ADB:Poppo, Ernst Friedrich

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Poppo, Ernst Friedrich“ von Rudolf Schwarze in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 26 (1888), S. 436–438, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Poppo,_Ernst_Friedrich&oldid=- (Version vom 18. September 2019, 09:55 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 26 (1888), S. 436–438 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Ernst Friedrich Poppo in der Wikipedia
GND-Nummer 116268549
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|26|436|438|Poppo, Ernst Friedrich|Rudolf Schwarze|ADB:Poppo, Ernst Friedrich}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=116268549}}    

Poppo: Ernst Friedrich P., classischer Philologe und Schulmann, geb. in Guben am 13. August 1794, † in Frankfurt a. O. am 6. November 1866. Schon sein Großvater († 1769, Verfasser der „Zuverlässigen Nachrichten das Kirchen- und Schulwesen zu Guben betreffend“) und dessen Bruder hatten Schul- und Kirchenämter in dem damals zu Sachsen gehörigen Guben bekleidet; sein Vater ist daselbst 1822 als Archidiaconus gestorben; er selbst besuchte bis Ostern 1811 das dortige Lyceum unter dem Rector Wilhelm Richter und begab sich alsdann nach Leipzig, um Theologie und Philologie zu studiren. Bald jedoch ward er durch Gottfr. Hermann, der ihn in seine Griechische Gesellschaft, wie Daniel Beck in das philologische Seminar aufnahm, ganz für die classischen Studien gewonnen. Er widmete sich denselben vier Jahre lang (von denen er nur kurze Zeit sich in Berlin aufhielt, um Boeckh’s Seminar kennen zu lernen) mit solchem Eifer, daß er bald nach seiner Doctorpromotion (2. März 1815) auf Grund seiner „Observationes criticae in Thucydidem“ (Lips. 1815, 263 pp.) sich als Privatdocent in Leipzig habilitirte und Vorlesungen über Thucydides, sowie die Bukoliker begann. Bereits in jener Erstlingsschrift bezeichnete P. mit kundiger Hand den Weg, welchen demnächst die Arbeiten an Thucydides einzuschlagen hätten, indem er erneute Vergleichung der Handschriften, welche er auf ihren Werth prüfte, streng grammatische Interpretation, rationelle Orthographie und Interpunction des Textes forderte. Denn seit der Ausgabe des H. Stephanus von 1588 war, trotz der nicht geringen Zahl jüngerer Bearbeiter, für die Erklärung des Autors, besonders die sachliche, zwar mancherlei, für die Recension des Textes aber wenig Ersprießliches geleistet worden, wie P. dies an einer Reihe von Stellen nachwies. Nicht blos von Hermann und Beck wurden die Observationes (in der Jenaischen und Leipziger Litteratur-Zeitung) sehr günstig recensirt. Auch der mit P. fast gleichaltrige Eduard Gerhard (A. D. B. VIII, 760), ein begeisterter Anhänger Boeckh’s, obwohl kurz vorher von G. Hermann durch eine scharfe Abfertigung seiner Lectiones Apollonianae in der Leipz. L.-Z. 1815 zu heftigen Angriffen gegen dessen Schule in den kurzlebigen „Philologischen Blättern“ (1817) gereizt, sprach sich in diesen über Poppo’s Schrift im wesentlichen anerkennend aus, mit dem Wunsche, die Absicht des Verfassers, eine neue Ausgabe des Thucydides zu besorgen, bald verwirklicht zu sehen. – Aber die Ausführung ließ zunächst auf sich warten. Schon Ostern 1816 übernahm P. das Conrectorat am Gubener Gymnasium, im November desselben Jahres das Prorectorat in Frankfurt a. O., und als hier der Director Kalau aus seinem Amte schied, ward P. im Mai 1818 zu dessen Nachfolger ernannt. In dieser Stellung verblieb er bis Ostern 1863, wo ihm der erbetene Abschied in der ehrenvollsten Weise bewilligt wurde. – P. fand bei seinem Amtsantritt das Frankfurter Gymnasium in einem Uebergangsstadium begriffen, denn es war erst 1813 aus dem Zusammenschluß zweier Anstalten, des städtischen lutherischen Lyceums und der ursprünglich reformirten Friedrichsschule erwachsen, denen keine gesondert den durch das Abiturienten-Prüfungsreglement von 1812 gestellten Zielen genügen konnte. Aber noch hatten sich die verschiedenen Elemente nicht organisch verbunden, und nur ein Zusammentreffen günstiger Umstände schaffte Wandel in diesen unhaltbaren Zuständen. Die Stadt, durch Verlegung der Universität nach Breslau (1811) und die letzten Kriegesnöthe in ihrer Entwickelung schwer geschädigt, begann sich wieder zu heben, als sie 1815 zur Hauptstadt des neugebildeten Regierungsbezirkes und zum Sitz eines Oberlandesgerichtes ausersehen ward. So bewilligten die Behörden auch die erforderlichen Mittel zu einer Erweiterung des Gymnasiums, dessen Frequenz schon in den Jahren von 1818–25 sich fast verdoppelte, von 89 auf 180 Schüler steigend. In die neu gegründeten und schnell nach einander erledigten Stellen wurden junge mit P. gleichstrebende [437] Lehrer gewählt – auch Leopold Ranke, ihm schon aus Leipzig befreundet, wirkte von 1818–25 an der Anstalt –, und bei der lernenden Jugend selbst ließ sich, nach Poppo’s Ausspruch, der geistige Aufschwung, welchen die Nation durch die Freiheitskriege erhalten hatte, verspüren und spornte zu energischen Anstrengungen. Mit jugendlicher Begeisterung lenkte nun der neue Director die Hauptthätigkeit der Schüler, nach dem Vorbild der altsächsischen Landesschulen, auf die philologischen Studien, und bald berichteten die Programme jener Jahre aus den oberen Classen über die Schul- und Privatlectüre der alten Classiker von überraschendem Umfang, sowie über die schriftlichen und mündlichen, auch metrischen Uebungen nicht blos im Lateinischen, sondern auch im Griechischen, „denn was in Pforta geschehen kann, ist auch in Frankfurt zu bewirken“. Aber dabei behielten auch die andern Unterrichtsfächer ihr Recht, ja selbst das Englische, für welches P. eine besondere Vorliebe bewies, ward von ihm, wenn auch nur facultativ, neu in den Lectionsplan eingefügt und der Unterricht darin aus freien Stücken während seiner ganzen Amtsführung von ihm übernommen und selbst als Emeritus noch fortgesetzt. – Erfreute sich P. während einer Reihe von Jahren an dieser Blüthe der philologischen Studien, so schien sie ihm bereits für das Griechische gefährdet, als im J. 1828 durch ministerielle Verordnung die Gymnasien angehalten wurden, von den schriftlichen Uebungen in dieser Sprache die freien Ausarbeitungen und Reden, sowie von der Lectüre gewisse Schriftsteller, wie Aristophanes, Aeschylus und Pindar, auszuschließen; noch mehr aber, als das neue Abiturienten-Prüfungsreglement von 1834 nur die Uebersetzung aus dem Griechischen ins Deutsche, nicht aus diesem in jenes beibehielt. Dazu kam dann 1836 die bekannte Abhandlung des Dr. Lorinser: „Zum Schutz der Gesundheit in Schulen“, welche zunächst den Privatfleiß der Schüler zu schwächen geeignet erscheinen mußte. Daß aber P. als Mitglied der 1849 vom Minister v. Ladenberg nach Berlin berufenen Commission zur Berathung über die Reorganisation der höheren Schulen sich nicht der Majorität anschloß, welche eine größere Annäherung des Gymnasiums und der Realschule anstrebte, ergiebt sich aus dem bisher Gesagten. Sein Befürchtung jedoch, es möchte diesen Wünschen an entscheidender Stelle Folge gegeben werden, zerstreuten die 1856 publicirten Ergänzungen zum Reglement von 1834, welche u. a. auch ein kurzes griechisches Scriptum wieder an die Stelle der Uebersetzung ins Deutsche setzten. So wurde P. mit neuer Freude zu seinem Amt erfüllt und erst beginnende Kränklichkeit veranlaßte den bisher rüstigen Greis, dasselbe niederzulegen und sich größere Ruhe zu gönnen.

Wir haben noch über seine schriftstellerische Thätigkeit zu berichten und vor allem über seine weiteren Arbeiten am Thucydides. Man kann sagen, es hätten Poppo’s Observationes criticae den Eifer für die Beschäftigung mit jenem Schriftsteller neu angefacht, nicht blos in Deutschland, sondern auch in England, wo sie 1819 von Priestley seiner Thucydides-Ausgabe als Anhang einverleibt wurden. Denn bereits 1820 erschien in Leipzig die von Poppo’s Schrift beeinflußte commentirte Ausgabe Haacke’s und im folgenden Jahre, gleichzeitig in London und Berlin, Imm. Bekker’s neue Textrecension mit kritischem Apparat und den alten Scholien. Dann erst folgte allmählich in vier Abtheilungen (partes) Poppo’s Ausgabe. Und zwar enthielt die erste Abtheilung (2 Bde. Leipzig, Fleischer. 1821–23) die Prolegomena über die historische Kunst und den Sprachgebrauch des Thucydides nebst historischen und geographischen Erläuterungen, die zweite (4 Bde. 1825–28) den Text mit den Scholien und einem durch Vergleichung neuer Handschriften erweiterten Verzeichniß der Lesarten, die dritte (4 Bde. 1831–37) einen Commentar über Text und Scholien, welcher durch Berücksichtigung alles dessen, was von älteren und neueren Herausgebern [438] Brauchbares zur Interpretation des Schriftstellers zu Tage gefördert worden, zu großem Umfang anschwoll. Endlich brachte als vierte Abtheilung ein Schlußband (1840, neu aufgelegt 1851) außer den Indices noch Nachträge mit Rücksicht auf die neuesten im In- und Auslande erschienenen Ausgaben, denen P. bereits in den wissenschaftlichen Zeitschriften eine Reihe ebenso gründlicher als unparteiischer Recensionen gewidmet hatte. Da diese zu elf Bänden angewachsene Ausgabe nur auf einen engeren Leserkreis rechnen konnte, so begann er alsbald eine kürzere Umarbeitung derselben, welche auch die unbequeme Trennung von Text und Commentar durch Vertheilung des letzteren in die Fußnoten beseitigte. Sie erschien (Gotha, Henning, 1843–51, 4 Bde.) in acht der Bücherzahl entsprechenden Sectionen, denen er noch eine Umarbeitung der Prolegomena unter dem Titel: „de historia Thucydidis commentatio“ folgen ließ (Leipzig, Teubner. 1856) und damit zum zweiten Male den Kreis seiner durch vierzig Jahre fortgesetzten Thucydides-Arbeiten schloß. Noch sind hierher, als Bruchstücke eines von ihm geplanten Thucydides-Wörterbuches, drei Programme aus den Jahren 1845, 47, 54 zu zählen, welche als Supplementa zu Betantii Lexicon Thucydideum (Genevae 1843–47, 2 voll.) die dort ausgeschlossenen Pronomina und Partikeln behandeln, aber bereits mit dem Buchstaben E abbrechen. Eine zweite nöthig gewordene Auflage seiner kleineren Ausgabe weiter als bis zum zweiten Buche zu führen (1866), war ihm nicht vergönnt. Nach seinem Tode übernahm es Joh. Matth. Stahl, sie zu vollenden und sicherte ihr, indem er sie auf der Höhe der fortschreitenden Forschung erhielt, ihren ehrenvollen Platz unter der immer wachsenden Zahl der Thucydides-Ausgaben. – Nur kurz sei hier noch der übrigen Schriften Poppo’s gedacht. Es sind dies theils Gymnasialprogramme pädagogischen und philologischen Inhalts, theils Ausgaben griechischer Classiker, welche vorzugsweise Schulzwecken dienen sollten: zuerst neue Bearbeitungen der Bremer’schen Ausgabe von Lucian’s Göttergesprächen (1817 und 23), sodann Textesrecensionen von Xenophons Cyropädie (1819 und 23) und Anabasis (1828), sowie Ausgaben mit lateinischem Commentar der ersteren (1821) und der letzteren (1827), endlich eine „Chrestomathia historica“ aus Diodor, Pausanias u. A. (1823, 2 Bde.). Bei seinem Scheiden aus dem Amte schrieb er einen kurzen Rückblick auf seine pädagogische Thätigkeit: „An seine Collegen und ehemaligen Schüler zur Erinnerung“, und noch später zwei Artikel in Herrig’s Archiv für neuere Sprachen, Bd. 37, enthaltend Zusätze zur sechsten, von Herrig revidirten Auflage von Wagners englischer Grammatik. – Poppo’s Geschlecht ist mit ihm erloschen, da ihm aus seiner glücklichen, doch bereits 1849 durch den Tod der Gattin wieder gelösten Ehe keine Kinder erwuchsen. Aber sein Andenken haben Alle, die ihm nahe standen, in dankbarem Herzen bewahrt, es wird sich fortpflanzen an der Anstalt, welche er 45 Jahre leitete und welche in seinem von Oscar Begas’ Meisterhand gemalten Portrait – einer Stiftung früherer Schüler – ein werthvolles Zeichen der Erinnerung, sowie in der Bibliothek und anderen Legaten des Verstorbenen dauernde Beweise seiner fördernden Fürsorge besitzt, und auch die Geschichte der classischen Philologie wird nicht umhin können, an seinen und J. Bekker’s Namen den Anfang einer neuen fruchtbaren Epoche für die Kritik und Interpretation des Thucydideischen Meisterwerkes zu knüpfen.

Vgl. die Nekrologe von E. Rasmus im Frankfurter Wochenbl. 1866, Nr. 109, und von Reinhardt, Ztschr. für das Gymnasialwesen, Dec. 1866, sowie meine Geschichte d. Frankf. Gymnas. im Progr. v. 1869, S. 34–41.