ADB:Gerhard, Eduard

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Artikel „Gerhard, Friedrich Wilhelm Eduard“ von Karl Ludwig Urlichs in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 8 (1878), S. 760–766, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gerhard,_Eduard&oldid=- (Version vom 19. Juni 2019, 01:14 Uhr UTC)
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Band 8 (1878), S. 760–766 (Quelle).
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Gerhard: Friedrich Wilhelm Eduard G., wurde am 29. Novbr. 1795 in Posen, wo sein Vater als Richter angestellt war, geboren; im folgenden Jahre wurde dieser nach Brieg, im J. 1800 nach Breslau als Oberconsistorialrath versetzt und später zum Oberlandesgerichtsrath ernannt. Im elterlichen Hause unter günstigen, wenn auch bescheidenen Verhältnissen wuchs G. heran, gelegentlich verweilte er bei dem mütterlichen Großvater Nösselt in Halle. Nachdem er von 1807–12 das Elisabethgymnasium besucht hatte, wurde er am 30. März 1812 in Breslau, anfangs April 1814 in Berlin immatriculirt und erlangte als der erste doctor rite promotus der Universität Berlin am 1. Juli 1814 die Doctorwürde. Hatten in Breslau, wo ihn Schneider wenig, Heindorf gar nicht befriedigte, seine philologischen Studien vorwiegend auf eigenem Fleiße beruht, so zogen ihn in Berlin Savigny, Wolf, Bekker, Böckh jeder in seiner Art in hohem Maße an. Seiner von Jugend an systematisirenden Richtung entsprach namentlich Wolf’s Encyclopädie der Alterthumswissenschaft, aber den nachhaltigsten Eindruck machten Böckh’s Vorlesungen über Metrik und griechische Alterthümer, in denen er die griechische Welt lebendig werden sah. Böckh zeichnete ihn aus: er übertrug ihm die Bearbeitung der Scholien zu Pindar und that, da G. nach eifriger Vergleichung der Handschriften seiner schwachen Augen wegen die Arbeit nicht vollenden konnte, seiner Vorarbeit und Beihülfe rühmende Erwähnung. Ihm widmete der dankbare Schüler seine Dissertation: [761] „Lectiones Apollonianae“ (1816), eine Schrift, welche weit über das Maß einer Erstlingsarbeit hinaus Gelehrsamkeit und Schärfsinn zeigte, den Einfluß der doppelten Bearbeitung des Themas auf den Text des Apollonios nachwies, aber durch die Schärfe, womit mittelmäßige und große Gelehrte beurtheilt wurden, eine strenge Recension G. Hermann’s hervorrief und dem Verfasser einflußreiche Personen entfremdete. Daher fand G., als er sich auf Grund dieser Schrift in Breslau am 16. März 1816 als Privatdocent habilitirt hatte, keine ausreichende Unterstützung. Als er, durch Mißerfolge gereizt, mit seinen Freunden Wernicke und Meier in den „Philologischen Blättern“ (Breslau 1817, 2 Hefte) die Leipziger, auch Breslauer in Prosa und Versen schonungslos angriff, hatte er auf die Hoffnung bald zu einer Professur zu gelangen verzichtet. Am 29. Nov. 1816 trat er eine Stelle als Gymnasiallehrer in Posen an, fühlte sich aber in seinem treu verwalteten Amte höchst unbehaglich. Da er trotz körperlicher Leiden litterarisch thätig blieb (außer einigen Recensionen bereitete er eine 1820 erschienene Ausgabe des Maximus „πεϱὶ ϰαταϱχῶν“ vor), würde es ihm als gründlichem Hellenisten mit der Zeit wohl gelungen sein den Weg auf einen Lehrstuhl zu finden und dort Nützliches, aber nichts Hervorragendes zu leisten, wenn ihn nicht zunehmende Kränklichkeit zu seinem Glücke in eine andere Bahn geführt hätte. Schon in seiner frühen Jugend hatte er an den Augen gelitten, die Arbeit an den Scholien das Uebel verschlimmert, und als dazu wiederholte Fieberanfälle ihn heimsuchten, sah er sich am 15. März 1818 genöthigt, in Berlin Urlaub und Heilung zu suchen. Dort, in Bädern und bei den Seinigen verbrachte er ein trübes Jahr. Im folgenden rieth man ihm, als das Uebel nach einer Badekur in Pyrmont nicht weichen wollte, zu einem Winteraufenthalt in Italien. Am 6. August machte sich der Wanderer auf den Weg; bis zum 10. Novbr. 1820 blieb er in Rom, badete in Neapel und Ischia, bereiste Sicilien und kehrte am 12. Januar 1821 zu den Seinigen nach Breslau zurück, wesentlich gestärkt und geistig erfrischt. Von der alten Kunst hatte ihn der Umgang mit Tölken in Berlin und ein flüchtiger Besuch in Dresden wenig gelehrt; in Neapel und Rom gewann er einen tieferen Einblick in dieselbe und faßte den Entschluß einen erneuten Aufenthalt in einem Lande, das er sammt den Einwohnern lieben gelernt hatte, zu gründlichen antiquarischen Studien zu benutzen. Der Plan hatte begreifliche Schwierigkeiten, das Ministerium zögerte lange einem bisher auf diesem Gebiete nicht erprobten Manne nach kaum zweijähriger amtlicher Thätigkeit die Mittel zur Reise zu gewähren. Aber die Zwischenzeit des J. 1821 ermunterte G. zum Ausharren. Bei einer zweiten Kur in Pyrmont traf er den Kunsthändler Gerstäcker aus Braunschweig, später in Berlin, wieder an, der sich für seinen Plan erwärmte und seine Mitwirkung in Aussicht stellte. Mit ihm machte er im September eine vorbereitende Reise nach Paris, wo er die Sammlungen besuchte und mehrfache Bekanntschaften anknüpfte. Ein längerer Aufenthalt in Bonn, wo er in dem Bibliothekar Prof. Bernd einen treuen Posener Freund besuchte, mit Welcker und dessen Collegen näher bekannt wurde, förderte seine Vorbereitungen, und als endlich bei den Seinigen nach seiner Rückkehr ein günstiger Bescheid eintraf, ihm Reisegeld nach Italien, ein Wartegeld von 300 Thalern und Aussicht auf wissenschaftliche Aufträge gewährt wurden, machte er sich fröhlich auf den Weg: am 18. Octbr. 1822 langte er in Rom an, wo er seine zweite Heimath finden sollte. Von nun an lächelte ihm das Glück. Ein günstiges Zusammentreffen mit Thiersch und Schorn im Jahre 1823 vermittelte eine litterarische Verbindung mit Cotta, welcher für regelmäßige Beiträge zu seinen Journalen ein jährliches Honorar und bereitwillig Vorschüsse gab; die Bekanntschaft mit Bunsen und dem Grafen Ingenheim ließ die preußische Regierung auf seine Wünsche eingehen: die Gründung des Berliner [762] Museums verschaffte ihm Aufträge zu Ankäufen, und im J. 1826 erhielt er in Deutschland auf zwei Jahre sein Gehalt von 650 Thlrn. und 300 Thlr. Reisegeld. Im Winter 1828 durfte er den Kronprinzen von Preußen in Rom führen und nach Neapel begleiten, im Anfang März 1833 erhielt er endlich als Archäologe des Berliner Museums eine feste Anstellung mit 1150 Thlr. Gehalt. Bis zum J. 1837 war G. eigentlich in Italien, das er nach allen Richtungen durchstreifte, zu Hause; seine Reisen nach Deutschland dienten dazu, seine äußeren Verhältnisse zu ordnen, die gesammelten wissenschaftlichen Früchte zu verwerthen und neue Unternehmungen vorzubereiten. Von 1822–26, 1828–32, 1833–34, 1836–37 lebte er in Rom und Neapel, mit tiefer Empfindung wandte er Tacitus’ Worte über Reisen nach Germanien auf sich an, und mit schmerzlicher Rührung rief er mit Dante aus: vengo da luogo ove tornar desio. Auch betrachtete man ihn in Rom nicht als Fremden, man wunderte sich nicht, wenn er wieder erschien, und wenn er sich entfernte, war man von seiner baldigen Rückkehr überzeugt. Ich habe die Jahre 1836 und 1837 in engem Verkehr mit ihm gelebt und stets von Neuem seine wunderbare Gewandtheit in Verhältnisse und Menschen sich zu schicken, das tiefe, wahrhafte Gemüth und den schalkhaften Humor, die Geschicklichkeit, womit er ohne von seinen Absichten und Ueberzeugungen etwas aufzugeben scharfe Ecken umging, die gutmüthige Freundlichkeit, womit er jüngere Leute anwies, belehrte, unterstützte, die Liebenswürdigkeit bewundert, womit er gute Anlagen hervorzulocken, Enttäuschungen zu verschmerzen wußte. Vor Allem kam ihm dies Naturell im Verkehr mit den Italienern zu gute. Hoch und Niedrig, Kunsthändler und Diener, wirkliche und eingebildete Größen, Jeden behandelte er nach seiner Weise. Da war keine Landstadt, woher ihm nicht werthvolle Mittheilungen und gut gemeinte Schriften zugeschickt wurden, und wer einen Gruß des Signor Odoardo brachte, war einer freundlichen Aufnahme und der Ausrufungen che brava persona, che uomo eccellente gewiß. G. fühlte dies Talent; er liebte das Volk und ging auf dessen gutmüthige Eitelkeit, die verbindlichen Formen mit spielendem Ernst ein. Glücklich machte es ihn zu erzählen, wie die Gelehrten des Café nuovo ihre belehrenden Gespräche, seinen Lerneifer schätzten und Amati ihm das Zeugniß gab: e dopo si è messo a scrivere anche lui, wie die Neapolitaner jede Correctur in die Formel lei m’ insegna einkleideten, und mit kindlichem Behagen ergötzte er sich an dem Volksleben, den burattini und deren trefflichem Cassandrino. Mit den interessanten Fremden, welche Rom damals zum Mittelpunkt feiner und hochgebildeter Geselligkeit machten, verkehrte er auf dem Fuße der Gleichheit; unter Gelehrten und Künstlern hat Niemand größeren Einfluß auf ihn gehabt als der hochverehrte von Stackelberg; Panofka, dessen Kenntniß der Monumente ihn anzog, blieb er ein treuer Freund; in Bunsen’s Hause fand er Geist und Herz, und die jungen Freunde, welche nach Pindar’s Wort um den lieben Tisch scherzten, sahen mit Liebe und Verehrung zu ihm empor; die liebste Erholung bot ihm Vollard’s gastliches Haus. – Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken. G. hatte nicht geahnt, welche Bestimmung in Rom ihm vorbehalten blieb. Gleich nach seiner Ankunft warf er seine griechischen Studien, die ihn später wieder zu eindringlichen Untersuchungen über Hesiod und die Orphiker führten, bei Seite, um sich mit demjenigen zu beschäftigen, was der Boden darbot, mit römischen Alterthümern und römischer Topographie. Von letzterer gab er im December 1823 in der kleinen Schrift „Della basilica Giulia ed alcuni siti del foro Romano“ eine vielversprechende Probe; er hat zuerst der Basilica Julia die richtige Stelle, welche spätere Entdeckungen bestätigten, angewiesen. Eine weitere Unternehmung, ein topographisches Urkundenbuch, ist nicht abgeschlossen worden; die Stellensammlung, welche der Beschreibung der Stadt Rom zur [763] Grundlage diente, war unvollständig und meine Umarbeitung durch Becker’s Buch überflüssig geworden; der erste Theil, die Astygraphen, lieferte zu meinem Codex topographicus umfassende Vorarbeiten. Die Beschreibung der Stadt Rom zog G. von der Vollendung jenes Werkes ab: auf Bunsen’s Anregung unternahm er mit Platner die Beschreibung des vaticanischen Museums, eine gediegene Leistung, durch genaue Angaben und gelehrte Erklärung ausgezeichnet. An dieser Arbeit reifte G. zum Meister heran, sie zeigte eine Seite seines Verdienstes, die sorgfältige Beobachtung des Einzelnen, im vortheilhaften Lichte; die andere, die systematische Zusammenfassung, bildete sich im Umgange mit Schorn, Bröndsted, v. Stackelberg u. A. aus, und nicht ausschließlich günstig wirkten die auf Creuzer’s Symbolik beruhenden Ansichten der Mehrzahl auf ihn ein. Der historischen Auffassung weniger geneigt, suchte seine Forschung in die Trümmer der alten Kunst Ordnung und Zusammenhang zu bringen, indem er den Denkmälern einen tiefen religiösen Inhalt beimaß, aus welchem die religiösen, auch die mystischen Vorstellungen des Alterthums rein und umfassend erkannt werden können; eine Auffassung, welche nur durch strenge Unterscheidung der Zeiten vor bedenklichen Wagnissen gehütet werden kann. Auch die vortreffliche Abhandlung über „Roms antike Bildwerke“, welche G. 1826 für die „Beschreibung der Stadt Rom“ hinterließ (Bd. II, S. 277 ff.) ist von diesem Mangel nicht frei; sie berücksichtigt in einer gedrängten, aber vollständigen Uebersicht sowohl die Zeiten und Stile der Kunstgeschichte als den mythologischen und symbolischen Gehalt namentlich der Grabdenkmäler, betont aber bei letzteren die symbolische Bedeutung mystischer Feier mit Vorliebe. Als G. Rom am 17. August 1826 verließ, hatte er außer diesen Beiträgen von 1823–26 fleißige Berichte über archäologische Entdeckungen für das Kunstblatt, auch für das Morgenblatt anmuthige Reiseschilderungen geliefert, zwei wichtige Werke vollendet oder theilweise abgeschlossen: eine mit Panofka 1825 unternommene „Beschreibung des Museums von Neapel“, deren erster und einziger Theil (1828) von seiner Hand die Marmorwerke ganz, Anderes mit seinem Genossen zusammen ausgearbeitet enthält, gleich vorzüglich wie die Arbeit über den Vatican und damals noch erwünschter, da die Schätze Neapels weniger allgemein bekannt waren. Ungleich bedeutender waren die „Antiken Bildwerke“, nebst dem dazu gehörigen „Prodromus mythologischer Kunsterklärung“ (1827–39). Beide Werke sind Torsi geblieben, weil die Cotta’sche Buchhandlung bei dem Absatze des ersten Theils ihre Rechnung nicht fand. Aber in ihnen, sowie in einer Reihe kleinerer späterer Schriften („Hyperboräisch-römische Studien“ I. S. 1 ff., 1833, den „Verhandlungen der Berliner Philologenversammlung“ 1850, dem „Grundriß der Archäologie“, 1853) liegt Gerhard’s im Wesentlichen im J. 1826 abgeschlossenes System vor Augen. Die Bildwerke, deren Zeichnungen nur theilweise veröffentlicht werden konnten, geben eine große Zahl unbekannter Monumente in stilgetreuer Nachbildung und einer Vollständigkeit, welche den ganzen Umfang der Disciplin veranschaulichen soll. Diese Disciplin hat G. geschaffen. Ihm hat die Archäologie, die er auch wol als monumentale Philologie definirt, die Aufgabe, die antike Cultur aus den Monumenten zu erkennen und zu erklären. Zu dem Ende bedarf sie vor Allem einer gesicherten Grundlage; die Denkmäler sollen kritisch gesichtet und jedes einzelne durch die Vergleichung mit allen verwandten verdeutlicht werden. Sein Paradoxon „Artis monumentum qui unum vidit, nullum vidit, qui mille vidit, unum vidit“ gibt die allgemein anerkannte Regel der Behandlung des Einzelnen. Insoweit diese umfassende Kenntniß der Kunstwerke von gründlichem philologischem Wissen getragen, voraussetzungslos benutzt wurde, war seine Hermeneutik musterhaft; indem er aber der Annahme eines zusammenhängenden Systems antiker religiöser Vorstellungen [764] zu Liebe den künstlerischen Werth der Denkmäler jenem stofflichen Gewinn unterordnete und ihre hypothetische Deutung als vorläufige Gewißheit zur systematischen Classification benutzte, entgegengesetzte Auffassungen scharf zu bekämpfen Bedenken trug, mischte sich in die Interpretation eine vieldeutige Unbestimmtheit, welche, auch in der sprachlichen Darstellung bemerkbar, ihrer allgemeinen Anerkennung hindernd in den Weg trat und der in systematischer Vollständigkeit und gedrängter Kürze unerreichten „Mythologie“ (1854 f., 2 Bde.) nicht die Aufnahme verschaffte, deren G. selbst mit Recht sie würdig erachtete. Unübertrefflich bleibt in allen Werken die Genauigkeit der thatsächlichen Angaben und das Talent der Gruppirung; wer ihn irgend ein Monument zum erstenmale in die Hand nehmen sah, mußte über die scharfe Beobachtung auch mit geschwächten Augen, die schnelle Heranziehung ähnlicher Werke und die Sicherheit der Bestimmung erstaunen. Von jedem seiner Römerzüge sollte die Wissenschaft Gewinn ziehen; der bedeutendste war demjenigen vorbehalten, welcher ihn am 12. Februar 1828 nach Rom führte. Er faßte den Plan, zusammen mit seinen Freunden, die in einer hyperboräisch-römischen Gesellschaft vereinigt waren, interessante Denkmäler in regelmäßigen Heften herauszugeben. Cotta zog die anfängliche Zusicherung seiner Theilnahme zurück, der Herzog von Luynes, unter allen Kunstmäcenen der kenntnißreichste und opferwilligste, nahm den Plan für Paris wieder auf, aber eine günstige Gelegenheit, die G. mit Geschick und Eifer benutzte, gab ihm eine folgenreiche Wendung. Den Kronprinzen von Preußen wußte er auf der am 8. Novbr. nach Neapel gemeinschaftlich unternommenen Reise zur Uebernahme des Protectorats eines in Rom zu gründenden Instituts für archäologische Correspondenz zu bestimmen, und nun war es Gerhard’s Sache, diese europäische Unternehmung zu Stande zu bringen. Am 9. Decbr. wurde mit Bunsen die Organisation des Instituts festgesetzt, am 21. April 1829, dem Geburtstage der Stadt Rom, das Instituto di correspondenza archeologica eröffnet. Beide Männer sind seine Begründer gewesen, G. insbesondere fiel nicht allein die zweckmäßige Eintheilung der Publicationen, sondern auch die schwierige Herbeischaffung des Stoffes zu; er sorgte dafür mit rastlosem und glücklichem Eifer. In der Hauptstadt waren locale Vorurtheile und Mißgunst zu überwinden, in- und außerhalb Italiens die verschiedenen correspondirenden, ordentlichen und Ehrenmitglieder auszuwählen, zu litterarischen und Geldbeiträgen, die Kunsthändler und Sammler zur Mittheilung ihrer Kunstschätze zu bewegen. Die Gründung des Instituts konnte in keine gelegenere Zeit fallen. Das befreite Griechenland fing an sich zu eröffnen, mit Neapel und Sicilien war G. vertraut, in Rom begann die Ausgrabung des Forums alsbald sichere Anhaltspunkte zu bieten, die Magazine der Kunsthändler, mit denen die Ankäufe für das Berliner Museum engere Beziehungen eröffneten, hatten sich mit der Ausbeute der Umgegend gefüllt, und insbesondere lieferten die 1827 entdeckten Wandgemälde von Corneto, vor Allem die 1828 angefangenen Ausgrabungen von Vulci mit seinem Reichthum von gemalten Vasen massenhaftes Material. Eine reife Frucht der letzteren war Gerhard’s „Rapporto Volcente“, der im Herbst 1831 vollendet wurde (Annali III, S. 218 ff.), ein Meisterwerk der genauen Beobachtung, der knappen und doch vollständigen Belehrung über das Thatsächliche und der systematischen Anordnung, womit die Fülle des Stoffs übersichtlich gemacht wurde. Freilich ist die willkürliche Combination des Senatsconsultums über die Bacchanalien mit dem Ende der Vasenmalerei, deren bacchische Motive stark betont wurden, ein Beispiel hypothetischer Begründung. Zum viertenmale kehrte G. am 5. November 1833 nach Rom zurück, zwar als Gast (denn die im März des Jahres erlangte Anstellung als Archäolog des Museums fesselte ihn an Berlin); aber der damit [765] verbundene Auftrag zu wissenschaftlichen Reisen erhielt seiner beweglichen Natur die alte Elasticität. Auf dieser Reise führte er Braun, den er mit glücklichem Blicke zu seinem Nachfolger als Secretär des Instituts ausersehen hatte, nach Rom. Auf der Rückreise besuchte er Paris, von Berlin aus London. Die liebste Erholung gewährte ihm in Bonn der Aufenthalt bei Welcker und Bernd. Von dem fünften Aufenthalte in Rom, wohin er am 1. August 1836 mit Aufträgen des Museums reiste, kann ich als Augenzeuge reden. Die freitäglichen adunanze des Instituts, das aus precärem Obdach in dem Hause der Gesandtschaft in den von Bunsen errichteten Saal, der uns damals ein Palast schien, übergesiedelt war, waren Festtage für mich; die Gewandtheit und Sicherheit, womit er neu zu Tage gekommene Kunstwerke behandelte, die aufmerksame Betrachtung auch verborgener Inschriften, wozu er seine müden Augen zwang, und die umfassende Kenntniß der Denkmäler erfüllten mich mit Bewunderung; die lehrreichen Vorlesungen, welche er in französischer Sprache über die Vasenkunde hielt, versammelten ein großes und gewähltes Publicum. Der Glanzpunkt seines Aufenthaltes war das Winckelmannsfest in der Villa Albani, deren Benutzung er mit Bunsen durch den gelehrten Architekten Canina erlangt hatte. G. war unermüdlich in Einladungen, Beschwichtigungen Mißvergnügter, Einrichtungen; die Fackelbeleuchtung des Abends in dem großen Saale mitten unter den Meisterwerken der Kunst, die begeisterte Stimmung, die sich in Reden und Gedichten Luft machte, ließ einen unauslöschlichen Eindruck zurück. Verdienten Dank bot ihm das von Künstlern und Gelehrten am 14. März 1837 veranstaltete Abschiedsfest, Emil Wolf’s schöne Marmorbüste, K. Meyer’s begeistertes Festgedicht: den Gefeierten trieb es nach Griechenland, das er mit kundigem Blick durchreiste. Sein Aufsatz „Ueber die Kunstwerke Griechenlands“ (Annali IX, S. 104 ff.) ist, wie alle seine Berichte, musterhaft. Den Zurückgekehrten begleiteten wir gegen das Ende des Julimonats zur Post. Es war ein Abschied. Wol hielt er sich zum sechsten und siebentenmale vom September 1840 bis zum Mai 1841 und 1843 wieder in Rom auf, auch damals eifrig um das Institut bemüht. Aber seine Heimath war inzwischen Berlin geworden, die Mutter und Geschwister mit ihm theilten. Im J. 1836 wurde ihm die Verwaltung der Vasen und Terracotten, 1855 die Direction der Abtheilung für Sculpturen übertragen; im J. 1843 wurde er als außerordentlicher, 1844 als ordentlicher Professor an der Universität angestellt; schon im J. 1832 hatte ihn zu unzähligen gelehrten Gesellschaften die Akademie der Wissenschaften zum correspondirenden, im Februar 1835 zu ihrem ordentlichen Mitgliede gewählt. Allen diesen Berufspflichten kam er mit treuem Fleiße nach. War auch seine Thätigkeit an der Universität auf eine verhältnißmäßig geringe Zahl von Zuhörern beschränkt, so wirkte sie intensiv in Vorlesungen und Uebungen um so ersprießlicher, indem eine namhafte Anzahl tüchtiger Archäologen aus seiner Schule hervorging. In den Abhandlungen der Akademie veröffentlichte er zahlreiche wichtige Untersuchungen. Die Schätze des Museums vermehrte er durch werthvolle Erwerbungen und machte sie durch einen genauen und gelehrten Katalog („Berlins antike Bildwerke“, 1. Theil 1836, dazu „Neu erworbene Denkmäler“, 1–3, 1836–44) sowie durch stattliche Herausgabe ausgezeichneter Werke („Trinkschalen, Vasenbilder, Trinkschalen und Gefäße“, 1840–50) allgemein zugänglich. Aber seine Hauptthätigkeit blieb der Ausbildung und Ausbreitung der archäologischen Wissenschaft zugewandt. Unablässig war er auf die Verbreitung der Kenntniß der Monumente bedacht, die er selbst durch Reisen nach Kopenhagen, Paris, London und verschiedenen deutschen Städten erweiterte; die Frucht jedes Besuchs war eine gediegene Beschreibung der besichtigten Sammlung. An dem römischen Institut nahm er als Mitglied der Centraldirection fortwährend den lebhaftesten Antheil, mit unermüdlichem Eifer wußte er die archäologischen Studien und Ergebnisse [766] zu fördern. Als ihren Mittelpunkt in Deutschland begründete er die archäologische Gesellschaft in Berlin und die archäologische Zeitung, bürgerte das Winckelmannsfest, soweit seine Beziehungen reichten, in Deutschland ein und lieferte sowohl für das Berliner eine Reihe von Programmen, als für die Zeitung, welche in kleinerem Maßstab den Institutsschriften entsprach, werthvolle Beiträge. Besonders wichtig wurden die systematischen Bearbeitungen der auf dem Boden Etruriens gemachten Studien. Von den etruskischen Sarkophagen hatte er in guten Zeichnungen eine vollständige Sammlung angelegt, deren Herausgabe er nicht selbst bewerkstelligen konnte; Professor Brunn hat dieselbe schon theilweise ausgeführt. Dagegen eröffnete sein vollendetes Werk „Etruskische Spiegel“, 4 Bde., 1843–68 durch stilgetreue Abbildungen und eine gelehrte, mit seinen mythologischen Ansichten verwachsene Erklärung einen vollständigen Einblick in eine dem Kunstwerthe nach größeren Theils untergeordnete, aber für die Erkenntniß der eigenthümlich etruskischen Kunst hochwichtige Classe von Denkmälern. Dies Werk darf man als ein in systematischem Abschluß musterhaftes betrachten. Seine günstigen Verhältnisse hatten ihn ferner in den Besitz eines großen Apparates von Vasenbildern aus Etrurien, besonders aus Vulci, gebracht, den er mit vielen anderen Zeichnungen zum großen Nutzen der Forschung bei dem Museum und der Universität vereinigt hatte. Daraus veröffentlichte er 1840–58 in vier Quartbänden eine unschätzbare Auswahl „Auserlesene griechische Vasenbilder, hauptsächlich etruskischen Fundorts“, welche durch genaue farbige Abbildungen und ausführliche Erklärungen die Grundlage und eine Hauptquelle des Vasenstudiums bleiben wird. An Mühen und Erfolgen reich sah G. an seinem am 30. Juli 1865 gefeierten Doctorjubiläum mit freudiger Rührung aus zahlreichen Begrüßungen, wie weit die Verehrung und Dankbarkeit seiner Freunde und Schüler sich ausgebreitet hatte. Ein glänzendes Zeugniß geben die „Nuove memorie dell’ instituto di corrispondenza archeologica“, Lipsia 1865, welche die Centraldirection dessen Begründer widmete. Einer herzlichen Anrede von Lepsius, welche zugleich einen Abriß der Geschichte des Institutes enthält, folgen 40 Abhandlungen, wozu Deutsche, Italiener, Franzosen, Belgier und Griechen wetteifernd beigetragen hatten, ein würdiger Abschluß eines nur edeln Zwecken gewidmeten Lebens. Es war auch im häuslichen Kreise ein glückliches in steigendem Maße geworden, nachdem sich G. am 5. Juli 1842 in Frankfurt mit Emilie von Rieß, der dreiundzwanzigjährigen Tochter des kurhessischen Bundestagsgesandten Geheimrath von Rieß, vermählt hatte. An der Seite seiner Gattin, welche an Gaben des Geistes und des Herzens ihm gleich stand, verlebte G. 23 glückliche Jahre. Mit froher Empfänglichkeit ging sie in seine Lieblingsbeschäftigungen ein, ließ ihn durch deren unverdrossene Unterstützung die Schwäche seiner Augen vergessen und machte durch die liebenswürdige Anmuth am abendlichen Tisch sein Haus zu einem Tempel feiner Geselligkeit. Die silberne Hochzeit sollte er nicht erleben. Als ich G. im Winter 1866 zum letztenmale wiedersah, fand ich ihn sehr gealtert. Seit zehn Jahren waren seine Augen stets schwächer geworden, zuletzt fast erloschen. Den gewohnten Gang zum Museum fand er noch allein, aber Haltung und Bewegung entbehrten jener elastischen Lebendigkeit, welche den schlanken, zierlich gebauten Mann auch in das Alter begleitet hatten. Noch einen schönen attischen Abend feierte ich mit seiner geliebten griechischen Gesellschaft; die Nachricht von seinem am 12. Mai 1867 erfolgten sanften Tode kam nicht unerwartet.

Ein vollständiges Verzeichniß seiner Schriften gibt das vortreffliche Denkmal unseres gemeinsamen Freundes: Eduard Gerhard. Ein Lebensabriß von Otto Jahn, Berlin 1868. Die seinem Andenken gewidmeten kürzeren Aufsätze von De Witte u. A., sind größtentheils dort verzeichnet.