ADB:Stoltzer, Thomas

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Stoltzer, Thomas“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 420, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stoltzer,_Thomas&oldid=- (Version vom 17. August 2019, 17:46 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 36 (1893), S. 420 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Thomas Stoltzer in der Wikipedia
GND-Nummer 118799010
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|36|420|420|Stoltzer, Thomas|Robert Eitner|ADB:Stoltzer, Thomas}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118799010}}    

Stoltzer: Thomas St. (Stolzer, Stolcer), aus Schweidnitz in Schlesien gebürtig, einer der älteren berühmten deutschen Tonmeister, der zu Senfl, Hoffhaimer und Finck den Vierten bildet. Schwer ist zu sagen wer von allen Vieren der ältere ist. Die Reihenfolge wird sich wahrscheinlich so ergeben: Finck, Stoltzer, Hoffhaimer und Senfl. Nur spärlich sind die Nachrichten, die wir über die vier Meister besitzen und nur tropfenweise tritt hin und wieder eine neue hinzu. Durch Melchior Adami’s Vitae german. p. 36 erfahren wir, daß er Capellmeister beim König Ludwig von Ungarn war und Praeceptor an der Schule in Ofen, und durch einen Brief vom 23. Februar 1526, den St. aus Ofen an den Markgrafen Albrecht von Preußen schreibt (abgedruckt in Monatshefte f. Musikgesch. VIII, 67), erfahren wir noch, daß er Capellan, also ein Geistlicher war; ferner deutet der Schluß des Briefes darauf hin, daß der Herzog bei einer persönlichen Begegnung, ob in Königsberg oder in Ofen bleibt unbestimmt, eine Andeutung habe fallen lassen, daß er St. gern als Capellmeister nach Königsberg haben möchte. Dies alles liegt aber so im Dunklen, daß man mehr ahnen als mit Sicherheit beweisen kann. Besser sind wir über ihn als Componisten unterrichtet und ansehnlich ist die Reihe von Compositionen, die uns heute nach mehr als 360 Jahren noch zur Verfügung stehen. Ziehen wir die Compositionen der vier oben genannten ältesten deutschen Meister in Vergleich, so ist St. derjenige, dessen Stil der ernsteste, kräftigste aber auch der herbste ist. Selbst im deutschen Liebesliede, wo Finck, der ihm am nächsten im Ausdrucke steht, weichere und einschmeichelndere Töne anschlägt, herrscht bei St. der strenge ernste Ton vor. Man könnte ihn deshalb für den älteren Meister halten, obschon Finck, so viel wie mir bis jetzt bekannt ist, früher als St. gestorben ist (siehe Monatsh. f. Musikgesch. XXII, 46). Da wir aber von keinem wissen, wie alt er war, so ist man immer nur auf Vermuthungen angewiesen. Von seinen deutschen weltlichen Liedern sind mir bis jetzt zehn bekannt, von den deutschen geistlichen, die in Motettenform gearbeitet sind, sieben und 106 lateinische Hymnen, Antiphonen, Psalmen, Messen und Motetten, oft in breiter Ausführung zu 2, 3, 4 bis 6 Stimmen. Ein Theil davon ist in alten Sammelwerken gedruckt (siehe meine Bibliographie), andere befinden sich in alten Manuscripten in den Bibliotheken Zwickaus, Dresdens, Breslaus und Regensburgs. In Neudrucken sind erst fünf Gesänge veröffentlicht (siehe mein Verzeichniß und die Nachträge im IX. Bde. der Monatshefte). Eine sehr ausführliche etwas umständliche Beurtheilung des sechsstimmigen Psalmes „Noli aemulari“, mit Abdruck des 2. Theiles findet man von Otto Kade in den Monatsheften VIII, 138. Auch Ambros in seiner Geschichte der Musik III, 372 widmet ihm einen kurzen Abschnitt. Alle Beurtheilungen bestätigen die obige Charakteristik seiner Schreibweise. Er war ein bedeutender und denkender Künstler, der das Höchste in der Kunst zu erzielen erstrebte, dem aber der zarte und innige Ausdruck der Musik noch verschlossen war; erst durch die Bekanntschaft mit den Italienern lernten ihn die Deutschen nach und nach empfinden und brachten ihn dann mit ihrer tieferen Empfindung zum höchsten Ausdruck, so das sie schließlich alle anderen Culturvölker überstrahlten.