ADB:Rock, Johann Friedrich

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Artikel „Rock, Johann Friedrich“ von Theodor Schott in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 735–737, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rock,_Johann_Friedrich&oldid=- (Version vom 19. September 2019, 00:58 Uhr UTC)
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Rock: Johann Friedrich R., Separatist und Inspirirter, wurde geboren am 5. November 1678 zu Oberwälden, O.-A. Göppingen (Württemberg) und starb am 2. März 1749 in Gelnhausen bei Hanau. Die wackere gebildete Pfarrfamilie, der er entstammte, war in dürftigen Umständen und bestimmte ihn, obgleich er der Liebling seines Vaters war, zu einem Handwerk; er wurde Sattler, 1696–1702 ging er auf die Wanderschaft, war längere Zeit in Baden und dem Elsaß, kam aber auch bis nach Halle und Berlin; auch in seiner späteren Zeit als Haupt der Inspirirten blieb er seinem Handwerk getreu und verdiente seinen bescheidenen Unterhalt durch dasselbe. 1702 kehrte er nach Stuttgart zurück. Von Kindheit an hatte er, wie er selbst erzählt, ein starkes Bewußtsein der Sündhaftigkeit, nahm sich auch in der versuchungsvollen Wanderzeit vor groben Sünden und Lastern möglichst in Acht, ohne stets den Anforderungen seines Gewissens Genüge leisten zu können; in Halle lernte er den Pietismus kennen, ohne sich aber demselben anzuschließen, eine schwere Krankheit, welche er in Berlin überstand, die Bewahrung vor Werbern, vor welchen er große Furcht hatte, führten ihm zu dem Entschluß, sein Leben ganz Gott zu weihen. Er begann ein strenges Leben, enthielt sich von allen irdischen Genüssen und Lüsten, trat aber auch sehr bald strafend gegen Mißbräuche auf, welche er in seiner Zunft, sowie in der Landeskirche vorstand; er wurde deshalb aus der Zunft gestoßen und verarmte so sehr, daß er selbst seine Bibel verkaufen mußte; an der Landeskirche tadelte er besonders das zuchtlose Abendmahlgeben, hielt ihren Zustand überhaupt für sehr verdorben und trennte sich innerlich und äußerlich immer mehr von ihr. In dem religiösen Regungen stets sehr zugänglichen Württemberg hatte der Pietismus damals zahlreiche Anhänger gefunden, separatistische und chiliastische Neigungen waren auch vorhanden; das Generalrescript vom 2. März 1707 verbot die Privatversammlungen und kündigte den Separatisten an, daß sie bei hartnäckigem Betragen „ausgeschafft“ werden sollen. R., der wegen Umfangs mit Pietisten schon im Gefängniß gesessen, schloß sich an den ihm geistesverwandten Pfarrer Eberhard Ludwig Gruber von Großbottwar an, der wegen seiner separatistischen und mystischen Ansichten 1706 abgesetzt worden war, und wanderte mit ihm und einer größeren Anzahl gleichgesinnter Landsleute 1707 in das Isenburgische, wo er sich mit seiner verwittweten Mutter in Himbach bei Hanau niederließ und als gräflich marienbornischer Hofsattler seinem Handwerk und seinen religiösen Neigungen lebte. Ein abgesagter Gegner der Ehe hätte er sich gern, wie manche andere Schwärmer damals, in die Einsamkeit zurückgezogen, aber aus Liebe zu seiner Mutter gab er dies auf. Schon damals genoß er unter den „Erweckten“ bürgerlichen und adeligen Standes wegen seiner Bibelkenntniß, seines Ernstes und seines einfachen, tüchtigen Wesens großes Ansehen, dasselbe steigerte sich, als 1714 einige sogenannte „Inspirirte“ (Pott und Diedemann) in diese Gegend kamen. Diese seltsame religiöse Bewegung, welche unter den französischen Protestanten während ihrer grausamen Verfolgung durch Ludwig XIV. (c. 1685 ff.) ihren Anfang genommen und während der Cevennenkriege (1702–4) ihren Höhepunkt erreichte, hatte sich auch [736] über England, die Niederlande und Deutschland ausgedehnt, Gruber und R. wurden ebenfalls davon ergriffen, erkannten die Inspirirten als echt an und wurden hervorragende „Werkzeuge“ der Inspiration. Sie bekamen jene eigenthümlichen convulsivischen Zuckungen des Körpers, welche in den Berichten der Inspirirten jener Zeit stets erwähnt werden, sowie die sog. Aussprachen, d. h. sie fühlten sich zu religiösen Aussprüchen getrieben, welche in langsamer Rede (so daß man nachschreiben konnte, was gewöhnlich geschah) einen Befehl Gottes, eine Ermahnung oder Bußpredigt über ein Land, eine Stadt etc. in biblischer Sprechweise verkündeten. Diese innern Stimmen gaben ihnen auch die Weisungen für ihre Reisen und schrieben ihnen Ziele, die Hauptorte und Personen vor, welche sie besuchen sollten. R. wurde einer der eifrigsten Reiseprediger und war bis zum Jahre 1742, von welchem Zeitpunkt an sich das herannahende Alter geltend machte, beinahe immer auf Reisen; dieselben gingen meistens von der Ronneburg aus, deren halb zusammengefallene Gebäude der Zufluchtsort vieler Inspirirter und wegen ihrer religiösen Ansichten vertriebener Leute geworden waren. Bis nach Schlesien und in die Schweiz dehnten sich Rock’s Reisen aus: 43 mal war er im Wittgensteinischen, 7mal in der Schweiz (z. B. 1720 in Zürich und Bern, 1741 in Bern), 4mal in Sachsen (z. B. 1719 in Halle und Jena), 1723 war er in Breslau, 27mal in Württemberg, „dem Lande“, wie er seine Heimath mit besonderer Bevorzugung nannte, z. B. 1715–30 jedes Jahr mit Ausnahme von 1728; ferner 1736 und 1742; in vielen Dörfern und in manchen Städten Schwabens (Heilbronn, Stuttgart, Calw, Göppingen, Ulm, Memmingen u. s. w.) hatte er Anhänger und Freunde, die er bei seinen Besuchen zu Standhaftigkeit und Treue ermahnte; sehr häufig wurden die Ortsgeistlichen besucht; die freundlichen Besprechungen wechselten mit „Aussprachen“ ab, welche Buß- und Strafpredigten und Ankündigung des kommenden Gerichts enthielten, häufig auch an die Obrigkeit einer Stadt gerichtet waren. Oefters wurden diese Aussprachen schriftliche von R. selbst den davon Betroffenen übergeben. Daß Conflicte mit der Polizei nicht ausblieben, liegt auf der Hand, die Aussprachen auf dem Felde, in Privat- und Wirthshäusern verursachten häufig einen Volksauflauf, erregten Aergerniß; kurze Gefängnißstrafen (1716 in Ulm, 1725 in Stuttgart, 1741 in Bern) und Landesverweisung waren die Folgen von diesem Treiben. Am 11. Decbr. 1728 starb Gruber (I), seitdem war R. noch das einzige „Werkzeug“ der Inspirirten. Ihre Gemeinden wurden durch Auswanderungen nach Amerika (seit 1726), nach Neuwied (1739) geschwächt, manche Mitglieder schlossen sich an die Herrnhuter an. Zinzendorf, der im Looswerfen auch ein höchst zweifelhaftes Orakel begünstigte, hatte am 24. Sept. 1730 R. in Himbach besucht und eine Stütze an ihm gesucht; so verwandt die Bestrebungen der beiden Männer in manchen Hinsichten waren, eine völlige innere Uebereinstimmung fand nicht statt. Zinzendorf tadelte Rock’s Separatismus, seine Verachtung von Taufe und Abendmahl, R. tadelte manches an Zinzendorf’s Treiben und warf ihm Unlauterkeit vor; schon 1731 war ihr Briefwechsel ziemlich herb, 1732 bei einem Besuche Rock’s in Herrnhut trat eine Versöhnung ein. 1734 wurden die Briefe wieder schärfer. Zinzendorf sprach sich tadelnd über Rock’s Inspiration aus. Am 5. Juli 1736 sahen sie sich zum letztenmal und einige Wochen nachher schrieb Zinzendorf einen Absagebrief an R.; häßliche persönliche Vorwürfe folgten darauf. – 1736 mußte sich R. vor dem Marienborner Gericht rechtfertigen, ohne daß er mit einer Strafe belegt wurde. 1741 mußte er Himbach verlassen und fand in Gelnhausen eine Zufluchtsstätte; seit 1748 kränkelte er, war auch schmerzlich berührt von der Geistesabnahme in den Gemeinden; ein auszehrendes Fieber machte am 2. März 1749 seinem Leben in Gelnhausen ein Ende. – Der eigenthümliche Schwärmer, der eine große Demuth [737] und Geduld mit ebensoviel Eigensinn verband und dessen musterhafter Lebenswandel und tiefer Ernst auch auf solche Eindruck machte, welche seine Inspiration nicht anerkannten, erregte während seines Lebens großes Aufsehen, weit über das protestantische südwestliche Deutschland hinaus; er erhielt unzählige Besuche, stand auch mit den bedeutendsten Zeitgenossen: Bengel, Oetinger, Tersteegen, Jung-Stilling, Steinhofer in Verbindung. Theologische Bedeutung hat er keine, seine Ansprachen bewegten sich durchaus im Geiste und in den Worten der einfachsten biblischen, besonders der alttestamentlichen Weltanschauung; auch seine religiösen Lieder – er hatte, wie er selbst schreibt „einen offenen Fluß zu reimen und brachte damit seine Zeit vergnüglich zu“ – sind gereimte Prosa; eines derselben ist in das Büdingische Gesangbuch aufgenommen. – Die Quellen über sein Leben sind gesammelt in: Aufrichtige Extracte aus dem Diario der wahren Inspirationsgemeinden, 42 Sammlungen von 1736–1789; Rock’s Aufsätze über sein Leben, sowie seine Tagebücher und Lieder sind hier aufgenommen; mir stand nur Sammlung IV 1739 zu Gebot, ferner die größere, über den Charakter seiner „Aussprachen“ Licht verbreitende Schrift: „Wohl und Wehe so der Geist der wahren Inspiration in den schwäbischen Landen durch J. Fr. R. 1716–1718 ausposaunen lassen“. Eine gründliche, z. Th. auf handschriftl. Material beruhende Schilderung der Inspirationsgemeinden und von Rock’s Leben gibt: Göbel, Geschichte der wahren Inspirationsgemeinden in: Zeitschrift für die historische Theologie, 1854 u. 1855.