburgs, Mansfeld binnen Monatsfrist aus Ostfriesland wegzubringen und es in den vorigen Stand zurückzuversetzen, sein letztes kriegerisches Vorhaben auf. Nach dreiwöchentlichem Aufenthalt zu Wardenburg brach er (23. September) sein Lager ab und kehrte, Oldenburg verlassend, in südlicher Richtung, auf Minden, um. Mansfeld freilich ließ sich Zeit; ja, er gehorchte lediglich der Noth, wenn er seine Truppen im Laufe des Winters abdankte und mit Ostfriesland zugleich das Reich verließ. Was aber T. keineswegs erreichte, war die Ausschaffung der Holländer von dort. Sein noch im nämlichen Winter (März 1624) wiederholter Wunsch, sie mit Gewalt und zwar durch eine Diversion nach Westfriesland, durch Einfall also auf ihr eigenes Gebiet zu vertreiben, scheiterte, wie vorauszusehen, an der Opposition der Liga.

Zugleich in beständiger Besorgnis vor neuen Einfällen Mansfeld’s und Christian’s, hatte er sich inzwischen der Weserlinie möglichst versichert und seine Winterquartiere geflissentlich in Hessen genommen – während er nicht weniger geflissentlich den niedersächsischen Kreis noch zu schonen bedacht war. Allein auch bereits seine Festsetzung auf dem linken Weserufer, im Stift Minden, in den Grafschaften Hoya und Diepholz, insbesondere der Umstand, daß er den [326] Weserpaß Höxter behauptete, ließ ihn den von unvertilgbarem Argwohn gegen ihn erfüllten Kreisständen als gar gefährlichen Nachbarn erscheinen. Eine Forderung, auf der er hier wie überall im Reiche bestand, erschreckte sie: indem er fortfuhr, im Namen des Kaisers zu sprechen und sich als Executor seines Willens darzustellen, erklärte er auch ihnen, Neutralität nicht dulden zu können. Fortgesetzt muthete er diesen Kreisständen zu, ihre Kaisertreue durch Anschluß an ihn selber zu bethätigen. Um dem zu entgehen, wußten sie schließlich kein besseres Mittel, als ihre doch nur armselige Armee völlig aufzulösen. Und ähnlich geschah es nun, unter seiner directen Pression, in Hessen-Cassel von Seiten der Landstände. Im Gefühl ihrer Ohnmacht gegenüber seiner Einlagerung, sowie zur Abwendung seiner Vorwürfe, daß Mansfeld ein Einverständniß mit der hessischen Armee unterhalte, beschlossen sie, dieselbe bis auf ein Regiment abzudanken. Um den Widerspruch ihres vor T. geflüchteten Landesfürsten kümmerten sie sich nicht.

Auch dies aber waren nicht zu unterschätzende Erfolge des unermüdlichen Feldherrn, denen nur die peinliche Ungewißheit gegenüberstand, ob die wehrlosen Länder nicht umsomehr die Beute jener beiden, durch keinen Mißerfolg entmuthigten und stets mit ihrer Rückkehr drohenden Condottieri werden würden. T. glaubte sich Hessens darum dauernd versichern, sich namentlich der beiden Festungen Cassel und Ziegenhain bemächtigen zu müssen. Allein der Kaiser, der hieraus neue Verwickelungen fürchtete, gab seine Genehmigung nicht – auch nicht, als man hörte, daß Landgraf Moritz diese Festungen den Holländem überliefern wolle. Nur um so entschiedener jedoch wies Maximilian von Baiern als Oberhaupt der Liga seinen Generallieutenant an, in Hessen zu bleiben. Inmitten des Reiches gelegen, galt es ihm überhaupt als das Territorium, von wo aus Norden und Süden militärisch am besten zu überwachen waren. Von da aus sollte T. denn auch die Unterpfalz im Auge behalten. In jenes unglückliche Land hatten sich Spanier und Liguisten als Eroberer gleichsam getheilt. Bitter aber empfand es Maximilian, daß während Tilly’s Abwesenheit das noch nicht eroberte Frankenthal durch den launenhaften und plänereichen König Jacob I. von England, des Pfalzgrafen Schwiegervater, den Spaniern ohne Schwertstreich überliefert worden war. Bitterer noch empfand er es, daß die Letzteren nach Ablauf einer gewissen Frist diese stärkste Festung der Pfalz dem protestantischen König hätten zurückgeben sollen. Zwar kam es nicht hierzu; doch daß es definitiv verhindert werde, war nun für Maximilian ein Hauptbeweggrund, T. im unfernen Hessen zu belassen. In Hersfeld hatte er bis tief in das Jahr 1625 hinein sein Hauptquartier. Er wußte den trotzigen Landgrafen unschädlich zu machen, während ihm die hessischen Landstände ihre Devotion erzeigten. Mansfeld und Christian, aus dem Reiche gedrängt, hielten sich abseits. Eine lange Pause war somit in der militärischen Action eingetreten. Dennoch, bei[WS 1] der Unklarheit und Verworrenheit der Dinge, konnte der Krieg in der Pfalz, im westfälischen Kreise oder anderwärts jeden Augenblick wieder ausbrechen. Und wäre es nach dem Willen des Baiernfürsten gegangen, so würde T. schon früh im J. 1624 auch in den niedersächsischen Kreis eingerückt sein. Aufgebracht darüber, daß Herzog Christian bei seinem Weggang von dort auf das Stift Halberstadt zu Gunsten eines dänischen Prinzen Verzicht geleistet, hatte er seinen Feldherrn im März 1624 nach Wien geschickt: um im katholischen Interesse die aus der fortschreitenden Festsetzung Christian’s IV. in den niederdeutschen Stiftern drohenden Gefahren dem Kaiser vor die Augen zu führen. Dieser wollte indeß mit dem mächtigen Dänenkönig – dem Halberstadt ohnehin durch eine anderweitige Capitelswahl entging – noch nicht brechen und gestattete T. den erbetenen Einmarsch nicht. Tilly’s liguistischer Oberherr bildete auch sonst, wegen [327] seiner Ehrsucht, wegen der Uebertragung der pfälzischen Kurwürde auf ihn, kein geringes Hinderniß für die Herstellung des Friedens. Auf einem Convent zu Schleusingen, wo T. wiederum sein Vertreter war, gelang es ihm zwar (im Juli des nämlichen Jahres), unter besonderen Einwirkungen von außen, den Widerspruch des Kurfürsten von Sachsen gegen jene ihm auf Kosten des Pfalzgrafen gemachte Verleihung zu überwinden. Trotzdem blieb die pfälzische Sache ein Gegenstand unabsehbarer Verwickelung.

Auch ohne sie kam es aber zum Ausbruch eines neuen schweren Krieges, des niedersächsisch-dänischen Krieges. Tilly’s Versicherungen, gegen ihre Freiheit und Religion nichts unternehmen zu wollen, vermochten das Mißtrauen der Kreisstände um so weniger zu beschwichtigen, als er, mit gezücktem Schwert vor ihrer Grenze stehend, sich doch nicht enthielt, allerhand bedenkliche Drohungen zu gebrauchen. Er wollte den niedersächsischen Kreis jedenfalls in seiner Wehrlosigkeit erhalten sehen und verlangte die Niederschlagung zumal auch solcher daselbst neugeworbener Truppen, die für die Holländer oder, wie er annahm, für den geächteten Mansfeld bestimmt waren. Er drohte, diese Truppen selber niederzuschlagen. Die tiefgehende Entrüstung, die er dadurch hervorrief, wurde noch vermehrt durch die Besorgniß, daß er – trotz aller „Sincerationen“ – berufen sei, die ehemaligen Klöster und Stifter in diesem Kreise zu rekatholisiren. Ihre protestantischen Inhaber wurden mehr und mehr schon, gleichsam unter seinen Augen, von kaiserlichen Strafmandaten betroffen. Für die schonungslose Gegenreformation, die Ferdinand II. damals in Böhmen, Maximilian in der Pfalz unternahm, hatten ja Tilly’s Waffen den Grund gelegt. Seine Herkunft, seine Erziehung, seine Vergangenheit, sein ganzes Auftreten als bigotter Katholik machte ihn den glaubenseifrigen Protestanten von vorherein verhaßt. Allgemein wurde in Niedersachsen geglaubt, daß er komme, um das Tridentinum auszuführen und das reine Wort Gottes auszurotten. So beschlossen im Frühjahr 1625 die Stände ihrer Mehrheit nach, aufs neue zu rüsten: und zwar in engem Anschluß an ihr mächtigstes Mitglied, den Herzog von Holstein, jenen Dänenkönig Christian IV., der nun, zum Kreisobersten gewählt, die Vertheidigung des Kreises, die Aufstellung der Armee auf sich nehmen und diese commandiren sollte. Christian IV. erhob, indem er darauf einging, den Ruf des Religionskrieges und machte für denselben den bairischen General T., wie er ihn recht absichtlich nannte, verantwortlich. Zu seinem kühnen Entschluß wirkten gleichwohl noch ganz andere und sehr bestimmte politische Motive mit, die in seiner Stellung als nordischer König lagen. Eben als solcher fühlte er sich berufen, militärisch an die Spitze der großen europäischen Opposition zu treten, die Oesterreich-Spaniens Uebergewicht bekämpfte, und demnach allerdings auch den Krieg in Deutschland zur Herstellung der Pfalz zu führen. Wie weit seine Verbindungen und seine Macht reichten, ließ sich nicht übersehen. Aber im Bewußtsein, daß es außerordentlicher Gegenmittel bedürfte, zu denen die Kräfte der Liga nicht ausreichten, baten jetzt T. und die Häupter der Liga den Kaiser um die Aufstellung eines eigenen, obwohl nach dem Wunsche des ehrgeizigen Kurfürsten Maximilian nur eines kaiserlichen Hülfsheeres, dem liguistischen zur Seite. Sie ahnten nicht, daß in Wallenstein, als dem Schöpfer einer bisher nicht gekannten kaiserlichen Heeresmacht, ihrem Feldherrn ein furchtbarer Rival und der Liga selbst ein gefährlicher Bundesgenosse erstehen sollte.

Wohl wurde es Wallenstein vom Kaiser vorgeschrieben, beim Zusammenwirken seines Heeres mit dem liguistischen den guten Rath des siegreichen, rühmenswerthen T. zu gebrauchen, ja, sich in Allem, was dieser „gemeinnützlich befinden würde, zu accommodiren“. Indeß, wie unbestimmt diese Vorschrift war, zeigt schon die beigefügte Klausel: „unabbrüchig Unserer kaiserlichen [328] Präeminenz und Respectes“. Und das war, Freund wie Feind gegenüber, nun von vorn herein ein unleugbarer Vortheil Wallenstein’s vor T., daß er mit voller Autorität als kaiserlicher General auftreten konnte. Die Ehrfurcht vor dem kaiserlichen Namen, die trotz aller kirchlich-politischen Gegensätze gerade auch in Niedersachsen noch eine außerordentliche war, kam ihm selber als Feind zu Statten. Die Taktik des Dänenkönigs, Tilly’s Armee als die bairische und die der katholischen Bischöfe bloßzustellen, war gerade in diesem Lande nur zu geeignet, den Letzteren, ganz anders wie Wallenstein, als unbefugten, tyrannischen Eindringling dem allgemeinen Hasse noch mehr preiszugeben. Und hiergegen blieb es auch ohne Wirkung, wenn Ferdinand II. dem Kurfürsten Maximilian auf dessen Betreiben im Juni 1625 seine kaiserliche Vollmacht „cum potestate substituendi auf Tilly’s Person“ in Kriegssachen, ertheilte. Kaiserlicher oder Reichsgeneral wurde T. dadurch ebensowenig, als von einer kaiserlichen Immediatvollmacht für ihn die Rede sein kann. Erklärte doch Ferdinand II. noch im März 1630 der Infantin Isabella in Brüssel, daß T. immediate nicht von ihm abhänge. Thatsächlich wartete dieser denn auch nicht erst den kaiserlichen Befehl zum Einrücken in den niedersächsischen Kreis ab; sondern es genügte ihm hierzu der Befehl seines liguistischen Oberherrn oder richtiger dessen Erlaubniß (vom 15. Juli), im Namen Gottes und der Heiligen Jungfrau seinem Vorhaben nach fortzurücken. Demgemäß überschritt er (am 28.) die Weser bei Höxter und Holzminden, indem er fortfuhr, von den Fürsten des niedersächsischen Kreises und vom König Entwaffnung zu fordern. Er hoffte, durch Zerstörung ihrer unvollendeten Rüstungen ihnen noch das praevenire spielen, sie auch von den auswärtigen Verbündeten des Königs noch abschneiden zu können. Zugleich aber zwang ihn die Noth, seinen in Hessen und Westfalen nicht mehr zu ernährenden Truppen andere Quartiere anzuweisen. Und „wie eine Schaar hungriger Wölfe“ sind dieselben in Niedersachsen eingefallen. Ihr furchtbares Hausen mißfiel ihrem Feldherrn selbst am meisten; er suchte dafür aber das feindselige Verhalten der Landbevölkerung, die ihnen den Proviant verweigerte und sie ihren Abscheu in jeder Weise empfinden ließ, verantwortlich zu machen. „Papistische Bluthunde“ wurden Tilly’s Soldaten geschimpft. Diesen durchgehenden populären Haß erkannte er als ein ernstes Hinderniß für sein Vorgehen. Immerhin gelang es ihm, in Folge eines persönlichen Unfalls des Königs, Hameln, das anfängliche Hauptquartier desselben, am 12. August zu besetzen. Jedoch vergeblich belagerte er im September Nienburg; er mußte – „weil das ganze Land sich der Enden feindlich erzeigt“ – die Weser wieder aufwärts zurückkehren. Als endlich auch Wallenstein mit seinen neugeworbenen Schaaren aus Böhmen herbeimarschirt war, stand der Winter bereits vor der Thür. Beide Feldherrn erließen am 13. October von Hemmendorf aus ein gemeinsames Manifest an die ausschreibenden Fürsten des Kreises, in welchem sie die Schuld an allem Unheil und Blutvergießen, das ihr fernerer Einmarsch zur Folge haben werde, von sich abwiesen. Zunächst aber dachten sie an die Wahl und Austheilung ihrer Winterquartiere. Gern hätten liguistische Heißsporne wie der Kurfürst von Mainz es gesehen, wenn die Stifter Magdeburg und Halberstadt sofort an T. preisgegeben worden wären. Auf Grund der Betheiligung ihres Inhabers und Administrators, des brandenburgischen Markgrafen Christian Wilhelm an der dänischen Kriegsverfassung wollte Kurmainz sogar schon die sofortige Vollstreckung der Execution gegen beide Stifter auf T. übertragen wissen. Allein aus anderen Gründen hatte der schlaue Friedländer es gerade auf die nämlichen Stifter abgesehen. Und unter dem Vorgeben, dort im Osten des Kreises den Schutz der kaiserlichen Erbländer besser in Acht nehmen zu können, wußte er seinen liguistischen Kriegsgenossen – dessen Loyalität er denn auch rühmend anerkannte – zum [329] Verzicht auf die Einquartierung in jenen reichen Ländern zu bewegen. T. blieb, der Weser nahe, im Braunschweigischen und daherum, mußte aber für seine Nachgiebigkeit nach wie vor Noth und Mangel in den ungastlichen Quartieren erleiden. Wegen der feindseligen Haltung der dortigen Bevölkerung war er auch militärisch in einer schwierigeren Lage, als Wallenstein. Wohl zwang er im November das Schloß Calenberg, sich zu ergeben; seine Pression auf die Stadt Hannover scheiterte aber, trotz der Niederlage, die er dem dänischen Entsatzheer unter dem Pfälzer Obentraut bei Seelze beibrachte, an dem Zusammenhalten beherzter Bürger mit den Dänen.

Noch wurde indeß, unter Kursachsens Vermittlung, ein Versuch zur Herstellung des Friedens gemacht. Die Verhandlungen, zu diesem Zweck im December zu Braunschweig eröffnet, dauerten bis in den März 1626. Allein die Forderungen, welche beide Parteien – von Seiten der katholischen Wallenstein und T. durch gesonderte Vertreter – erhoben, standen sich diametral entgegen. Die schwierigste betraf natürlich die kirchlichen Verhältnisse. Ueber seine Reiffenberger Zusicherung vom Juli 1623 wollte und durfte T. nicht hinausgehen; und er weigerte sich, den Protestanten ihren geistlichen Besitzstand, wie er ungeachtet des Augsburger Religionsfriedens thatsächlich war, zu garantiren. Der Kaiser hatte jene Zusicherung zwar bestätigt, machte sie jetzt aber ausdrücklich von der freiwilligen Abrüstung der betreffenden Stände, von ihrer Unterwürfigkeit und so von einer bereits unmöglich gewordenen Bedingung abhängig. Die Gegensätze verschärften sich nur noch mehr, und der Krieg ging weiter. Tilly’s Lage bei Eröffnung der Campagne von 1626 war eine äußerst schwierige. Es mangelte ihm an Proviant und Munition. Unter Krankheit und Noth war sein Heer den Winter über sehr zusammengeschmolzen. An Zahl waren ihm seine Gegner unbedingt überlegen. Und der Plan des Dänenkönigs war es nun offenbar, T. möglichst weit von Wallenstein nach Westen hin abzuziehen. Zunächst ließ er ihn durch seinen Neffen, jenen nach Deutschland zurückgekehrten Herzog Christian, sowie durch den nicht minder unternehmenden Herzog Johann Ernst von Weimar diesseits und jenseits der Weser beschäftigen. Des Harzes mit der Reichsstadt Goslar mußte sich T. durch energisches Einschreiten gegen Christian und die von ihm aufgerufenen Harzschützen versichern. Weiterhin aber mußte er Christian verfolgen, als derselbe Anstalten traf, sich nunmehr unmittelbar mit dem Landgrafen Moritz von Hessen zu verbinden. Gleichzeitig wieder suchte Johann Ernst ihn zu divertiren durch die vom Dänenkönig befohlene Occupation des Stiftes Osnabrück, wobei es Letzterem noch insbesondere um die Introduction seines Sohnes als Bischofs in spe zu thun war. Zur Abwehr dieses Weimaraners schickte T. den Grafen von Anholt mit Erfolg aus. Er selber wandte sich gegen Christian und zwang ihn noch rechtzeitig, sich aus Hessen zurückzuziehen. Um aber seine Verbindung mit Hessen desto wirksamer zu zerschneiden, hielt er vor allem für nöthig, ihm Münden an der Werra zu entreißen. Seit dem 6. Juni belagerte er diesen wichtigen Posten und erstürmte ihn am 9. nach einer tapferen Gegenwehr der Besatzung, die seine erbitterte Soldateska zu unverantwortlichen Grausamkeiten reizte. Unter dem Eindruck der blutigen Waffenthat durfte er jetzt auch die Uebergabe der hessischen Festungen, insbesondere der Hauptstadt Cassel fordern; und er erhob noch andere Forderungen, die für den Landgrafen Moritz äußerst demüthigend waren. Durch den plötzlichen, unerwarteten Tod Herzog Christian’s gewann er nach dieser Richtung hin erst recht freie Hand und erzwang somit unschwer seinen Willen. Cassel mußte die verhaßte liguistische Besatzung aufnehmen und Moritz’ ganzes Land sich T. öffnen. Kränkungen wurden dem von seiner Ritterschaft im Stich gelassenen Landgrafen zugefügt, die er nicht ertragen konnte; sie führten, wenn [330] auch erst im März des folgenden Jahres, zu seiner Abdankung, welche Tilly’s Sieg über das ihm wehrlos zu Füßen liegende Land gleichsam vollendete.

Inzwischen war der kaiserliche Oberbefehlshaber seinen eigenen Weg gegangen. Bereits im April 1626 hatte auch er, und zwar über Christian’s alten Waffengefährten, über Mansfeld, der den anderen, weit nach Osten vorgeschobenen Flügel der dänischen Aufstellung commandirte, einen großen Erfolg bei der Dessauer Brücke davongetragen. Aber vorher wie nachher kümmerte Wallenstein sich wenig um Tilly’s Operationen. Statt seinen und Maximilian’s Hülfsgesuchen Gehör zu schenken, fordert er umgekehrt Hülfe von T., ja die volle Vereinigung desselben mit dem kaiserlichen Heere. Von vornherein war er überzeugt, daß ihm selbst in diesem Kriege die Hauptrolle gebühre, daß die Hauptangriffe der vereinigten Gegner, zumal auch des bisher durch T. in Zwang und Unthätigkeit gehaltenen Königs, gerade ihm an der Elbe gelten sollten. Daher unterschätzte er die Aufgaben seines liguistischen Kameraden an der Weser und zeigte großen Mißmuth gegen ihn wie gegen den Kurfürsten von Baiern, da sie ihm nicht zu Willen waren. Rein illusorisch war der Vergleich, den beide Feldherren zu Anfang Juli in einer Zusammenkunft zu Duderstadt, unter Betheiligung eines Abgesandten der Infantin in Brüssel, eingingen. Die Bedingung, die diesem Vergleich zu Grunde lag, ein starker Succurs von spanischer Seite, blieb unerfüllt, da letzterer selbst an nicht erfüllbare Bedingungen, an allzu hohe Forderungen der Spanier gegenüber Kaiser und Liga geknüpft war. Tilly’s Abmarsch nach der Elbe, wie Wallenstein ihn verlangte, würde nur dann ohne Gefährdung seiner Stellung an der Weser möglich gewesen sein, wenn eben von Belgien aus ein größeres Hülfscorps diese gedeckt hätte. Den Erwartungen des liguistischen Feldherrn aber zuwider blieb dasselbe wie überhaupt die verheißene spanische Hülfe aus; und so glaubte er, vor seiner Vereinigung mit Wallenstein seine bisherigen Occupationen noch durch ein paar neue Eroberungen, die Göttingens und Northeims, sichern zu müssen. Der kaiserliche General wollte davon nichts wissen; und er tadelte T. heftig, als die von diesem nun begonnene Belagerung Göttingens sich in die Länge zog; er muthete ihm schlechtweg zu, sie aufzuheben. Er fand sich durch sie an der Ausführung seines Planes gehindert, Mansfeld nach Schlesien und weiter zu verfolgen. Als er diese Verfolgung aber nicht länger verschieben durfte und sich damit genöthigt sah, den niedersächsischen Kreis für eine unberechenbare Zeit zu verlassen, blieb ihm freilich nichts Anderes übrig, als sein Obercommando daselbst an den von ihm geschmähten liguistischen Kameraden abzutreten. Und das zugleich mit den Regimentern, die er in Niedersachsen zum Schutz seiner eigenen Occupation, zur Behauptung der Stifter Magdeburg und Halberstadt und insgemein der Stellung der Kaiserlichen an der mittleren Elbe, nothwendig zurücklassen mußte. Gleichwohl aus seiner persönlichen Abwesenheit von dort große Unordnungen, den Verlust beider Stifter befürchtend, machte Wallenstein jene Abtretungen nur sehr ungern und nur mit Vorbehalten, ohne Vertrauen zu Tilly’s Können. Er unterschätzte auch dies, jedoch mit Unrecht.

Noch in den Tagen von Wallenstein’s Abmarsch capitulirte Göttingen (am 11. August 1626): zum großen Verdruß des Dänenkönigs, der es, mit seinem General Fuchs vereinigt, zu entsetzen gehofft hatte. Dank dieser Vereinigung rettete er zunächst wenigstens Northeim vor T. Als er dann aber mit seinem Einfall in das kurmainzische Eichsfeld einen großen Vorstoß gegen die liguistischen Länder einzuleiten schien, zog T. von den ihm überlassenen kaiserlichen Truppen an sich, was er nur konnte. Hierdurch bedeutend verstärkt, eilte er dem König nach und veranlaßte ihn zur Umkehr nach dem festen Wolfenbüttel, von wo er ausgegangen war. Nur umsomehr ward T., wie er sagte, durch diesen Rückzug [331] bewogen, ihm nachzusetzen. Seit dem 25. August bedrängte er seine Nachhut aufs ernstlichste; doch erst am 27. brachte er seine Hauptarmee bei Lutter am Barenberge zum Stehen. Beide Heere stellten sich in Schlachtordnung. T., obwohl im Nachtheil mit seinem Terrain, begann den Angriff, der von den Dänen zurückgewiesen und alsbald durch ihr entschlossenes Vorgehen erwidert wurde. Da aber hielten die Tillyschen dem Anprall Stand. Nach einigem Schwanken behielten sie die Oberhand und brachten namentlich das dänische Fußvolk in Unordnung. Es wurde vollkommen aufgerieben, der Rest des Feindes in die Flucht geschlagen; von den Flüchtlingen wurden gegen 2000 Mann zu Gefangenen gemacht.

Von allen Siegen, die der liguistische General bis dahin errungen, war dieser bei Lutter sein bedeutendster, weniger zwar in militärischer, als in politischer und moralischer Hinsicht. In militärischer gelang es ihm nicht, seinen Sieg, so wie er wünschte, zu verfolgen. Er konnte nicht verhindern, daß sein königlicher Gegner die Elbe gewann und diese noch auf beiden Ufern von Schnackenburg abwärts beherrschte. Dagegen stellte T. seine Verbindung mit den Stiftern Halberstadt und Magdeburg durch Wegnahme einiger feindlicher Posten, die sie bisher bedroht hatten, her. Er selbst blieb nahe der Weser und zog von neuem stromabwärts zu dem Zweck, die dänischen Besatzungen in dieser Region zu vertreiben. Unter anderen Plätzen gewann er jetzt auch Hannover, vornehmlich aber Verden und Rotenburg a. W., das eine zeitlang des Königs Hauptquartier gewesen war. Das ganze Stift Verden brachte er in seine Gewalt, um von da aus auch schon das Erzstift Bremen – was ihm doch nicht gelang – zu „dominiren“. Bei Vertheilung der Winterquartiere bestimmte er diese Stiftslande für die Truppen des Grafen von Anholt, während er Wallenstein’s Unterfeldherrn, den Herzog Georg von Lüneburg, in die Altmark einrücken ließ. Er für seine Person nahm (Anfang November) sein Hauptquartier zunächst in Helmstedt, in dessen Nachbarschaft jedoch Wolfenbüttel als Hauptfestung der Dänen ihm noch trotzen durfte. – Einen größeren moralisch-politischen Erfolg seines Sieges bezeichnet die Unterwerfung verschiedener angesehener Kreis- und Landstände während dieser Züge Tilly’s. Schon zu Anfang September ließen die Stände der beiden Fürstenthümer Wolfenbüttel und Calenberg durch eine Deputation an ihn dem Kaiser ihre Ergebenheit versichern. Unmtttelbar darauf sagte ihr Landesfürst, Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig, sich von den Dänen förmlich los; ja er erschien in Tilly’s Lager, um ihm seine Unterwerfung anzuzeigen. Die mecklenburgische Ritterschaft, die großen Hansestädte erklärten ihre Kaisertreue; ebenso der protestantische Erzbischof von Bremen, der regierende Herzog von Sachsen-Lauenburg u. s. w. Als auch der Kurfürst von Brandenburg dem General sein angebliches Mißfallen an dem bisherigen Kriege aussprechen ließ, soll dieser bereits mit stolzen Worten geantwortet haben: da Alles verloren, wolle Jedermann zu Kreuze kriechen. Des Kurfürsten Versuch, die Einquartierung von der Altmark abzuwenden, war vergeblich. Um aber die Pacification des niedersächsischen Kreises zu betreiben, trug der Kaiser am 23. November dem Herzog Christian dem Aelteren von Lüneburg und T. gemeinsame Commission auf. Um jene zu beschleunigen, wurden von seiner Seite die bündigsten Versicherungen, daß der Religionsfriede gewahrt werden solle, ertheilt. Im nämlichen Moment dachte Ferdinand II. jedoch schon daran, sich Tilly’s Sieg durch die gewaltsame Einführung seines Sohnes, des Erzherzogs Leopold Wilhelm, als Bischof von Halberstadt und durch die Herstellung des katholischen Exercitiums in beiden Stiftern Magdeburg und Halberstadt nutzbar zu machen.

[332] Es war keine Versicherung für den Bestand der evangelischen Kirche, wenn T., von Christian dem Aelteren zur Hülfe gegen den Dänenkönig ins Fürstenthum Lüneburg gerufen, bei seinem Einrücken im December versprach, die Gotteshäuser, Pastoren, Lehrer u. s. w. nicht mit Kriegsvolk belegen, ihren Gottesdienst unbehindert verrichten lassen zu wollen. Bewußt oder unbewußt fuhr er doch immer fort, der päpstlichen Restauration für die Zukunft den Weg zu bahnen. Seine Drohungen gegen die gewaltsam bei Dänemark festgehaltenen Herzoge von Mecklenburg hatten allerdings eben so wenig Erfolg, als die Bemühungen des Grafen von Oldenburg zur endlichen Wiederherstellung des Friedens. Die deshalb im Frühjahr 1627 eingeleiteten Verhandlungen zwischen Christian IV. und T. scheiterten hauptsächlich an der Forderung des Ersteren, allen niedersächsischen Stiftern das Verbleiben in ihrem „vorigen Stand“, wie es zu Kaiser Rudolf’s II. Zeiten gewesen, zuzusichern. T., der ohnehin keine Vollmacht von Kaiser Ferdinand aufzuweisen hatte, vermochte nur ausweichend und unbefriedigend zu antworten: die Richtschnur für denselben sei durch die von ihm beschworene Wahlcapitulation gegeben. Er lehnte des Königs übrige Bedingungen ab, und von neuem entbrannte der Krieg. Nicht allzu siegsgewiß aber durfte er jetzt in diesen gehen, wenn auch sein königlicher Gegner bloß mühsam neue Regimenter geworben hatte. Der Eine wie der Andere litt unter Geldmangel; wie Christian IV. von seinen auswärtigen Bundesgenossen, so sah T. von den Fürsten der Liga sich finanziell vernachlässigt. Ja, die Zahlungen aus der katholischen Bundescasse hatten schon längere Zeit aufgehört, und nur Maximilian von Baiern erschien T. als Retter in der Noth. Doch lag es weder in der Macht, noch entsprach es dem Willen dieses Feldherrn, sich Wallenstein’s radicales, vernichtendes Contributionssystem anzueignen. Die Schädlichkeit dieses Systems sollte auch er noch in anderer Weise erfahren, indem es den Officieren der Wallensteinischen Armee eine ungleich höhere Besoldung gestattete, als die liguistischen auf Grund seiner eigenen „Verpflegungs-Ordonnanz“ empfingen. So kam es, daß zu seiner bitteren Beschwerde zahlreiche von den letzteren Officieren, angelockt durch den reichen Lohn, in jene Armee übertraten. Dazu konnten sich Tilly’s Winterquartiere auch jetzt mit den ursprünglichen und eifersüchtig behaupteten der Wallensteiner im niedersächsischen Kreise nicht entfernt an Güte messen. Mangelhaft verpflegt und bezahlt, schien ihm seine Soldateska wenig Gewähr für neue Siege zu geben, wenn ihm Maximilian auch bei Zeiten die Vermehrung der Streitkräfte durch Zuzug von Süden her bewilligte. An seiner Person wollte es T. indeß nicht fehlen lassen; und als er im Juni 1627 das längst begehrte, damals von ihm belagerte Northeim in seine Botmäßigkeit brachte, fühlte er seine Stellung im Westen des Kreises so weit gesichert, daß er nicht länger zögerte, zu erneutem Angriff auf König Christian nun auch elbwärts vorzugehen. Schon im August überschritt er bei Blekede die Elbe. Erschreckt eilte der König aus dem Lauenburgischen nordwärts nach Holstein. Christian’s Freunde meinten, daß jener Schritt des katholischen Feldherrn ihm gleichsam den Todesstoß versetze: brachte er doch die Unterelbe ebenfalls in die Gewalt des Kaisers. Es war ein entscheidendes Ereigniß, das den Rückzug der Dänen aus Mecklenburg und der Mark Brandenburg zur nächsten und die bisher vom König verhinderte Unterwerfung der beiden Mecklenburgischen Herzoge unter Ferdinand II. zur weiteren Folge hatte. Gleichzeitig mit der Kunde von dem letzteren Ereigniß empfing aber T. in Lauenburg auch von anderen Seiten, von Ständen und Städten ringsumher Erklärungen einer fortschreitenden Unterwerfung.

Da war ein Moment, wo der trotz allen Eifers sonst so nüchterne Mann an ein schnelles siegreiches Ende des Krieges glaubte und dem Kaiser bereits [333] empfahl, „nach glücklicher solcher Verrichtung“ seine Armee im Bunde mit der liguistischen theils dem König von Spanien gegen die Holländer, theils der Krone Polen gegen die Schweden zuzuführen. Um aber diesem niedersächsisch-dänischen Kriege das Ende desto schleuniger zu bereiten, hielt er nun selbst doch die baldige Rückkehr Wallenstein’s und seine Vereinigung mit ihm für äußerst wünschenswerth.

Und Wallenstein kam, der Sorge wegen Mansfeld durch dessen Tod schon längst erledigt – er kehrte nach weit ausgedehnten Zügen als Sieger aus Schlesien zurück. Am 3. September traf er mit T. in Lauenburg wieder zusammen. Hier besprachen sie den ferneren Feldzugsplan und schrieben, veranlaßt durch den Herzog Friedrich von Holstein-Gottorp, gemeinsam auch schon dem Könige neue Friedensbedingungen vor. So schwer waren diese, daß der Herzog sie Christian IV. nicht vorzulegen wagte. Der aber sollte, wie die beiden Feldherren den Kaiser wissen ließen, zu ihrer Annahme gezwungen und deshalb umgehend der Weitermarsch nach Holstein angetreten werden. Am 6. erfolgte der Aufbruch mit gesammter Heeresmacht. Vor dem liguistischen Feldherrn, der den linken Flügel befehligte, retirirten die Dänen auf Krempe. Unterwegs galt es, ihnen das Schloß Pinneberg zu entreißen. Es ergab sich am 12.; allein schon Tags zuvor war T. bei Besichtigung seiner Stellungen durch eine feindliche Musketenkugel vom Walle aus ins Bein getroffen worden. Er mußte sich in einer Sänfte nach Lauenburg zurücktragen lassen und blieb, seine Heilung auf dem ihm von Christian dem Aelteren überlassenen Schloß Winsen an der Lühe abwartend, vom Kriegesschauplatz nunmehr fern. Ueber fünf Wochen lag er an seiner Wunde darnieder: eine Zeit, die Wallenstein sich trefflich zu Nutze machen konnte, indem er alsbald die gesammte Heeresleitung an sich zog und in Holstein, in Schleswig, in Jütland sich ausbreitend, die Früchte des von T. vorbereiteten Sieges jetzt allein pflückte. Ein Umstand, der den eifersüchtigen Kurfürsten Maximilian sehr verstimmte und seinen Vorwurf gegen seinen General, dem feindlichen Geschoß sich bloßgestellt zu haben, noch verschärfte. Als der Letztere genas, war die Zeit der Campagne vorüber; die Frage der Winterquartiere machte ihm aber wiederum große Mühen, zumal ihm Mecklenburg, auf das er nach seinen Erfolgen wol Anspruch erheben konnte, von Wallenstein gesperrt ward. Da aber sein Feldmarschall Graf Anholt soeben das ganze bremische Stiftsland bis auf die Festung Stade von den Dänen gesäubert, war es Tilly’s Ehrgeiz, auch diesen wichtigen Posten so bald als möglich zu erobern. Er verlegte seinen Schwerpunkt in dieses Land und nahm sein Hauptquartier zu Buxtehude, von wo aus er Stade mit mehreren Regimentern den ganzen Winter über blokirt hielt. Wieder litten seine Truppen und zumal dies Blokadecorps unter den Unbilden der Witterung hart; aber unermüdlich verfolgte er sein Ziel. Nachdem sich Wolfenbüttel seinem Obersten Pappenheim im December ergeben, war Stade die einzige Festung, die Christian IV. noch auf dem linken Elbufer besaß. Seit dem März 1628 völlig eingeschlossen, capitulirte es doch erst am 5. Mai.

Damit schien Tilly’s militärische Aufgabe in der Hauptsache vollendet, während Wallenstein den König in seinen eigenen Ländern verfolgen ließ und sich außerdem mit der Belagerung von Stralsund eine neue, verhängnißvolle Aufgabe von ungeahnter Schwierigkeit stellte. Wiederholt und stets dringender bat er im Verlauf derselben den liguistischen Feldherrn um Succurs. Indeß umsonst, da die fürstlichen Häupter der Liga von tiefem Mißtrauen gegen ihn erfüllt waren. T. selbst hatte sein unfreundliches, ja verletzendes Benehmen hinsichtlich der Quartiere noch vor kurzem schwer empfunden. Und stets von neuem mußte er sich über die exorbitanten „friedländischen Werbungen“ beklagen, [334] die ihm außer zahlreichen Officieren auch Reiter und Knechte mit unerlaubten Lockungen entzogen. Die Häupter der Liga waren überzeugt, daß Wallenstein nicht allein diesen katholischen Bund zu Grunde richten, sondern mit Hülfe eines außerordentlichen stehenden Heeres im Reiche eine unerhörte Macht und Herrschaft usurpiren wolle. Um Gegenmaßregeln zu beschließen, ja den Sturz des verhaßten kaiserlichen Generals herbeizuführen, hielten sie im Juli einen Convent zu Bingen ab, zu dem sie auch T. aus Wiesbaden, wo er gerade zur Cur weilte, citirten. Der Rath dieses vorsichtigen Mannes war nun aber: den Bogen nicht allzu straff zu spannen, den Kaiser nicht zu beleidigen, den offenen Bruch mit seinem Heere zu vermeiden. Bei alledem fürchtete doch auch er hinter dem Gesuch seines uncollegialischen Rivalen um Succurs für Stralsund das Bestreben, die Liguisten „an Volk zu entblößen und hernächst mit ihnen den Meister desto baß zu spielen“. Die militärische Cooperation der beiden Generale wurde dadurch gelähmt. Inbezug auf Ober- wie auf Niederdeutschland führte die Quartierfrage nur zu neuen Verwicklungen zwischen ihnen. Hier und dort standen sich ihre Ansprüche schroff gegenüber. Und als im Herbst 1628 von liguistischer wie von kaiserlicher Seite gegenseitige Forderungen zur Herabminderung der Truppenzahl erhoben wurden, sträubte sich T. um so mehr gegen die ihm zugemutheten Abdankungen, als er überzeugt war, daß Wallenstein an eine Reduction seiner ungleich stärkeren Armee im Ernste gar nicht dachte. Außerdem hielt er für unvermeidlich, die von ihm eroberten Gebiete auch fortan stark besetzt zu halten. Schon im August in seine Quartiere zwischen Weser und Elbe zurückgekehrt, hatte er sein Hauptlager jetzt in Stade.

Bald aber trat der Fall ein, daß Wallenstein, der sich in Dingen des Krieges so wenig mit ihm vertrug, sein Einverständniß inbezug auf den Frieden mit Dänemark aufrichtig und um so eifriger suchte, je dringender er selbst im allgemeinen wie im eigenen dynastischen Interesse diesen Frieden nun herbeiwünschte. Er lud T. zu vorläufiger Besprechung deshalb nach Boizenburg ein; und ihre Zusammenkunft dort im November hatte wenigstens eine Verständigung über Ort und Zeit des Beginns der – vom Kaiser genehmigten – Friedensverhandlungen zur Folge. Im Januar 1629 eröffnet, wurden sie zu Lübeck geführt durch bevollmächtigte Vertreter ebenso des Königs wie Wallenstein’s und Tilly’s. Beide katholischen Generale waren vom Kaiser mit Vollmachten versehen; beide sandten ihre Subdelegirten nach Lübeck, kamen dann aber auf Wallenstein’s Wunsch noch einmal persönlich in seiner mecklenburgischen Residenz Güstrow zusammen. Hier zeigte sich nun wol, daß die Zugeständnisse, die der kaiserliche General dem Dänenkönig machen wollte, in Anbetracht der errungenen Siege dem liguistischen zu groß erschienen. Schon richtete jener gegen diesen deshalb einen neuen Vorwurf, den, daß er zum Frieden überhaupt nicht geneigt sei. Allein noch während der Güstrower Zusammenkunft, im April, ließ T. sich umstimmen und für Wallenstein’s Friedensprogramm gewinnen. Er ließ sich überzeugen, daß Christian IV. ohne die Rückgabe seiner erb- und eigenthümlichen Gebiete auf seine auswärtigen kaiserfeindlichen Allianzen nicht verzichten und mit deren Hülfe das Reich in noch größere Verwirrung setzen würde. Andererseits erwartete nun auch T., daß der König für die ihm gewährte Satisfaction, für jene Rückgabe seine deutschen Verbündeten preisgeben und seine Ansprüche auf die norddeutschen Stifter fallen lassen werde. Eben in dieser Zeit war von Ferdinand II. das folgenschwere Restitutionsedict erlassen worden. T. sah wie Wallenstein von demselben eine neue große Erregung zumal der norddeutschen Protestanten vorher; und auch darum wünschte er einen Frieden zu befördern, der die Verbindung zwischen ihnen und dem auswärtigen König vernichten, sie der katholischen Propaganda gegenüber somit wehrlos [335] machen sollte. Jedoch noch etwas anderes ließ ihn diesen Frieden jetzt ersehnen, nämlich die von Wallenstein ihm eröffnete Aussicht auf einen neuen Türkenkrieg. Das Reich und T. selber hätten sich Glück wünschen können, wenn er, durch einen solchen abgelenkt, daß Kreuz zu dem ihm früher versagten Siege über den Halbmond geführt haben würde – anstatt im Reiche erst fortan zum militärischen Vorkämpfer der einen Kirche gegen die andere, gewissermaßen zum Hauptexecutor jenes unseligen Edictes berufen zu werden.

Am 4. Juni unterzeichneten die beiden Generale die ihren Intentionen entsprechende Friedensurkunde. Im Hinblick aber auf den sicheren Frieden mit Dänemark hatte T. schon im voraus der kaiserlichen, zur Vollziehung des Edictes für das nordwestliche Deutschland ernannten Commission, namentlich dem fanatisch katholischen Bischof Franz Wilhelm von Osnabrück, Mitwirkung und Unterstützung mit allen seinen Kräften zugesagt. Noch immer war sein Hauptquartier in Stade; und von da aus wollte er den ausdrücklich auch vom Kaiser auf ihn angewiesenen Commissarien bei „Vindicirung“ der vorbezeichneten Kirchen, Klöster und Stifter, soweit als nöthig und thunlich, seine Waffen leihen. Die Welt sollte nicht mehr in Zweifel darüber bleiben, daß Tilly’s Krieg ein Religionskrieg gewesen war. In seinen Siegen über die Protestanten sah er die Hand Gottes, und er erklärte es nun für seine heilige Pflicht, sich dieser ihm verliehenen Siege zu bedienen, ihre gerechte Frucht zu ernten; die Execution des Edictes nannte er demnach ein Gott wohlgefälliges Werk. Nur gelegentlich, es ist wahr, hatte er derselben inmitten seiner bisherigen kriegerischen Thätigkeit, wie in Heidelberg, unmittelbar schon vorgegriffen. In Niedersachsen hatte er noch während des Feldzugs von 1627 kundgegeben, daß er keine Aenderung „in der hergebrachten Religion“, als vom Kaiser nicht dazu befehligt, vorgenommen habe, noch auch dergleichen nach eigenem Belieben sich anmaßen wolle. Im besonderen Auftrag Ferdinand’s II. hat er dann allerdings ein Jahr später zu Stade den Prämonstratensern das Kloster St. Georg restituirt. Als damals aber auch bereits jener Bischof von Osnabrück seine gleichnamige Hauptstadt mit Tilly’s militärischem Beistand rekatholisiren wollte, hatte dieser es noch für ein Wagniß und ohnehin die gewaltsame Unterdrückung der Bürger dem heilsamen Werke der Conversion nicht für ersprießlich gehalten. Jetzt, nach Erlaß des „kaiserlichen Edictes“, ließ er seine Scrupel fallen und kam nun umgekehrt dem allgemeinen Bekehrungseifer des Bischofs freudig entgegen. Ja, als er im Sommer 1629 vom Papst durch den Auftrag ausgezeichnet wurde, für das Stift Verden eine zum Bischof geeignete Persönlichkeit namhaft zu machen, fiel seine Wahl auf den nämlichen Franz Wilhelm. Ihn auch würde er vor allen Anderen zum Erzbischof von Bremen gewünscht haben, wenn nicht Kaiser Ferdinand seine Hand auf letzteres Stift gelegt und diese Würde seinem eigenen Sohn, dem Erzherzog Leopold Wilhelm, bereits durch päpstliche Provision gesichert hätte. Unaufhörlich aber drängte T. daneben auf Beseitigung des bisherigen protestantischen Erzbischofs, der wegen seiner dem Kaiser im dänischen Krieg bewiesenen Treue vergebens Nachsicht und Duldung für seine Person erwartete. Vornehmlich im Vertrauen auf die militärische Assistenz Tilly’s widmeten sich unterdessen die Restitutionscommissarien ihrer weitverzweigten Arbeit. Wie im Bremischen und Verdischen, „vindicirten und restituirten“ sie zumal auch in den Bisthümern Hildesheim und Halberstadt und in der Reichsstadt Goslar zahlreiche Stifter, Kirchen und Klöster, die wider den Buchstaben des Augsburger Religionsfriedens vom alten Glauben abgefallen waren. Nur zum Theil freilich erhielten die alten Orden ihre geistlichen Güter zurück. T. war mit dem Kaiser darin einig, daß neben ihnen und mehr als sie die Jesuiten wegen ihrer hervorragenden Mission der Propaganda bedacht werden müßten. Beim Rückblick [336] auf dies Jahr 1629 rühmte einer der Commissarien, der Reichshofrath v. Hyen, T. und sich selber, überall eben auch Jesuiten eingeführt und für ihre Ausstattung, ihre – wie er annahm – dauernde Festsetzung das Beste gethan zu haben. Tilly’s Pression machte sich überallhin bemerkbar; meist wol auf die von ihm beigegebenen Soldaten gestützt, ging die Commission rüstig vor. Widerstrebenden Ortschaften – nur inbezug auf die große Stadt Bremen rieth er noch zu „temporisiren“ – übersandte er außerdem seine Drohbriefe. Und unter den obwaltenden Verhältnissen genügte das.

Wäre das Unternehmen Wallenstein’s vom Sommer des letztgenannten Jahres gelungen, Magdeburg als Festung in seine Gewalt zu bringen und als Hauptstadt des gleichnamigen Erzstiftes jenem auch dort durch päpstliche Provision zum Erzbischof bestimmten Kaisersohne Leopold Wilhelm unterthan zu machen: so würde wol auch T. nicht gezögert haben, in entsprechender Weise gegen die Stadt Bremen vorzugehen. Warf er doch ringsumher Schanzen auf und verglich diese Stadt mit einem Beutel, den er nach Belieben zuziehen könnte. Wallenstein selber hätte die gleichzeitige Unterjochung dieser beiden, im selben Maaße trotzigen, sich wie freie Reichsstädte fühlenden Metropolen um so lieber gesehen, als dadurch auch dem Hansabund ein tödtlicher Stoß versetzt werden sollte. Allein durch den Mißerfolg des kaiserlichen Generals vor Magdeburg, der kaum geringer als der vor Stralsund von 1628 war, fühlte sich der liguistische Feldherr nun doch mitbetroffen. Und er wagte auch darum das zum äußersten Widerstand entschlossene Bremen noch nicht direct anzugreifen, weil es an den durch große Siege über die Spanier mehr als je ermuthigten Holländern einen gefährlichen Rückhalt finden konnte. Ihnen betheuerte Bremen sich eher ergeben, als T. und dem Restitutionsedict pariren zu wollen. Wol gab es eine Partei in Wien, die desto entschiedener darauf drang, ihn mit kaiserlichen Befehlen auszustatten und in den Stand zu setzen, daß er auf jede Weise sich der widerspenstigen Stadt bemächtige. Schon befürwortete diese Partei die Ernennung Tilly’s zum kaiserlichen Statthalter im Erzstift Bremen. Indeß sträubte sich Fetdinand II. dagegen, einem Liguisten die Ausführung seiner dynastischen Pläne anzuvertrauen, wie auch dagegen, einer Stadt wegen einen neuen weitaussehenden Krieg im Reiche zu beginnen. T. aber, während er bis in den Sommer 1630 sein Hauptquartier in Stade hatte und Bremen nicht aus den Augen ließ, kam doch immer mehr zu der Ueberzeugung, daß der Bruch mit den „aufwieglerischen“ Holländern unvermeidlich sei. Es verletzte ihn tief, daß sie trotz der Neutralität mit dem Reiche ihre Truppen stets weiter auf dem Boden desselben, namentlich nach Westfalen vorzuschieben wagten. Er war, wie Wallenstein gesagt hatte, völlig durch sie in Schach gehalten. Und trotzdem wollte die Liga jene Scheinneutralität aufrecht erhalten wissen; er mußte ihr Gebot respectiren. Umsonst bemühte sich die Infantin Isabella, ihn als Nachfolger Spinola’s für sich und für Spanien zurückzugewinnen, zum Kampf ausschließlich gegen die Holländer. Der Kurfürst von Baiern dachte nicht daran, seinen siegreichen Feldherrn zu entlassen.

So schienen diesem nach jeder Richtung hin die Hände gebunden, er selber militärisch zur Unthätigkeit verdammt. Schon aber bereitete sich eine neue Wendung vor. Fast gleichzeitig traten zwei verschiedene Ereignisse ein, durch die er noch einmal zum alleinigen ungetheilten Obercommando über die katholische Kriegsmacht im Reich und zu den schwierigsten kriegerischen Aufgaben berufen wurde: die Absetzung Wallenstein’s und die Invasion des Schwedenkönigs Gustav Adolf. Im August 1630, während die verspätete Kunde von der letzteren auf dem Kurfürstentag zu Regensburg eintraf, ward dort die erstere ausgesprochen. Zur selben Zeit war T. persönlich in Regensburg anwesend, da [337] auf diesem Collegialtag eine ganze Reihe einschneidender Fragen, ja die Neugestaltung des katholischen Heerwesens erörtert wurde und er deshalb schon im voraus durch Kurfürst Maximilian als Rathgeber gerufen worden war. Nicht im Stande, Wallenstein zu halten, wußte der argbedrängte Kaiser Niemand, der ihn ersetzen konnte – außer T. Und so forderte er ihn jetzt von der Liga, die aber ihren alten Generallieutenant auch ihm nur unter besonderen Bedingungen bewilligen wollte. Nach langwierigen, sich bis in den November hineinziehenden Verhandlungen erhielt T. den Oberbefehl über die kaiserliche Armee in Deutschland – er hieß fortan auch des Kaisers Generallieutenant – und er behielt zugleich den über die liguistische „als eine absonderliche Armee des in seinem Esse verbleibenden Bundes“; beide Armeen sollten eventuell zusammenwirken, ohne jedoch Ein Corps zu bilden. Dem scheinbaren Vortheil seines einheitlichen Obercommandos traten bei der fortgesetzten und auch durch die Gefahren der schwedischen Invasion kaum geminderten Eifersucht zwischen Kaiserlichen und Liguisten bedenkliche Nachtheile entgegen. Der Kaiser war weit entfernt, ihm Wallenstein’s außerordentliche Machtbefugnisse einzuräumen. Und die Liga, während sie – im unpassendsten Moment, der sich denken ließ – eine Herabsetzung ihres eigenen Heeres beschloß, bestand auch auf einer solchen der kaiserlichen Armee; aber sie verlangte von dieser außerdem einen förmlichen Bruch mit Wallenstein’s Werbe- und Contributionssystem, mit seinem ganzen exorbitanten System der Kriegführung, daß doch nun einmal die Grundlage seiner großen Erfolge gebildet hatte. T. trat Wallenstein’s militärische Erbschaft an, ohne seine Rechte, dafür mit seinen Pflichten und Schulden. Wenn er sich anfangs unter Hinweis auf sein hohes Alter weigerte, dies kaiserliche Amt zu übernehmen, so ließ ihn, angesichts der schweren Zeit, nur die Berufung an sein Pflichtgefühl die Weigerung fallen. Allein er protestirte sofort in Regensburg auch offen gegen zu weitgehende, der Wehrfähigkeit schädliche Reformen und Abdankungen. Er stellte an Kaiser wie Liga seine bestimmten Forderungen geregelter monatlicher Bezahlung u. s. w. für den Unterhalt der Truppen, für die wirksame Fortsetzung des Krieges. Dennoch sollte er im weiteren Verlauf desselben empfinden, wie die zugesagte Unterstützung, namentlich von Wien aus, häufig ausblieb, während er in seiner doppelten Abhängigkeit von Liga und Kaiser auch nicht selten widersprechende Befehle empfing. Die bisherigen Differenzen zwischen beiden waren schuld, daß er, Monate lang vom Kriegsschauplatz abgezogen und in Regensburg festgehalten, Gustav Adolf in diesem Jahr überhaupt nicht mehr gegenüber zu treten vermochte.

Längst schon hatte T. die von Schweden drohende Invasion gefürchtet und auch ihretwegen längst für nothwendig erklärt, „vielmehr zu werben als abzudanken“. Gleich den liguistischen Kurfürsten mochte er Wallenstein’s politisch-militärische Gewaltacte, durch welche jene Invasion wesentlich provocirt worden war, sein Vorgehen wider Stralsund, seine Besitzergreifung von Mecklenburg, grundsätzlich mißbilligen. Er selbst hatte jedenfalls durch seinen rücksichtslosen Eifer für das Restitutionsedict und für die Execution des Edictes den Entschluß des Königs nur gezeitigt, den deutschen Protestanten als Retter zu erscheinen. Dem Mißtrauen, welches diese T. von jeher entgegengebracht, hatte während und nach dem letzten Kriege sich furchtbare Erbitterung nicht weniger gegen ihn als gegen Wallenstein und insgemein gegen die katholische Gewaltmacht zugesellt – eine Erbitterung, auf die Gustav Adolf in moralischer Hinsicht ganz besonders rechnete. Unfähig und auch nicht gewillt, die Ursachen dieser Erbitterung zu beseitigen, hatte T. während des Sommers 1630 seinen bairischen Oberherrn nur immer von neuem ermahnt, sich gefaßt zu halten auf die „gefährlichen [338] Kriegsmachinationen des Schwedenkönigs und seiner Adhärenten wider das Reich“ – wobei er zumeist an die Holländer dachte. Doch da er die Freundschaft zwischen ihnen und Gustav Adolf überschätzte, wurde ihm wenigstentz der Trost zu theil, noch auf dem Regensburger Collegialtag, infolge gewisser Verhandlungen mit den Generalstaaten, die Gefahr der holländischen Invasion erheblich vermindert zu sehen. Abmachungen über eine fast allgemeine Räumung der rheinisch-westfälischen Lande von Seiten der holländischen und zugleich der spanischen, der liguistischen, ja selbst der kaiserlichen Truppen wurden getroffen, die T. immerhin den Vortheil brachten, in Zukunft über zahlreichere Streitkräfte zur Bekämpfung der Schweden verfügen zu können. Dagegen wurde er freilich schon alsbald nach seinem Aufbruch von Regensburg, als er (zu Anfang December) in Hameln mit seinem Feldmarschall Pappenheim Kriegsrath hielt, durch bedrohliche Nachrichten über Magdeburg gezwungen, seine Kräfte zu theilen. Diese auch nach Aufhebung der vorjährigen Blokade durch Wallenstein’s Soldateska hart bedrängte und durch das Restitutionsedict am meisten bedrohte Stadt hatte unter der Aegide des tollkühnen erzstiftischen Administrators Christian Wilhelm und in nur zu frühem offenem Anschluß an den Rettung verheißenden, aber noch weit entfernten Schwedenkönig die Fahne des Aufstandes erhoben. Und so gab es neben dem schwedischen einen magdeburgischen Krieg, der wegen seiner moralischen Consequenzen und der strategisch-politischen Bedeutung dieser Elbfestung dem katholischen Princip, der kaiserlich-liguistischen Gewaltherrschaft im nördlichen Deutschland höchst gefährlich werden konnte. In Hameln erfuhr T., daß Falkenberg, der deutsch-schwedische Commandant von Magdeburg, den Kaiserlichen soeben den Paß Neuhaldensleben entrissen hatte. Da übertrug er Pappenheim ein größeres Corps zu schleuniger Rückeroberung desselben und demnach zur Bändigung der Magdeburger. Er aber, der Oberfeldherr, folgte seinem Feldmarschall auf dem Fuß, um das Terrain zu recognosciren und – nach dem schnellen Gelingen der ersteren Aufgabe – ihm bei der letzteren zu assistiren. Es sollte wenigstens der Versuch gemacht werden, Magdeburg durch unmittelbaren Anmarsch eines ansehnlichen kaiserlichen Heeres, durch ernste militärische Demonstrationen in Furcht zu setzen und zur Capitulation zu bringen. An einen Sturm auf die als ungemein stark geltende Festung konnte ohne langwierige Vorbereitungen, ohne förmliche Belagerung freilich nicht gedacht werden. Tilly’s Versuch aber, die Magdeburger theils durch Drohungen, theils durch Gnadenverheißungen zur Unterwerfung zu bringen, scheiterte an Falkenberg’s Trotz und Energie. Auch seine Proclamation als kaiserlicher General und Oberbefehlshaber im niedersächsischen Kreise verhallte wirkungslos. Es blieb ihm, da ohnehin die kalte Jahreszeit die Ausführung einer Belagerung nicht mehr zuließ, nichts anderes übrig, als Pappenheim mit einem Blokadecorps vor Magdeburg zurückzulassen – indeß er selbst mit dem Gros der vereinigten Armeen einen Winterfeldzug gegen Gustav Adolf antrat, um diesem den Weg nach Magdeburg zu verlegen. Und mehr, als seine Hauptaufgabe galt ihm, die Schweden seewärts zurückzutreiben.

So lagen die Dinge um die Jahreswende 1630/1. Noch soeben glaubte der König, durch die Eroberung der Oderpässe Garz und Greifenhagen sich den Weg in die Mark geöffnet und die Gelegenheit zu siegreichem Anmarsch auf Magdeburg erlangt zu haben. Andrerseits bedrohte er aber auch schon Schlesien, die kaiserlichen Erbländer und zunächst – als Pässe zu diesen – die Festungen Landsberg a. W. und Frankfurt a. O. Sie vor allem zu retten, eilte T. im Januar von der Elbe herbei. Ihren kaiserlichen Besatzungen, die durch Wallenstein’s Sturz sich gleichsam führerlos fühlten und dazu große Noth litten, flößte er durch sein persönliches Erscheinen wieder Muth ein und half ihnen mit Geld [339] und Proviant, soweit er konnte. Zugleich auch hielt er den König und den Kurfürsten von Brandenburg auseinander und rettete diesem, obschon nur im kaiserlichen Interesse, seine Festung Küstrin vor der Gewalt jenes. Als er außerdem noch durch die nach der Mark geflüchteten Reste der ehemaligen Wallenstein’schen Armee in Pommern seine eigene Feldarmee verstärkte, hatte er den Erfolg, daß Gustav Adolf im Februar nordwärts nach Pommern zurückkehrte. Jedoch ließen dessen weitere Bewegungen ihn besorgen, daß er seinen Weg nunmehr über die Havel nach Magdeburg nehmen werde. Und so marschirte T. in Eilmärschen von der Oder wieder westwärts. Bei Brandenburg wollte er, mit Pappenheim vereint, sich zwischen den König und die Magdeburger legen. Allein bei seiner Ankunft daselbst ward ihm die Kunde, daß jener von Pommern aus nach Mecklenburg eingedrungen sei mit der Absicht, jetzt dieses zu erobern. Eine Eroberung, die nicht bloß durch die Demoralisation der dort eingelagerten kaiserlichen Truppen, sondern auch durch die erregte Volksstimmung anscheinend sehr begünstigt wurde; und wie leicht hätte sie den Verlust von Städten wie Lübeck und Hamburg, den Verlust der ganzen unteren Elbe für den Kaiser nach sich ziehen können! Gustav Adolf’s Hoffnungen und Tilly’s Befürchtungen deckten sich unmittelbar. Letzterer mußte nun auch in Mecklenburg retten, was sich noch retten ließ; vernahm er doch unterwegs, daß schon die pommersch-mecklenburgischen Grenzplätze, das starke Demmin selbst einbegriffen, sich auf unrühmliche Art den Schweden ergeben hätten. Mit seinem Vorhaben, ihnen Halt zu gebieten, verband sich denn auch hier das andere, der Demoralisation im eigenen Heerlager zu steuern. Allein seine Wiedereroberung Neubrandenburgs, die von einem furchtbaren Blutbad begleitet war und die Gefangennehmung des Commandanten Knyphausen, eines der tüchtigsten Officiere Gustav Adolf’s, zur Folge hatte, führte zu einer unerwarteten Wendung. Gustav Adolf, der sich noch zu schwach fühlte, dem kaiserlich-liguistischen General eine Feldschlacht zu liefern, suchte ihn durch neuen Einfall in die Mark und durch Bedrohung seiner kaum befestigten Oderstellung aus Mecklenburg wieder abzuziehen. T. jedoch, überzeugt, daß sein königlicher Gegner ihm überhaupt nirgends Stand halten, sondern durch beständiges Hin- und Herziehen ihn bloß irreführen, seine Armee durch endlose Strapazen ermüden und aufreiben wolle, faßte auf einmal einen neuen Plan. Den ursprünglichen, der die Verfolgung der Schweden auf Schritt und Tritt bezweckte, ließ er fallen, um jetzt hingegen, bei Beginn der besseren Jahreszeit, die Belagerung und Eroberung von Magdeburg zu seiner dringendsten Aufgabe zu machen. Er glaubte dadurch die Initiative im Kriege zu gewinnen, indem er den König, der seine Bundesgenossin an der Elbe unmöglich im Stich lassen durfte, nach sich ziehen würde, anstatt noch länger von ihm hier- und dorthin gezogen zu werden. Er warf sich auf die bis dahin von Pappenheim nur unzureichend blokirte Stadt mit um so größerer Wucht und Thatkraft, als ihm nun Alles darauf ankam, mit ihr fertig zu werden, bevor Gustav Adolf ihr den oft verheißenen Entsatz bringen könnte.

So verließ er Ende März Mecklenburg und erschien unversehens vor Magdeburg, während der König vergeblich auf seinen Zug nach der Oder rechnete. Allerdings sah er sich dann doch noch einmal zu einer Rückwendung gegen die schwedische Hauptmacht und zur Unterbrechung der kaum begonnenen Belagerung genöthigt, als jener, seine Abwesenheit benutzend, über Frankfurt und Landsberg herfiel. Noch immer sollte T. dadurch von Magdeburg divertirt und ihm die Initiative nicht gelassen werden. Gustav Adolf’s Berechnung blieb aber auch diesmal in der Hauptsache erfolglos, da sein Gegner, unterwegs schon benachrichtigt, daß Frankfurt verloren und Landsberg nicht mehr zu retten sei, [340] sofort nach Magdeburg wieder umkehrte. Wol war T. gefaßt auf den bitteren Vorwurf des Kaiserhofes, daß er die Erbländer vernachlässige und dem furchtbaren ausländischen Feinde preisgebe – während freilich seine vorausgegangenen Mahnungen, Frankfurt und Landsberg, diese Hauptpässe nach Schlesien, in besseren Vertheidigungszustand zu versetzen, von Wien aus ungehört geblieben waren. Den König hätte er indeß, bei seinem großen Vorsprung nach Schlesien, jetzt auch nicht mehr von dort zurückzuhalten vermocht. Er selber würde mit dem Verfolgungsmarsch zu spät gekommen und durch denselben obendrein gezwungen worden sein, zu seinem unberechenbaren Schaden Magdeburg fahren zu lassen. Er würde damit auch den zahlreichen anderen mißvergnügten Protestanten in Norddeutschland Luft gemacht, insbesondere die ihm feindlich gesinnten Theilnehmer an dem soeben zum Abschluß gekommenen Convent von Leipzig außerordentlich ermuthigt haben. Alles dies bestimmte den General, Magdeburgs Belagerung fortzusetzen; und mit sicherer Berechnung stützte er sich dabei auf ein moralisches Moment hinsichtlich Gustav Adolf’s: wenn dieser nicht das Vertrauen der protestantischen Bürgerschaften Deutschlands einbüßen wollte, so durfte er die Eroberung Schlesiens der Rettung Magdeburgs nicht vorziehen. T. wußte, daß er hierfür sein königliches Wort verpfändet hatte. Eben darauf verließ er sich und sorgte doch zugleich, daß es nicht eingelöst werde, indem er seit Ausgang April sich mit verdoppelter Energie jener Belagerung widmete. Durch Heranziehung aller nur irgend verfügbaren Truppen aus der Ferne, so jetzt zumal auch von Rhein und Weser her, concentrirte er eine Heeresmacht von 30–40 000 Mann um Magdeburg.

Der denkwürdigen Einzelheiten der mehrwöchentlichen Belagerung hier zu geschweigen – nach wiederholten vergeblichen Aufforderungen an die Belagerten beschloß er den Sturm: und zwar in einem Moment, wo er ihn trotz aller Fortschritte und rastlosen Vorbereitungen noch für ein großes Wagniß hielt und dennoch wegen der gefürchteten Annäherung Gustav Adolf’s nicht aufschieben zu dürfen glaubte. Pappenheim, sein feuriger Unterfeldherr, bestärkte ihn in diesem Beschluß und überwand seine letzten Bedenken. Am 20. Mai wurde die unglückliche Stadt, eine der größten, schönsten und volkreichsten in Deutschland, erstürmt, nach Kriegsrecht geplündert, während der Plünderung aber auch fast gänzlich eingeäschert. Letzteren Fall, der ihn selbst mit einem Schlage seines Siegespreises beraubte, hatte T. vergebens durch Löschbefehle abzuwenden versucht. Seine kriegsgefangenen Magdeburger bekannten kurz nachher, daß es eine beabsichtigte Brandstiftung, vornehmlich auf Veranlassung des fanatischen Falkenberg, der selber während der Katastrophe den Tod gesucht und gefunden hatte, gewesen sei. Flüchtige Einwohner und zum Theil sehr angesehene Bürger machten aber aus freien Stücken an anderen Orten Bekenntnisse, welche die Gefangenen-Aussage unterstützten. Und keine Frage, daß der leidenschaftliche Haß gegen die papistischen Zwingherren, gegen T. an der Spitze, einen Theil der Belagerten zu einer That der Verzweiflung, einem Zerstörungswerk ohne Gleichen angetrieben hatte, wenn es darum auch nicht an Mitschuldigen in Tilly’s Heer gefehlt haben wird. Für seine eigene Unschuld bedarf es heute keines Beweises mehr. Sein unbestreitbares Verdienst ist es, wenigstens den Dom und das Prämonstratenserkloster U. L. Frauen vor der allgemeinen Verheerung gerettet zu haben. Aber diese Rettung deutet auch wieder auf seine Tendenz einer rücksichtslosen Rekatholisirung hin.

Unter großen Feierlichkeiten, die zu dem namenlosen Elend der zertrümmerten Stadt im Mißverhältniß standen, übergab er den Dom gleich in den nächsten Tagen dem alten Cultus und veranstaltete auch in der Klosterkirche ein Dankfest für seinen Sieg. Den übriggebliebenen Magdeburgern aber, deren Geistliche [341] er alsbald auswies, versagte er ganz und gar den Trost des evangelischen Gottesdienstes. Als Eroberer und auf Grund des Restitutionsedictes glaubte er hierzu das Recht zu haben. Am liebsten jedoch würde er Magdeburg, das bisher das vornehmste deutsche Bollwerk des Lutherthums gewesen war, im Namen des päpstlichen Erzbischofs Leopold Wilhelm oder seines kaiserlichen Vaters und Vormunds in eine habsburgisch-katholische Zwingburg für den Norden umgewandelt haben. Allein die Schäden der Zerstörung, die mit der Stadt direct und indirect auch die Festung betrafen, waren allzu schwer und nachhaltig. Mit einem Male hatte dadurch auch die letztere ihre frühere strategische Bedeutung verloren; und der siegreiche Feldherr sah sich genöthigt, unter Zurücklassung weniger tausend Mann, die den Elbpaß bewachen, das katholische Heiligthum beschützen sollten, seine große Hauptmacht von dannen zu führen. Wie die Quartiere, waren auch die städtischen Proviantvorräthe der Zerstörung zum Opfer gefallen; diese Armee, die in dem ausgesogenen Erzstift keinen Unterhalt mehr fand, hätte bei längerem Verweilen an der verödeten Stätte vor Hunger umkommen müssen. Wenn T. sie, nahe an 24 000 Mann stark, im Juni nach Thüringen abführte: so verband er mit dieser Wahl eines noch contributionsfähigen Landes allerdings auch die Absicht, sich von da aus die Pässe, namentlich durch das nun gleichfalls in Aufstand gerathene Hessen, die Verbindung mit Süddeutschland, mit den Ländern der Liga offen zu halten. Gleichzeitig gedachte er, jene feindlichen Leipziger Schlußverwandten, deren Länder er unterwegs berührte oder denen er sich näherte, zu entmuthigen, sie womöglich zu entwaffnen. Und das, bevor sie, wie er besorgte, sich mit Gustav Adolf verbinden möchten. Schon fiel dabei sein Auge vorzugsweise auf Kursachsen, dessen außergewöhnlich starke Rüstungen ihn täglich argwöhnischer machten. Der Argwohn war ein gegenseitiger; und als der Kurfürst Johann Georg den Feldherrn durch ein paar seiner Räthe in Oldisleben aufsuchen ließ, um als Oberster des obersächsischen Kreises ihn zum Abmarsch aus Thüringen aufzufordern, kam es zu harten Zwiegesprächen. So weit vergaß sich T. in seinem Eifer, daß er an den Kurfürsten die Mahnung richtete, die von ihm besessenen Stifter freiwillig abzutreten. Ein äußerst unpolitischer Schritt, zu dem er nicht befugt war und der denn auch von seinen liguistischen Herren entschieden mißbilligt wurde: wollten sie doch gerade Kursachsen wegen seiner Macht und seiner Autorität bei anderen protestantischen Ständen ausnahmsweise geschont wissen. Und wie sie, so der Kaiser, der T. deshalb ausdrücklich den Befehl zugehen ließ, sich aller Feindseligkeiten gegen Kursachsen zu enthalten. Den Einfall in dies, die Entwaffnung Johann Georg’s erachtete freilich umgekehrt der katholische Feldherr für dringend geboten, um ihn so von den anderen Ständen zu trennen und die letzteren abzuschrecken. Wenn dem evangelischen Capo – war seine Ueberzeugung – die Macht gebrochen, würden die Glieder bald fallen, Gustav Adolf aber dadurch noch bei Zeiten isolirt und in die Enge getrieben werden. Seine ursprüngliche Maxime, die Bekämpfung der fremden Invasion in erster Linie, schien er demnach gänzlich aufgegeben zu haben. Und doch nöthigte ihn, während der Angriff auf Kursachsen ihm verboten war, der Verlauf der Begebenheiten, den alten Kriegsplan schnell wieder aufzunehmen.

Der König, der ihm immerdar behutsam ausgewichen war und ohne den – verweigerten – Beistand Kursachsens auch Magdeburg nicht hatte entsetzen können, nahm nach jener schweren Katastrophe eine feste Stellung an der Havel mit der T. zum Trotz erzwungenen Hülfe Kurbrandenburgs ein; und zwar eine Stellung, in der er zunächst unangreifbar erschien. Als er, auf diese gestützt, aber ernstlich Miene machte, das durch die Zerstörung Magdeburgs fast wehrlos gewordene Erzstift und letzteren Paß selber in Tilly’s Abwesenheit zu erobern: da sah der es für seine heilige Pflicht an, die Stiftslande vor den Schweden zu retten. [342] Und die Pflicht spornte T. um so mehr, als des Königs Bewegungen zugleich mit dem Erzstift auch die übrigen von den katholischen Waffen behaupteten „Provinzen, Stifter und Quartiere“ zwischen Elbe und Weser bedrohten. Thüringen hatte er sich inzwischen immerhin tributpflichtig gemacht; und Hessen hoffte er durch das damals aus Italien nach Deutschland zurückgekehrte kaiserliche Heer des Grafen v. Fürstenberg bezwingen zu können. Er selbst also brach nun, Mitte Juli, mit seiner Hauptarmee von Mühlhausen aus wieder gen Norden auf, nachdem er Pappenheim mit einem kleineren Corps zum Schutz der Stiftslande schon vorausgeschickt hatte. Er dachte allen Ernstes an eine Entscheidungsschlacht mit Gustav Adolf. Allein bei Tilly’s Anmarsch zog sich dieser hinter seine festen, in vortheilhaftester Lage angelegten Verschanzungen bei Werben, am Einfluß der Havel in die Elbe, zurück. Jener suchte ihn zu Anfang August auch dort auf, aber vergeblich. Sich auf ein paar kleinere Ausfälle und Scharmützel beschränkend, schien der König nun einmal, wie T. sagte, aperto campo nicht schlagen zu wollen. Da beschloß der Letztere, ihm die Havel zu entreißen und so auch die Werbener Stellung unhaltbar zu machen. Um hierzu die nöthige Uebermacht zu gewinnen und selbst für den Fall einer Verbindung der Schweden mit den Sachsen beiden gewachsen zu sein, nahm er insofern eine neue Aenderung seiner Dispositionen vor, als er den Grafen Fürstenberg jetzt ohne Aufenthalt in Hessen unmittelbar herbeizog. Gerade das aber machte das Maaß des kurfürstlichen Unwillens gegen ihn erst voll; ja, es brachte jene Verbindung, die es verhindern sollte, erst zur Reife. Johann Georg fürchtete von der Annäherung des bereits vorher zur Bestrafung der Leipziger Schlußverwandten ausersehenen Grafen die größten Ungelegenheiten für sich selber. Und sein Anerbieten an Gustav Adolf, Fürstenberg von der Vereinigung mit T. zurückhalten zu wollen, wenn er, der König, T. in Schach hielte, bildete die Einleitung des epochemachenden schwedisch-sächsischen Bündnisses.

Dasselbe kam trotz der diplomatischen Gegenbemühungen des katholischen Generals und keineswegs erst infolge seines feindlichen Einfalls in kursächsisches Gebiet zu Stande. Aber freilich vollzog er kurz zuvor noch seine Vereinigung mit Fürstenberg; ungestört vollzog er sie in der Grafschaft Mansfeld, wohin er ihm entgegengeeilt kam. Andererseits gelang es doch auch ihm nicht mehr, die Vereinigung der königlichen und der kurfürstlichen Armee zu verhindern. Indeß erst die Nachricht von ihrem unabwendbaren Bevorstehen und von Gustav Adolf’s Anmarsch auf Kursachsen war maßgebend für Tilly’s Einfall, der endlich auch die eventuelle Genehmigung des Kaisers gefunden hatte. Am 5. September ließ er Merseburg durch Pappenheim besetzen. Die Nothwendigkeit, seinen wiederum nothleidenden Truppen Unterhalt zu verschaffen, trieb ihn vorwärts. Bald stand er vor Leipzig; und nach kurzem Bombardement wie nach scharfen Drohungen, wobei er warnend auf das Schicksal Magdeburgs hinwies, bemächtigte er sich der zweiten Hauptstadt Kursachsens am 16. durch Akkord. Früh morgens am 17. aber näherten sich ihm die beiden verbündeten protestantischen Heere derart, daß er sich umgehend veranlaßt sah, seine eigenen beiden Heere im Felde vor Leipzig bei Breitenfeld in Schlachtordnung gegen sie aufzustellen. Nicht, daß er in diesem Augenblick die Schlacht direct suchte – wollte er doch seine Truppen zuvor erst recht sammeln und noch durch neue Zuzüge verstärken. Die ihm angebotene Schlacht nahm er gleichwol vertrauensvoll an. Die Niederlage des linken, Pappenheimischen Flügels, mit der sie eigentlich begann, wußte T. durch einen erdrückenden Angriff auf die sächsische Armee in gewisser Weise wett zu machen. Dann jedoch wurde die Flucht der letzteren ihm verhängnißvoll, da die Seinigen, in voreiliger Annahme des Sieges, sich in ihrer Verfolgung allzu sehr „vertieften“ und dem Könige damit zu einem entscheidenden Eingriff, einem [343] überwältigenden Vorstoß Gelegenheit gaben. Völlig überrascht, wurden zunächst Tilly’s Reiter zum größten Theil geworfen. Sein Fußvolk sammelte sich zwar und kämpfte bewundernswürdig weiter. Aber es war zu spät; Feldmarschall Horn zersprengte dasselbe – und so ward die Schlacht für den König, unter ungeheurem Verlust seiner Feinde, gewonnen. Er selbst hatte einen solchen Sieg, den er für den bedeutendsten aller seiner Siege erklärte, nicht erwartet: am wenigsten T. gegenüber, vor dem er bisher einen außerordentlichen Respect und mit dem zu schlagen er noch am Morgen vor der Schlacht Bedenken gehabt hatte. Nun hielt er dafür, daß T. zufällig an diesem Tage „gar confus“ gewesen sei, und machte ihm u. a. zum Vorwurf, sein ganzes Volk ohne Reserve „in Eine Front“ gestellt zu haben. Worauf er aber besonders stolz sein konnte: im Gegensatz zu der schwerfälligen Kampfweise des katholischen Feldherrn, die noch ganz in den Ueberlieferungen der alten spanischen Schule wurzelte, hatte der Schwedenkönig hier bei Leipzig eine neue Taktik der verbundenen Waffen in Anwendung gebracht und ausschlaggebend noch zuletzt durch Horn gebrauchen lassen. Mochten Tilly’s Parteigenossen seine Fehler zu bemänteln suchen oder, wie der Kurfürst von Mainz, eine Hauptursache seiner Niederlage in der fortdauernden „schädlichen Jalousie“ zwischen der kaiserlichen und der liguistischen Armee erblicken: sein Nimbus, unbesiegbar zu sein, war bei Breitenfeld erloschen. Diese Schlacht, eine der größten des dreißigjährigen Krieges, war die Antwort auf die am weißen Berge bei Prag; sie war die Rache für Magdeburg und bedeutete, wie die Folgen lehrten, das Grab des Restitutionsedictes, dessen Execution gerade T. sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte. In tiefster Niedergeschlagenheit, zwar nur leicht verwundet in der Schlacht, doch auch sonst krank, trat er seinen Rückmarsch nach Halle an. Bald freilich faßte er neuen Muth und verhieß, zur Ehre Gottes, zur Rettung des Kaisers und aller katholischen Fürsten Leib und Leben daran setzen zu wollen.

Nothdürftig sammelte er seine Truppenreste, mußte aber, von Gustav Adolf’s siegreichen Schaaren gedrängt, seinen Rückzug fortsetzen. Von Halle, das die letzteren unmittelbar nach seinem Abmarsch besetzten, ging er über Halberstadt, von wo die erst seit kurzem wiedereingeführten katholischen Geistlichen jetzt mit ihm flohen, nach der Weser, auf Corvey und Höxter. Und von da, nach seiner Vereinigung mit dem kurkölnischen Volke, weiter nach Hessen-Cassel, wo er die Obersten Aldringen und Fugger mit ihren Regimentern an sich zog, indeß er zu der gewünschten Züchtigung des rebellischen Landgrafen Wilhelm sich keine Zeit lassen konnte. Denn da inzwischen, auf dem directen Weg über Thüringen, sein großer königlicher Gegner bereits in liguistisches Gebiet vorgedrungen war, so besann sich T. keinen Augenblick: nicht allein seiner Pflichten gegen seine ursprünglichen Herren eingedenk, sondern überhaupt gewillt, seinen alten strategischen Plan des directen Vorgehens gegen den königlichen Eroberer jetzt nun wieder aufzunehmen, beeilte er sich, ihm in Franken den Weg zu vertreten. Ja, im Vertrauen auf seine schnell zusammengebrachte Streitmacht – die in den nächsten Tagen durch die Armee des Herzogs Karl von Lothringen noch bedeutend vermehrt und vor dem November wieder auf etwa 40 000 Mann geschätzt wurde – wagte er den Gedanken einer schleunigen Revanche an Gustav Adolf zu fassen. Dennoch kam er zu spät, um die Feste Marienberg, den Hauptstützpunkt des Fürstbisthums Würzburg, vor ihm zu retten und ihm die sogenannte Pfaffengasse mit ihren reichen katholischen Stiftern zu verschließen. Vor allem aber täuschte er sich in seinen Truppen selber. Sogar das kurmainzische Aschaffenburg, das er eben noch mit einer stärkeren Besatzung versehen, wurde von dieser in eiliger Flucht den Siegern von Leipzig überlassen, u. s. f. Die Soldaten des besiegten Feldherrn waren nicht mehr die alten. „Aus Furcht [344] und Zagheit“ – heißt es in gleichzeitigen Quellen – „wollten sie den Schwedischen nirgends Stand halten“. Jämmerlich benahmen sich die Neugeworbenen; aber auch über viele von den früheren Wallensteinern mußte T. Beschwerde führen, daß sie „allen Respect und Gehorsam verloren“. Er fürchtete den Ausbruch von Meutereien in seinem Heer und fand sich so wider seinen Willen zu weiterem Rückzuge gezwungen. Zu seinem Unglück fehlten ihm mehr als je die nöthigen Subsistenzmittel. Die geistlichen Fürsten, die mit ihren vertragsmäßigen Quoten fast stets im Rückstande geblieben waren, hatten fortan nur noch Klagen über den General, als ob sie von ihm muthwillig im Stich gelassen würden. Dabei aber schienen sie, und zumal die Inhaber der fränkischen Bisthümer, angesichts der erfolgten oder auch erst der drohenden schwedischen Invasion sich der Verpflichtung zu ferneren Beiträgen vollends überhoben zu fühlen, anstatt jetzt opferbereit ihr Aeußerstes daran zu setzen. Sogar der Kurfürst von Baiern, der bisherige zuverlässige Retter in der Noth, forderte T. bereits im October auf, seine Officiere und Gemeinen mit Trostworten zu beschwichtigen, da es ihm nunmehr unmöglich sei, „Geld hinunter zu bringen“. Hungrig und nackt, in der vorgerückten Jahreszeit doppelt leidend, waren denn allerdings diese Truppen zum Fechten desto weniger geneigt; massenhaft desertirten sie, um nicht zu Grunde zu gehen. Wie Schafe, sagte man, seien sie zusammengebracht; und jetzt vergingen sie „wie der Schnee“. Auch der Herzog von Lothringen empfahl sich bald wieder.

So durfte T. also doch nicht wagen, dem Könige, der umgekehrt durch Zulauf und Vorschub der Protestanten sich täglich mehr verstärkte, im offenen Felde entgegenzutreten. Immerhin hoffte er auch jetzt, ihn nochmals durch Diversionen aufhalten und seinen Siegeslauf hemmen zu können. Nochmals wollte er sich deshalb, in seinem Rücken, auf ein paar angesehene Städte werfen, die kurz zuvor schwedische Besatzungen eingenommen hatten. Die evangelische Reichsstadt Rothenburg o. d. Tauber, als erste dieser Städte, wurde so wirksam von ihm beschossen, daß sie, Magdeburgs Schicksal fürchtend, sich ihm am 10. November ergab. Hart wurde sie, gleich dem zugehörigen Lande, von seiner Soldateska mitgenommen. Und nicht weniger das Landgebiet der Reichsstadt Nürnberg als der zweiten dieser Städte, nachdem auf dem Wege dorthin die wichtigsten Plätze der Markgrafschaft Ansbach schnell erobert worden waren. Nürnberg selber haßte der katholische General kaum weniger als Magdeburg. Einst ein vornehmes Mitglied der protestantischen Union, hatte es ihm zu großem Verdruß Mansfeld unterstützt und soeben noch den feindlichen Beschlüssen des Leipziger Convents Folge geleistet, hatte es dementsprechend stark gerüstet. Diese hervorragende, reiche Stadt den Schweden zu entreißen, erschien ihm nothwendig. Seit Ende November lagerte er vor ihren festen Mauern; aber alle seine Aufforderungen und drohenden Demonstrationen erschütterten ihren Entschluß nicht, Gustav Adolf treu zu bleiben und des Evangeliums wie ihrer Freiheit wegen sich aufs äußerste zu wehren. Er sah ein, daß seine noch etwa 14 000 Mann starke Feldarmee hier nicht genügte, zumal es ihr auch an dem nöthigen Belagerungsgeräth fehlte. Wieder stand ein Winter vor der Thür – Tilly’s längerer Aufenthalt vor Nürnberg würde nur das Eine bewirkt haben, daß er den ihm weit überlegenen König vom Rhein her direct auf sich herangezogen hätte – und das mußte er vermeiden. So zog er zu Anfang December unverrichteter Weise ab. Durch Zurücklassung von Besatzungstruppen in Nürnbergs Aemtern und kleineren Städten hielt er die Hauptstadt immer noch wie von ferne bloquirt. In der benachbarten Markgrafschaft Ansbach bezog er Winterquartiere und begab sich für seine Person zu Ende des Jahres nach Nördlingen.

Mit alledem sah sich der katholische General infolge seiner großen Niederlage [345] doch schon bis nahe an die Grenzen Baierns zurückgedrängt. Noch freilich machte sein Feldmarschall Pappenheim, den er eben damals wieder nordwärts ziehen ließ, verzweifelte Anstrengungen, den Feind in Westfalen und Niedersachsen zu beschäftigen. Allein, so wenig Pappenheim vor den andringenden Schweden Magdeburg länger zu halten vermochte – und T. selbst befahl ihm von Süddeutschland aus, den zerstörten Ort nunmehr vollends zu schleifen –, so wenig und noch weniger war Ersterer im Stande, seinen kühnen Hauptplan auszuführen; d. h. nach seinen stolzen Worten, „den gesammten molem belli von den liguistischen Landen ab und wieder anhero – nach Weser und Elbe – zu ziehen“. Unbekümmert um Pappenheim und nicht gehindert durch T., setzte Gustav Adolf seinen Siegeslauf den Rhein aufwärts fort, während die Sachsen in Böhmen eingefallen waren. Ja, schon im November hatten diese Prag besetzt, was den Kaiser veranlaßte, den größten Theil seiner Truppen von T. abzuberufen. Ein neuer harter Schlag für den Feldherrn! Dadurch wurde er nun erst recht der Fähigkeit zu directem Vorgehen gegen den König beraubt. Von Kaiserlichen behielt er bloß 3000 Mann bei sich; seine für das Feld verfügbare Gesammtmacht war auf 8000 Mann zusammengeschmolzen.

Trotzdem widerstrebte T. der Wunsch der liguistischen Fürsten, unter Frankreichs Vermittlung ein Verhältniß der Neutralität mit den unwiderstehlichen Schweden einzugehen. Zu seiner Genugthuung zerschlugen sich (im Beginn von 1632) die betreffenden Verhandlungen – indeß der Plan des Kaisers, in diesen gehäuften Nöthen Wallenstein wieder zu seinem Generalissimus anzunehmen, der Verwirklichung entgegenging. Und wie die Dinge lagen, begrüßte T., früheren Haders vergessend, den alten Rivalen als Beistand und Helfer bereits im voraus; er selber werde, bekannte er ihm, durch seinen Wiedereintritt als kaiserlichen General „einer großen Bürde und Laboriats“ enthoben werden. Noch von Nördlingen aus, das bis in den Februar sein Hauptquartier blieb, mußte er ohne Möglichkeit eines Succurses werthvolle Plätze an den Feind verloren gehen sehen oder, der Gefahr zuvorkommend, ihre Räumung anordnen. Selbst Rothenburg war er zu halten nicht im Stande. Mehr noch schmerzte ihn der Verlust der liguistischen Hauptstadt Bamberg, die Gustav Adolf’s Feldmarschall Horn im Februar occupirte. Aber gerade die Hoffnung auf Wallenstein’s Cooperation beseelte ihn dann doch wieder und feuerte ihn an, Horn, dem er ohnehin wegen Breitenfeld die Antwort schuldig war, aus Bamberg hinauszutreiben. In der sicheren Erwartung, daß sich gleichzeitig die kaiserlichen Truppen in Böhmen zu einem großen Schlage aufraffen und entweder Prag oder mindestens Eger zurückerobern würden, brach T. in den ersten Märztagen nach Bamberg auf. Sein Marsch ging durch die Oberpfalz und durch nürnbergisches Gebiet; überall forderte er, streng auftretend, unbedingten Gehorsam für den Kaiser. Als er am 9. sein Ziel erreichte, entspann sich ein harter Kampf um den Besitz der alten Bischofsstadt. Aber er siegte hier wirklich noch einmal; er zwang die völlig in Verwirrung gerathenen Schweden unter großen Verlusten, die er ihnen beibrachte, zur Räumung nicht allein der Stadt, sondern auch des Stiftes. Er sah darin den glückverheißenden Anfang einer neuen Epoche. Ja, er selber wollte nun, wenn von Wallenstein durch das Corps des Grafen Gallas unterstützt, Eger attaquiren, um, mit Wallenstein vereint, „folgends womöglich das ganze Königreich Böhmen vom kursächsischen Volke wiederum zu liberiren“. Jedoch er machte seine Rechnung ohne den Schwedenkönig.

Sein unerwarteter Sieg über Horn, seine Recuperation von Bamberg, der schnell noch ein Vorstoß ins Würzburgische, sowie die Einnahme und Einäscherung des weimarischen Städtchens Königsberg durch seine Mannschaften folgte, war für Gustav Adolf zu einem neuen Unternehmen bestimmend. Dieser beschloß, [346] vor der Durchführung seiner weiteren Pläne sich nun erst Frankens gänzlich zu versichern. Dorthin vom Rhein mit einer zahlreichen Armee zurückkehrend, mit Horn sich vereinigend und noch andere große Verstärkungen an sich ziehend, würde er, im Vertrauen auf seine Uebermacht, dem liguistischen und immer auch noch kaiserlichen Feldherrn eine neue Entscheidungsschlacht angeboten haben. Letzterer durfte eine solche nicht annehmen; und mehr noch, er mußte vor Gustav Adolf’s Anmarsch Bamberg sofort wieder, außerdem jetzt auch das nürnbergische Gebiet räumen und eiligst seinen Rückzug nach der Oberpfalz antreten. Unweit der Grenze Böhmens – von seinem aggressiven Einfall in dies Königreich war keine Rede weiter – harrte er sehnlichst des Wallensteinischen Succurses und wollte zunächst abwarten, was der Schwede vornehmen werde. Sein schleuniger Rückzug ermuthigte diesen ungemein; ohne ihn selber zu verfolgen, drang der König in der Richtung auf Donauwörth schnell nach Baiern vor. T. machte sich hierauf gefaßt, als er den Einzug desselben in Nürnberg erfuhr. Und als ihm nun die Nachricht vom Weitermarsch der königlichen Armee auf Donauwörth bestätigt wurde, eilte er (Anfang April), um sie nach Möglichkeit aufzuhalten, nach Ingolstadt, der bairischen Hauptfestung an der Donau. Das schwach befestigte Donauwörth mußte er den Schweden überlassen und damit auch bereits den Uebergang auf das rechte Ufer dieses Stromes. Noch aber war er entschlossen, ihnen den Uebergang über den nahen Lech, der ihnen Baiern vollends geöffnet haben würde, mit dem Aufgebot seiner ganzen Kraft zu verwehren. Nach einem letzten Kriegsrath mit dem Kurfürsten Maximilian und dem kaiserlichen Generalzeugmeister Aldringen, damals seinem ständigen Begleiter, lagerte er sich mit seinem Heere um das bairische Städtchen Rain am Lech und verschanzte sich hier, so gut es in der Eile ging. Hier eben wollte und sollte er nach des Kurfürsten Willen den Feind so lange aufzuhalten versuchen, bis die von Wallenstein zugesagte Hülfe aus Böhmen eingetroffen sein werde. Indeß, wie lange hätte er warten sollen! Wenig oder nichts von jenem heißersehnten Succurs hatte er bei sich, als am 15. April die Katastrophe eintrat, die ihm das Leben kosten sollte. Eine Stunde Weges oberhalb Rain gelang es dem König in der vorausgegangenen Nacht und am frühen Morgen, unter dem Schutz von Finsterniß und Nebel, eine Schiffbrücke über den Lech zu schlagen. Noch freilich war sie nicht vollendet, als T. die Schweden durch Beschießung und Ausfälle zurückzuwerfen suchte. Von beiden Seiten entwickelte sich eine lebhafte Kanonade. Bei dieser Gelegenheit wurden Aldringen und bald auch T. von feindlichen Geschossen schwer verletzt: ein Fall, der den Sieg Gustav Adolf’s entschied, ihn zum Herrn des Lech machte und ihm damit den Schlüssel von Altbaiern in die Hände gab. Tilly’s Heerhaufen retirirte auf des Kurfürsten Geheiß nach Ingolstadt; und er selbst, dem eine Falkonetkugel den rechten Schenkel zerschmettert hatte, wurde dorthin mitgenommen. Von seinem Schmerzenslager aus gratulirte er noch am 20. Wallenstein brieflich als dem nun definitiv berufenen kaiserlichen Oberstcommandirenden. Zugleich aber bat und beschwor er ihn auch nochmals, den Succurs „bei Tag und Nacht zu maturiren“, um das Römische Reich vor dem Verderben zu erretten. Die Meldung von der Einnahme Augsburgs durch den König ließ ihn am 23. diese Bitte in noch dringenderen Worten wiederholen. Seinem Kurfürsten rieth er, sich der Reichsstadt Regensburg als des nächst Ingolstadt strategisch wichtigsten Passes an der Donau zu versichern und damit – wie es dann auch geschah – den Schweden zuvorzukommen. Als Sterbender mußte er aber noch gewärtig sein, von ihnen in Ingolstadt eingeschlossen zu werden. Am 30. April, als Gustav Adolf recognoscirend vor den Schanzen dieser Festung stand, ist daselbst T. seiner Wunde erlegen. Die Leiche des 73jährigen Greises wurde vorläufig in der Kirche des Ingolstädter Jesuitencollegiums beigesetzt. Eine [347] dauernde Ruhestätte fand er erst 1652 in der einst reich von ihm beschenkten Kirche zu Altenötting. –

Unauslöschlich steht Tilly’s Name in die Annalen des dreißigjährigen Krieges eingetragen. Den Lauf desselben in seiner ersten Hälfte hat er in vorderster Reihe recht eigentlich mit bestimmt. Von der ursprünglichen Defensive bald zur Offensive übergehend, war er schon früh der Schrecken der protestantischen Kriegspartei geworden. Nicht, daß seine Mannschaften an sich schlimmer gehaust hätten als die Söldnerschaaren dieses Krieges insgemein. Er hielt, soweit immer es in seinen Kräften stand, auf strenge Mannszucht; und für die Ausschreitungen der Soldateska, zumal wenn sie hungern mußte oder nach dem unerbittlichen, jedoch allgemein gültigen Kriegsrecht an erstürmten Orten plünderte, ist er so wenig als ein anderer Heerführer jener grausamen Zeit verantwortlich zu machen. Wiederholt hat er mit dem bloßen Degen den Ausschreitungen Einhalt gethan. Seine persönliche Humanität, wo es unglückliche Menschen vor der Furie des Krieges zu retten galt, darf nicht bestritten werden. Aber er suchte doch nur Wunden mit der einen Hand zu heilen, die er mit der anderen schlug. Was seine Waffengewalt so furchtbar erscheinen ließ, ist die kirchliche Intoleranz, der sie diente. Trotz aller Assecurationen, die er in protestantischen Landen gab, war es dort von vornherein die vorherrschende Ueberzeugung, daß er gekommen sei, um den Glauben der Väter zu bekämpfen. Sein Eintreten für das unselige, eine mehr als siebzigjährige Culturentwicklung des deutsch-evangelischen Geistes an der Wurzel treffende Restitutionsedict gab den trüben Ahnungen nur allzu sehr Recht. Diesem Geisteswesen war er schon als spanischer Wallone, war er als Schüler und Anhänger der Jesuiten in unüberwindlichem Maaße unsympathisch. Und niemals hat es ihm Scrupel bereitet, zur Bezwingung der unbotmäßigen deutschen Fürsten spanische Hülfsvölker ins Reich zu ziehen. Indem er sich solche wiederholt aus Brüssel erbat, versprach er, auch die Interessen des Königs von Spanien im Reiche besonders wahrnehmen zu wollen. Der König und die Infantin betrachteten ihn denn auch fortgesetzt als den Ihrigen. In ihren Briefen ehrten sie ihn durch die Anrede „mon cousin“. Und zu größerer Auszeichnung seiner Verdienste schenkte ihm Ersterer während des niedersächsischen Krieges eine Reihe von Gütern in den spanischen Niederlanden. Spanier war und blieb T. in seinen Lebensgewohnheiten, seiner ganzen Art des Auftretens. Seine Physiognomie selbst trug ein spanisches Gepräge; sein Costüm erinnerte an das der alten spanisch-niederländischen Generale. Wie aber Jesuiten und Mönche sein Lager begleiteten, so erschien er zugleich auch, mit seinen strengen und häufigen Andachtsübungen, seinen klösterlichen Gebräuchen, wie „ein Mönch im Gewande des Feldherrn“. Seine Soldaten pflegten ihn wol ihren alten Vater zu nennen. Sie fürchteten und sie verehrten ihn; und sein bairischer Herr rühmte ihn vor der schwedischen Invasion, daß er, was neben Erfahrung und Glück im Kriege den Respect und die Liebe bei der Soldateska beträfe, seinesgleichen damals nicht hätte. Seine parteilose Gerechtigkeit gegen jeden Einzelnen, seine – oft zwar vergebliche – Fürsorglichkeit für die Gesammtheit der Armee, für ihren regelmäßigen Unterhalt und ihr Wohlergehen, seine Unermüdlichkeit und persönliche Bravour waren gewiß fesselnde Eigenschaften. Dennoch fehlte ihm das imponirende Wesen eines Wallenstein, das bezaubernde Gustav Adolf’s. Keine Spur von dessen herzgewinnendem Lagerhumor ist bei ihm zu finden. Die spanische Grandezza, die er zeigte, soweit seine kleine und schmächtige Figur es zuließ, paßte zu dem Uebrigen; sie paßte zu der schwerfälligen spanischen Kriegsschule, aus der er hervorgegangen war. Von außerordentlicher Umsicht – seiner „bekannten Vigilanz“ wird häufig gedacht –, methodisch und vorsichtig, aber stets bestrebt, den rechten Augenblick zum Schlagen zu erfassen, dazu befähigt, [348] den Charakter seines Gegners zu berechnen, hatte er neben seiner großen Kriegserfahrung unleugbare Feldherrntugenden. Aber wenn nicht als Stratege, so doch als Taktiker war Gustav Adolf ihm weit überlegen. Epochemachend für die Kriegsgeschichte ist T. nicht geworden. Sein Waffenglück im ersten Jahrzehnt des dreißigjährigen Krieges, das ihn – die kleineren Gefechte eingerechnet – als Sieger in zwanzig Schlachten erscheinen ließ, erklärt sich aus der Mittelmäßigkeit seiner Gegner, bis eben der kam, der ihm gewachsen war. Nur Gustav Adolf besiegte ihn! Mit diesem Wort ist auch die Grenze seiner Fähigkeiten bezeichnet.

Einen unvergleichlichen Vortheil hatte jener freilich schon dadurch vor T., daß er sein eigener Herr und Souverän, daß er zugleich Feldherr und König in seinem Heere war. Auch als liguistischer Generallieutenant war T. gleich anfangs von verschiedenen und verschiedenartigen, im Punkte der Geldleistungen zum Theil sehr unzuverlässigen Herren abhängig. Wie aber wuchsen ihm die Schwierigkeiten, als er, im Dienst der Liga festgehalten, vom Kaiser zum Nachfolger Wallenstein’s ohne dessen große Machtbefugnisse erkoren wurde! Es war die beste Anerkennung seiner Verdienste, wenn sich in Regensburg Kaiser und Liga förmlich um ihn stritten. Mit der Abhängigkeit von beiden ward er nun aber erst recht „auf das Marterbett eines doppelten Herrendienstes gestreckt“. Gleichwol hat er sich nie gescheut, energische Vorstellungen zu machen und Einspruch zu erheben, sobald seiner höheren strategischen Einsicht die ihm gegebenen Befehle nicht entsprachen. Wenn man ihm diesen gegenüber einen eigenen Willen abspricht, so ist das ebenso unrichtig, als wenn man ihn nichts als General sein läßt, der um die Politik sich nicht bekümmerte. Schon seine eingehenden Friedensunterhandlungen mit Dänemark widersprechen dem; und es widerspricht ihm die Sitte der Zeit, wonach der commandirende Feldherr in der That auch Staatsmann und praktischer Politiker sein mußte. T. selbst führte den Krieg nur des Friedens wegen; aber seiner Friedenspolitik lagen freilich allzu weitgehende Ansprüche in den kirchlich-katholischen Dingen zu Grunde. Und wie ihn im confessionellen Uebereifer seine sonst immer gerühmte Discretion verlassen konnte, bewies er gegen Kursachsen in Oldisleben. Die Wiederherstellung der katholischen Kirche war eben doch das Hauptziel seiner ganzen militärisch-politischen Thätigkeit. Der Jungfrau Maria – „ma Dame et Souveraine“ nannte er sie – hatte er außer anderen Zeichen seiner tiefsten Verehrung seine Kriegsfahnen geweiht. Sie trugen ihr Bild, wie er ihren Namen zum Schlachtenruf gebrauchte. Im übrigen war seine Devise: Für Kirche und Reich! Wenn er der Liga mit voller Hingebung diente, so war es, weil er in ihr die kraftvollste Vertreterin und Jahre lang die eigentliche Vorkämpferin der katholischen Interessen im Reich erkannt hatte. Aber seinem Herzenswunsche hätte es doch gewiß mehr entsprochen, wenn er dem Kaiserthum, wie im Türkenkriege, so im böhmischen und deutschen Kriege von Anfang an als kaiserlicher Feldherr hätte dienen können. Ihm wie Pappenheim waren Kaiser und Reich neben der alleinseligmachenden Kirche die heiligsten Begriffe. Als höchsten Kirchenvogt verehrte er den Kaiser; jedoch anders als die Reichsstände, ohne Verständniß und Achtung für die deutsche Libertät, maß er ihm auch politisch eine monarchische Autorität und Gewalt bei, die zu den historischen Verhältnissen längst nicht mehr stimmte. Und das hing wiederum mit seinen spanisch-monarchischen Anschauungen zusammen. Als Mann des Gehorsams wollte er nicht einsehen, wie sehr sich Ferdinand II. die Herzen seiner protestantischen Unterthanen nach und nach entfremdete, entfremden mußte. In der Theorie mochte er sich selbst als Niederländer immer noch als zum Reiche gehörig und als geborenen Unterthan des Kaisers betrachten. So schwer es ihm jedoch wurde, sich unserer Sprache zu bedienen – Abgeordnete deutscher [349] Fürsten forderte er auf, französisch oder italienisch mit ihm zu sprechen –, so wenig Verständniß hatte er für die Bedürfnisse unserer Nation überhaupt. In den zahlreichen Manifesten, die aus seiner Kanzlei hervorgingen, liebte er es, das betreffende Wort in seiner anderen Bedeutung zu gebrauchen. Er verlangte von seinen Gegnern eine „runde deutsche“ Erklärung, wie er auch seinerseits „aufrichtig und gut deutsch“ zu reden verhieß.

Aufrichtig und ehrlich wird man ihn im allgemeinen nennen dürfen. Die häufig von feindlicher Seite auf ihn angewandte Bezeichnung „der alte Fuchs“ bezog sich auf seine militärischen Unternehmungen und ehrte ihn gleich ähnlichen Ausdrücken: „dieser alte listige Capitän“, „der alte Corporal“ u. s. w. In seinen politischen Verhandlungen galt er durchaus als Mann von Parole. Seine Unbestechlichkeit und Pflichttreue duldet so wenig Zweifel als seine Sittenstrenge. Auch war er, soweit es in diesem Kriege ihm möglich war, ein Mann der Ordnung und der Vereinbarungen, was er im Gegensatz zu Wallenstein besonders bei Erhebung von Contributionen in den besetzten Ländern zeigte. Nicht bloß, daß er da Maaß und Regelmäßigkeit einzuhalten bestrebt war; sondern er pflegte im voraus auch mit den Landesbehörden in Beziehung zu treten, mit ihnen über Quartier und Contribution bestimmte Abmachungen zu treffen, ja ihnen, wenn sie ihm zu Willen waren, die Einziehung der Gelder zu überlassen. Für seine Person, in seinen Lebensgewohnheiten war er außerordentlich einfach. Materielle Genüsse hatten wenig oder keinen Werth für ihn. Als Christian IV. von Dänemark ihn nach dem Frieden von Lübeck besuchen wollte, ließ er sich entschuldigen „in Erwägung, daß er dem König mit dem Trunk und in anderweg wenig serviren könne“. Dank seiner Mäßigkeit und Abhärtung blieb sein Körper bis in sein hohes Alter gestählt. Aber nicht allein auf materielle Genüsse, auch auf äußere Ehrenzeichen verzichtete er gern. Insofern er seiner officiellen Stellung nichts vergab, ist er um der Sache willen mit seiner Person in Bezug auf Rang und Titel wiederholt hinter Andere zurückgetreten. Zumal auch Wallenstein, dem Herzog von Friedland, hat er im Beginn des niedersächsischen Krieges in der „Präeminenz“ nachgegeben, während er darum doch nicht gewillt war, ihm die Direction des Kriegswesens zu überlassen. Mit seiner Erhebung in den Grafenstand, mit dem Titel „Excellenz“ zufrieden, ließ er sich von Wallenstein nicht ködern, als derselbe bei seinem Plan, den alten angestammten Reichsfürsten gegenüber eine neue Militäraristokratie in Deutschland zu gründen, in erster Linie auch ihm ein selbständiges Fürstenthum, auf Kosten Herzog Friedrich Ulrich’s von Braunschweig, zugedacht hatte. Im übrigen war T. allerdings nichts weniger als abgeneigt, zur Belohnung seiner Verdienste vom Kaiser und von den katholischen Fürsten reiche Dotationen theils in Geld, theils in Grundbesitz, mit Vorliebe in letzterem, anzunehmen. Ungescheut bat er Ferdinand II., der ihm eine Recompens von 400 000 Thalern zugesichert hatte, im März 1628, ihm dafür lieber Pfandschaft „auf ein Stück von den so theuer erworbenen und eroberten Landen“ zu verleihen. Als Aequivalent dieser Summe erhielt er denn auch später mehrere Aemter im Lande Herzog Friedrich Ulrich’s zugewiesen: und zwar dem Anschein nach noch in aller Form Rechtens, hauptsächlich auf Grund einer Schuldforderung, die der König von Dänemark gegen Friedrich Ulrich besessen und im Lübecker Frieden an den Kaiser abgetreten hatte. Keineswegs gering ist die Zahl der Gesuche Tilly’s um „Recompens“ während des Verlaufs des großen Krieges. Er liebte daran zu erinnern, daß auch vordem „die wohlmeritirten Kriegsobersten mit dem verfallenen, eingezogenen und konfiscirten Feindesland rekompensirt worden“. Bald in Böhmen, bald in der Wetterau u. s. w. bat er um Herrschaften depossedirter Rebellen. Seinen Bitten konnte oft nicht gewillfahrt, die um Bezahlung versprochener Geldbelohnung auch von der Liga erst [350] allmählich erfüllt werden. Wie sein schon im J. 1625 aufgesetztes Testament beweist, ist es eine Täuschung, wenn man sagt, daß er nach Maßgabe seiner Stellung arm gewesen sei. Sein Vermögen umfaßte schon damals außer einer Capitalsumme von mehr als 150 000 Thalern ausgedehnte Güter in Belgien und Deutschland; in Belgien vornehmlich sein Erbgut, die Baronie Marbais, in Deutschland die oberbairische Herrschaft Breiteneck, die Kurfürst Maximilian ihm frühzeitig geschenkt hatte. Die Haupterben des ledig gebliebenen und kinderlosen Mannes waren die Söhne seines älteren und vor ihm verstorbenen Bruders Jakob, die Grafen Johann und Werner v. T. Sterbend soll er außerdem den Resten der wallonischen Regimenter, die bei Breitenfeld für ihn gekämpft hatten, ein beträchtliches Legat vermacht haben.

Anders würde sein Name in der Geschichte dastehen, wenn nicht der Fluch eines unseligen Executoramtes auf ihm lastete. Daß er überdies aber vom Parteigeist seiner und der späteren Zeit wie wenige historische Persönlichkeiten verleumdet worden ist, daran ist namentlich die Kunde von dem beispiellosen Schicksal Magdeburgs schuld, daß er, der übernommenen Pflicht zufolge, hatte erobern und plündern lassen und das bei dieser Gelegenheit in einen Aschenhaufen verwandelt worden war. Ihm hatte, wie wir von Zeugen beider Parteien wissen, nichts ferner gelegen, als die ihm zugeschriebeue Aufforderung zur Fortsetzung der Greuelthaten, und überhaupt nichts ferner, als diese Stadt und Festung zu zerstören. Dennoch ist die Zerstörung Magdeburgs durch T. zu einem förmlichen Dogma in der Geschichte geworden. Als Zwingherr dieses lutherischen Bollwerks hatte er nun einmal ein untilgbares Odium auf sich geladen, das eben auch der weitesten Verleumdung Eingang verschaffen und Flecken auf Flecken seinem Bild anwerfen konnte. Von daher konnte in jenem abergläubischen Zeitalter wol auch das gehässige Gerücht entstehen, daß er, ein Genosse des Satans, schußfrei und fest, daß er „gefroren“ sei. Nur zu wahr ist aber die Bemerkung seiner Zeitgenossen, daß mit der Katastrophe von Magdeburg sein Glück zur Neige gegangen sei. Es erging ihm ähnlich, wie Napoleon seit dem Brande von Moskau. – Eine Reaction zu Gunsten Tilly’s, zu seiner moralischen Rehabilitirung mußte naturgemäß eintreten. Wir begreifen, daß ihm König Ludwig I. von Baiern ein Denkmal in München hat setzen lassen. Aber die überschwänglichen Auswüchse seiner modernen Apologeten, die ihn einerseits zum Heiligen, andrerseits zu einem deutschen Patrioten, zum Wohlthäter des römischen Reiches deutscher Nation haben machen wollen, können seiner Sache nur wieder schaden. Aufs tiefste hat er in die Geschicke unserer Nation eingegriffen; und so gebührt ihm auch ein litterarisches Denkmal. Kann dies jedoch, wenn wir aufs Ganze sehen, ein Ruhmesdenkmal sein?

Das Hauptmaterial bilden die großentheils bisher noch unbenutzten Archivalien in München (Reichsarchiv und Staatsarchiv), in Wien (k. k. geh. Haus-, Hof- und Staatsarchiv), in Brüssel (Belg. Reichsarchiv). – Adlzreiter, Annalium Boicae gentis partes III. – Westenrieder, Beyträge zur vaterländischen Historie … Bd. VIII. – Graf Villermont, Tilly ou la guerre de trente ans … Bd. I, II. – O. Klopp, Tilly im dreißigjährigen Kriege. Bd. I, II. Zweite Ausgabe dieses Werkes: Der dreißigjährige Krieg bis zum Tode Gustav Adolf’s 1632. Bd. I, II (bis jetzt). – Keym-Marcour, Johann Tserklaes Graf von Tilly. – Opel, Der niedersächsisch-dänische Krieg. Bd. I–III. – Wittich, Magdeburg, Gustav Adolf und Tilly. – Viele Monographien über einzelne Begebenheiten, so Rüthning, Tilly in Oldenburg und Mansfeld’s Abzug aus Ostfriesland. – Vgl. auch Dudik, Waldstein von seiner Enthebung bis zur abermaligen Uebernahme des Armee-Ober-Commando. – Frhr. v. Soden, Gustav Adolph und sein Heer in Süddeutschland … Bd. I.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: doppeltes "bei"; eines entfernt