ADB:Otto der Tarentiner

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Artikel „Otto der Tarentiner“ von Paul Zimmermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 682–685, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Otto_der_Tarentiner&oldid=- (Version vom 9. Juli 2020, 02:41 Uhr UTC)
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Otto, mit dem Beinamen der Tarentiner, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, geb. 1319 oder 1320, † um 1399, ältester Sohn Herzog Heinrich II. gen. von Griechenland († vor dem 22. Sept. 1353) und dessen erster Gemahlin Jutta, einer Tochter des Markgrafen Heinrich I. von Brandenburg und Landsberg, gehörte dem Grubenhagenschen Zweige des Welfenstammes an und theilte in vollem Maße den jenem vorzugsweise angeborenen Zug nach dem Fernen und Abenteuerlichen. Früh lockte ihn sein frischer Thatendurst in die Fremde, da ihm das durch die wiederholten Landestheilungen des Geschlechts und die umfangreichen Verpfändungen seines Vaters stark zusammengeschmolzene dereinstige Erbe als ein zu geringes Wirkungsfeld erschien. Schon 1339 finden wir ihn am Hofe des Markgrafen Johann von Montferrat, an welchen ihn zunächst die verwandtschaftlichen Beziehungen seines Geschlechts zu dem der Montferrats und die beider Familien zu der der Paläologen in Constantinopel geführt haben werden. Er nahm hier hervorragenden Antheil an den Kämpfen Johanns, die zumeist gegen die kräftig aufstrebende Macht der Viscontis in Mailand gerichtet waren. In dem Kriege mit deren Verbündetem Reforza Dago, dem Seneschall von Neapel, hat O. 1345 bei Gamenaria durch muthiges Eingreifen den Sieg Johanns entschieden. Im J. 1352 begegnen wir O., der um diese Zeit aus dem deutschen Orden austrat, in Frankreich, wo er bei dem Könige Johann seiner Kriegstüchtigkeit halber in hoher Gunst stand. Derselbe setzte ihm einen Jahrgehalt von 4000 goldenen Schildthalern aus und schlichtete selbst einen Streit Otto’s mit dem Herzoge Heinrich von Lancaster, einem Vetter König Eduards III. von England, als die beiden Gegner schon zum Zweikampfe [683] bereit standen. Auch die damals geschehene Vermählung Otto’s mit Jolantha, der Tochter Berengars von Villaragut und Wittwe König Jakobs II. von Majorka († ? vor 1372), welche ihn in den Stand setzte, aus eigenen Mitteln ein Heer aufzustellen, ist wol zumeist durch Vermittlung des Königs zu Stande gebracht. 1354 ist O. schon wieder in Italien, wo er in Rom bei der Kaiserkrönung Karls IV. anwesend war. Dann hat er wieder an der Seite Johanns von Montferrat, dem der Kaiser u. A. das Reichsvicariat in Pavia übertrug, tapfer gegen die Viscontis gestritten, denen die Herrschaft über Asti gewaltsam entrissen wurde. Das J. 1364 brachte den Parteien Frieden, aber schon nach kurzer Zeit entbrannte der Krieg von Neuem. So große Stücke hielt Johann auf seinen treuen Waffengefährten, daß er ihn dicht vor seinem Tode zum Vormunde für seine drei unmündigen Söhne bestellte. Dieses Amt hat O. gewissenhaft verwaltet und im Einverständnisse mit dem Papste Gregor XI. und in Verbindung mit dem Grafen Amadeus von Savoyen u. A. alle Angriffe der Viscontis auf Asti glücklich zurückgeschlagen, ja denselben bei Duerse eine entscheidende Niederlage beigebracht und ihnen Coni genommen. Durch päpstliche Vermittlung erlangten die Viscontis jetzt Frieden; O. aber erhielt Ende 1374 nebst den Söhnen Johanns vom Kaiser Karl IV. das Reichsvicariat. Das Ansehen Otto’s als Feldherr war durch diese Kriegszüge so bedeutend geworden, daß Papst Gregor der verwittweten Königin Maria von Armenien, die sich 1372 gegen das Andringen der Türken nach Hilfe und zugleich nach einem den schwierigen Verhältnissen des Landes gewachsenen Gemahl umsah, für diese Aufgabe keinen Geeigneteren als den Herzog von Braunschweig zu empfehlen wußte. Der Plan kam nicht zur Ausführung. Ob O. die Verpflichtung gegen die Waisen Johanns von Montferrat davon abgehalten, oder was sonst die Sache verhindert hat, ist nicht bekannt. Dagegen hat der Herzog einige Jahre darauf einen zweiten, nicht minder glänzenden Antrag angenommen. Derselbe wurde ihm von der Königin Johanna von Neapel, Gräfin von Provence, der Enkelin König Roberts v. N. († 1343) gemacht, welche in einem schicksalsreichen und keineswegs schuldfreien Leben bereits drei Gatten verloren hatte und jetzt in einem vierten Gemahle eine kräftige Stütze gegen die Anschläge suchte, welche Karl von Durazzo gegen ihren Thron im Schilde führte. Im J. 1376 reichte die geistreiche, trotz ihrer 49 Jahre noch immer schöne Fürstin dem tapferen Kriegshelden die Hand. Zwar wurde ihm der Königstitel nicht zugestanden, doch erhielt er das Fürstenthum Tarent, die Grafschaft Acerra und verschiedene Schlösser in der Provence angewiesen. Mit Tarent war auch das Fürstenthum Morea verbunden, das O. dem Johanniterorden verpfändete. Die nächsten Jahre verliefen hier für ihn, der seine einflußreiche Stellung zu einer vermittelnden Thätigkeit zwischen verschiedenen Parteien benutzte, im Ganzen friedlich, wenn ihn auch die Vormundschaft über die jungen Grafen von Montferrat in den oberitalischen Wirren vielfach in Anspruch nahm. Nach dem Tode Papst Gregors XI. († 27. März 1378) nahm die Ruhe aber ein schnelles Ende. Unter starker Einwirkung des italienischen Volkes wählten die Cardinäle den Erzbischof von Bari, der den Namen Urban VI. annahm, zum Papste; doch bald darauf wurde ihm ein Gegenpapst in dem Cardinal Robert von Genf, der sich Clemens VII. nannte, entgegengestellt. Johann wie O. waren über die Wahl des ihnen befreundeten Urban anfangs sehr erfreut, doch sein rücksichtsloses, hochmüthiges Benehmen entfremdete sie ihm bald. Er scheint die Absicht gehegt zu haben, Neapel und Sicilien an seine Verwandten zu bringen; jedenfalls wies er den ihm von O. vorgetragenen Wunsch einer Vermählung seines Mündels Johann von Montferrat mit Marie, der Erbin von Sicilien, wie auch den der Verleihung der neapolitanischen Königskrone an ihn selbst schroff zurück. Die [684] Folge war, daß Clemens, welcher sich Urban gegenüber mit Waffengewalt nicht behaupten konnte und nach Neapel floh, hier von Johanna auf das freundlichste aufgenommen wurde. Zwar mußte er dann auch hier vor dem Unwillen des Volkes nach Avignon entweichen. Doch hielt Johanna an ihm fest, und da die Ausgleichsversuche, die auch von O. selbst unternommen wurden, vergeblich waren, so erklärte Urban 1380 Johanna des Reichs für verlustig und ließ das Kreuz gegen sie predigen. Im folgenden Jahre krönte er Karl von Durazzo zum Könige von Neapel und Jerusalem. Um sich der französischen Hilfe zu versichern, hatte Johanna den Herzog Ludwig von Anjou zu ihrem Nachfolger ernannt und mit Genehmigung des Papstes Clemens an Kindesstatt angenommen. Ehe die Unterstützung von Frankreich eintraf, suchte Herzog O. im Verein mit seinem Bruder Balthasar, dem Markgrafen Johann von Montferrat, der mächtigen Familie der Sanseverinos u. A. den Feinden entgegenzutreten, doch der feige Verrath der italienischen Barone schwächte sein Heer, und er wurde zum Rückzuge genöthigt. Auch Neapel öffnete am 16. Juli 1381 Karl von Durazzo die Thore. Johanna floh nach Castello Nuovo, wo sie eingeschlossen wurde. Da O. fürchtete, daß seine Gemahlin sich hier nicht mehr lange werde halten können, so griff er mit noch unzureichenden Kräften im August Karl an. Er erlitt eine Niederlage und gerieth selbst nebst seinem Bruder Balthasar verwundet in Gefangenschaft. Nun mußte sich auch Johanna ergeben, für deren Rettung die französischen Schiffe zu spät an der italienischen Küste erschienen. Da die Fürstin auf ihre Rechte nicht verzichten wollte und Ludwig von Anjou mit einem Heere zu ihrer Befreiung nahte, so wurde sie am 22. Mai 1382 auf Anstiften Karls erdrosselt. O. wurde auf Altamuro in milder Haft gehalten und erlangte 1384 die Freiheit, nach den Einen als Geschenk Karls, nach Anderen in Folge gewaltsamer Entführung. Er ging nach Sicilien, von dort nach Avignon, wo er mit Marie, der Wittwe des inzwischen verstorbenen Ludwigs von Anjou, die Wiedereroberung Neapels für deren Sohn Ludwig II. plante. Als Karl von Durazzo bald nach der Besteigung des ungarischen Thrones 1386 gestorben war, gelang es O. mit Hilfe Sanseverinos der Wittwe Karls, Margarethe, und ihrem unmündigen Sohne Ladislaus das Königreich Neapel zu entreißen und sich selbst wieder in den Besitz von Tarent zu setzen. Doch erntete er für diese großen Erfolge schlechten Dank; statt seiner wurde Clement von Montjoie von Papst Clemens VII. und Marie von Anjou zum Generalcapitain des Königreichs ernannt. O. war über diese Zurücksetzung so entrüstet, daß er, der bislang stets treu bei der einmal ergriffenen Partei ausgeharrt hatte, 1388 in den Dienst der Gegner übertrat und sich jetzt für Ladislaus von Durazzo erklärte. Doch hier verließ ihn das Kriegsglück; ein Angriff auf Neapel mißlang, und O., dessen Erwartungen auch von der Durazzoschen Partei getäuscht waren, zog sich zurück. Erst 1392 ergriff er nochmals für Ladislaus die Waffen gegen die Sanseverinos, seine ehemaligen Verbündeten; er erlitt jedoch eine Niederlage und gerieth abermals in Gefangenschaft. Um das Lösegeld zu beschaffen, war er genöthigt, die Grafschaft Acerra zu versetzen. Seitdem ist O. in der Geschichte Italiens nicht wieder bedeutsam hervorgetreten; er scheint die letzten Jahre seines Lebens in seinem Fürstenthum Tarent in stiller Zurückgezogenheit verbracht zu haben. Um die Wende des Jahres 1398/99 ist er zu Foggia in Apulien gestorben und begraben. – Die gesammte Thätigkeit Otto’s diente fast ausschließlich fremdländischen Interessen; für sein deutsches Vaterland war sie so gut wie verloren. Seit er dieses in den Jünglingsjahren verlassen, hat er es auf längere Zeit jedenfalls nie wiedergesehen. Dennoch hat er die Beziehungen zu seiner Heimath auch niemals gänzlich aufgegeben, und es ist sogar nicht unwahrscheinlich, daß er dieselbe in den Jahren 1388/89 in hohem [685] Alter noch einmal aufgesucht hat. Als sein Vertreter begegnet hier bis zum Jahre 1372 sein Bruder Balthasar, später sein Vetter Herzog Friedrich zu Osterode. Die Angabe, daß er 1366 seinen Antheil an Duderstadt dem Erzbischofe von Mainz verkauft habe, ist nicht glaublich. Dagegen läßt sich die Aufrechterhaltung seiner Anrechte an dem St. Blasien-Stifte zu Braunschweig bis in das Jahr 1398 erweisen. – O. von Tarent ist in den welschen Landen ein würdiger Vertreter des deutschen Ritterthums gewesen. Seine Kriegstüchtigkeit wie seine hohe persönliche Tapferkeit haben schon bei den Zeitgenossen die allgemeinste Anerkennung gefunden; rühmte man ihn doch als Sieger in nicht weniger als 40 Schlachten. Dabei war er eine ehrliche offene Natur, ein treu ausharrender Freund, unverzagt im Unglück und maßvoll im Glück. Sein großmüthiger Sinn zeigte sich besonders nach der Wiedereroberung Neapels, wo er es verschmähte, selbst an den treulosen Verräthern Vergeltung zu üben. – Das Vorbild Otto’s ist für seine jüngeren Brüder bestimmend gewesen; bis auf Melchior, der erst das Bisthum zu Osnabrück, dann das zu Schwerin verwaltete († 1381), haben sie sämmtlich ihr Glück in der Fremde gesucht. Riddag erscheint schon 1357 an der Seite des Bruders in Italien, später am Hofe Kaiser Karls IV. Balthasar kam nicht vor 1372 nach Italien, wo er 1379 Jacobella, die Erbtochter des Grafen von Fondi, heirathete. 1381 in die Gefangenschaft Karls von Durazzo gerathen, wurde er geblendet; er ist nicht vor 1385 gestorben. Philipp heirathete die Wittwe König Hugos IV. von Cypern und wurde Connetable von Jerusalem. Auch Thomas, der Augustinermönch zu Nordhausen war, hat sich längere Zeit in Italien aufgehalten. Kinder hat keiner der Brüder hinterlassen.

Vgl. [H. A. Koch] Ottonis Tarentini vita et res gestae, Brunsvigae 1746. Dazu dessen Supplementa 1753. – W. Havemann im Vaterl. Archiv des hist. Vereins für Niedersachsen. Jahrg. 1843 S. 369–399. – J. Waschow, Herzog O. von Braunschw., Fürst von Tarent. Breslau 1874. – O. von Heinemann, Aus der Vergangenheit des Welfischen Hauses, S. 49–86.