ADB:Steinle, Eduard Jacob von

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Artikel „Steinle, Eduard Jacob von“ von Veit Valentin in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), S. 742–744, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Steinle,_Eduard_Jacob_von&oldid=- (Version vom 24. Mai 2019, 09:45 Uhr UTC)
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Steinle: Eduard Jacob v. St., geboren am 2. Juli 1810 zu Wien, † am 18. September 1886 zu Frankfurt am Main, Sohn des sehr tüchtigen Graveurs Johannes Steinle, wandte sich schon frühe dem Zeichnen zu. Seine erste künstlerische Ausbildung erhielt er auf der kaiserlichen Akademie der bildenden Künste zu Wien, wo er unter Kininger’s, des Professors der Schabekunst, Leitung zunächst zu einem begeisterten Anhänger Füger’s und der von diesem vertretenen akademischen Richtung heranwuchs. Als er nach Erlangung hervorragender technischer Fertigkeit im Zeichnen sich, da er sechzehn Jahre alt geworden war, der Malerei zuwenden wollte, traf es sich, daß in dem Maleratelier der Akademie kein Platz frei war. So entschloß sich sein Vater, ihn dem eben aus Rom zurückgekehrten Kupelwieser anzuvertrauen. Hierdurch wurde St. der akademischen Schablone und Manier entrissen und er trat in Berührung mit dem frischen Geiste, mit dem die Meister der neudeutschen Schule in Rom die Malerei zu erfüllen strebten. Dieser erfaßte den Jünger der Kunst mit solcher Macht, daß er schon nach zwei Jahren, im September 1828, selbst nach Rom wanderte. Hier schloß sich der Achtzehnjährige an Philipp Veit und besonders an Overbeck an, der für die nächste Zeit für ihn maßgebend wurde und mit dem er in Gesinnung wie in künstlerischer Anlage am meisten übereinstimmte. Die hohe Bedeutung dieses Umschwunges seiner künstlerischen Richtung erkennt St. selbst in hohem Maße an. Noch 1884 schreibt er an seinen Freund Arnold Otto Meyer in Hamburg: „Es war eine Fügung Gottes, die mich so frühe aus der Richtung Füger’s herausführen wollte, und daran hat sich der Glaube und die Erkenntniß des hohen Werthes der mittelalterlichen Kunst angereiht.“ Overbeck war es denn auch, der dem jungen Freunde die erste größere Bethätigung in der Kunst ermöglichte, indem er ihm die Ausführung zweier Fresken in der Kirche Santa Trinità dei Monti zu Rom zuwies. St. hat sie indessen nur entworfen: die Ausführung mußte er anderen überlassen, da ihn der Tod seines Vaters 1830 nach Wien zurückrief. Aber noch hielt er seine Ausbildung in Italien nicht für abgeschlossen: er eilte alsbald wieder dahin zurück und arbeitete dort noch drei Jahre. Nach Wien zurückgekehrt vermählte er sich mit Caroline Kern. Von entscheidender Bedeutung wurde für ihn, der in Wien keine genügende Beschäftigung fand, eine Reise, die er 1837 nach Frankfurt a. M. machte, das damals in der Entwickelung der neueren deutschen Malerei eine bedeutsame Stellung einnahm. Hier wirkte das eben vollendete große Freskobild von Philipp Veit „Die Einführung der Künste in Deutschland durch die Religion“ durch die eigenthümliche Verbindung der historischen und der religiösen Anschauungsweise mächtig auf ihn ein. Hier wurde ihm auch der erste größere Auftrag zu theil, der es ihm ermöglichte, in die Reihe der selbständig arbeitenden, einen eigenen Weg gehenden Künstler zu treten: die Ausmalung der Schloßcapelle auf Rheineck. Da St. auch zwei Kaiserbilder (Albrecht I. und Ferdinand III.) für den Kaisersaal im Römer zu malen hatte, so verlegte er seinen Wohnsitz nach Frankfurt, nachdem er noch einen Aufenthalt in München genommen hatte, wo er im Görres’schen Hause Clemens Brentano kennen lernte und damit die Beziehungen zu der Brentano’schen Familie in Frankfurt knüpfte, die ihm für Kunst und Leben ein dauernder fester Halt werden sollte. In München arbeitete St. bei Cornelius an der Ausmalung der Ludwigskirche: Cornelius schätzte ihn so hoch, daß er ihn mit dem Entwurfe zu der Darstellung des Weltschöpfers am Chorbogen beauftragte. Steinle’s Entwurf entsprach jedoch nicht der von Cornelius gewünschten Auffassung; nicht [743] das Künstlerische war es, was ihm nicht genügte, sondern die Auffassung des Göttlichen stimmte nicht zu der Empfindungsweise von Cornelius, der daher nun selbst einen Entwurf machte und diesen ausführen ließ. Nach seiner Uebersiedlung nach Frankfurt blieb St. dauernd in dieser Stadt. Zunächst erhielt er ein Atelier im Städel’schen Institut, verließ dies aber, als Philipp Veit 1843 seine Directorstelle niederlegte und mit seinen Schülern und Freunden in das Deutschherrenhaus in Sachsenhausen übersiedelte. Im J. 1850 jedoch wurde St. als Professor der historischen Malerei an das Städel’sche Institut berufen, in welcher Stellung er bis zu seinem Tode verblieben ist. Steinle’s Schaffensgebiet ist ein ungemein reiches: es umfaßt die ernstesten Gegenstände tiefster Religiosität und den heitersten neckischen Humor mit gleicher künstlerischer Kraft; nur von dem glatten Alltagsleben, das sich für ihn dem Hauche anmuthsvoller poetischer Stimmung entzieht, hält er sich mit bewußter Entschiedenheit fern. Wo er sich religiösen Gegenständen zuwendet, wird für ihn die katholisch-kirchliche Auffassungsweise eine Fessel, die die freie Entfaltung seiner künstlerischen Kraft eindämmt. Dies ist der Punkt, der ihn von Cornelius scheidet. Je mehr jedoch ein Gegenstand sich der kirchlich vorbestimmten Auffassung entzieht, desto ungehemmter bricht die künstlerische Kraft hervor, die durch den Zauber maßvoller romantischer Poesie aufs edelste geläutert ist. Dazu tritt die vollendete Anmuth der schönen Form, die meisterhafte Technik im Zeichnen, der märchenduftumwobene zarte Hauch des Aquarells, die allmählich wachsende Kraft der mit den coloristischen Bestrebungen der neueren Zeit maßvoll Schritt haltenden Oelmalerei. Nimmt man noch hinzu die stets bereite Kraft der Erfindung, so läßt es sich begreifen, wie St. auf so mannichfaltigen Gebieten als Meister auftreten und anerkannt werden konnte, wie es in seinem zweiten Vaterlande, im Rheinlande, allmählich selbstverständlich wurde, daß monumentale Werke von St. geschaffen wurden. Nachdem er in Köln die Engelchöre im Chor des Domes und die die künstlerische und die culturgeschichtliche Entwickelung Kölns darstellenden Wandbilder im Treppenhause des Wallraf-Richartz-Museums in Fresko geschaffen hatte, füllt er die sieben Nischen in der Marienkirche zu Aachen mit einem Bildercyclus, der das Dogma der unbefleckten Empfängnis der Maria zum Gegenstand hat, schmückt er die Schloßcapelle in Kleinheubach für die Familie Löwenstein-Wertheim mit einem Cyklus aus dem Leben der Maria, entwirft er im Wettkampf mit Cornelius, Veit und Overbeck eine Skizze für das von Friedrich Wilhelm IV. gewünschte Altarbild des beabsichtigten Berliner Domes, die „Erwartung des Weltgerichtes“ darstellend, malt er die St. Aegidikirche in Münster und die Apsis des Münsters in Straßburg aus. Endlich tritt auch Frankfurt in die Reihe: mit Alexander Linnemann vereinigt schafft St. die Cartons für Fenster im Dome und in der protestantischen Katharinenkirche. Er übernimmt den bildlichen Schmuck des Frankfurter Domes: sämmtliche Bilder sind von ihm in Aquarell ausgeführt. Die Uebertragung ins Große und auf die Wände geschah zum Theil unter seiner Leitung und Mitwirkung, die Fertigstellung erfolgt nach seinen Entwürfen. Als es sich um Ausschmückung des neuen Opernhauses in Frankfurt handelte, entwarf St. das ganze Programm: nach seinen Skizzen haben die einzelnen Künstler, denen die Ausführung übertragen wurde, gearbeitet. Von Oelbildern mögen zur Charakteristik der steigenden Betonung des Coloristischen genannt werden: „Die tiburtinische Sibylle“ im Städel’schen Institut, „Mariä Heimsuchung“ in Karlsruhe, „Maria Magdalena am Ostermorgen“, „Jesu Nachtreise mit den Jüngern“ in Privatbesitz. Gerne nimmt St. für seine reiche Schöpferkraft die Form des Cyclus in Anspruch: hier versteht er es, namentlich in den späteren Werken, mit großer dramatischer Kraft den Fortgang der Erzählung klar vor Augen zu stellen, die er theils der Legende, theils dem Märchen und der poetischen Litteratur [744] entnimmt: hier sei in erster Linie die Legende der hl. Euphrosyne erwähnt, dann die hl. Margarita von Cortona, Schneeweißchen und Rosenroth, der Kaufmann von Venedig, Parzival, ferner die Schöpfungen nach den Märchen von Brentano, in denen die Seltsamkeiten der romantischen Laune des Dichters zu reizvollen Gebilden abgeklärt erscheinen, wie im Müller Radlauf, während die drastische Lebensweisheit in den „mehreren Wehmüller“ mit vollendetem Humor zur Darstellung kommt. Schließlich mögen noch seine Porträte erwähnt werden, deren eines der besten, der Kupferstecher Kappes, sich jetzt im Städel’schen Institut befindet. Durch diese ganze, hier nur angedeutete Mannigfaltigkeit der Schöpfungen Steinle’s geht aber doch eine einheitliche Grundstimmung: es ist die Sehnsucht nach Erlösung und der Ausblick auf die von außen erhoffte und erwartete Hülfe, der echte Grundton der romantischen Weltanschauung. Am deutlichsten tritt sie in den Werken auf, die nicht auf äußere Bestellung hin, sondern aus eigenstem innerem Bedürfnisse entstanden sind, wie in den „drei Weltreichen“ im Städel’schen Institut (abgebildet in der unten erwähnten „Charakteristik“), oder auf weltlichem Gebiete in dem Thürmer und in dem Geiger in der Schack’schen Sammlung München. Einen möglichst vollständigen Ueberblick über Steinle’s Thätigkeit bis 1879 gibt Constant v. Wurzbach: Ein Madonnenmaler unserer Zeit (Eduard Steinle). Wien 1879. Eine Ergänzung nach der Seite der Originalwerke hin, bietet der vom Städel’schen Institut herausgegebene Katalog: Ausstellung von Werken des Eduard v. Steinle im Städel’schen Kunstinstitut 1887 (Vorwort von Veit Valentin, Katalog von H. Pallmann). Vgl. ferner: Eduard Jakob v. Steinle. Eine Charakteristik von Veit Valentin. Mit Abbildungen. (Sonderabdruck aus der Zeitschrift für bildende Kunst. Leipzig, C. A. Seemann. 1887.) Eine ausführliche Lebensbeschreibung wird von dem Sohne des Künstlers vorbereitet. Eine Vorarbeit bietet dessen Veröffentlichung des Briefwechsels von St. und Reichensperger. Ein Album ausgewählter Werke (50 Blatt Folioformat) ist bei F. A. C. Prestel in Frankfurt erschienen: vgl. hierzu Chronik der vervielfältigenden Künste II, S. 59–63.