ADB:Schnyder von Wartensee, Xaver

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Artikel „Schnyder von Wartensee, Xaver“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 32 (1891), S. 199–202, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schnyder_von_Wartensee,_Xaver&oldid=2506564 (Version vom 24. November 2017, 14:25 Uhr UTC)
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Schnyder v. Wartensee: Xaver S., ein vielseitig begabter Künstler, dem aber eine strenge Zucht des Geistes fehlte und der seine Kräfte durch Herumkosten auf allen Gebieten zersplitterte, bis ihn die Strenge des Schicksals auf ein Gebiet wies, auf dem er dann Anerkennenswerthes leistete. Am 18. April 1786 in Luzern in der Schweiz geboren († am 27. August 1868 in Frankfurt a. M.), verlebte er eine glückliche und ungebundene Jugendzeit. Der Vater, ein Communalbeamter in Luzern (die Mutter und seine Geschwister waren frühzeitig gestorben), war ein wohlhabender Mann, welcher zwar um das Leben seines Sohnes sehr besorgt war, dennoch seinem Thun und Treiben völlige Freiheit ließ. Trotzdem er in allen Fächern die nöthigen Lehrer hielt, so gab er doch dem unsteten Sinne des Knaben nur allzusehr nach, und dem lebhaften Geiste, der leicht begriff und schnell erlernte, war ein strenges schulgerechtes Studium eine Last. Dazu hielt ihn der Vater für körperlich schwächlich und ließ daher seinem Freiheitssinne um so mehr freie Bahn. Schon früh zeigte er eine besondere Vorliebe zur Musik; er spielte etwas Violine, etwas Clavier, Violoncell, später auch noch Contrabaß, versuchte sich auf allerlei Blasinstrumenten, doch kein Instrument wurde gründlich erlernt. Es fehlte auch in dem kleinen Luzern an guten Lehrkräften, dagegen war an Dilettanten kein Mangel, welche das vielseitige Talent des heranreifenden Jünglings bewunderten. In den Liebhaberconcerten war er deshalb bald eine gesuchte Kraft, da er überall aushelfen konnte. Bald saß er als Bratschist, bald als Violoncellist im Orchester, sogar bei den Pauken ließ er sich gebrauchen.

In’s Jünglingsalter eingetreten ließ er sich bei der Miliz anwerben, exercirte, charmirte mit schönen Mädchen, dichtete, war ein Meister in Zauberkunststückchen, ein vortrefflicher Gesellschafter und daher überall ein gern gesehener Gast. Der Vater hielt es nun doch für hohe Zeit, den Sohn für eine Lebensstellung vorzubereiten und überraschte ihn eines Tages (1806) mit der bestimmten Mittheilung, daß er ihm eine Stelle als Volontär in der finanz- und staatswirthschaftlichen Kammer verschafft habe und er dieselbe gleich anzutreten habe. Zu einer ablehnenden Antwort fehlte jeglicher Grund und ungern fügte er sich in den Willen des Vaters. Acten copieren, Zahlencolumnen addiren und andere trockene Arbeiten zu verrichten, war ein schlechter Tausch mit dem bis dahin ungebundenen Leben. Eine durch Erkältung zugezogene Lungenentzündung warf ihn lange auf’s Krankenlager; wieder genesen, erklärte er dem ängstlichen Vater auf’s bestimmteste, daß nur der Aufenthalt auf dem Bureau ihm geschadet [200] habe und er auf keinen Fall wieder dort eintrete. Der Vater gab nach und Xaver war wieder ein freier Mann, der jetzt besonders eifrig Musik betrieb, componirte, Violoncell und Clavier mit Vorliebe studirte und in den Dilettantenconcerten als Genie bewundert wurde. Trotzdem er bisher keinen musiktheoretischen Unterricht genossen hatte, Luzern besaß eine solche Lehrkraft nicht, versuchte er sich in allen Formen, bis zum Orchestersatze. Da er 1808 Milizofficier geworden war, besuchte er eine Zeit lang die Militärschule und wurde einige Jahre darauf zum Hauptmann befördert, natürlich ohne Gehalt. – Das bessere Ich brach sich aber doch endlich Bahn und er gelangte zu der Erkenntniß, daß er als Componist nur etwas leisten könne unter der Leitung eines tüchtigen Lehrers. Der Vater, mit allem einverstanden, gab gern seine Einwilligung und das nöthige Reisegeld, um in Zürich bei Nägeli, der damals sich des größten Rufes erfreute, sich in der Musik auszubilden. Das war etwa im Jahre 1808. Leider sollten die Wünsche des Sohnes nicht in Erfüllung gehen, denn Nägeli lehnte die Unterweisung wegen Zeitmangels ab und Gersbach, den er als Ersatz vorschlug, war noch an seine Stellung außer Zürich gebunden. Die Zeit verstrich und erst in den letzten 14 Tagen seines Züricher Aufenthaltes konnte ihn Gersbach in die Geheimnisse des Contrapunktes einführen. Erst einige Jahre später, als er 1811 nach Wien ging, holte er bei Kienlen das lange Versäumte nach. Kurz vor seiner Abreise dorthin wurde er Erbe und Besitzer des Stammgutes der Familie Wartensee, doch lange sollte er nicht im Besitze desselben sein. Durch eine unblutige Revolution in Luzern wurde die zeitige Regierung gestürzt und eine andere Partei trat an’s Ruder. Der Vater verlor seine Stellung, ließ sich in gewagte Speculationen ein, verlor sein Vermögen, nahm Hypotheken auf Wartensee auf, bis es so verschuldet war, daß die Gläubiger Beschlag darauf legten. Den Jahresaufenthalt in Wien scheint S. ernstlich benutzt zu haben, sich in den Musikformen zu festigen. Nach Hause zurückgekehrt, wußte er den Vater zu bestimmen, daß er ihm seine längst Auserwählte zur Frau gab. Obgleich der Vater ihm schon bei Zeiten eine reiche Erbin zur Frau ausgesucht hatte, sah er doch ein, daß er gegen den Willen seines Sohnes nichts ausrichten könne. Am 1. August 1814 war die Hochzeit und das junge Paar richtete sich auf Wartensee häuslich ein, nicht ahnend, daß der Besitz so verschuldet war und über kurz oder lang in andere Hände übergehen müsse. Als die Katastrophe (1816) hereinbrach, zeigte sich aber Schnyder’s selbständiger und fester Charakter. Er, der nie um’s tägliche Brot bis dahin zu sorgen hatte, stand mit einem Schlage vor der Nothwendigkeit, Geld zu erwerben. Allbeliebt, wie er in der Schweiz war, aus gutem alten Hause, fand er bald in Yferten (Yverdon) an der Pestalozzi’schen Schulanstalt eine Stelle als Gesanglehrer und Musikdirector mit 100 Louisdor Gehalt. S. hatte sich bis dahin weder um Gesangunterricht noch Pädagogik gekümmert und trat völlig unvorbereitet in sein Amt ein, nur unterstützt durch Nägeli’s Gesangbildungslehre nach Pestalozzi’schen Grundsätzen, die er, wie er in seiner Selbstbiographie schreibt, auswendig lernte, wie ein orthodoxer Pfarrer die Bibel. In Freiburg, wo sich die schweizerische Musikgesellschaft für 1816 versammelte, traf er Nägeli, der Präsident der Gesellschaft war, und suchte Rath und Hülfe bei ihm, doch Nägeli wich jeder Auseinandersetzung aus und verwies ihn nur auf sein eigenes Talent und Können, so daß S. den Eindruck empfing, Nägeli selbst sei mit den in seiner Gesangschule niedergelegten Lehren nicht mehr einverstanden. Die oben erwähnte Autobiographie wirft auch sonst noch grelle Streiflichter auf die damalige Zeit und die leitenden Persönlichkeiten, und klärt Verhältnisse auf, die bis dahin in Dunkel gehüllt waren. So z. B. über das Verhältniß zwischen Pestalozzi, Schmid und Niederer, die gemeinsam in Yferten wirkten. – Trotzdem S. den Zwang der Schulstunden [201] und die Ungezogenheiten der Buben hart empfand, harrte er doch tapfer aus, componirte dabei noch fleißig, besonders im Liederfache, und erwarb sich den Ruf eines tüchtigen Lehrers, so daß sich Schüler aus weiter Ferne bei ihm meldeten. Yferten war damals der Sammelpunkt aller Schulmänner und derjenigen, die sich für Schulreformen interessirten, und der Ort war daher stets von Fremden besucht, die sich eine Zeit lang dort aufhielten, um Einsicht in die Schuleinrichtungen zu erhalten. Dieser Umstand kam S. sehr zu statten, und sein geniales Wesen, verbunden mit einer imponirenden äußern Erscheinung, machte ihn zum Gegenstande besonderer Aufmerksamkeit jedes Besuchenden. Er ging daher ungern von Yferten fort, als ihn die veränderten Verhältnisse dazu zwangen, fand aber in Frankfurt a. M. eine ähnliche Stellung an der Töchterschule Engelmann’s, die er im J. 1818 antrat. Hier bricht die Selbstbiographie Schnyder’s ab. Sie umfaßt die Lust- und Wanderjahre seines Lebens. Die nun folgenden 50 Jahre bieten wenig Abwechselung im äußeren Leben, sind aber reich an Arbeit, Mühe und Sorgen. Bald war er in Frankfurt einer der angesehensten Musiklehrer und seine Zeit war von früh bis Abend in Anspruch genommen. Als Componist, auch als Dichter schuf er Kleines und Großes, doch keins seiner Werke, außer einigen Liedern, konnte es weiter als zu einer freundschaftlichen Anerkennung bringen. Er hatte auch mehrere Opern geschrieben. Seinen „Fortunat“ versuchte er vergeblich auf die Bühne zu bringen, so daß er ihn spöttisch bereits zum Infortunat umgetauft hatte. Als er endlich am 2. October 1831 aufgeführt wurde, fand er wohl eine freundliche Aufnahme, doch galt sie mehr dem beliebten Namen als seiner Oper, die nach einigen Wiederholungen wegen leeren Hauses bei Seite gelegt werden mußte. Am 30. August 1827 starb seine geliebte Karoline und mit ihr wich die Freude am Leben von ihm. Um den trostlosen Gemüthszustand zu betäuben, ergriff er jede Gelegenheit, sich durch Arbeiten in der Musik und den verschiedensten Wissenschaften zu beschäftigen. Er widmete sich dem öffentlichen Concertleben, theils als Unternehmer, theils als Dirigent, leitete Vereinssitzungen, schrieb Abhandlungen über Musik, Kritiken in Zeitschriften, man wählte ihn zum Dirigenten von Musikfesten, zum Vorsitzenden von Preisgerichten, er trat in die physicalische Gesellschaft ein und hielt Vorträge, und da ihm die Rede in seltenem Grade zu Gebote stand und die Zuhörer durch das Feuer seiner Beredtsamkeit in Begeisterung versetzte, so bildete er in Frankfurt den Kernpunkt, von dem alle geistige Bewegung ausging. Durch eine sparsame Wirthschaft hatte er sich ein Vermögen erworben und die Sehnsucht nach seinen heimischen Bergen bestimmte ihn, sich am Luzernersee ein Landhaus zu bauen, wohin er im J. 1844 ganz übersiedelte. Hier fand er seine zweite Lebensgefährtin, Josephine Jahn aus St. Gallen, und durch die Verbindung mit ihr trat wieder Ruhe und Zufriedenheit bei ihm ein. Sie war eine vortreffliche Clavierspielerin und neuer Lebensmuth zog ihn nach Frankfurt, wo er bis an sein Lebensende verblieb. Ein treffliches Urtheil über S. legte Ferd. Hiller in seinen Erinnerungsblättern (Köln 1884, S. 99) nieder. Er sagt dort: Sein Clavierspiel war gering, in der Composition dagegen hatte er die gewissenhaftesten Studien gemacht und sich eine bedeutende contrapunktische Fertigkeit in den schwierigsten Formen erworben. Die oben schon erwähnte Selbstbiographie bringt z. B. als Beilage einen zweistimmigen Tonsatz für Violine und Violoncell, einstimmig notirt, in dem die Violine vorwärts und das Violoncell rückwärts zu lesen ist. Bei der Ausführung des Satzes ist von der Künstlichkeit der Composition nichts zu bemerken und jede Stimme geht in behender Selbständigkeit ihren eigenen Weg und erzeugt einen wohlklingenden Eindruck. Hiller fährt dann fort: Seine Neigung zum Scharfsinnig-Combinatorischen führte ihn nur allzu künstlichen Aufgaben zu, [202] und da er eigentlich nicht schöpferisch begabt war, zeichneten sich seine Compositionen mehr durch die Verbindung als durch die Erfindung der melodischen Gedanken aus. Sein Ruf als Lehrer hatte sich weit verbreitet – aus England und Amerika kamen junge Leute, um bei ihm zu studiren. Unter seinen deutschen Schülern ist J. Rosenhain wohl der bedeutendste und bekannteste geworden. Was S. Allen, die ihm näher kamen, lieb und verehrungswerth machen mußte, war die geistvolle Frische seines Wesens, die Höhe seiner Kunstanschauungen, die Wärme und Lebendigkeit, mit der er allem entgegenkam, was irgend die Theilnahme eines echten Mannes hervorrufen konnte. Schon sein Aeußeres imponirte. Sehr groß und stark gebaut, wie man sich einen Vierwaldstetter Mann denken mag, trugen seine Züge den Ausdruck des Frohsinns, der Güte und Gescheidheit – aus seinen klaren Blicken zuckte nicht selten witzige Schlauheit hervor. Eigenthümlich wirkte seine Rede, da er das beste Deutsch mit dem stärksten schweizerischen Accent versetzte. Stets lebhaft und anregend, wurde er doch nie heftig. Sein Intetesse erstreckte sich über alles, was Poesie, Kunst, Natur und Wissenschaft, allgemeine und private Verhältnisse darbieten. Seine Auffassung trug oft den Stempel der Originalität, stets den der Selbständigkeit – über allem aber und trotz einiger Eitelkeit trat jene Heiterkeit des Geistes hervor, die, nur den bedeutendsten Menschen eigen, ihrem Wesen etwas Hochschwebendes verleiht, was ein klares Erkennen des Kleinen nicht ausschließt, aber sie selbst vom Kleinlichen so viel wie möglich fern hält. Seine Beurtheilung der Versuche in der Composition, die man ihm vorlegte, war fördernd und auch dann ermunternd, wenn sie tadelnd ausfiel. Hiller fügt diesem noch hinzu, daß er schon in jüngeren Jahren oft die Freude hatte, mit dem Manne zu verkehren. Ein bleibendes Denkmal hat sich S. durch die „Stiftung von Schnyder v. Wartensee“ in Zürich errichtet, indem er der Stadt ein Capital von 70 000 Gulden schenkte und genau die Verwendung der Zinsen vorschrieb. Man soll das Geld nur für Kunst- und wissenschaftliche Zwecke verwenden, verfügt er, aber nicht auf Vorarbeiten, sondern nur für fertig gestellte Arbeiten. Er wünscht keine Wohlthätigkeitsanstalt, kein dürftiger Gelehrter, Künstler u. a. darf unterstützt werden, sowie überhaupt nicht materielles Gedeihen, sondern geistige Vervollkommnung der Menschheit befördert werden soll. Von den Wissenschaften bleibt die Theologie in ihrer dogmatischen Seite ausgeschlossen u. s. w. Das Document schließt mit den Worten: Die Verwaltung meiner Stiftung ist kurz gesagt nur befugt, Geld auszugeben, wenn sie nach den angemerkten Bestimmungen wirklich Etwas dafür erhält, was allgemein nützlich werden kann. Als erste Frucht des Vermächtnisses hat die Verwaltung nichts besseres zu thun gewußt, als die Selbstbiographie des Schenkers durch den Druck zu veröffentlichen unter dem Titel: Lebenserinnerungen Schnyder’s. Zürich 1887. gr. 8°. XIII und 379 S. mit 2 Musikbeilagen und dem Porträt Schnyder’s.