ADB:Winckelmann, Johann Joachim

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Artikel „Winckelmann, Johann Joachim“ von Julius Vogel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 343–362, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Winckelmann,_Johann_Joachim&oldid=2509738 (Version vom 16. Dezember 2017, 18:35 Uhr UTC)
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Band 43 (1898), S. 343–362 (Quelle).
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Winckelmann: Johann Joachim W., classischer Alterthumsforscher und Kunstgelehrter, geboren am 9. December 1717. Seine Vaterstadt war Stendal in der preußischen Altmark, sein Vater ein armer Schuhflicker, der nicht in der Lage war dem Sohne eine über den landläufigen Unterricht hinausgehende Erziehung zu geben. Noth und Entbehrung haben Winckelmann’s Jugend begleitet, eiserner Fleiß und Thatkraft haben schon frühzeitig sein Streben ausgezeichnet, die dürftigen Verhältnisse, unter denen er aufwuchs, lassen es bewunderungswürdig erscheinen, daß er höhere Ziele nie aus dem Auge verlor. Die Möglichkeit, die Lateinschule des Ortes zu besuchen, mußte er sich durch Currendsingen, durch Freitische und Nachhülfestunden erkämpfen, da die sonstigen Unterstützungen nicht ausreichten. Der Rector der Schule, Esajas Wilhelm [344] Tappert nahm ihn zu sich ins Haus, wodurch er die Aufsicht über die Schulbibliothek erhielt. Was Stendal und die Schule bieten konnten, mußte für den strebsamen Jüngling bald erschöpft sein. Es ist merkwürdig, wie sich ihm, der Anregungen nur aus sich selbst schöpfen konnte, trotz aller zopfigen Zuthaten, mit denen damals das Studium des classischen Alterthums behängt war, die Sehnsucht aufdrängte die griechische Sprache kennen zu lernen, deren Studium ein Vorrecht bevorzugter Geister war. Das nächste Ziel für ihn war Berlin; er gelangte zu Fuße dahin und erreichte es, daß er im März 1735 als Schüler in das Kölnische Gymnasium aufgenommen wurde. Auch hier fand er nicht volle Befriedigung seiner Wünsche, wenngleich es ihm gelang durch Unterrichtung und Beaufsichtigung der Kinder des Rectors Bake Wohnung und Zehrung zu erhalten. Doch die Lehrer des Gymnasiums waren ihm in seinem Studium nicht das, was er erwartet hatte und nach anderthalb Jahren war der Entschluß gereift Berlin wieder zu verlassen. Hatte ihn in dieser Zeit die Sehnsucht griechische Autoren zu besitzen zu einer mit den dürftigsten Mitteln unternommenen Reise nach Hamburg, wo eine berühmte Bibliothek versteigert wurde, bewogen, so war für die Wahl eines andern Gymnasiums und zwar in Salzwedel der Ruf maßgebend, in dem der dortige Rector wegen seiner Bibliothek stand. Aber auch hier nichts als Enttäuschung. So kehrte er 1737 in seine Heimathsstadt zurück, wo er als Präfect des Singechors und durch Unterricht so viel verdiente, daß er seine Examina auf der Schule machen konnte. Wie für andere bedeutende, aber mittellose Geister seines Gleichen, die die Universität besuchen wollten, ergab sich die Wahl der Facultät von selbst. Es war die Theologie, die ihm wenigstens materiell durch Stipendien Aussicht auf Fortkommen bot. Im April 1738 ließ er sich an der Universität Halle immatriculiren. Hatte ihm die Theologie von Haus aus nicht zugesagt, weil sie seiner Neigung nicht entsprach, so fand er in Halle auch im übrigen keine Anregung, die ihn über das Niveau des Gewöhnlichen hätte erheben können. Die Collegien des durch seine Streitigkeiten um sein System bekannt gewordenen Christian von Wolff, „die ihm wie im Mondschein von Weitem ein Ungeheuer geschienen“, waren „ein Klotz, da ich nahe kam“. Auch die ästhetischen, aber wenig mit bildender Kunst sich befassenden Vorträge des jugendlichen Professors Alexander Baumgarten haben schwerlich einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Unzufriedenheit und Mittellosigkeit, mehr aber noch eine gewisse Unstätigkeit seines Wesens, die nicht zu leugnen ist, so sehr wir auch ihre innere Berechtigung anerkennen mögen bei der Unmöglichkeit geistige Befriedigung inmitten banaler Alltäglichkeit zu finden, kurz allerhand Schwierigkeiten, die Leben und Studium mit sich brachten, trieben ihn nun von Stelle zu Stelle, von Ort zu Ort. Vorübergehend war er mit der Ordnung der Bibliothek des Hallenser Kanzlers v. Ludewig beschäftigt, dann (1740) nahm er eine Stelle als Hausmeister bei dem Rittmeister v. Grollmann auf Osterburg in der Altmark an, wo er sich hätte wohl fühlen können, wenn ihm die Formen der höheren Geselligkeit und vor allem die modernen Sprachen geläufig gewesen wären, zu deren Erlernung ihm bisher keine Gelegenheit geboten worden war. Dies nachzuholen war das Streben der nächsten Zeit. Und nun reifte in ihm der jetzt wundersame, einer früheren Neigung entsprechende Entschluß Medicin und Mathematik zu studiren, zu welchem Zwecke er sich 1741, im Frühjahr, zugleich auch der neueren Sprachen halber, nach Jena begab, wo er allerdings von seinem Aufenthalte, was die letzteren anlangt, wenig Vortheil gehabt hat, dagegen sich hinsichtlich der Medicin und Naturwissenschaften dem Professor Georg Erhard Hamberger zu lebhaftem Dank verpflichtete. Dasselbe Jahr 1741 brachte ihn zu einem Entschluß, der folgenschwer hätte sein können, wenn er ihn hätte durchführen können. Ohne [345] äußerlich zu einem Abschluß seiner Studien gekommen zu sein, dachte er daran eine sog. „akademische Reise“ und zwar nach Paris zu unternehmen, weniger um, wie früher angenommen wurde, die Spuren Julius Cäsar’s im alten Gallien zu verfolgen, gewiß auch nicht kunstgeschichtlicher Interessen wegen, sondern seiner bibliothekatisch-antiquarischen Neigungen halber, vielleicht auch um die Hochschule des Lebens kennen zu lernen und die französische Sprache sich anzueignen. Die Reise wurde im Herbst zwar angetreten, aber in Fulda aufgegeben, weil seine Mittel erschöpft waren. Die nächste Absicht in diesem so abenteuerlichen Leben war auf ein Unterkommen in Berlin gerichtet, Umstände brachten es aber mit sich, daß er die Stelle als Erzieher bei dem Oberamtmann Lamprecht in Hadmersleben bei Halberstadt annahm, eine Stellung, die ihm zusagte, da sie ihm neben sonstigen Annehmlichkeiten Befriedigung seiner gelehrten Neigungen gewährte, wenn diese auch theilweise noch sehr vager Natur waren und mehr und mehr auf encyklopädisches Wissen denn auf die Bearbeitung bestimmter Materien hindrängten. In der Umgebung von Hadmersleben durchsuchte er die Bibliotheken der Gutsherrschaften, fand französische Litteratur in Fülle, die ihn auf das moderne Geistesleben hinwies, und in des französischen Freidenkers Pierre Bayles encyklopädischem Werke „Dictionnaire historique et critique“ glaubte er eine Quelle gefunden zu haben, die aber mehr quantitativ als qualitativ eine Fundgrube war. Unendlich groß war die Fülle der Notizen, die er aus derartigen Werken zusammentrug und abschrieb, meist auf gut Glück hin und schwerlich in der bestimmten Absicht, sie als wissenschaftliches Material zu verwerthen. Aber diese ganze Art zu arbeiten, der heilige Ernst, mit dem er sein Wissen zu mehren suchte, die wahrhaft fieberhafte Sucht Bücher durchzuarbeiten und sich zu seiner innern Beruhigung Excerpte zu machen, diese Energie und Leistungsfähigkeit zwingen uns nicht nur Bewunderung ab, sondern sie geben uns als Charakterzüge, die aus dem innersten Wesen des Menschen fließen, den Schlüssel sein Lebenswerk zu begreifen. Selten in der Geschichte der Wissenschaft sind Erfolge durch eisernen Fleiß bei materiell schwierigen Verhältnissen in dem Maße verdient worden als durch Winckelmann. Es ist schwer zu sagen, ob er sich schon damals mit bestimmenden Idealen für seine Zukunft trug. Zunächst lebte in ihm der Wunsch seine Lage zu consolidiren, ein seinen gelehrten Neigungen entsprechendes menschenwürdiges Dasein sich zu begründen. Eine Aussicht hierfür schien sich ihm zu bieten als ihm durch Vermittlung eines ehemaligen Studienfreundes das Conrectorat in Seehausen, einer kleinen altmärkischen Stadt, angeboten wurde. Am 16. April 1743 wurde er von dem Rector in das neue Amt eingewiesen, dem er nun fünf Jahre seines Lebens widmete, das ihn aber so wenig befriedigte, daß dieser fünfjährige Aufenthalt für ihn mehr als verlorene Zeit bedeutete. Bei 120 Thalern Gehalt unterrichtete er im Hebräischen, Griechischen, in Latein, Geometrie und Logik mit Gewissenhaftigkeit und Treue im Amte. Da es seinen Schülern an Exemplaren griechischer Autoren fehlte und solche nur für theures Geld zu beschaffen waren, gewann er es über sich, passende Lesestücke aus jenen in mehreren Exemplaren abzuschreiben. Er selbst schreibt später (1757): „Wenn ich zuweilen an den Schulstand zurück denke, so wundert mich, daß ich meinen Nacken unter dieser Last so lange habe beugen können“. Allerhand Reibereien im Amte trugen das ihrige dazu bei seine Thätigkeit ihm zuwider zu machen. „Am 9. November 1744, nach Beendigung des Schulexamens, wurde ein zwischen dem gelehrten Conrector, der sich höheren Aufgaben gewachsen fühlt, und den Schülern, denen es an Geschmack und Liebe zu den Wissenschaften fehlt, entstandener Streit von den Patronen gerichtlich ausgemacht.“ Hierzu kommen noch Zerwürfnisse mit dem Kircheninspector, dem Ortsgeistlichen Valentin Schnackenburg, an dessen Predigten W., dessen kirchliche [346] Ueberzeugung sehr wenig zur Orthodoxie inclinirte, keinen Gefallen finden konnte. Er versüßte sich die Zeit, da er Sonntags den langweiligen Predigten zuzuhören verurtheilt war, durch Lectüre des Homer, was wenig pädagogisch war und ihm heftigen Tadel zuzog. Was ihn aber noch mehr kränken mußte, war der Zweifel an seiner kirchlichen Gesinnung und an seinem Latein, indem der Geistliche behauptete, er verstehe keinen einzigen lateinischen Dichter, habe überhaupt zum Lehramt kein Geschick. Die schlichten Worte, denen er später selbst Ausdruck leiht, belehren uns eines bessern: „Ich habe den Schulmeister mit großer Treue gemacht und ließ Kinder mit grindigen Köpfen das Abc lesen, wenn ich während dieses Zeitvertreibs sehnlich wünschte, zur Kenntniß des Schönen zu gelangen, und Gleichnisse aus dem Homer betete“. Da er den Tag über seinem Amte leben mußte, blieb nur die Nacht für seine Privatstudien übrig; da arbeitete er, so erzählt einer seiner Studienfreunde, der Dr. Uden in Stendal (Ges. W. XI, 488), für sich bis um 12 Uhr, da er dann seine Lampe auslöschte und bis um 4 Uhr auf seinem Stuhle fest schlief; um 4 Uhr wachte er wieder auf, zündete sein Licht an und studirte für sich bis um 6 Uhr, da sein Unterricht wieder anging. Gewiß war der Wunsch die Fesseln dieser unerquicklichen Thätigkeit zu lösen sehr stark: indessen er durfte dagegen nichts Ungewisses eintauschen, da die Sorge für den alten Vater, der sich im Hospital ohne Präbende befand, ihn an seinen Erwerb band, und mehrere Aussichten, die sich zur Besserung seiner Lage zu bieten schienen, sich stets zerschlugen. Lichtblicke in diesem Dasein bildeten die Besuche, die er während der Ferien fremden Bibliotheken abstattete; alljährlich pflegte er auch nach Leipzig zur Messe zu reisen, um die dortigen Buch- und Kunstläden zu sehen und die Eindrücke auf sich wirken zu lassen, die die Messe mit sich brachte. Endlich als 1748 der Vater die Augen geschlossen hatte, verwirklichte er seinen längst gehegten Plan und gab sein Lehramt auf. Als er im Sommer des genannten Jahres in Stendal war, kam er auf der dortigen Superintendentur angeregt durch einen jungen Mann auf den Gedanken sich an den Grafen Heinrich v. Bünau in Nöthnitz bei Dresden wegen Anstellung an seiner großen, über 40 000 Bände umfassenden Privatbibliothek zu wenden. Bünau, von Haus aus für den Staatsdienst vorbereitet und mit der diplomatischen Laufbahn wohl vertraut, war der Verfasser der durch umfassendes Quellenstudium ausgezeichneten „Genauen und umständlichen teutschen Kaiser- und Reichshistorie“ und anderer geschichtlicher Werke, eine vornehme Natur, tüchtig als Forscher, splendid und weitsichtig als Sammler. Von des Grafen Reichshistorie waren bis zum Jahre 1743 vier Bände erschienen; aber, so hörte W., es sollte weiter fortgesetzt werden, zu welchem Zwecke der Graf Auszüge u. s. w. anfertigen ließ. Außerdem waren auch bibliothekarische Arbeiten zu erledigen, für die W. der geeignetste Mann war. Winckelmann’s Bewerbungsschreiben, französisch abgefaßt, ist vom 16. Juni 1748 datirt und noch erhalten (Ges. W. IX, 8 ff.). Der Graf entsprach dem Gesuch und noch in demselben Jahr verließ W. seinen bisherigen Wirkungskreis, um nach Nöthnitz und nach Sachsen zu übersiedeln. In dem Entlassungszeugniß, das ihm der Generalsuperintendent Nolten ausstellte, wird ihm nachgerühmt, daß er in der griechischen Litteratur mehr als gemeine Kenntnisse erlangt habe, „welche einer bessern Belohnung werth gewesen, wenn man sie in hiesigen Gegenden hätte ertheilen können“.

Die Uebersiedlung nach Dresden schnitt in das Leben des in kleinen Verhältnissen aufgewachsenen und thätigen Schulmeisters, der trotz der Unnatürlichkeit seiner bisherigen Lage ideale Interessen in sich trug und an der Erfüllung seines wissenschaftlichen Berufes mit zäher Energie festhielt, als eine Thatsache ein, deren Folgen, nicht nur äußerlicher Natur, von fundamentalster Bedeutung [347] für sein Geschick und seine Bestimmung wurden. Es ist bekannt, wie die ganze eigenartige Constellation der damaligen Zeit auf einen Umschwung des geistigen Lebens hinwies, der für die Nation in Sachen der Ueberzeugung, der Anschauung, des Geschmacks eine völlige Umwandlung, einen Bruch mit alten Traditionen bedeutete. Eine solche Zeit mit ihrem man möchte sagen, Stil- und Glaubenswandel, da geistige Capacitäten seltener Größe entstanden und in ihren Werken eine neue Welt predigten, in der Nähe einer durch den Glanz einer königlichen Hofhaltung, durch Pracht und Luxus berühmten, durch Geschmack und raffinirtes Leben ebenso wie durch allerhand Anregungen, die es den geistigen Bedürfnissen des Menschen bot, ausgezeichneten Stadt, wie es Dresden war, verbringen zu können, war eine Gunst des Schicksals, die in Winckelmann’s Leben nicht hoch genug anzuschlagen ist. Hatte auch die Bedeutung, die Dresden in der Kunstgeschichte einnimmt, ihren Höhepunkt damals bereits überschritten, so war doch in den vierziger und zu Anfang der fünfziger Jahre des Jahrhunderts manch künstlerisch und kunstgeschichtlich große That zu verzeichnen. Man denke daran, daß die eigentliche Glanzzeit in der Entwicklung der königlichen Gemäldegalerie unter die Regierung Kurfürst Friedrich August’s II. (1733–1763) fiel: damals gelangten mit der Sistina und den übrigen Meisterwerken der Italiener die Schätze nach Dresden, die den Weltruhm der Galerie heutigen Tages noch ausmachen. Auch die italienische Künstlercolonie, die August der Starke gerufen hatte, war noch thätig: erst 1754 wurde die von Chiaveri erbaute Hofkirche vollendet.

Herder hat in der „ungekrönten Preisschrift“ „Denkmal Johann Winckelmanns“ betitelt, einmal die Frage aufgeworfen: Wenn ich mir über Einen Punkt in Winckelmann’s Leben Aufschluß wünschte, so wärs der Zeitpunkt, da er sich der Kunst des Alterthums so entschieden widmete. Die Frage überrascht auf den ersten Blick, weil man annimmt, die Anregungen, die W. auf sein eigentliches Lebenswerk hingeführt haben, müßten von der bekannten Antikensammlung ausgegangen sein, die damals in einem Pavillon des Großen Gartens und später im Japanischen Palais untergebracht war, seit einigen Jahren aber sich im Albertinum befindet. Die Sammlung, wesentlich eine Schöpfung August’s des Starken, war sicher die schönste und werthvollste diesseits der Alpen; sie setzte sich zum Theil aus Kunstdenkmälern der sog. Brandenburgischen Sammlung, zum größten Theil aus Antiken zusammen, die 1728 vom Fürsten Agostino Chigi und vom Cardinal Alessandro Albani erworben worden waren. 1736 folgten die drei bekannten herkulanischen Frauenstatuen nach, womit in der Hauptsache die Erwerbungen antiker Bildwerke im vorigen Jahrhundert abgeschlossen waren. Aber mit diesen Antiken war zu Winckelmann’s Zeit wenig oder gar nichts anzufangen. „Ich kann, so schreibt er später (1763) in der ‚Abhandlung von der Empfindung des Schönen‘ (Ges. W. II, 406), das Vorzüglichste von Schönheit nicht angeben, weil die besten Statuen in einem Schuppen von Bretern, wie die Heringe gepacket, standen, und zu sehen, aber nicht zu betrachten waren.“ Nur wenige der Antiken will er genauer kennen, u. a. die genannten Frauenstatuen aus Herkulaneum. So bleiben denn, suchen wir nach der Quelle der kunsthistorischen Studien, nur die Schätze der Gemäldegalerie übrig, deren fascinirende Wirkung sich bei dem nach Schönheit dürstenden Gemüth erfolgreich geltend machte. Weitere Anregungen empfing er aus dem persönlichen Verkehr mit Männern, die mit ihm gleiche oder ähnliche Interessen hatten. Zwar schreibt er im März 1752 (Ges. W. IX, 28): „Ich habe keinen Appetit Bekanntschaft mit hiesigen sogenannten Gelehrten zu machen: außer daß ich dann und wann die beiden Bibliotheken besuche. Hingegen bin ich unter die [348] Maler gerathen“. Wörtlich darf man diese vertrauliche Aeußerung nicht verstehen, da daß Gegentheil von ihr erweislich ist; sicher aber ist, daß er den Männern des praktischen Künstlerberufes ein dankbarer Schüler zu sein alle Ursache hatte. In erster Linie galt das von dem später nach Leipzig berufenen und hier als Zeichenlehrer des jungen Goethe hauptsächlich bekannt gewordenen Adam Friedrich Oeser, als Künstler ein bescheidenes Talent, der in der Geschichte lediglich von dem Rufe zehrt bedeutende Männer in die Geheimnisse der ausübenden Kunst eingeführt zu haben, ein Mann, der aber die Gabe besaß theoretisch anzuregen und durch seine Kunstanschauung und sein Lehrtalent befruchtend auf andere zu wirken. So hat ihm W., so hat ihm Goethe zu danken. W. hat ihn später (Ges. W. X, 183) streng aber unbefangen beurtheilt, wenn er ihn einen Mann nennt, der einen großen fertigen Verstand hat und so viel weiß, als man außer Italien wissen kann, dessen Leistungen als Künstler dagegen z. Th. in recht drastischen Worten kritisirt werden. Ganz anders ist aber das Verhältniß zu beurtheilen als Winckelmann’s künstlerische Interessen lediglich in Dresdener Boden wurzelten. Ende 1753 nimmt er bei Oeser Zeichenstunde; er ist „sein einziger Freund und wird es bleiben“; von Oeser lernte er „sehen“ und von seiner reichen Erfahrung Kunstwerke zu beurtheilen, Schönheit und Mängeln nachzuempfinden, und von der Art und Weise, wie er, wenn es meist auch nur Gemmenabdrücke waren, von der Antike abstrahirte, hat er großen Nutzen gezogen. Als W. später die Stellung beim Grafen Bünau aufgab, zog er bis zu seiner Abreise nach Italien in das Haus Oeser’s und im unmittelbaren Gedankenaustausch mit ihm wurde die erste Schrift niedergeschrieben: „die Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“, im Frühjahr 1755 veröffentlicht, mit drei Vignetten von Oeser’s Hand geschmückt und König Friedrich August II. gewidmet. Eine Apotheose der griechischen Kunst, wie sie nicht begeisterter aber auch nicht einseitiger sich denken läßt, ein Kampf gegen den Verfall des Formen- und Schönheitssinnes, wie er sich in der damaligen, von französischen Elementen durchsetzten Kunst äußert. „Der einzige Weg für uns groß, ja wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten, und was jemand vom Homer gesagt, daß derjenige ihn bewundern lernet, der ihn wohl verstehen gelernet, gilt auch von den Kunstwerken der Alten, sonderlich der Griechen.“ Hier wird zum ersten Male (Ges. W. I, 35) das berühmt gewordene Wort von der „edlen Einfalt und stillen Größe der griechischen Statuen“ ausgesprochen; die alleinigen Träger eines guten Geschmacks seien die Griechen gewesen und wenn unsere Künstler zu den Werken der Alten, die die schönste Natur zeigten, zurückkehren und diese nachahmen würden, so würden sie schneller und leichter zu einem guten Geschmack gelangen als durch directe Nachahmung der Natur. Die Schrift erregte Aufsehen. Angeblich waren von ihr nur fünfzig Exemplare gedruckt worden und der Umstand, daß sie von Liebhabern, die sie als Druck nicht mehr erhalten konnten, abgeschrieben wurde, macht sie interessant genug. Aber damit ließ sich der Verfasser nicht genügen. An die Schrift hatten sich viele Discussionen angeknüpft, deren unerwiesene Stellen und z. Th. wunderliche Ansichten zum Widerspruch reizten. Natürlich fehlte es auch nicht an Beifall. W. griff da, was das Interesse an dem Werkchen nur noch steigern mußte, zu dem Mittel in eigener Person aber anonym eine Antikritik zu verfassen, die als „Sendschreiben über die Gedanken von der Nachahmung der griechischen Werke“ im folgenden Jahre (1756) erschien, wozu er nun wieder als „Beantwortung des Sendschreibens“ und der „Erinnerungen eines Ungenannten“ eine „Erläuterung der Gedanken von der Nachahmung u. s. w.“ niederschrieb und kurz vor seiner Abreise nach dem Süden veröffentlichte.

[349] Der Kreis von Männern, in deren Gesellschaft W. in Dresden und in Sachsen manchen Vortheil für seine Studien zog, war aber keineswegs auf Oeser beschränkt. Aus dem Künstlerkreise standen Christian Wilhelm Ernst Dietrich, das bekannte Universaltalent, das die Manieren aller verstorbenen Maler wieder hervorzauberte und Alles malte, was die Auftraggeber haben wollten, ihm nahe, sowie eine Reihe von Kunstfreunden, deren Namen einen guten Klang in der zeitgenössischen Litteratur besitzen. Das waren Christian Ludwig v. Hagedorn, der Bruder des Dichters, der gelehrte Verfasser der „Betrachtungen über die Malerei“, Generaldirector der beiden sächsischen Kunstakademien, ein Mann von feinem Urtheil, bekannt und geschätzt als Kenner und Sammler von Gemälden; Christian Gottlob Heyne, der Alterthumsforscher und spätere Göttinger Universitätsprofessor, seit 1753 ähnlich wie W. mit bibliothekarischen Arbeiten aber an der Bibliothek des Ministers Grafen von Brühl beschäftigt; Philipp Daniel Lippert, der seine Laufbahn als Glaserlehrling begonnen, dann Maler in der Meißner Porzellanfabrik und schließlich Aufseher der Antiken bei der Akademie der Künste geworden war, in der Wissenschaft bekannt durch seine „Daktyliothek“, zu der Johann Friedrich Christ in Leipzig den lateinisch geschriebenen Katalog verfaßte. Besonders interessant wäre es zu erfahren, ob W. mit dem letzteren in Verbindung stand. Wir sahen, daß er öfters nach Leipzig kam und Christ, der an der Universität die ordentliche Professur der Poesie bekleidete, als Philolog wie Kunstgelehrter gleich hochgeschätzt, der sogar die Archäologie zum Gegenstand akademischer Vorlesungen machte, insofern er specielle Collegien über alte Kunst las, war ganz der Mann, mit dem sich W. durch Interessengemeinschaft verbunden fühlen mußte. Wir erfahren indessen nicht, ob beide sich persönlich nahe getreten sind; hinsichtlich ihrer Anschauung und ihrer Ziele waren sie es umsomehr. „Das Antike, es bestehe in Schriften oder in anderen Werken der Kunst und der Gelehrsamkeit hat nach dem Geständniß der Kenner, an Gründlichkeit, einleuchtender Schönheit für den andern einen merklichen Vorzug“, so schrieb Christ und in seinen Vorlesungen begegnen wir einer ganz vernünftigen Classificirung der Alterthumswissenschaft. Sein Schüler war einst Lessing gewesen.

Um W. in seinen weitern Lebensschicksalen begleiten zu können und um den Hauptschritt, die Katastrophe seines Lebens, zu verstehen und zu würdigen, bedarf es wieder der Rückkehr in die Bünau’sche Bibliothek und zu der Thätigkeit, die sein Leben dort ausfüllte und ihm mehr als sechs Jahre geistig und körperlich in Anspruch nahm. Im Dienste seines Herrn hat er für dessen Geschichtswerk, von dem erst vier Bände erschienen waren, Excerpte gemacht, Urkunden und Chroniken abgeschrieben als Vorarbeiten für die weiteren Bände, die indessen nicht erschienen sind, sodaß Winckelmann’s Arbeit vergebliche Mühe war. Dann war er aber auch bibliothekarisch thätig und arbeitete an einem großen Katalog der Bibliothek über die Litteratur der deutschen und italienischen Geschichte und des öffentlichen Rechts. In der Zeit, die er für sich erübrigen konnte, ging er mit übermenschlichem Fleiße seinen Neigungen nach. Die Alten blieben natürlich seine Freunde: Nachts kehrte er bei „Sophokles und seinen Gesellen“ ein, er tractirte griechische Codices und in den Jahren 1753 und 1754 las er den Homer drei Mal durch „mit all’ der Applikation, die ein so göttliches Werk erfordert“. Seine Hauptthätigkeit war indessen doch nur Handlangerarbeit und wenn er sich auch anfangs damit befreunden konnte, so konnte sie ihm auf die Dauer der Zeit selbstverständlich keine Befriedigung gewähren. Sein rastloser Geist wäre zur Indolenz verurtheilt worden, hätte er nicht eine Veränderung der Lage herbeigesehnt. Hierzu kam noch die Sorge für die Gesundheit. „Meiner Gesundheit ist nicht anders zu helfen, so klagt er im Juli 1754, als [350] durch eine Veränderung. Mein Brod kann ich, wenn der Graf sterben sollte, auf keine anständige Art verdienen, da ich keine einzige fremde Sprache reden kann, einen Schuldienst mag ich nicht, zur Universität tauge ich nicht, mein Griechisch gilt auch nirgends“ (Ges. W. IX, 78). Seine Krankheit scheint nicht unbedenklich gewesen zu sein; er klagt über ungewöhnliche Nachtschweiße, Schwäche des Magens, er genießt in der Woche nur ein Mal Fleisch, des Mittags vielmals nur eine Wassersuppe und trinkt Molken. „Aber alle diese angewandte Sorgfalt will gegen das Uebel nicht helfen.“ Wir müssen das Alles in Rücksicht ziehen, wenn wir seine Gemüthsstimmung beurtheilen und verstehen wollen, warum er in die Hand einschlug. die ihm das Schicksal darbot. Es ist bekannt, daß W. zur katholischen Kirche übertrat. Jahrelang ist der Confessionswechsel vorbereitet worden; über Gründe und die Aussichten, die er daran knüpft, spricht er sich in den Briefen aus der Dresdner Zeit offenmüthig aus.

Zu den Besuchern der Bünau’schen Bibliothek gehörte auch der damalige Nuntius am sächsischen Hofe, der Cardinal Graf Alberigo von Archinto, ein feingebildeter und gelehrter Herr, Aristokrat und gewiegter Diplomat, dem man nichts geringeres nachsagte, als daß er nach der dreifachen Krone strebe. Er bewundert Winckelmann’s Gelehrsamkeit, räth ihm, betroffen von seinem kränklichen Aussehen, zu einer Reise nach Italien, er verspricht ihn dorthin zu führen, wo er auch seine Kenntnisse der schönen Bildwerke des Alterthums durch das Anschauen aufklären und erweitern könne. W., ohne Erfahrungskunst des lebendigen Menschen, ahnte nichts, sah nichts, als das redliche Bemühen, ihm zu helfen. Der Cardinal ward immer herablassender, er und W. werden Freunde. Schließlich kommt er mit der Bedingung: Uebertritt zur römischen Kirche, was W. als eine im Grunde genommen gleichgültige Sache dargestellt wurde, was aber Bedingung eines sorgenfreien Aufenthaltes in Rom sei. (So nach alten Aufzeichnungen bei Justi I, 309.) Der Cardinal, ein feiner Menschenkenner, wie er in seiner Mission am Platze war, hatte W. durchschaut. Aber nicht nur das. Mit der Thatsache einen Gelehrten, von dessen Arbeit manches zu erwarten war, zum Convertiten gemacht zu haben, sich bei seiner Rückkehr nach Rom brüsten und diesen selbst als das Product seiner Ueberzeugungskunst präsentiren zu können, war eine gar verlockende Aussicht, die im Cardinalscollegium sicher Anerkennung versprach. Wir übergehen hier weiterhin die Einzelheiten der jesuitischen Propaganda; ihre Anfänge datiren in das Jahr 1751 zurück und mehrere Jahre lang hat W. den Verlockungen und Verheißungen widerstanden, ja sein Vorhaben definitiv aufgeben wollen. Die Verheißungen erwiesen sich stärker als er: am 11. Juli 1754 erfolgte der förmliche Uebertritt durch den Profeß in der Capelle der päpstlichen Nuntiatur in Dresden, unter Beisein des Beichtvaters, des Jesuitenpaters Rauch, der zugleich Beichtvater des Königs war. Dem Biographen wird es nicht leicht den Maßstab zur Beurtheilung dieses Glaubenswechsels zu finden. Auf Convertiten, wenigstens auf solchen aus bürgerlichem Kreise, pflegt ein Makel zu haften, der das Ansehen und die Würde der Persönlichkeit in der Regel stark herabstimmt. Und das ist umso mehr der Fall, wenn der Confessionswechsel nicht der eigenen inneren Ueberzeugung entspringt, sondern durch Utilitätsprincipien wie bei W. bestimmt wird. Wollen wir die Ueberzeugungstreue in kirchlich-religiösen Dingen und die Stimme des Gewissens zum Maßstab für diese Beurtheilung heranziehen, so wird man vor diesem Richterstuhl über W. als Menschen, der einen sittlichen Fonds in sich fühlen soll, das Schuldig um so eher sprechen müssen, als seine Aeußerungen über das, was dem katholischen Christen heilig ist, mehr als Blasphemie waren. Wir werden indessen doch geneigt sein den Hergang in einem milderen Lichte anzusehen und [351] weniger Kritik der Charaktereigenschaften als menschliches Fühlen dem Endurtheil zu Grunde legen, wenn wir nochmals die Lage überblicken, die zu der Conversion führte. Das Werk des Genius söhnt uns alsdann mit seiner irdischen Schwäche aus. Die Apologie allerdings, die Goethe in seiner Charakteristik Winckelmann’s aus allgemeinen Gründen versucht hat, ist in diesem Umfange nicht zu rechtfertigen, wenn er schreibt: „Der Dresdner Hof bekannte sich zur römischen Kirche und kaum war ein anderer Weg zu Gunst und zu Gnade zu gelangen als durch Beichtväter und andere geistliche Personen. Das Beispiel des Fürsten wirkt mächtig um sich her und fordert jeden Staatsbürger zu ähnlichen Handlungen auf, die im Kreise des Privatmannes irgend zu leisten sind, vorzüglich also zu sittlichen“. Eigentlich kirchliche Gesinnung besaß W. überhaupt nicht, im Grunde genommen hatte er also bei der Conversion nichts einzutauschen. Im bittern Kampf um die Existenz, vom Schicksal herumgeschlagen, voller Wünsche, Sehnsucht und Hoffnung und bei allem Ringen und Streben mit siebenunddreißig Jahren im Amte eines etwas bessern Schreibers – unter solchen Verhältnissen ist Indifferentismus in Fragen der kirchlichen Erlangung des Seelenheils keine vereinzelte Erscheinung. Seine Ueberzeugung war rationalistischer Natur: „Der Finger des Allmächtigen, die erste Spur seines Wirkens in uns, das ewige Gesetz und der allgemeine Ruf ist unser Instinct: demselben mußt du und ich, aller Widersetzlichkeit ohngeachtet, folgen. Dieses ist die offene Bahn vor uns. Auf derselben hat uns der Schöpfer die Vernunft zur Führerin gegeben“ (Ges. W. IX, 43). Dann bekennt er auch freimüthig, daß er an Pflichten, die weiter als die Vernunft gehen, sich nicht gebunden halte (das. S. 42). Als Grundmotiv seiner Handlungsweise gibt er aber selbst an (Ges. W. IX, 40): „Die Liebe zu Wissenschaften ist es, und die allein, welche mich bewegen können, dem mir gethanen Anschlag Gehör zu geben. Es ist mein Unglück, daß ich nicht an einem großen Ort geboren bin, wo ich Erziehung und Gelegenheit haben konnte, meiner Neigung zu folgen, und mich zu formiren“. Schließlich drängte ja die Sorge um die Gesundheit – die Andeutungen, die er über sein ungünstiges Befinden in seinen Briefen macht, legen die Annahme nahe, daß er schwindsüchtig geworden war –, nicht nur auf ein Fortkommen aus der bisherigen Stellung gebieterisch hin, sondern sie wies direct nach dem Süden, wo also, Alles in Allem genommen, für ihn zu finden war, was er als Gelehrter und als Mensch suchte.

Die Aussicht nach Rom, an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen, beherrschte nach dem Uebertritt zur katholischen Kirche naturgemäß Winckelmann’s ganzes Leben. Die Aufgabe seiner Stellung an der Bünau’schen Bibliothek war der nothwendigste Schritt, um ganz sich den Vorbereitungen für die Reise widmen zu können. Am 17. September 1754 theilt er dem Grafen Bünau den Confessionswechsel mit; wenige Tage darauf verläßt er Nöthnitz, zunächst um nach Dresden zu übersiedeln; im December desselben Jahres zieht er zu seinem Freunde Oeser „in der Frauen Gasse in Ritschels Hause“. Einer Regelung bedurfte nun nur noch die materielle Seite, durch die der Aufenthalt in Italien und die Möglichkeit dort ganz wissenschaftlichen Arbeiten leben zu können, gewährleistet werden sollten. Der Cardinal Archinto hatte ihm versprochen ihn bei dem Kurprinzen Friedrich Christian vorzustellen, der ein Freund der griechischen Litteratur war. In dessen Auftrage sprach der Leibarzt Lodovico Bianconi bei ihm vor, um sich zu erkundigen, womit man ihm dienen könne. Bianconi war ein gebildeter Mann und hatte allerhand gelehrte und auch künstlerische Interessen; er war später u. a. als Agent bei antiken Ankäufen für den sächsischen und preußischen Hof thätig, wollte sich auch litterarisch hervorthun und medicinische Schriftsteller des Alterthums herausgeben; auch sonst [352] huldigte er antiquarischen Studien und wir finden es bei ihm erklärlich, wenn er sich für seine Zwecke des gelehrten Proselyten zu versichern suchte. Neben diesen in der Hofluft athmenden einflußreichen Elementen war aber die wohlwollende Gesinnung des Königs in erster Linie nöthig. Wir sahen oben, daß W. seine Erstlingsschrift ihm widmete. Der König nahm sie sehr gnädig auf und soll die bekannten Worte geäußert haben: „Dieser Fisch soll in sein rechtes Wasser kommen“. Der praktische Nutzen, der hieraus entsprang, war der, daß ihm eine Pension von zweihundert Thalern durch den Pater Rauch, zunächst auf zwei Jahre ausgezahlt wurde; doch mußte er versprechen, nach seiner Rückkunft in Dresden „sich gebrauchen zu lassen“. Am 24. September 1755 reiste er ab; der Weg ging über Eger, Regensburg, Augsburg, dann durch Tirol. Hier in Oberbaiern geht sein Herz auf vor Freude an der Natur. „Ich bin freudiger gewesen in einem Dorfe, mitten in einem Kessel von Gebirgen mit Schnee bedeckt, als selbst in Italien“ (Ges. W. IX, 127). Dann kommt er nach Venedig, wo seine Bewunderung an den Schönheiten der Stadt merkwürdigerweise schon nach wenigen Tagen erlischt. Weiter führt der Weg, auf dem den Bibliotheken eifrigst Besuche abgestattet wurden, über Bologna, Ancona, Loreto quer durch das Land hindurch nach der ewigen Stadt. Nach einer Reise von acht Wochen traf er hier am 18. November wohlbehalten ein. Der Fisch war jetzt im rechten Wasser.

„In Rom ist die hohe Schule für alle Welt, und auch ich bin geläutert und geprüft worden“, so schreibt W., indem er den Empfindungen Ausdruck gibt, die ihn in der ewigen Stadt und im Hinblick auf die Eindrücke, beherrschen, die jedes empfindsame Gemüth auf Schritt und Tritt und von Tag zu Tag in mächtiger Fülle erhält. Wie mußte aber besonders der Alterthumsfreund, der hier die Welt greifbarer Ideale vor sich hatte, in Begeisterung gerathen, wenn er sah, wie der todte Buchstabe seiner Autoren angesichts der gewaltigen Ueberreste einer großen Culturwelt sich hier in Leben verwandeln ließ und mit einem Mal als eine Offenbarung erschien, was das Auge des nordischen Forschers nur als nebelhaftes Bild gesehen hatte. Und Rom und Italien hatten im 18. Jahrhundert und bis weit in das unsrige hinein für den Alterthumsforscher eine weit größere Bedeutung als heutigen Tages. Durch die erfolgreichen Funde und Ausgrabungen, die besonders in den letzten fünfundzwanzig Jahren auf griechischem und kleinasiatischem Boden gemacht worden sind, ist der größere Theil des Schwerpunktes archäologischer Studien nach Osten verlegt worden, eine Thatsache, die u. a. durch Gründung eines archäologischen deutschen Zweiginstituts in Athen und archäologischer Schulen anderer Nationen Ausdruck gefunden hat. Aber auch diesseits der Alpen ist für den, der tiefer in das Studium des Alterthums und in seine Monumentalwelt eindringen will, hinreichend für Anregung und Studienmaterial gesorgt worden. In allen europäischen Haupt- und manchen Universitätsstädten, in Berlin, München, Dresden, Wien, um nur die deutschen zu nennen, sind kostbare Sammlungen antiker Originale der Plastik und der Kleinkunst zusammengebracht und in Gypsmuseen Gelegenheit geschaffen worden, antike Kunst und antikes Leben aus lebendigen Quellen zu erfassen, wozu noch die großen Errungenschaften des modernen Geistes auf dem Gebiet der graphischen Künste kommen. Zu Winckelmann’s Zeit existirten vereinzelte Anfänge von Antikensammlungen, wie z. B. in Dresden, wo aber so gut wie nichts zu sehen war: die Metropole aber für das ganze antike Leben war Rom, dann Neapel, von wo aus der Name Pompeji die gebildete Welt in Aufregung setzte, und neben vielen kleineren Städten Italiens besonders auch Florenz. In den „Anmerkungen über die Alterthümer in Rom“, für einen Freund 1761 niedergeschrieben (Ges. W. XI, 424), zählt W. die sehenswerthesten damaligen Antikensammlungen in Rom auf, an deren Bestand [353] in der Folgezeit manches verändert worden ist. Es sind die Sammlungen auf dem Capitol und im Belvedere des Vatikans, in den Villen Borghese, Medici, Ludovisi, Farnese, Albani u. A., Stätten, aus denen der größere Theil von Winckelmann’s kunstgeschichtlichen Werken herausgeboren ist. Manche Schätze dieser Galerien, wie z. B. theilweise der Villen Albani und Borghese kamen unter Napoleon I. nach Paris, andere, wie z. B. die aus medicäischem Besitze, darunter die Niobiden wurden später nach Florenz gebracht. Bis zur Wende des Jahrhunderts waren sie alle in Rom vereint. Zu diesen Zeugnissen aus dem Alterthum kamen nun noch die baulichen Ueberreste in der Stadt und in der Campagna und für ein empfängliches, nach Schönheit dürstendes Gemüth, wie es W. besaß, der unübersehbare Reichthum von Gemälden moderner Meister, die in Galerien und Palästen vereinigt oder an die Wand gemalt waren. In seinen Bibliotheken, für die, wie sich Justi (II, 94) ausdrückt, die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts das goldene Zeitalter war, besaß aber Rom noch einen besonderen Schatz. W., der sich mit Gewalt zu ihnen hingezogen fühlte, arbeitete besonders gern in der Corsinischen an der Lungara, doch genoß er in der Benutzung nicht die Freiheit, die er in Nöthnitz besessen; diese fand er erst in der reichhaltigen Bibliothek des Cardinals Passionei.

Auf der Höhe des Monte Pincio, oberhalb der spanischen Treppe bei Trinità de’ Monti, wo er „ganz Rom bis an das Meer übersehen kann“, bezog W. seine erste Wohnung. Bevor wir uns über den Gang seiner Studien und über seine Werke unterrichten, bedarf es zunächst einer Umschau im Kreise der Künstler und Gelehrten und vornehmen Herren, die mit scharfem Blicke sein tiefes Wissen erkennend, durch freundschaftlichen Verkehr mit ihm seine Studien in umfassendster Weise fördern halfen. Von größtem Einfluß für ihn wurde die Freundschaft, die er mit dem jugendlichen sächsischen Hofmaler, dem bekannten Anton Raphael Mengs schloß. In beiden Männern lebte ein geistesverwandter Zug. Mengs war damals bereits eine anerkannte Größe, und die Vornamen, die er von Raffael und Correggio erhalten, waren ihm in der Beurtheilung seiner Zeitgenossen nicht ungünstig. W. selbst nennt ihn (Ges. W. IV, 229) den größten Künstler seiner und vielleicht auch der folgenden Zeit, in dessen unsterblichen Werken sich der Inbegriff aller Schönheiten in den Figuren der Alten finde. W. hat Mengs’ Freundschaft und den Kunstgesprächen mit ihm viel zu verdanken, und andererseits hat Mengs bei seiner Begeisterung für classische Ideale aus dem Verkehr mit dem gelehrten Forscher viel Nutzen gezogen. Es ist nicht wunderbar, daß auch Winckelmann’s Studien und Arbeiten bald unter dem Banne dieses anregenden Verkehrs standen. Von Haus aus waren allerdings Pläne für Bücher kunstwissenschaftlichen Inhalts nicht in Aussicht genommen; er war mit dem Wunsche zu sehen und zu lernen gekommen, allenfalls auch sich mit griechischen Codices zu befassen und die Bibliotheken zu durchsuchen. Aber in dieser Umgebung, in dieser Welt von Kunstwerken, von Künstlern berathen und von ihren Theorien inspirirt – mußten da nicht Gedanken zu Plänen reifen, und diese sich in litterarischer Form krystallisiren, auch wenn er sich anfänglich gegen seinen Willen dazu entschließt? Schon im Frühjahr des Jahres 1756 erfahren wir aus Briefen (Ges. W. IX, 150 und 164), daß er sich mit dem Gedanken zu verschiedenen Schriften trägt, „sonderlich zu einem großen Werke von dem Geschmack der griechischen Künstler“. Da aber die Arbeit einige Jahre erfordere, weil er zu diesem Zwecke die alten Autoren wieder durchlesen müsse, so werde er zunächst erst auf einen Theil bedacht sein. Im Belvedere des Vaticans, wo „die Wunder des griechischen Meisels“ stehen, fand er den Stoff zu seiner Betrachtung: er will die dort befindlichen Statuen beschreiben, den Apollo, den Laokoon, den Torso, den sog. Antinous u. A. [354] Bei der Beurtheilung dieser Kunstwerke soll ihm Mengs behilflich sein. Im November desselben Jahres 1756 trägt er aber dem Buchhändler Walther in Dresden den Verlag eines Werkchens an, das sich mit der „Ergänzung der Statuen und anderer Werke des Alterthums“ beschäftigen soll; aber auch über vier antike Tempel will er schreiben, desgleichen eine Inventarisation der Antiken in den Gärten und Galerien Roms bearbeiten und schließlich denkt er – bereits ein Jahr, nachdem er hier angekommen – an „ein sehr weitläufiges Werk“, an eine Geschichte der Kunst, die er bereits angefangen hat. (Ges. W. IX, 184.) Indessen ist das erste Manuscript, das W. angesichts der genannten Meisterwerke des Belvedere verfaßt hat, nicht der Oeffentlichkeit übergeben worden. Von Justi wurde es (vgl. II, 38) in einer Bibliothek in Florenz entdeckt und in seinem Gehalte sorgfältig analysirt. Jenes Werk „von dem Geschmacke der griechischen Künstler“ ist nicht zur Ausführung gekommen; von der Beschreibung der Statuen des Belvedere erschien die „Beschreibung des Torso“ zuerst im ersten Stück des fünften Bandes der „Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste“ 1759 (später wieder abgedruckt am Schlusse des „Versuches einer Allegorie, besonders für die Kunst“, Dresden 1766; vgl. Ges. W. I, 267 ff.), während die Beschreibung des Apoll später dem vierten Abschnitt der Kunstgeschichte einverleibt wurde. Die beiden Abhandlungen, auch in ihrer edlen Form mustergültige Erzeugnisse der deutschen Sprache, werden, so riesengroße Fortschritte die Alterthumswissenschaft auch gemacht haben mag, immer als ein bleibender Gewinn, als das Schönste mit angesehen werden, was je über Antiken geschrieben worden ist. Die ästhetische Werthschätzung eines Kunstwerkes in der einfachen, jedermann verständlichen Form, das intime, beinahe visionäre Eindringen in künstlerische Gedanken und deren poesievolles Erfassen sind selten in so abgeklärter Weise dargestellt worden.

Rom und Winckelmann – die beiden Namen, die in so inniger Beziehung stehen, sind selbst heutigen Tages, wo das Gepräge der ewigen Stadt viel von seinem Glanze verloren hat und der Zauber des Althergebrachten unter dem nivellirenden Einfluß der Neuzeit immer mehr zu verschwinden droht, nicht denkbar ohne, man möchte sagen, das bindende Glied, das sich in dem Namen des Cardinals Alessandro Albani verkörpert. Der berühmte Kirchenfürst (geb. 1692 zu Urbino) hat sich durch seine Sammelleidenschaft, die reichen Kenntnisse, die er sich auf dem Gebiete der Antike und ihres Handels, wegen deren er als der erfahrenste Sammler seiner Zeit galt, erworben hatte, nicht minder durch seinen Geschmack, wie endlich durch den herrlichen, seinen Kunstschätzen gewidmeten Bau vor der Porta Salaria in Rom für alle Zeiten ein unvergängliches Andenken gesichert. Die Villa Albani, ein ganzer Complex mit Garten, Casino und anderen Gebäuden, jetzt im Besitze der Familie Torlonia und durch die modernen Bauten ihrer unvergleichlich schönen Lage beraubt, ist mit ihrem kostbaren Inhalt (eine früher zusammengebrachte Antikensammlung des Cardinals, ging in den Besitz des capitolinischen Museums über) die eigenste Schöpfung des Cardinals. In ihrer künstlerischen Anlage, dem wunderbaren Arrangement und dem Zauber, den früher die Natur über diese Schöpfung breitete, verkörperte sie eine der schönsten und vornehmsten Sammlungen, die man in Italien fand. Von den Antiken, die sie ehemals barg, ist mancherlei Werthvolles, was nach dem Napoleonischen Kunstraub wegen der Höhe der Transportkosten nicht zurückgegeben wurde, in andern Besitz gelangt, aber auch in dem, was sie heutigen Tages noch birgt, ist sie ein herrliches Denkmal verständnißvoller Kunstpflege und noblen Sinnes. Der Cardinal Albani war kein Mann, der sich durch gründliche Buchgelehrsamkeit und durch antiquarisches Wissen auszeichnete; aber umso mehr erfüllte ihn das Bedürfniß, sich an eine Autorität anzulehnen, deren Kenntnisse ihm Nutzen bringen [355] konnten. Und diesen Mann fand er in W. Dieser wieder konnte es als die glücklichste Fügung seines Lebens betrachten, einen so großmüthig denkenden Freund auf römischem Boden gefunden zu haben. Aus freien Stücken bot ihm der Cardinal neben einem kleinen Gehalt von zehn Thalern monatlich an, in seinen Palast zu ziehen. Hier fesselte ihn die kostbare, von Papst Clemens XI. angelegte Bibliothek. „Diese genieße ich, ohne zu arbeiten: denn der Cardinal will nur den Vorzug haben, einen auswärtigen Gelehrten zur Gesellschaft zu haben“. (Ges. W. X, 17.) „Aber, was mir weit mehr werth ist, als ein großer Haufe von Büchern, ist das Cabinet von Handzeichnungen und Kupferstichen, worunter unter andern ein großer Band von Zeichnungen des berühmten Poussin sich befindet, und zwölf Bände von dem Domenichino.“ (Ges. W. IX, 360.) W. selbst ist Zeuge von der Entstehung der Villa gewesen; er sah den Grundstein zum Casino legen und unter seinen Augen „wuchs sie täglich an Schönheit“. Der Bau und die Vollendung der ganzen Anlage muß sich ziemlich in die Länge gezogen haben, denn obwohl W. schon im Februar 1758 schreibt, daß der Cardinal die Villa benutzt habe, kann er doch erst im October 1762 melden, daß die Einweihung bevorstehe und „im künftigen Carnevale werden wir daselbst zusammenleben“. Ueber den Reichthum der damals in dem Casino und in den übrigen Bauten ebenso wie in dem Garten aufgespeicherten Antiken, über den künstlerischen Werth und ihre Provenienz, können an dieser Stelle nicht einmal Andeutungen gegeben werden. Es mag der Hinweis genügen, daß W., so eng er mit dem Cardinal befreundet war, ebenso eng mit seinen Kunstschätzen sich verwachsen fühlte. Denn für seinen Gönner war er nicht nur die wissenschaftliche Autorität, die kunstgeschichtliche Fragen zu lösen berufen war. Auch praktisch war er thätig, indem er die Bauten beaufsichtigte, Ankäufe von Kunstwerken machte und Ausgrabungen veranstaltete, deren Ertrag der Sammlung zu Gute kommen sollte. W. hätte sich keine schönere, keine vornehmere Stellung wünschen können. Er durfte sich eines Daseins erfreuen, auf dem keinerlei Druck lastete, in dem er materiell über alle Sorgen erhaben war und der anregende Verkehr, in dessen Mittelpunkt die vornehme Persönlichkeit des Cardinals stand, ließ ihn besonders nachdrücklich die Veränderung seiner Lage empfinden. Die Villa Albani ist für ihn der Mittelpunkt von Schönheiten der alten und der neuen Kunst, welch’ letztere namentlich durch Mengs’ bekanntes Deckenbild des Parnaß seiner Meinung nach auf das glänzendste vertreten war. Er genießt „eine stolze Ruhe“ und lebt, „wie er es sich ehemals nicht in Träumen wünschen konnte“. Deshalb regt sich auch bei ihm immer mehr das Gefühl der Dankbarkeit. Er wollte sie bezeugen durch Abfassung eines Verzeichnisses, an das er schon im J. 1761 denkt; es sollte eine Beschreibung der Gebäude, des Gartens und des künstlerischen Arrangements umfassen, dann an die Kunstdenkmäler anknüpfend, Anmerkungen über die Kunst bei den alten Völkern enthalten und endlich von den durch Schönheit, Arbeit und Gegenstand merkwürdigen Werken reden. Obwol der Cardinal später selbst die Abfassung einer derartigen Denkschrift wünschte, und obwol Zeichnungen zu den Bildern dazu schon fertig waren, kam sie doch nicht zu Stande. Die umfangreiche Ausbeute, die W. die Villa lieferte, ist in die einzelnen Abschnitte der Kunstgeschichte und dann in die Monumenti Inediti verarbeitet worden. Hier begegnet der Leser auf Schritt und Tritt Hinweisen und Ausführungen, die ihn vor die Originale in die Villa des kunstsinnigen Cardinals führen.

Eine im Vergleich zu dem modernen Princip ihrer kunstgeschichtlichen und exegetischen Werthschätzung größere Rolle spielen zu Winckelmann’s Zeit die geschnittenen Steine. Ihr Studium und ihre Kenntniß war damals bei weitem mehr verbreitet als heutigen Tages. W. bot sich eine besondere Gelegenheit sich in dieses Studium zu vertiefen. Der im J. 1757 in Florenz verstorbene Baron Philipp [356] v. Stosch, damals ein bekannter Kunstkenner und Sammler, hatte neben andern Schätzen auch eine stattliche Sammlung antiker geschnittener Steine hinterlassen, die in ihrer Art so bedeutend war, daß sie im J. 1765 von Friedrich d. Gr. für Berlin erworben wurde. Von den Erben des verstorbenen Besitzers erhielt W. den Auftrag zu der Sammlung ein erklärendes Verzeichniß zu schreiben, eine wegen der verschiedensten Probleme, die namentlich hinsichtlich der Echtheit an die Kritik gestellt werden, schwierige, wie auf geschichtlichem und kunstmythologischem Gebiete wichtige Aufgabe, wozu er sich im August 1758 auch entschließt und zum Zweck der Katalogisirungsarbeit längere Zeit in Florenz zubringt. Zwei Jahre später erschien in Florenz das Verzeichniß unter dem Titel: „Description des pierres gravées du feu baron de Stosch dediée à son Eminence Monseigneur le cardinal Alexandre Albani“ (in 4° und 596 Seiten). Eine in Briefform gehaltene kurze Anzeige „Nachrichten von dem berühmten Stoschischen Museo in Florenz an den Herrn Legationsrath von Hagedorn“ (Florenz, Januar 1759) erschien zuerst in der „Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste“ V. Stück (Ges. W. I, 277 ff.).

Der ergiebige Boden Italiens, der in allen Gegenden durch Trümmerstätten und Funde die Erinnerung an eine untergegangene große Culturwelt erweckt, gab auch W. Veranlassung sich anderweit im Lande umzusehen. Damals richteten sich die Blicke der Gebildeten zumeist nach dem Süden, nach Neapel und den vom Vesuv verschütteten campanischen Landstädten, wo in der Tiefe des Bodens ungeahnte Schätze gefunden worden waren, ohne daß man eine sichere Kunde über Einzelheiten erhalten hätte oder jene Schätze wissenschaftlich ausgebeutet worden wären. W. erkannte bald, daß in den hier, in Pompeji und Herculaneum, wo griechische Cultur noch zu Hause gewesen war, gemachten Funden eine der wichtigsten Quellen für die Kenntniß des antiken Lebens und der antiken Kunst gegeben war, die vor den in römischen Museen vereinigten Kunstwerken den großen Vorzug besaß, daß die ganze antike Umgebung als der unmittelbarste Hintergrund durch die Ausgrabungen aus dem Boden hervorgezaubert wurde. War W. doch auch schon von Dresden aus auf eine Reise nach Neapel zu dem Zwecke aufgefordert worden dem Kurprinzen Friedrich Christian durch Bianconi Bericht über den Stand der Ausgrabungen einzusenden. Die Reise, die später wiederholt wurde, kam im Frühjahr 1758 zu Stande. Ein Aufenthalt von zwei und einem halben Monat, während dessen auch Pästum besucht wurde, gab ihm, trotzdem die neapolitanischen Gelehrten ihre Schätze, deren Ausbeutung sie als ihr Privileg betrachteten, eifersüchtig zu hüten suchten, die Gelegenheit einen Ueberblick über das Gewonnene zu erhalten, genau zu beobachten und wissenschaftliche Schlüsse zu machen. Dieselben sind theilweise niedergelegt in den in den Jahren 1758–1763 an den Hofrath Bianconi zur Mittheilung an den Kurprinzen gerichteten Briefen, die, in italienischer Sprache abgefaßt, im J. 1779 in der Antologia Romana zuerst abgedruckt wurden; sie wurden dann von Daßdorf ins Deutsche und Französische übersetzt, später von Fea berichtigt und darnach von Fernow von neuem ins Deutsche übertragen (abgedruckt Ges. W. II, 227 ff., vgl. S. 330). Eine zweite Reise machte W. im J. 1762 in Gesellschaft des Grafen Heinrich v. Brühl; die Ergebnisse derselben faßte er zusammen in dem „Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen an den Hochgebornen Herrn Heinrich Reichsgrafen von Brühl“ (Dresden. bei G. C. Walther 1762, Ges. W. II, 3 ff.), eine fern von städtischem Treiben, in der behaglichen Stille des Landsitzes des Cardinals Albani, auf Castel Gandolfo, niedergeschriebene summarische, aber vortrefflich erläuternde Uebersicht über die Resultate der Ausgrabungen, die sich des größten Beifalls erfreute. Die hier ausgesprochene Absicht, mit der Zeit eine ausführliche Abhandlung [357] zu schreiben, da er suchen werde, diese Schätze von Zeit zu Zeit wiederum zu sehen, ging bereits zwei Jahre später, 1764, in Erfüllung, wo W. in Gesellschaft von Heinrich Füeßli aus Zürich und dem jungen Volkmann aus Hamburg abermals nach Neapel und Umgebung ging. In demselben Jahre noch erschienen die „Nachrichten von den neuesten Herculanischen Entdeckungen an Herrn Heinrich Füeßli in Zürich“ (im 1. Stück des 9. Bandes d. Bibl. d. sch. W. u. fr. K., Ges. W. II, 149 ff.), in denen auch Pompeji in das Bereich der Darstellung gezogen wird. Die letzte Reise endlich nach dem Süden erfolgte im J. 1767. Damals lernte er in Neapel den Baron d’Hancarville kennen, der ihm für seine Untersuchungen werthvoll wurde, sowie den englischen Gesandten Hamilton, den Besitzer einer der schönsten Sammlungen antiker Thongefäße, von denen er eine Reihe publiciren wollte. Auch mit dem Plane trug er sich, über die herculanisch-pompejanischen Ausgrabungen ein zusammenfassendes Werk und zwar in französischer Sprache zu schreiben, das aber nicht zur Ausführung gekommen ist.

Die größeren wissenschaftlichen Abstecher, die W. von Rom aus nach Florenz und Neapel machte, sind die einzigen Reisen gewesen, die ihn in Italien über das Weichbild der ewigen Stadt hinausgeführt haben. Nachdem sein Leben durch den Aufenthalt im classischen Süden in die glücklichsten Bahnen gelenkt worden war, mag man es als eine Ungunst des Schicksals ansehen, daß ihm nicht das gewährt wurde, was seinem Lebenswerk die eigentliche Krone hätte aufsetzen können. Es hat zwar von seiner Seite nicht an Versuchen gefehlt, den Gesichtskreis durch Erweiterung der Monumentenkenntniß zu vergrößern und voll Sehnsucht ist der Blick nach dem griechischen Osten gelenkt gewesen. Im J. 1767 will er Sicilien besuchen, um die Vasensammlungen in Catania, Taormina und Syrakus und die Ruinen von Girgenti kennen zu lernen, aber die Reise ward verhindert durch die Nachricht Kaiser Josef II. wolle Rom besuchen. Sein größter Herzenswunsch war aber nach Griechenland selbst zu kommen, um da, wo die Quellen der antiken Kunst in ihrer größten Höhe in lauterster Schönheit klar zu Tage liegen, aus der Fülle schöpfen, am Borne selbst genießen zu können. Die Worte, die am deutlichsten das oft geäußerte Verlangen wiederspiegeln, hat er am Schlusse des 3. Capitels des 8. Buches seiner Kunstgeschichte folgendermaßen ausgesprochen (Ges. W. V, 281): „Ich kann nicht umhin, mein Verlangen zu eröffnen, welches die Erweiterung unserer Kenntnisse in der griechischen Kunst sowohl als in der Gelehrsamkeit und in der Geschichte dieser Nation betrifft. Dieses ist eine Reise nach Griechenland, nicht an Orte, die von vielen besucht sind, sondern nach Elis [womit Olympia gemeint sein dürfte], wohin noch kein Gelehrter noch Kunstverständiger hindurch gedrungen ist. Diese Reise müßte mit Vollmacht (d. h. von der Pforte) unternommen werden, nemlich an allen Orten graben zu lassen … Ich bin versichert, daß hier die Ausbeute über alle Vorstellung ergiebig seyn, und daß durch genaue Untersuchung dieses Bodens der Kunst ein großes Licht aufgehen würde“. Auch zu dieser Reise ist es nicht gekommen, und der Wunsch, die Feststätte des alten Olympia aus ihren Trümmern wieder erstehen zu lassen, für dessen Verwirklichung W. bis an sein Lebensende noch eingetreten ist, sollte erst über hundert Jahre später in Erfüllung gehen.

Die verschiedenen und mannichfachen Eindrücke, die W. angesichts der an den den einzelnen von ihm besuchten und durchforschten Stätten Italiens aufbewahrten Antiken wie nicht minder an den Werken der Renaissancekunst in so reichem Maße und in so unmittelbar lebendiger Wirkung empfing, haben, wenn man von den oben genannten Schriften auch absieht, seine litterarische Thätigkeit so sehr in Anspruch genommen, daß man der Verarbeitung des reichen Materials [358] die vollste Anerkennung zollen muß. Eine Reihe kleinerer Aufsätze erschien wie ihre Vorgänger in der „Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste“, so die beiden ästhetischen Aufsätze „Erinnerung über die Werke der Kunst“ (1759; Ges. W. I, 241 ff.), und „Von der Grazie in den Werken der Kunst“ (1759; Ges. W. I, 226 ff.), Aufsätze erziehlicher Art, besonders für die Hand unerfahrener Italien-Fahrer, von denen der Verfasser die Erfahrung gemacht hat, „wie sie von blinden Führern geleitet werden und wie nüchtern sie über die Meisterstücke der Kunst hinflattern“. Die merkwürdige Gegenüberstellung der Antike und der Renaissancekunst und die Beurtheilung der letzteren zu Gunsten jener, entspricht ganz Winckelmann’s innerer Ueberzeugung. Das Hauptsächliche in den Werken der Kunst ist für ihn die Idee, der Verstand oder das Denken der Künstler; er liegt tief in ihren Werken, während es in der neueren Welt ist „wie bei verarmten Krämern, die alle ihre Ware ausstellen“. Gegen das eigene Denken setzt er das Nachahmen, nicht die Nachahmung; unter jener versteht er eine knechtische Folge, „in dieser aber kann das Nachgeahmte, wenn es mit Vernunft geführet wird, gleichsam eine andere Natur annehmen, und etwas eigenes werden“. Das Zweite, was bei Betrachtung von Kunstwerken wesentlich ist, ist die Schönheit. In Worten definirt er sie als bestehend „in der Mannichfaltigkeit im Einfachen“. „Die Linie, die das Schöne beschreibt, ist elliptisch, und in derselben ist das Einfache und eine beständige Veränderung: denn sie kann mit keinem Zirkel beschrieben werden und verändert in allen Punkten ihre Richtung.“ Als dritter Gesichtspunkt kommt die „Ausarbeitung“, die Technik in Frage. Den antiken Künstlern werden Raffael, Michelangelo und Bernini gegenüber gestellt, aber diese haben sich jenen gegenüber von der „Grazie“ entfernt.

Winckelmann’s Hauptwerk, die „Geschichte der Kunst des Alterthums“, führt uns wieder in das erste Jahr seines römischen Aufenthaltes zurück, und es wurde bereits oben darauf hingewiesen, wie ihn der Gedanke damals bewegt hat. Dann schreibt er, nachdem ein Theil des Manuscripts vollendet gewesen, aber wieder umgearbeitet werden mußte, im August 1759 (Ges. W. IX, 361), daß der erste Theil beendigt sei und bereits in Leipzig liege, um gedruckt zu werden. Trotzdem verzögert sich die Veröffentlichung z. Th. infolge der Wirren des siebenjährigen Krieges noch fünf Jahre, bis zum Jahre 1764. Uns liegt das Werk in zwei verschiedenen Bearbeitungen vor. Die dem Kurfürsten Friedrich Christian gewidmete, in der Vorrede (Rom, Juli 1763) Anton Raffael Mengs geweihte Originalausgabe erschien im genannten Jahre in Dresden. Bald nach ihrem Erscheinen hat W. an eine neue Bearbeitung gedacht und eine solche auch vorbereitet, bis er vorzeitig aus dem Leben schied. Nachdem 1766 in Paris und gleichzeitig in Amsterdam eine französische Ausgabe erschienen war, veröffentlichte er das Jahr darauf als Nachtrag und Berichtigung die „Anmerkungen über die Geschichte der Kunst des Alterthums (2 Theile, Dresden, wie die Originalausgabe bei Walther), bald denkt er auch an eine völlige Neubearbeitung, die aus buchhändlerischen Rücksichten gegen den sächsischen Verleger in französischer Sprache in Berlin erscheinen sollte. Auch eine englische Uebersetzung wurde von Johann Füeßli in Zürich vorbereitet. Eine neue Auflage erschien erst nach seinem Tode. Sie wurde mit seinen Zusätzen, Berichtigungen und Verbesserungen versehen, im J. 1776 auf Veranlassung der Wiener Akademie durch Justus Riedel besorgt, auf Kosten der Winckelmann’schen Originalität; sie ist wenig genau und deshalb als historisches Document nicht brauchbar. Sie ist indessen in die gesammelten Werke übergegangen (Bd. III ff.). Die folgenden kurzen Ausführungen beziehen sich auf die erste Ausgabe.

Die Kunstgeschichte zerfällt in zwei Theile, in einen systematischen: Untersuchung der Kunst nach dem Wesen derselben, und in einen geschichtlichen: Nach [359] den äußeren Umständen der Zeit unter den Griechen betrachtet. Der letztere Theil weist folgende Unterabtheilungen auf: 1. Von der Kunst der ältesten Zeiten (d. h. von dem sagenhaften Dädalus an) bis auf Phidias, 2. Von den Zeiten des Phidias an bis auf Alexander den Großen, 3. Von der Kunst nach Alexander und von der Abnahme derselben, 4. Von der griechischen Kunst unter den Römern und den römischen Kaisern (d. h. vom ersten vorchristlichen Jahrhundert an bis zu Antoninus Pius), 5. Fall der Kunst unter dem Septimius Severus; den Schluß macht ein kurzer Hinweis auf die in Byzanz ausgestellten antiken Bildwerke. Der erste systematische (ästhetisch-technische) Theil verbreitet sich zunächst über allgemeine Begriffe (Anfänge, Entstehung der Kunstformen) und über die Verschiedenheit der Kunst unter den einzelnen Völkern; im zweiten Capitel wird von der Kunst unter den Aegyptern, Phöniziern und Persern berichtet, im dritten Capitel von der Kunst der Etrusker, der Volsker, der Campaner und auf Sardinien; die beiden letzten Capitel behandeln die griechische und die römische Kunst. „Die Kunst der Griechen ist die vornehmste Absicht dieser Geschichte, und es erfordert dieselbe, als der würdigste Vorwurf zur Betrachtung und Nachahmung, da sie sich in unzählig schönen Denkmalen erhalten hat, eine umständliche Untersuchung, die nicht in Anzeigen unvollkommener Eigenschaften und in Erklärungen des Eingebildeten, sondern im Unterricht des Wesentlichen bestände, und in welcher nicht bloß Kenntnisse zum Wissen, sondern auch Lehren zum Ausüben vorgetragen würden. Die Abhandlung von der Kunst der Aegypter, der Etrusker und anderer Völker kann unsere Begriffe erweitern und zur Richtigkeit im Urtheil führen; die von den Griechen aber soll suchen, dieselben auf Eins und auf das Wahre zu bestimmen, zur Regel im Urtheilen und im Wirken.“ (1. Theil, 4. Capitel zu Anfang.) Diese richtige Erkenntniß Winckelmann’s erscheint uns um so größer, wenn wir das Material überblicken, auf dem das gelehrte Urtheil des achtzehnten Jahrhunderts fußen konnte. Von Originalwerken griechischen Meisels, die uns Dank der erfolgreichen Funde und Ausgrabungen in fast unübersehbarer Fülle jetzt bekannt sind, kannte man damals so gut wie nichts. Die italienischen und anderen Galerien waren angefüllt von Antiken aller Art; aber was man besaß, stammte nicht von griechischem oder asiatischem Boden, sondern war in Italien gefunden. Der Skulpturenschatz (denn die Plastik ist für Winckelmann’s ganze Geschichtsconstruction Ausgangs- und Zielpunkt) setzte sich zusammen aus Werken der späten und spätesten Zeit, aus Werken römischer Kunst und römischen Copien griechischer Meisterwerke. Die stilvolle Größe der griechischen Kunst konnte W. nur ahnen, nicht schauen. Mit wahrhaftem Seherblick hat er durch die Nachbildungen der römischen Zeit hindurch die hohe Schönheit der griechischen Kunst erkannt und den schöpferischen Genius des Griechenthums geschildert, von dem in Rom nur ein schwacher Abglanz zu finden war. Winckelmann’s Kunstgeschichte hat aber in der Geschichte der Wissenschaft nach zwei Seiten hin noch eine besondere Bedeutung. W. ist der erste, der wirkliche Kunstgeschichte schreibt, der die Antiken nicht als Werke auffaßt, die eine Quelle für die antiquarische Gelehrsamkeit bilden, sondern die um ihrer selbstwillen existiren. Sein Bestreben war ihnen nachzuempfinden, ihre Schönheit zu begreifen, ihre Sprache zu verstehen. Auf diese Weise gelingt es ihm, in das Wesen der Antike einzudringen und der Pfadfinder zu werden für die Archäologie und Kunstgeschichte, wie sie sich seitdem erfolgreich entwickelt haben. Aber auch rein äußerlich macht Winckelmann’s Werk Anspruch auf bahnbrechende Bedeutung. Das Gebäude, das hier gegeben wird, ist an sich eine originelle, selbständige Schöpfung, die an nichts früheres anknüpfen konnte, wie seine Darstellung durchgehends von persönlicher Anschauung ausgeht und diese einen Vorstellungskreis umfaßte, den vor ihm niemand besessen hatte. Wenn [360] das Werk auch vollständig veraltet ist, so mindert das seine Größe keineswegs herab. Wie nur irgend ein epochemachendes Erzeugniß des menschlichen Geistes, ist und bleibt es ein Markstein in der Wissenschaft, die Sein und Werden vergangener Zeiten zu ergründen sucht.

Eine Studie, „Anmerkung über die Baukunst der Alten“, welch’ letztere in der „Kunstgeschichte“ als Ganzes nicht behandelt worden war, erschien 1761 in Dresden. (Ges. W. I, 327 ff.) Hervorgegangen ist sie aus dem gewaltigen Eindruck, den die dorischen Tempel des alten Pästum auf ihn gemacht hatten. Das Fragment einer neuen Bearbeitung der genannten Studie findet sich nach Winckelmann’s Handschrift abgedruckt in den Ges. W. I, 511 ff. Eine weitere, aber schon 1759 niedergeschriebene baugeschichtliche Arbeit brachte das Jahr 1762: die „Anmerkungen über die Baukunst der alten Tempel zu Girgenti in Sicilien“ (Ges. W. I, 288 ff.). Von seinen beiden letzten Werken ist der (ohne seinen Namen, weil er glaubte, bekannt genug zu sein, erschienene) „Versuch einer Allegorie besonders für die Kunst“, der königl. großbritannischen Gesellschaft der Wissenschaften auf der Universität Göttingen zugeeignet und 1766 erschienen (G. W. II, 427 ff.; neue Ausgabe auf Grund von Winckelmann’s Handexemplar von Dressel, Leipzig 1866) zwar lang vorbreitet gewesen und langsam ausgereift, aber unerfreulich und mit den übrigen Werken nicht gleichwerthig. Dagegen bildet das große kunsthermeneutische Werk, die Monumenti antichi inediti (Rom 1767, 2 Bde. in Fol.) für alle Zeiten ein Vermächtniß, das dem Namen Winckelmann’s die größte Ehre macht. Bereits 1763 kündigt er es in der Vorrede zur „Kunstgeschichte“ als ein Werk an, „welches in welscher Sprache, auf meine eigene Kosten gedruckt, auf Regal-Folio, im künftigen Frühlinge zu Rom erscheinen wird. Es ist dasselbe eine Erläuterung niemals bekannt gemachter Denkmale des Alterthums von aller Art, sonderlich erhobener Arbeiten in Marmor, unter welchen sehr viele schwer zu erklären waren, andere sind von erfahrenen Alterthumsverständigen theils für unauflösliche Räthsel angegeben, theils völlig irrig erklärt worden“. Das reich ausgestattete, auf seine eigenen Kosten hergestellte und dem Cardinal Albani gewidmete Werk enthält 216 Tafeln, auf denen die verschiedensten antiken Kunstdenkmäler, zur größeren Hälfte indessen Reliefs und diese wiederum mit Rücksicht auf die Villa Albani, nachgebildet werden. Der italienische Text: „trattato preliminare“ ist von den Herausgebern von Winckelmann’s Werken als „Vorläufige Abhandlung von der Kunst der Zeichnung der alten Völker“ verdeutscht worden. (Ges. W. VII.) Grundlegend ist das Werk für die Methode archäologischer Interpretation geworden, für die W. hauptsächlich seine Belesenheit in den griechischen Dichtern und seine genaue Kenntniß der Mythologie zu statten kam. Diese Methode geht von dem Grundsatze aus, daß es lediglich die griechische Götter- und Heldensage ist, aus der die antiken Kunstdarstellungen geflossen sind, ein Satz, der seitdem die fundamentalste Grundlage aller archäologischen Interpretation bildet.

Winckelmann’s Ruf erfüllte seine Zeitgenossen und es fehlte nicht an ehrenvollen Anträgen und Bezeugungen, die von der Werthschätzung seiner Persönlichkeit beredtes Zeugniß ablegten. Von der päpstlichen Regierung war er 1763 zum Oberaufseher aller Alterthümer in Rom ernannt worden, zwei Jahre später erging an ihn der Ruf von Berlin aus die Stellung eines Aufsehers der Bibliothek und des Münz- und Alterthumscabinets zu übernehmen, die er anzunehmen entschlossen war, schließlich aber doch nicht antrat, da die Gehaltsfrage von Friedrich II. nicht in der Weise geregelt wurde, wie ihm selbst erst von Berlin aus von Nicolai in Aussicht gestellt worden war. Dafür ward er aber in Rom von andern deutschen Fürsten geehrt und aufgesucht; 1765 kam der junge, kunstsinnige, ausgezeichnet gebildete Fürst Leopold Friedrich Franz von [361] Dessau, zu dem er in freundschaftlichste Beziehungen trat, im October des nächsten Jahres der Erbprinz von Braunschweig. Mit Dresden, von wo aus er über die festgesetzten zwei Jahre hinaus die versprochene Pension von zweihundert Thalern, später nur die Hälfte bezogen hatte, waren die Fäden schon früher abgerissen, nachdem Kurfürst Friedrich Christian nach einer kurzen, viele Aussichten eröffnenden Regierung von kaum drei Monaten im December 1763 gestorben war. Die Sehnsucht, wieder einmal nach Deutschland zurückzukehren, die Stätten seiner Jugend und seiner früheren Thätigkeit aufzusuchen, sowie die vielen Einladungen, die von befreundeter Seite an ihn ergingen, ließen in W. endlich, nachdem er über zwölf Jahre im Süden zugebracht und körperlich und geistig ein neuer Mensch geworden war, den Wunsch zur That werden: mit dem ihm befreundeten, nach Berlin berufenen Bildhauer Cavaceppi, (der die Reise beschrieben hat; vgl. Ges. W. XI, 332 ff.) verläßt er Rom am 10. April 1768. Aber als die beiden Reisenden kaum die Tiroler Berge betreten hatten, wirkten schon Landschaft und Bauart abstoßend auf W. ein; in München wurden ihm mancherlei Ehren erwiesen, aber Cavaceppi gelingt es nicht, ihn zur weiteren Fahrt nach dem Norden zu bewegen. Große Schwermuth und innerer Widerwille, den er nicht bemeistern kann, drängen zur Umkehr; er fühlt jetzt, „daß für ihn außer Rom kein wahres Vergnügen zu hoffen ist“. Von München ging er nach Wien, wo er aufs glänzendste empfangen wird. Aber auch hier hat er vor Sehnsucht nach dem Süden keine Ruhe. Am 1. Juni trifft er in Triest ein, wo er im großen städtischen Gasthause am Petersplatze absteigt. Hier macht er an der Tafel die Bekanntschaft mit einem Italiener, Namens Francesco Arcangeli, der den Eindruck „eines Herrn“ macht, aber äußerlich sehr reducirt aussah und eine bewegte Vergangenheit hatte, die ihn bereits ins Gefängniß geführt hatte. W. war arglos genug, dem Schurken sich anzuvertrauen; beide sind viel beisammen, gehen miteinander spazieren und W. muß jenem wiederholt die goldenen Medaillen zeigen, mit denen er in Wien beschenkt worden war. Am Morgen des 7. Juni, als er das Verlangen des raublustigen Italieners wieder erfüllen will, wird ihm von diesem, als er sich niederbeugt, um den Koffer zu öffnen, eine Schlinge um den Kopf geworfen. Fünf Dolchstiche, die der Meuchelmörder führen konnte, brachten ihm tödtliche Wunden bei. Ihnen erlag W. noch am Nachmittag des nämlichen Tages. (Den ausführlichen Bericht über seinen Tod s. G. W. XI, 345 ff.) Wenige Stunden vor seinem Tode konnte er noch sein Testament aufsetzen lassen. Nach verschiedenen kleineren Legaten bestimmte er, daß über sein ganzes Vermögen „nach Gutdünken und Belieben Seiner Eminenz des Herrn Cardinals Alexander Albani, seines gnädigsten Herrn und Gönners, ganz frei verfügt werden soll“. (Ges. W. XI, 379.) Der Leichnam des großen Gelehrten ward am 9. Juni ohne Trauergepränge nach der Kathedral- und Pfarrkirche des heiligen Justus gebracht und in der gemeinsamen Grabstätte einer der damals bestehenden Brüderschaften beigesetzt. Als die Grabstätte später geräumt werden mußte, kamen die Gebeine in das allgemeine Beinhaus. In jener Kirche wurde ein Kenotaph errichtet; auf dem ehemaligen Begräbnißplatze, der jetzt zu einem Museo lapidario umgewandelt worden ist, wurde ihm 1832 ein Denkmal gesetzt. Freunde und Verehrer ließen sein Bildniß im Pantheon in Rom zur Seite von Raffael’s Grabmal anbringen (später in die Protomotek des Conservatorenpalastes übertragen) und auch seine Vaterstadt Stendal hat den Tribut der Dankbarkeit gegen ihren großen Sohn durch ein ehernes Monument entrichtet. Lauter aber und eindringlicher als diese Zeichen des Dankes und der Erinnerung wird Winckelmann’s Werk seinen Namen bewahren, solange es eine Wissenschaft gibt und geistige Bildung als das höchste Gut gilt im Leben der Völker. Heißt es aber Winckelmann’s Einfluß auf seine Zeitgenossen [362] und den Samen, den er ausgestreut, abzuwägen, so genügt es, die Namen Lessing und Goethe zu nennen und darauf hinzuweisen, daß W. es gewesen ist, auf dessen Schultern die classische Bildung des achtzehnten Jahrhunderts vorwiegend ruht.

Litteratur. A. Werke und Briefe: Gesammtausgabe der Werke in acht Bänden, Dresden 1808–1820 in 8°, Bd. 1 und 2 von C. L. Fernow, Bd. 3–8 von Heinrich Meyer und Johann Schulze, Bd. 8 abgeschlossen von C. G. Siebelis. Dazu als Nachtrag Bd. 9–11 die Briefe enthaltend, herausgegeben von Friedrich Förster, Berlin 1824–1825. Aus ihr sind die oben in den Text eingestreuten Citate entnommen. Neudruck der Dresdener Ausgabe in zwei Bänden in 4° Dresden 1829 und 1847. Vollständige deutsche Ausgabe mit den Briefen von Joseph Eiselein, 12 Bde. in 8°, Donaueschingen 1825–1829, Abbildungen und Denkmale dazu in Fol. das. 1835. Italienische Ausgabe, 12 Bde. mit 1 Bd. Abbildungen, Prato 1830–1834. Populäre Ausgabe der „Geschichte der Kunst des Alterthums“ nebst einer Auswahl der kleineren Schriften, mit einer Biographie Winckelmann’s und einer Einleitung von Julius Lessing, 2. Aufl., Heidelberg 1882. Neudruck der „Gedanken über die Nachahmung der griech. Werke“ hrsg. von Seuffert (Heilbr. 1885), des „Versuches einer Allegorie“ von Dressel (s. o.). Die Briefe an Berendis gab Goethe heraus in dem bekannten Buche „Winckelmann und sein Jahrhundert, in Briefen und Aufsätzen“, Tübingen 1805, S. 1–160; die Briefe an die Züricher Freunde (nach den auf der Züricher Stadtbibliothek aufbewahrten Originalen) Hugo Blümner (Freiburg i. B. und Tübingen 1882). Handschriftlicher Nachlaß (mehrfach benutzt, aber noch nicht gedruckt), zwei Bände auf der Hamburger Stadtbibliothek, ferner 21 Hefte, aus dem Besitze des Cardinals Albani, stammend, auf der Pariser Nationalbibliothek; weitere Papiere auf der École de médecine in Montpellier und voraussichtlich in italienischen Bibliotheken und Archiven. – B. Biographisches: Das Hauptwerk, zugleich eine Gelehrten- und Künstlergeschichte der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts: Carl Justi, Winckelmann, Sein Leben, seine Werke, seine Zeitgenossen, nach gedruckten und handschriftlichen Quellen dargestellt, 2 Bde., Leipzig 1866 und 1872 (Bd. 1 W. in Deutschland, Bd. 2 W. in Italien); Otto Jahn in den „Biographischen Aufsätzen“ (Leipzig 1866), S. 3 ff.; Herder, Denkmal Johann Winckelmann’s, eine ungekrönte Preisschrift aus dem Jahre 1778, nach der Kasseler Handschrift herausgegeben von Albert Duncker (Kassel 1882). Von den Darstellungen aus der Feder von Zeitgenossen ist am bekanntesten die Würdigung von Goethe in dem oben genannten Werke. – Ausführliche bibliographische Nachweise nebst einem ausgezeichneten Abriß von Winckelmann’s Wirken bei Stark, Systematik und Geschichte der Archäologie der Kunst (Handbuch der Archäologie der Kunst Bd. 1), Leipzig 1880, S. 193 ff.