ADB:Spaignart, Christian Gilbert de

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Artikel „Spaignart, Christian Gilbert de“ von Karl Janicke in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 706–708, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Spaignart,_Christian_Gilbert_de&oldid=- (Version vom 20. Oktober 2019, 06:21 Uhr UTC)
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Spaignart: Christian Gilbert de S., Dr. theol., lutherischer Pastor, geboren in Torgau, stammte aus einer kursächsischen Theologenfamilie. Ueber das Jahr seiner Geburt und seine früheren Lebensverhältnisse sind wir nicht unterrichtet; wir wissen nur, daß er im Anfang des 17. Jahrhunderts in Oesterreich ob der Ens lutherischer Pfarrer war: in seinen Schriften von 1617 nennt er sich ecclesiae Anasinae in Austria superiore pastor. Die in dieser Zeit mit aller Macht durchgeführte Rekatholisirung Oesterreichs zwang ihn 1619 zur Auswanderung. Bereits im folgenden Jahre finden wir ihn als Pastor d. h. ersten Geistlichen an der St. Ulrichskirche in Magdeburg. Hier wußte er sehr bald nicht nur in seiner Gemeinde, sondern auch in den öffentlichen Angelegenheiten durch seine Predigten und sein agitatorisches Auftreten einen Einfluß zu gewinnen, der für die Stadt verhängnißvoll werden sollte. Bereits im J. 1622 wurde er bei Gelegenheit der Wiederbesetzung des Rectorats der Magdeburger Stadtschule in einen heftigen theologischen Streit verwickelt. Gegen den Mag. Wolfgang Ratichius, welcher sich um die erledigte Stelle bewarb und als Begründer einer neuen Unterrichtsmethode von einer Seite warm empfohlen wurde, hielt er Predigten, die er unter dem Titel: „Geist- und Weltliches Schulwerck“ erscheinen ließ. Der Streit, in dem es sich auch um theologische Fragen handelte, nahm zwischen den Parteien eine solche Schärfe an, daß schließlich der Rath den Druck weiterer Streitsschriften verbot. S. fand bald Gelegenheit, in die öffentlichen Angelegenheiten Magdeburgs als entschiedener und einflußreicher Parteimann einzugreifen. Der Rath der Stadt Magdeburg hatte bis dahin eine sehr vorsichtige, zwischen der kaiserlichen und der protestantisch-dänischen Partei geschickt lavirende Politik befolgt. Der Administrator des Erzstifts [707] Magdeburg, der Markgraf Christian Wilhelm von Brandenburg, hatte sich an den König Christian IV. von Dänemark angeschlossen und suchte das Domcapitel zu Rüstungen gegen den Kaiser, aber vergeblich, zu bestimmen. Auch in der Bürgerschaft war die Partei des Administrators nicht ohne Anhang. Zu ihren Stimmführern gehörte der Oberstlieutenant Schneidewind, der bis vor kurzem Befehlshaber der Stadtsoldaten gewesen war und in dem Verdacht stand, mit dem Administrator ein geheimes Einverständniß unterhalten zu haben. Man verhaftete zwar Schneidewind, aber seine Haft war eine sehr milde. Zu seinen Vertrauten gehörte auch S. Die vorsichtige Politik des Rathes wurde von dieser Oppositionspartei durchaus gemißbilligt. Man wollte unter dem Vorgeben, der jetzige Krieg bezwecke die Unterdrückung des Protestantismus, den Rath zum Ergreifen der Waffen bestimmen. Als der Rath Wallenstein’s Verlangen, eine Besatzung in die Stadt aufzunehmen, ablehnte, wurde die Blockade über sie verhängt (März 1629). Auch während der Blockade, welche 28 Wochen dauerte, entfaltete die Opposition, zu der der größte Theil der Bürger, namentlich die durch die Belagerung geschädigten gehörten, eine rege Thätigkeit. Sie hatte wenig Vertrauen zu den Maßnahmen des Rathes. Seine an die kaiserlichen Officiere gerichteten amtlichen Schreiben wurden in den Thoren erbrochen und verlesen. Als der regierende Bürgermeister dagegen einschritt, eiferte S. in seinen Predigten gegen die Verräther, welche nicht wollten, daß man ihre Schreiben lese. Der Rath wollte S. wegen dieser Beleidigungen vor sich fordern, aber das geistliche Ministerium trat zu seinen Gunsten ein, man müsse die Worte eines Predigers nicht so böse ausdeuten. S. selbst gab zwar eine den Rath beschwichtigende Erklärung ab, aber bald wiederholten sich ähnliche Anschuldigungen. Um die Mißgünstigen zu beruhigen, willigte der Rath darein, daß ihm aus jedem Stadtviertel eine Person, zusammen achtzehn, welchen man bald den Namen Plenipotenzier beilegte, zugeordnet würden, die um alle städtischen Angelegenheiten wissen, dem Rathe die Beschwerden der Bürgerschaft vortragen und ohne deren Wissen der Rath nichts vornehmen solle. Auch als die Blockade im October aufgehoben wurde, blieben die Plenipotenzier doch in Wirksamkeit, wiewohl sie nur auf die Zeit der Blockirung gewählt waren. Hauptsächlich durch ihren Einfluß wurde Anfang 1630 die alte, seit 300 Jahren bestehende Verfassung der Stadt beseitigt und eine neue, weniger complicirte an ihre Stelle gesetzt. Von den Kanzeln herab wurde die Aenderung des Stadtregiments empfohlen und so die Unzufriedenheit der Gemeinde mit der Obrigkeit geflissentlich genährt. S. war der eifrigste unter diesen Hetzpredigern. In der Predigt, die er am 10. Februar über die Art und Weise hielt, wie Regierungsformen geändert würden, hob er besonders hervor, daß dies auch durch Aufruhr geschehe, vor welchem er jedoch, wie er mit schlauer Vorsicht hinzusetzte, seine Zuhörer warne.

Aber auch unter dem neuen, aus der Opposition hervorgegangenen Rathe besserten sich die Zustände nicht viel. Die Getreidezufuhr nach Magdeburg wurde von den noch im Erzstift stehenden kaiserlichen Truppen verhindert, die Zölle und Kornpächte der Bürger wurden zurückbehalten und die herumschwärmenden Kroaten mißhandelten die Bürger. Die Erbitterung wuchs, als statt des 1628 abgesetzten und dann in die Reichsacht erklärten Administrators Christian Wilhelm das Erzstift in der Person des erst 16jährigen Erzherzogs Leopold Wilhelm einen katholischen Erzbischof erhalten sollte. Bei diesen Verhältnissen wurde es dem vertriebenen Administrator leicht, Boden in der Bürgerschaft zu gewinnen. Seine Anhänger, zu denen auch S. gehörte, waren mit Eifer für ihn thätig. Verkleidet traf er am 27. Juli 1630 in der Stadt ein und wußte, unterstützt vom schwedischen Gesandten Stallmann, den Rath zu bestimmen, mit ihm und [708] dem König von Schweden ein Bündniß abzuschließen. Gustav Adolf schickte im November der Stadt seinen Hofmarschall Oberst Dietrich von Falkenberg, der die Vertheidigung der Stadt übernehmen und leiten sollte. Im April des folgenden Jahres begann die regelrechte Belagerung Magdeburgs durch Tilly, der aus der Neumark, Pommern und Mecklenburg, wo er das weitere Vordringen Gustav Adolf’s zu hindern suchte, nach dem Erzstift zurückgekehrt war. Falkenberg hatte in Magdeburg einen schweren Stand. Die Unfähigkeit des Administrators hatte vieles verschuldet, aber auch der neue Rath zeigte nicht so viel Eifer für das schwedische Bündniß, als Falkenberg erwartete. Eine kräftige Stütze fand er dagegen in den lutherischen Predigern, namentlich in S. In ihren Predigten hatten sie die Ankunft Gustav Adolf’s auf deutschem Boden als ein Werk Gottes dargestellt und alles gethan, das Bündniß mit ihm von den Kanzeln herab dem Volke zu empfehlen. Mit wahrem Fanatismus eiferte S. gegen die Kaiserlichen und gegen jede Unterwerfung. Er war nebst Falkenberg die eigentliche Seele des Widerstandes bis zum äußersten. Bei der Eroberung der Stadt am 10. (20.) Mai wurde er gefangen genommen. Ihn betrachtete man auf kaiserlicher Seite, nicht mit Unrecht, als einen der „Hauptrebellen“. Schon am 3. Juni schrieb Tilly an den Kurfürsten von Sachsen, daß Dr. Gilbert wohl verdiente, „Anderen zum Exempel mit scharfer Strafe angesehen zu werden“; er sei „des gegenwärtigen Magdeburgischen Unglückes nicht der geringsten Ursacher einer“. Er wurde an Händen und Füßen in Eisen geschlossen und in ein dunkles Kellerloch geworfen. In diesem Gefängniß blieb er bis zum Beginne des folgenden Jahres, wo die Kaiserlichen aus der Stadt abziehen mußten. Am 10. Januar hielt S. in der Kirche des Klosters U. L. Frauen die erste lutherische Betstunde. Auch wurde ihm vom General Baner, der ihn deshalb zu sich nach Egeln beschied, die Wiederherstellung des evangelischen Gottesdienstes in der Domkirche anbefohlen. Im April unternahm er zugleich mit dem Bürgermeister Schmidt eine Mission an Gustav Adolf. Nach einer fast halbjährigen Abwesenheit von Magdeburg kehrte er im Juli dorthin zurück und erhob sogleich weitgehende Ansprüche auf den Dom, welche die bestehenden Rechte schwer verletzten. Später lebte S. in Wittenberg. Er hatte Oxenstierna persönlich aufgesucht, der sich auch ebenso wie Baner für ihn und später für seine Wittwe, eine geborene Knorr, die aus Wittenberg stammte, beim Magdeburger Rath verwandte. Er starb hier zwischen Ostern und Pfingsten 1635. Wegen des ihrem Manne zuständigen und noch rückständigen Salarii gerieth die Wittwe später noch in Streitigkeiten mit dem Rathe.

O. v. Guericke, Geschichte der Belagerung, Eroberung und Zerstörung Magdeburgs, herausgegeben von Hoffmann. Magdeburg 1860. – Kettner, Clerus Ulrico-Levinianus. Magdeburg 1728. – K. Wittich, Magdeburg, Gustav Adolf und Tilly. Berlin 1874. – Ders., Die Katastrophe des 10. (20.) Mai 1631 in den Magdeburger Geschichtsblättern 1888, und Dietrich von Falkenberg, ebd. 1890 u. 1891.