ADB:Reyher, Karl Friedrich Wilhelm von

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Reyher, Karl Friedrich Wilhelm von“ von Bernhard von Poten in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 350–353, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reyher,_Karl_Friedrich_Wilhelm_von&oldid=- (Version vom 21. Juli 2019, 17:55 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Reyger, Arnold von
Nächster>>>
Reyher, Samuel
Band 28 (1889), S. 350–353 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Karl von Reyher in der Wikipedia
GND-Nummer 119180510
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Kopiervorlage  
* {{ADB|28|350|353|Reyher, Karl Friedrich Wilhelm von|Bernhard von Poten|ADB:Reyher, Karl Friedrich Wilhelm von}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=119180510}}    

Reyher: Karl Friedrich Wilhelm (von) R., königlich preußischer General der Cavallerie und Chef des Generalstabes, wurde am 21. Juni 1786 in Groß-Schönbeck bei Liebenwalde in der Mark geboren, wo sein Vater Cantor und Organist war. Nachdem er den Unterricht desselben in der Dorfschule genossen hatte, verließ er schon im dreizehnten Lebensjahre das elterliche Haus, um zunächst auf einem benachbarten Amte zum Amtsschreiber, also für eine landwirthschaftliche Thätigkeit, ausgebildet zu werden: am 20. Mai 1802 wurde er Soldat, indem er freiwillig bei dem in Berlin garnisonirenden Infanterieregiment des General v. Winning in den Dienst trat. Seine ansehnliche, stattliche Persönlichkeit, sein gewinnendes Aeußere, seine Gewandtheit im Verkehr, seine geselligen Eigenschaften und seine musikalische Begabung verschafften ihm schon damals zahlreiche Gönner und Freunde und eröffneten ihm den Zutritt in Kreise, von denen der gemeine Soldat sonst ausgeschlossen war; seine schöne Handschrift und seine Fertigkeit im Rechnen bewirkten, daß er bald nach seinem Eintritt in den Dienst Regimentschreiber wurde. Mit Eifer lag er seiner geistigen Weiterbildung ob. Als 1805 Krieg mit Frankreich in Aussicht stand, war er Unterofficier; als solcher machte er die Mobilmachung dieses Jahres und den Krieg des folgenden mit; während der Schlachten vom 14. October 1806 war er zur Bagage commandirt; nachdem durch die erlittene Niederlage das Heer aufgelöst war, ging er zu Schill nach Pommern. Am 9. August 1807 traf er bei diesem ein, ward sofort zum Feldwebel ernannt, als „Secretär“ zum Stabe seines Chefs befehligt und trat demnächst als Wachtmeister und Regimentsschreiber zum 2. Brandenburgischen Husarenregiment über, dessen Commando Schill 1808 erhielt. Mit diesem machte er im Frühjahr 1809 den Zug nach Stralsund, wo er verwundet wurde, mit, entging der Gefangenschaft und ward mit dem Rest der Schill’schen Cavallerie dem westpreußischen Ulanenregiment zugetheilt, dessen Stabsgarnison das Städtchen Konitz war. Damals sah ihn General v. Yorck und sagte, befriedigt durch die Antworten, welche R. ihm auf seine Frage nach den Verhältnissen jener Abtheilung gab, zu seinem Adjutanten: „Dieser Wachtmeister R. ist mir lieber als das ganze Detachement.“ In dem neuen Verhältnisse wurde sein langjähriger Chef, der damalige Major v. Katzeler, zuerst sein Vorgesetzter. Es war die Zeit, wo die neue Ordnung der Dinge einem Jeden, welcher die nöthigen Kenntnisse und Bildung besaß, den Weg zu den Epauletten eröffnet hatte. Als einen Mann, der solcher Beförderung würdig sei, bezeichnete die allgemeine Stimme im Officiercorps bald den Wachtmeister R., Katzeler war damit um so mehr einverstanden, als er die Absicht hatte, ihm dann den freiwerdenden Adjutantenposten zu übertragen. Dazu mußte aber R. [351] zunächst das Officiersexamen machen. Nachdem er dies bestanden hatte, wurde er unter dem 13. Juli 1810 zum Secondlieutenant ernannt. Die Fürsorge seines Commandeurs und seiner Kameraden stand ihm bei der Beschaffung seiner Ausrüstung zur Seite; die Verwendung seines Regiments zu Strandbesetzungen an der Ostsee und die Katzeler aus diesem Anlasse zufallenden umfangreicheren Dienstobliegenheiten führten R. allmählich in größere militärische Verhältnisse ein. Dann ward das Regiment nach Schlesien verlegt. R. war hier bemüht, durch Studium und Unterricht seine Kenntnisse zu vermehren, lebte aber daneben stets in der Geselligkeit der vornehmen Welt fort.

Da kam das Jahr 1813. Katzeler (s. d.) erhielt das Commando der mobilen brandenburgischen Cavallerie und R. ward am 10. März zu seinem Brigadeadjutanten ernannt. Bei Groß-Görschen machte er am 2. Mai seine erste Schlacht mit; Katzeler hebt in seinem Berichte „das brave Benehmen seines Adjutanten“ hervor und durch königliche Cabinetsordre vom 19. jenes Monats ward derselbe für sein Wohlverhalten öffentlich belobt; für Bautzen, wo er Theil an Katzeler’s Lorbeeren und selbst ein demontirtes preußisches Geschütz gerettet hatte, erhielt er seinen ersten Orden, das eiserne Kreuz; der zweite folgte sehr bald, es war der russische Wladimirorden, welchen er für Auszeichnung im Treffen bei Reichenbach am 22. Mai empfing; Katzeler commandirte bei letzterer Gelegenheit eine Nachhut und R. hatte, die gefahrvolle Lage bemerkend, in welcher eine russische Infanterieabtheilung sich befand, preußische Reiterei zu deren Rettung herangerufen und zu letzterer auch im Gefechte beigetragen. Als während des Waffenstillstandes die schlesische Armee neugebildet wurde, kam Katzeler’s Brigade zu dem Armeecorps Yorck’s, welchem bei der vielfachen Thätigkeit jener Armee der Haupttheil der Arbeit zufiel, und Yorck wiederum übertrug Katzeler die Führung seiner Avantgarde, meist 6000–8000 Mann stark, eine Aufgabe, bei deren Lösung diesem R. als einziger Adjutant zur Seite stand. Sie war um so schwieriger und mühevoller für R., als Katzeler im Sattel und angesichts des Feindes ihr freilich vollständig gewachsen war, übrigens aber Alles seinem bewährten Adjutanten überließ. als R. einige Tage krank war, meldete Katzeler am 7. September an Yorck: „Das Unglück will, daß mein einziger Adjutant krank geworden ist … Es ist mir nun unmöglich, Alles, was mir obliegt, mit Schnelle und Pünktlichkeit zu besorgen …“ Um ihn zu ersetzen, bat er um Zusendung des Oberstlieutenants v. Valentini oder eines anderen geeigneten Officiers. Für Auszeichnung in der Schlacht an der Katzbach war R. zum Premierlieutenant vorgeschlagen; Blücher, welchem dieser bereits persönlich bekannt war, erkundigte sich eingehend nach „Katzeler’s gewandtem Adjutanten“. Als Katzeler bei Möckern verwundet war, trat R. für eine Zeit lang zu Yorck’s eigenem Stabe über; als jener genesen am Rheine wieder bei den Seinen eintraf, übernahm R. seinen Dienst bei ihm von neuem und zwar, als Katzeler General geworden war, als Generaladjutant, den weißen Leibrock mit grünem Sammetkragen und den Federhut gegen die Ulanka und Czapka eintauschend. Im Verlaufe des Feldzuges hatte er vier Schlachten und elf bedeutender Gefechte mitgemacht.

In derselben Weise ging es im J. 1814 über den Rhein und in Frankreich heinein; York’s Corps war immer am Feinde und im Kampfe mit demselben und Katzeler’s Avantgarde dem Corps voran. Katzeler mußte seine Truppe krankheitshalber zweimal auf kurze Zeit verlassen, aber R. war immer bei derselben gegenwärtig, stets umsichtig, gewandt und brav. Mehrfach wurden seine Pferde getroffen, er selbst blieb unverletzt. Von seinem persönlichen Ergehen erzählen Briefe an seinen Vater, in zärtlicher Kindesliebe blieb er mit seinen Eltern und Verwandten in steter Verbindung, und freigebig wandte er seinen [352] Geschwistern von seinen nach und nach reichlicher werdenden Mitteln zu; die Briefe, welche er in die Heimath schrieb, legen beredtes Zeugniß ab für seinen vortrefflichen Charakter. Für Auszeichnung im Treffen bei La Chaussee ward er Premierlieutenant, alle dort thätig gewesenen Regimentscommandeure hatten in ihren Gefechtsberichten seiner lobend Erwähnung gethan; die betreffende Cabinetsordre vom 31. Mai bemerkte ausdrücklich, daß seine Beförderung nicht auf Grund seines Dienstalters, sondern wegen seines ausgezeichneten Benehmens erfolge; die Einnahme von Paris trug ihm das eiserne Kreuz erster Klasse ein, welches für den Feldzug jenseits des Rheins nur sieben Lieutenants empfingen.

Nach Beendigung des Krieges wählte Yorck, welcher zum commandirenden General in Schlesien ernannt war, ihn zu seinem Adjutanten und bewirkte am 8. October seine Ernennung zum Stabsrittmeister. Als aber der Krieg im J. 1815 von neuem entbrannte und Yorck zurückbleiben mußte, ward R. in den Generalstab versetzt. Damals nahm er Yorck’s ältesten Sohn mit, welcher am 6. Juli an seinen bei Versailles als brandenburgischer Husar unter Sohr erhaltenen Wunden starb. R. selbst kam zur Brigade des aus sächsischen Diensten in preußische übergetretenen Generals v. Ryssel I, dem Armeecorps des Generals Graf Bülow v. Dennewitz angehörig. Der Feldzug begründete fest seinen Ruf als gewandter Generalstabsofficier; die Art und Weise, wie er sich eines ihm gewordenen schwierigen Auftrages zur Beobachtung der Maßnahmen Grouchy’s nach der Schlacht bei Ligny entledigte, gab seinem Brigadechef gegründete Veranlassung, ihn wieder zu einer königlichen Belohnung zu empfehlen. Dazu kam erneute Auszeichnung im Treffen bei Wawre und die Folge davon war seine im October erfolgende Beförderung zum Major; laut königlicher Ordre vom 2. jenes Monats geschah sie ausdrücklich als Belohnung für jenes Treffen. R. durfte jetzt schon darauf rechnen, nach der Rückkehr aus dem Kriege zum Commandeur eines Cavallerieregiments ernannt zu werden, während er vor Jahresfrist seine Augen nur bis zur Stellung eines Schwadronchefs erhoben hatte. „Mein Avancement ist in der That beispiellos in der Armee. Vor vierzehn Monaten war ich noch einer der jüngsten Secondlieutenants im Regiment und heute schon Major! Die Folgen diese Sprunges sind nicht zu berechnen.“ Bei aller Bescheidenheit war er nicht ohne Ehrgeiz, er dachte schon daran, dereinst General zu werden. Vor allem hoffte er jetzt seine Eltern wiederzusehen.

Daraus ward aber für das Erste nichts. Er war bestimmt, mit seinem General v. Ryssel bei den in Frankreich zurückzulassenden Truppen zu verbleiben. Hier gewann er durch seine Friedensthätigkeit dieselbe hohe Anerkennung, welche seine kriegerische Leistungen gefunden hatten. General v. Reiche, Chef des Generalstabes des Generals v. Zieten, welcher die preußischen Truppen in Frankreich befehligte, sprach sich sehr lobend über die unter Reyher’s Leitung gefertigten Aufnahmen und Recognoscirungsberichte aus und sehr günstig ward seine Thätigkeit als Director und Lehrer der in Stenay, dem Brigadestabsquartierorte, errichteten Feldkriegsschule, an welcher er Taktik, Strategie und Waffenlehre vortrug, beurtheilt. Daneben studirte er selbst fleißig, und die großartigen äußeren Verhältnisse, mit welchen seine Stellung ihn mannigfach in Berührung brachte, wirkten vorteilhaft auf seine weltmännische Bildung ein. Als im J. 1818 das Besatzungsheer aus Frankreich zurückgezogen wurde, kam R. mit dem zum Commandeur der 12. Division ernannten General v. Ryssel zunächst nach Neisse, aber schon im folgenden Jahre ward er zum Generalcommando des ersten Armeecorps nach Königsberg in Preußen versetzt. Wieder dachte er an das Commando eines Reiterregiments, aber mit Rücksicht auf den Ruf, dessen er als praktischer [353] Officier genoß, ward er im Generalstabe zurückbehalten und ist nie wieder in die Truppe zurückgekehrt. 1820 verheirathete er sich zu Königsberg mit der Tochter des Regierungspräsidenten v. Baumann, 1823 trat er zu dem durch Müffling neugebildeten Großen Generalstabe in Berlin über. 1824 kehrte er als Chef des Generalstabes des VI. Armeecorps, dessen Commando General Graf Zieten zu Breslau inne hatte, nach Schlesien zurück; im nämlichen Jahre war Königsmanöver, bei welchem er sich ebenso bewährte wie bei dessen Wiederholung im J. 1828, wo Zieten’s glänzende Empfehlung Veranlassung war, daß ihm der Adel verliehen wurde. Als im J. 1830 die Julirevolution die Möglichkeit des Eintretens kriegerischer Zwischenfälle in den Vordergrund rückte, wurde R. in seiner bisherigen Eigenschaft dem Prinzen Wilhelm (später Kaiser Wilhelm I.) an die Seite gegeben, welcher damals das III. Armeecorps commandirte; als der Prinz dieses Commando 1837 mit dem des Gardecorps vertauscht hatte, ward auch R. zu diesem versetzt. Die Vorschriften, welche er in dieser Zeit für die Friedensübungen entworfen hatte, fanden im ganzen Heere Eingang. Bis zum Jahre 1840 blieb er in dieser Stellung, dann vertauschte er sei mit einer noch wichtigeren, indem er Chef des allgemeinen Kriegsdepartements im Kriegsministerium wurde, wo während seiner Amtsführung eine große Reihe hochwichtiger Fragen zum Austrage kam. Am 1. April 1848 übernahm er an Rohr’s Stelle einstweilen jenes Ministerium selbst; seine erste Thätigkeit bestand darin, Truppen nach Berlin zurückzuführen und die Hauptstadt wieder militärisch besetzen zu lassen. Am 1. Mai gab er das Portefeuille an den General v. Canitz ab. In der nämlichen Zeit war der Posten eines Chefs des Generalstabes der Armee neu zu besetzen. Die Wahl fiel auf R. Damals kennzeichnete ihn ein dem König Friedrich Wilhelm IV. besonders nahestehender General mit nachstehenden Worten: „General v. R., der Sohn eines schlichten Landschullehrers, ein kühner Kämpfer unter Schill, als Adjutant der Avantgarde Yorck’s immer der nächste am Feinde, ein leuchtendes Vorbild militärischer Tüchtigkeit, dann viele Jahre lang Chef des Generalstabes eines Armeecorps, mit vielen gründlichen Kenntnissen und mit der Gabe ausgerüstet, im Felde ebenso praktisch zu sein, als sich mit Vorgesetzten und Untergebenen leicht zu verständigen. Später in seiner hohen Stellung im Kriegsministerium mit der Heeresverfassung in ihren Vorzügen und Mängeln auf das Genaueste vertraut, nicht minder orientirt in Kriegsgeschichte. Ein Mann unbescholtenen Wandels, mit leichter Fassungsgabe – vielleicht zu bescheiden, um in gewöhnlichen Verhältnissen seine Ueberzeugung geltend zu machen; ich hoffe, dies jedoch nur im Salon – und ist das der Fall dann ist er gewiß zum Chef des Generalstabes der Armee ganz geeignet.“ Am 13. Mai 1848 ward ihm die Stellung zu Theil. Er hat sie bis zu seinem am 7. October 1857 zu Berlin erfolgten Tode innegehabt. Die im J. 1852 erfolgte Neuformation des Generalstabes und die weitere Ausbildung und Förderung der Generalstabsübungsreisen sind die hauptsächlichsten äußeren Spuren seiner Thätigkeit in derselben gewesen. Von 1848–1850 stand er daneben vorübergehend an der Spitze des Militärerziehungs- und Bildungswesens; auch der zweiten Kammer gehörte er als Abgeordneter an, ohne jedoch am parlamentarischen Leben Geschmack zu finden. Er starb, ohne Söhne zu hinterlassen.

Beihefte zum Militär-Wochenblatt, September 1860 bis Mai 1861; 5.–8. Heft 1869; 1.–4. Heft 1870; 3. und 6. Heft 1873; 3.–4., 7. bis 8. Heft 1874; 3.–4. Heft 1875; 7.–8. Heft 1876 vom General v. Ollech: eine sehr eingehende Schilderung der Verhältnisse, unter denen R. gewirkt, und der Ereignisse, an denen er theilgenommen hat.