ADB:Roß, Karl

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Artikel „Roß, Karl“ von Lionel von Donop in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 29 (1889), S. 243–246, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ro%C3%9F,_Karl&oldid=- (Version vom 14. Oktober 2019, 01:24 Uhr UTC)
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Roß: Karl R., von den Seinigen gewöhnlich Charles benannt, einer der angesehensten Künstler in Holstein, wurde am 18. November 1816 auf dem Hofe Altekoppel im Kirchspiel Bornhöved, einige Meilen südlich von Kiel, geboren. Seine Eltern waren Juliane Auguste geb. Remien und Colin R., dessen Vorfahren aus Schottland stammten. In bescheidenen Verhältnissen wuchs das Kind auf dem anmuthig gelegenen Gute heran. Die Waldeinsamkeit des Ortes weckte die Phantasie des Knaben und beeinflußte sein Gemüthsleben. Er hing an seiner Heimath mit der Liebe eines treuen Sohnes und kehrte aus weiter Ferne mit Sehnsucht nach dem kleinen Altekoppel zurück, so oft er krank oder ermüdet der Pflege seiner Mutter und des stillen, heimathlichen Friedens bedürftig war. Unter der Aufsicht der Eltern und im Kreise von zehn theils jüngeren, theils älteren Geschwistern machte er frühzeitig Versuche im Zeichnen. Mit 16 Jahren confirmirt, mußte er, wenngleich von zarter Gesundheit, für sich selbst sorgen.

Er begab sich im J. 1832 nach Kopenhagen in die Lehre des Stubenmalers Runge. Durch unermüdlichen Fleiß stieg er indeß aus der Sphäre des Handwerks zur Kunstthätigkeit empor. In seinen Mußestunden besuchte er die Akademie und verstand, sich das Wohlwollen der Professoren L. Lund und W. Eckersberg zu erwerben. Nach Ablauf von zwei Jahren angestrengter Studien gewann er den akademischen Preis, der ihn zugleich vom Militärdienste befreite. Er erfreute sich sogar der Gunst des Erbprinzen, nachmaligen Königs Christian VIII. von Dänemark, der mehrere kleine Oelbilder von ihm erwarb. Damals galt seine Vorliebe der Thiermalerei und er hat auch in dieser Zeit, während eines Besuches bei seiner Schwester in Gravenstein, für den Herzog von Augustenburg Pferde und Hunde gemalt.

Im Sommer 1837 folgte R. einer Einladung seines ältesten Bruders, des bekannten Archäologen Ludwig R., der damals Professor in Athen war, nach [244] Griechenland. Nachdem er zuvor in Heidelberg und im bairischen Hochlande Naturstudien gemalt, traf er im September d. J. in Athen ein. Der zweijährige Aufenthalt in Griechenland wirkte auf seine künstlerische Entwicklung segensreich ein. Bald erwachte in ihm der Sinn für die Schönheit hellenischer Landschaft, für die Pracht der Berge und des Meeres, so daß er sich nunmehr völlig ihren Darstellungen widmete. Er bereiste in der Folge das Land und die umliegenden Inseln und ließ sich trotz heftiger Fieberanfälle in seinem Schaffen nicht hemmen. Mit dem Baron A. Fr. v. Schack verweilte R. auch in Sparta, um die an Naturschönheit reiche Gegend für Zeichnungen und Farbenskizzen auszubeuten. Sie unternahmen Beide nicht ganz gefahrlose Ausflüge, über welche Schack in seinem Buche „Meine Gemäldesammlung“ anziehend plaudert. R. begleitete den Freund von Athen aus auch nach Smyrna, Magnesia und Ephesus. In jenen Tagen malte R. vorzugsweise die Landschaften von Athen, das blühende Naxos und das Gebirgsthal von Sparta. Durch seinen Verkehr im Kreise vornehmer und hervorragender Menschen legte er den Grund zu seiner vorzüglichen Geistesbildung, welche durch Beharrlichkeit und eigene Kraft stetig wuchs. Wiewohl das schöne Hellas als Wiege aller Kunst und Gesittung das Heimathland seiner Kunstideale blieb, so konnte er doch auf die Dauer unter dem Einflusse des angreifenden Klimas und um des Verkaufes seiner Bilder willen dort nicht ausharren.

R. kehrte im August 1839 nach Deutschland zurück, um in München und im bairischen Gebirge fleißig Studien zu betreiben. Im Sommer 1842 begab er sich wieder in seine Heimath und von dort mit seinem mittlerweile aus Athen zurückgekehrten Bruder Ludwig, im November über München nach Rom, wo er ein Jahr verblieb. Der Aufenthalt in der ewigen Stadt wurde für seine künstlerische Richtung und Thätigkeit entscheidend. Hier fand er die Schönheit in den Formen der Landschaft wieder, die den ersten in Griechenland gewonnenen Eindrücken wahlverwandt erschienen. Er gewann zugleich den Ernst und die Größe der Anschauung, die seine Werke aus gereifter Zeit charakterisiren, indem er die Kunst als vergeistigende Nachschöpferin der Natur ausübte. In Rom befreundete sich R. namentlich mit dem Landschaftsmaler E. Willers und mit dem Historienmaler K. Rahl, dessen geistvolles Porträt unseres R. hier zu nennen ist. Dort bot sich ihm auch die günstigste Gelegenheit, durch das Studium großer Vorbilder sein allgemeines Kunsturtheil zu schärfen. Vom Fieber aufs neue heimgesucht, sah er sich genöthigt, Rom zu verlassen. Er zog sich für längere Zeit auf das väterliche Gut zurück. In der Heimath mit ihren waldumsäumten Seen und den lauschigen Durchblicken auf das Meer fand er herrliche Motive für eine Anzahl von Bildern, welche zumeist in den Schlössern des holsteinischen Adels Aufnahme fanden.

Im Winter 1845 begab sich R. auf einige Monate nach Paris, wo er zwar die fortgeschrittene Technik der französischen Künstler lebhaft bewunderte, ihre Compositionen jedoch weniger schätzte. Im Januar 1847 schloß er seinen beglückenden Ehebund mit seiner Schülerin Helene Abendroth aus Hamburg, die er vier Jahre früher in Rom kennen gelernt hatte.

Die Ereignisse des Jahres 1848 entrissen ihn bald der friedlichen Ruhe. Als edler und warmherziger Patriot beklagte R. aufs tiefste, daß sein Vaterland unter dem Joch der Fremdherrschaft stand. Von dem Prinzen Friedrich von Holstein und dem Grafen Fritz Reventlow als ein fester, zuverlässiger Charakter geschätzt, wurde R. nach Begründung der provisorischen Regierung am 24. März d. J. nach Berlin gesandt, um dem Herzoge von Augustenburg über die Vorgänge in Kiel Bericht zu erstatten, die Anerkennung der neuen Zustände zu erwirken und den König von Preußen um Hülfstruppen zu bitten. Thatkräftig [245] betheiligte er sich im April an den Treffen bei Schleswig und Flensburg. Doch der unglückliche Verlauf des mit größter Begeisterung geführten Kampfes bestimmte ihn, sich mit anderen Gesinnungsgenossen alsbald ins Privatleben zurückzuziehen. Er ging mit seiner Frau nach München und ins Gebirge, dann im Winter von 1850–51 nach Rom, worauf er, bis auf kleine gelegentliche Reisen ins Gebirge, an den Rhein und in die Heimath, seinen bleibenden Wohnsitz wiederum in München nahm. Hier lebte er im stillen Glück seiner Familie und entfaltete zugleich mit Energie eine reiche Thätigkeit, die ihm in kunstgesinnten Kreisen eine angesehene Stellung sicherte. Innig befreundet mit den bewährtesten Männern der Wissenschaft und Kunst benutzte er jede Gelegenheit, seinen Schatz an Kenntnissen und Erfahrungen im Bereiche der Kunst zu mehren. Mit dem Eifer eines hochsinnigen Charakters war er stets in selbstaufopfernder Weise für das Wohl Anderer bedacht und zur Förderung alles Guten und Schönen bereit. Es soll unvergessen bleiben, daß er seinem geliebten Freunde B. Genelli in dessen sorgenvollsten Zeiten hülfreich zur Seite stand. Er war es auch, der den Genius des verkannten Meisters zu ehren verstand, indem er ihn dem Baron v. Schack als einem werkthätigen Gönner zuführte und den ersten Auftrag zu dem Gemälde „Raub der Europa“ vermittelte. Ebenso hat sich R. um die Förderung seines Freundes K. Rahl ein wesentliches Verdienst erworben.

Als ausübender Künstler verfolgte R. die Richtung der sogenannten classischen Landschaft, welche von Claude Lorrain und Poussin ihren Ausgang genommen. Unter allen Landschaftsmalern seiner Zeit galt ihm Rottmann, den er in München kennen gelernt, als der vornehmste. Im Anschluß an diesen Meister erstrebte R. eine Charakteristik der Landschaft durch stilisirenden Ausdruck der Massen und ging dabei, unbekümmert um den Beifall und die Mode des Tages, von einer poetischen Naturauffassung aus. In seinen Bildern waltet Klarheit der Darstellung, jede einzelne Form gelangt zu ihrem Rechte, wenngleich mehr im typischen, als individuellen Sinne. Er lebte und kämpfte für seine hohen Ziele in der Kunst und war bemüht, in seinen Werken eine persönliche Empfindung und Seele zu offenbaren. Seine Landschaften aus Griechenland und Italien, seine Tempelruinen im Süden und die Schilderungen von Waldinneren seiner nordischen Heimath zeugen von idealer Anschauung der Natur.

Als Frucht einer langjährigen Beschäftigung mit der griechischen Landschaft sei zunächst „Das Thal des Eurotas mit dem Taygetos“ (1845) erwähnt, eine wahrhaft künstlerische Nachbildung der Natur. Der glänzende Erfolg, den er mit seinem Bilde „Naxos“ auf der großen Pariser Ausstellung von 1855 davontrug, hatte auf die freiere Entwicklung seines Talentes die günstigste Einwirkung. Seine Herrschaft über die Mittel der Technik bewährte sich immer zutreffender. 1855 entstand die „Mondnacht am Cap Sunium mit Ruinen des Minervatempels“, im folgenden Jahre die schöne in der Schack-Galerie zu München befindliche „Ansicht der Grotte und des Hains der Nymphe Egeria bei Rom“, ausgezeichnet durch tiefe und poetische Naturauffassung. In seinem großen und prächtigen Bilde „Der Tempel von Phigalia in Arkadien“ (1858 unvollendet) war er mit Glück bestrebt, die historische Landschaft der Aelteren mit dem naturalistischen Zuge der Neueren zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden.

Sein „Buchenwald“, eine Zierde in der Kieler Galerie, ist durch den Kupferstich vervielfältigt und vom schleswig-holsteinischen Kunstverein an seine Mitglieder vertheilt. Eins seiner letzten Bilder, eine holsteinische Waldpartie, die eine [246] heimathlich wohlthuende Stimmung athmet, ist der Stadt Kiel vom Künstler als Geschenk überwiesen.

In voller Blüthe seiner Künstlerkraft entschlief R. nach wiederholten Krankheitsanfällen am 5. Februar 1858 zu München, kaum 42 Jahre alt an den Folgen des Typhus. Seinem Wunsche gemäß wurde seine sterbliche Hülle nach Holstein gebracht und auf dem Friedhofe zu Bornhöved beigesetzt. H. Lingg widmete dem trefflichen, reichbegabten Künstler und dem edelsinnigen Manne und Patrioten einen warmen, poetischen Nachruf. Sein Leben ist ein lauteres Beispiel, das der Nachwelt zeigt, wie guter Wille und Energie durch alle Hindernisse Bahn zu brechen vermag.

Vgl. Kieler Wochenblatt 1846, Nr. 148. – Neue Münchener Zeitung 1858, Nr. 68. – Beil. z. Allg. Zeitung 1858, 3./4. März, Nr. 62, 63. – Deutsches Kunstblatt, Februar 1858. – Jahrbücher für die Landeskunde der Herzogthümer Schleswig-Holstein und Lauenburg, Bd. I, H. 1 (1858): Karl Roß, Ein Nekrolog von Prof. Ludwig Roß in Halle.