ADB:Schwieger, Jakob

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Artikel „Schwieger, Jakob“ von Alexander Reifferscheid in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 443–447, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schwieger,_Jakob&oldid=- (Version vom 18. Februar 2020, 18:57 Uhr UTC)
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Schwieger: Jakob S. (Schwiger), fruchtbarer lyrischer Dichter des 17. Jahrhunderts, der mit Unrecht zuerst von Joh. Moller (1661–1725) in der Cimbria literata I. 613 (1744), später von andern, bisher unbeanstandet, mit Filidor dem Dorfferer, dem Dichter der „Geharnschten Venus“ (Hamburg 1660), und nicht ganz unbeanstandet mit Filidor, dem Verfasser verschiedener Rudolstädter Festspiele aus den Jahren 1665–67, identificirt worden. S. war viel zu sehr auf seinen Dichterruhm bedacht, als daß er es über sich vermocht hätte, seine Dichtungen anders als unter seinem eignen Namen erscheinen zu [444] lassen. Nur seine „Feldrosen“ nennen auf dem Titel als Verfasser ohne weiteren Zusatz den „Flüchtigen“, am Ende der Vorrede geben sie den wirklichen Namen an. In den Gedichten selbst gestattet S. sich einen Dichternamen und zwar von seinem ersten Auftreten an bis zu seinen letzten nachweisbaren Dichtungen denselben: „Schäfer Siegreich“. Goedeke, der Schwieger’s Schriften nur theilweise kannte, war Grundriß III,2 105 ohne Grund geneigt, sie zwei verschiedenen Verfassern desselben Namens S. beizulegen, er meinte, die „Liebesgrillen“ seien von einem andern S. als z. B. die „Ueberschriften“ und die „Wandlungslust“: diese drei Schriften stimmen aber in Sprache, Stil und in der ganzen Anschauungsweise völlig überein, richten sich an dieselben Freunde, in allen tritt der Dichter als „Schäfer Siegreich“ auf.

Das wenige, was über Schwieger’s Leben bekannt ist, muß man seinen Schriften und besonders den Vorreden derselben entnehmen. Seine Schriften sind sehr selten, da sie meist auf seine Kosten, oder auf die seiner Gönner, in beschränkter Auflage gedruckt worden, nur wenige haben einen Verleger gefunden. Geboren war S. etwa 1630 in dem holsteinschen Flecken Altona, wo sein Vater Landmann war, der große liegende Güter, aber wenig Geld hatte. So sagt der Dichter in den „Liebesgrillen“: „Ob ich schon aus Bauer-Orden und vom Dorffe kommen bin“, ferner ebenda: „Ich habe, wie Ihr wißt, viel Teiche, See, und Felder, doch Geld, das hab ich nicht! ich hab auch Ochsen, Schaaff, ja Wiesen, Dorff und Wälder, hier an mir nichts gebricht“. Die Mittel des Vaters erlaubten aber doch, den Sohn nach Wittenberg auf die Universität zu schicken, wo er am 14. März 1650 immatriculirt wurde. Er trieb neben den philosophischen Studien, wie seine Gedichte bezeugen, auch theologische. Es ist nicht wahrscheinlich, daß S. noch eine andere Universität, etwa Leipzig besucht habe. Im Winter 1653 war er in Hamburg, wo er zahlreiche Freunde und Gönner hatte. Er beabsichtigte damals nach Wittenberg, wol zum Abschluß seiner Studien, zurückzukehren: „Es rufft mich wider hin nach Wittenberg, der Musen Zinn“. Der plötzliche Tod des Vaters brachte ihn, seine Mutter und Schwester „aus der Lust in überharte Noht“. So klagt er in den „Ueberschriften“ bei dem Grabe des Vaters: „Ach möcht ich diese Ruh, wie Ihr mein Vater haben! so weer ich wol daran, ja were weit von Quahl“. Die Schwester Anna Maria heirathete am 3. September 1654 Arnold Rotermund und kam dadurch mit der Mutter in geordnete Verhältnisse. Den Dichter unterstützten reiche Hamburger Kaufherren, denen er sich bei passender Gelegenheit durch Gedichte und Widmungen in Erinnerung zu bringen wußte. Anfang 1654 war er noch in Hamburg. Er datirte von dort aus die Widmungen der beiden ersten Bücher seiner „Liebesgrillen“ am 24. Februar 1654 als philos. studiosus. Das erste Buch widmete er „als ein Pfand der Treue und ein Zeichen dankbaren Gemüthes für vielfältig erwiesene Wohlthaten“ seinem Vetter, dem Kauf- und Handelsherrn Jakob Thran, das zweite Buch seinem brüderlichen Freunde, dem Kaufherrn Joh. Verdelfft, den er in der „Wandlungslust“ „Filadelf“ nennt, wegen der besonderen Gunst, mit der dieser „die Hoch-Edele Teutsche Sprache und Tichterey allezeit beseeliget“. So findet sich denn auch ein Ehrengedicht dieses Freundes vor dem ersten Buche, schließend mit der Aufforderung, S. solle seinem Namen Siegreich Ehre machen. Gleich nach dem Erscheinen dieser beiden Bücher „Liebesgrillen“ wurde S. von Philipp v. Zesen in Hamburg unter dem Namen des „Flüchtigen“ in die Teutschgesinnete Genossenschaft aufgenommen. Wenn Rist in einem Briefe an Neumark vom März 1655 darüber spottet, daß S., welcher der ärgste Bärenheuter (= Faulpelz) sei, der auf zwei Beinen trete, gerade diesen Namen bekommen, so darf man in diesem harmlosen Scherz kein abfälliges Urtheil über S. sehen. S. scheint allerdings [445] in kein näheres Verhältniß zu Rist gekommen zu sein, er schätzte aber den großen Daphnis, nach dessen Vorbild er sich in seinen „Liebesgrillen“ versucht, sehr hoch. In Rist’s Elbschwanenorden hat S. nie Aufnahme gefunden: vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil er bald nach der Gründung desselben gestorben.

Den ersten Gebrauch von seinem Gesellschaftsnamen machte S. auf dem Titel seiner „Ueberschriften“, die er Stade, 24. Juni 1654 sechs Hamburger Kaufherren widmete, welche „der Hoch-ädelen Teutschen Sprache herzlich zugethan“ und von denen einige „sonderliche Liebhaber der Teutschen Tichterey“ waren. Der Aufenthalt Schwieger’s in Stade war wol nur ein vorübergehender, denn das Büchlein wurde nach einer Schlußbemerkung, „in Abwesenheit Authoris“ gedruckt. In die Zeit seines Stader Aufenthaltes fällt wohl die Predigt über Koloss. I, 9–14, die er als „Gebets-Räuchwerk“ 1655 daselbst erscheinen ließ. Schon im Juni 1654 war S. in Gottesdorf, wo er bis zum Jahre 1656 blieb, ob als Prediger oder als Lehrer, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen: in der „Wandlungslust“ nennt er Claus Lakemann, Erbgesessenen zu Gottesdorf, seinen Herrn und Patron. An derselben Stelle rühmt er sich, daß er bei dreihundert Liedelein schon gesungen habe, und was er geschrieben sonst, das sei ihm alles wohlgelungen. Obwol Schmähsüchtige seine Gedichte übel aufnahmen, ließ er sich doch die Aufforderung seiner Freunde ein Sporn sein, „den Fleiß nicht zu spahren, die Teutsche Sprache mit erbauen zu helfen“, im Hinblick auf den Dank der „Teutschlihbenden Hertzen“. So ließ er 1655 seine „Flüchtigen Feldrosen“ erscheinen, mit einer Zuschrift, Gotzdorf 19. Februar 1655, an fünf Töchter des Leipziger Rathsherrn Christian Lorenz, seinen in Ehren großgeneigten Freundinnen und Gönnerinnen, die wie ihm glaubwürdig berichtet, die „Hochädele Teutsche Muttersprache vor andern in großem Wehrt und Ehren“ hielten.

Den böswilligen Beurtheilern seiner Liebeslieder gegenüber vertheidigte S. sich in der Vorrede zum zweiten Theile seiner „Liebesgrillen“, den er Gottesdorf, 12. Juni 1655 Nicolao Detri dem Jüngern, dem „Sinnreichen“ und dem „Seladon“ der „Wandlungslust“, widmete. Er betheuerte, daß er seine Lieder nicht aus einem geilen Herzen gesetzt. Kein einziges sei darunter zu finden, welches er für sich einer einzigen Jungfrau zu gefallen verfertigt, er habe die Lieder seinen Freunden zu sonderbarer Willfahrung aufgesetzet. Sollte aber doch eins oder das andere mit eingeschlichen sein, so sei solches geschehen vornehmer Leute Fußstapfen nachzufolgen, sich selbst bisweilen in der Arbeit und Einsamkeit eine Ergötzlichkeit zu machen, sein Herz sei keine Jungfrau zu besingen willens gewesen, als die es sich selbst möchte einbilden und zueignen. Dementsprechend versicherte er schon auf dem Titelblatte seiner nächsten Sammlung von Gelegenheitsgedichten, dem „Lustigen Lustkämmerlein“, Gottesdorf, 27. October 1655 Nicolao Detri, weitberühmten Arithmetico ordinario in Hamburg, als Zeichen dankbaren Gemüthes zugeschrieben, sie kämen „aus einem redlichen Herzen“. Auf vieler guten Freunde freundlichste Aufforderung gab er dann 1656 eine weitere Sammlung „Wandlungs-Lust“ heraus, er widmete sie seinem gnädigen Fürsten und Herrn, Christian VI., erwählten Princen zu Dennemark und Norwegen, Hertzogen zu Schleswig-Holstein u. s. w., Glückstadt, 31. Juli 1656: „Ein schlechtes Cimber-Kind bringt was es hat geschrieben, Dazu der teutsche Muht vom Himmel ist getrieben. Es suchet Gnad und Schutz, daß diese Wandlungs-Lust Nicht dürffe sauffen Gifft an Neidharts Drachen Brust“.

Die bisher angeführten Schriften Schwieger’s enthielten zumeist Gedichte, die er bei feierlichen Gelegenheiten im Auftrage und im Sinne seiner Freunde verfaßt hatte, selbstempfundene stehen nur wenige darin. Selbständiger sind die späteren Dichtungen, sie entspringen mehr einem inneren Bedürfnisse, als einer [446] äußeren Nöthigung. Sie sind alle in Glückstadt entstanden, wo er seit 1656 in Stellung war. Der Dichter hatte dort wenig Muße von seiner schweren Arbeit, er saß in „solchem Ambte, dabei er viel Mühe und Arbeit hatte, also daß er weinig auf etwas anders denkken“ konnte. Die Geschichte seiner fingirten unglücklichen Liebe behandelte er in der „Adelichen Rose. Welche den Getreuen Schäfer Siegreich, und die wankkelmühtig Adelmuht; der Edlen und keuschen Jugend vorstellet“. Die Jugend solle sich daraus „einen zwiefachen Spiegel nehmen, ihr Hertz zu beschauen, ob es dem Siegreich oder der Adelmuht gleiche“, und den Schluß daraus machen, „daß besser sey dem Siegreich als der Adelmuht nachzufolgen“. Das Gedicht ziele nur auf „keusche Liebe und Tugend“. Er widmete es am 31. März 1659 „Johann Rammen, königl. Dännemarck. Amtsschreibern auf Hanrou, den er bittet, sein großer Gönner verbleiben zu wollen. S. war damals auch kaiserlich gekrönter Poet: der Glückstädter Wilh. Olter redet S., den er seinen von zartester Kindheit an vertrautesten Freund nennt, so an, vor dem zweiten Zehn der „Adelichen Rose“. Es folgten zwei aus Poesie und Prosa gemischte Schäfererzählungen, die „Verlachte Venus“ unter dem 26. October 1659, „den Tugendedlen Glücksburginnen und allen keuschen, Tugend-liebenden Hertzen“ zugeschrieben, und die „Verführete Schäferin Cynthie“, datirt vom 16. Februar 1660, beide fanden solchen Beifall, daß sie 1661 neu aufgelegt werden mußten. An seinen Landesherrn wandte S. sich mit der „Sieges-Seule Friedrich III. zu Dennemark aufgerichtet“, aus Anlaß des Sieges vom 14. und 15. November, durch den die Insel Fünen aus der Hand seiner Feinde gerissen, und 1661 mit der „Späten doch hertzlichen Glückwünschung dem König Friedrich III. zugerufen“.

Mit dem Jahre 1661 schwindet jede Spur von S. Wann er gestorben, wissen wir nicht, denn die Notiz, die Waldau aus seinem Exemplar der „Geharnschten Venus“ anführte, nach der 1666 das Todesjahr Schwieger’s sei, verdient keinen Glauben, sie beruht vielleicht auf einer Vermuthung, die sich auf Moller’s Cimbria literata stützt. Daß die „Geharnschte Venus“, mit der Förster vorsichtiger Weise eine zweite Periode der dichterischen Thätigkeit Schwieger’s beginnen läßt, nicht von ihm ist, läßt sich leicht erkennen. Sie gibt sich unverhohlen als erste Arbeit aus, lehrt uns einen Dichter kennen, der eine ganz andere Anschauungsweise, anderen Stil und anderen Umgang hatte als S. Während dieser seinen Liedern ausschließlich Melodien ihm befreundeter Componisten aus Altona, Hamburg, Stade beigibt, hat Filidor der Dorfferer den seinigen sehr oft französische Arien, Ballette, Blamanden, Sarabanden zu Grunde gelegt. Das einzige, was für die Identität Schwieger’s und Filidor’s des Dorfferers zu sprechen scheint, der Umstand, daß die „Geharnschte Venus“ bei demselben Hamburger Buchhändler, Christian Guht, verlegt ist, bei dem von S. nur die Liebesgrillen 2. Theil und die 2. Auflage des 1. Theiles erschienen sind, ist natürlich ohne Belang: Guht verlegte mit Vorliebe Liebeslieder, so u. a. Rist’s Florabella. Daß S. nicht der Rudolstädter Dramendichter Filidor sein könne, hat am bestimmtesten Martin in seiner Neubearbeitung der Litteraturgeschichte Wackernagel’s II, 232 behauptet und aus sprachlichen Gründen bewiesen. Weil man bisher S. für einen selten vielseitigen Dichter gehalten, hat man ihn stark überschätzt, vor allem Scherer, der ihn nach dem Vorgange von Gervinus, mit Unrecht den eigentlichen Minnesänger des 17. Jahrhunderts nannte. Dieser Name gebührt in viel höherem Grade dem unbekannten genialen Dichter der „Geharnschten Venus“, der mit diesem Erstlingswerk alle Dichtungen des geistlosen, nur formgewandten, aber inhalts- und erfindungsarmen S. weit übertraf.

Vgl. meinen Aufsatz über Schwieger, Filidor den Dorfferer und Filidor in Seuffert’s Vierteljahrschrift für Literaturgeschichte V. – Jacob Schwieger (!), [447] Geharnschte Venus. Herausgegeben von Th. Raehse. Halle 1888 (Braune’s Neudrucke Nr. 74 u. 75).