ADB:Stricerius, Johannes

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Artikel „Stricerius, Johannes“ von Johannes Bolte in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 579–580, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stricerius,_Johannes&oldid=- (Version vom 24. Juni 2019, 19:54 Uhr UTC)
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Stricerius: Johannes St. oder Stricker, niederdeutscher Dramatiker aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Um 1540 in dem holsteinischen Dorf Grube, vier Meilen östlich von Eutin, geboren, bezog er am 12. April 1560 die Wittenberger Universität, um Theologie zu studiren. Schon nach anderthalb Jahren wurde er von Benedict v. Ahlefeldt, dem einflußreichen Rathe des Herzogs Adolf, zum Pfarramte in dem kurz zuvor in ein landesherrliches Amt umgewandelten Kloster Cismar bei Grube berufen und am 8. October 1561 in Wittenberg ordinirt. Während seiner 23jährigen seelsorgerischen Wirksamkeit in Cismar und Grube trat er unerschrocken gegen das üppige, zuchtlose Leben des übermüthigen Adels auf, der gegen Niedre manche Gewaltthätigkeiten verübte und auch dem Landesherrn gegenüber eine nahezu selbständige Machtstellung gewonnen hatte. Er zog sich dadurch soviel Feindschaft zu, daß sogar ein Mordversuch auf ihn unternommen wurde; und als er 1584 seinen „Düdeschen Schlömer“ veröffentlicht hatte, vertrieb ihn der Oldenburger Amtmann Detlef v. Rantzau von Haus und Hof. In Lübeck bei dem evangelischen Bischofe Eberhard v. Holle, der gleichfalls mit Strenge den wüsten Lebenswandel seiner Domherren zu bessern suchte, fand er mit seiner Familie Schutz und wurde im September 1584 als Pfarrer am Burgkloster angestellt. Er starb am 23. Januar 1598 zu Lübeck. – Schriftstellerisch ist St., abgesehen von einer niederdeutschen Bearbeitung von Luther’s Katechismus (1594), mit zwei niederdeutschen Dramen hervorgetreten, dem „Geistlichen Spiele von dem erbermlichen Falle Adams und Euen“ (Lübeck 1570; hochdeutsch o. O. 1602) und dem „Düdeschen Schlömer“ (Lübeck 1584, Frankfurt a. O. 1593 zweimal; hochdeutsch Magdeburg 1588). Beide Werke verrathen den vollen sittlichen Ernst des Bußpredigers, der zur rechten Kinderzucht ermahnen und vor ruchlosem Schlemmerleben warnen will, und aus diesem Gesichtspunkte müssen einige lehrhaft breite Partien beurtheilt werden. Abgesehen davon ragt St. durch eigenartige Auffassung und treffende Charakterschilderung über die meisten gleichzeitigen Dramatiker hervor; unter den niederdeutschen kann sich nur Burkard Waldis mit ihm messen. Schon das erste Stück zeigt eine bemerkenswerthe Selbständigkeit in der Anlage, indem der Dichter hier nicht den Sündenfall, sondern seine Folgen, den Fluch der Sünde, vor Augen führt. Er verbindet darin drei verschiedene Motive, die mittelalterliche Dichtung der Klage Adam’s, die durch Melanchthon bei den Protestanten beliebt gewordene Legende von Gottes Besuch bei den Kindern Eva’s und den biblischen Bericht von Abel’s Ermordung durch Kain, zu einem Familiengemälde, in dem die Handlung zwar etwas langsam fortschreitet, die Charaktere des schuldgedrückten, arbeitseligen Elternpaares aber nicht minder als die der Kinder, des frechen und störrischen Kain, des sanften und zarten Abel und des kleinen aber entschlossenen Seth, ganz vortrefflich gezeichnet sind. – Der „düdesche Schlömer“ geht zurück auf die um ein Jahrhundert ältere niederländische Moralität „Elckerlijck“ (d. h. Jedermann), in der eine allegorische Darstellung der christlichen Heilslehre mit der buddhistischen Parabel von den Freunden in der Noth combinirt ist. St. lernte den Stoff durch die geniale Bearbeitung des Utrechters Macropedius (Hecastus 1539) und durch den Homulus des Kölners Jaspar v. Gennep (1540) kennen, eine unselbständige, aber nicht ungeschickte Compilation aus [580] mehreren Dramen ähnlichen Inhalts. Entlehnte er also diesen Vorgängern den Gang der Handlung, so verfuhr er doch in der Ausführung völlig selbständig. Er wandelt die allgemein gültige Schilderung eines sich in Todesnoth bekehrenden Sünders in ein Sittenbild des damaligen holsteinischen Adels um; er macht aus dem Helden einen individuell gezeichneten Edelmann, der den keifenden Pfaffen zum Trotz Tag und Nacht schlemmen und buhlen, fluchen und Gewaltthätigkeit üben will und sich ungescheut an Kloster- und Kirchengut bereichert. Er stellt ihm gleichgesinnte Genossen, eine leichtsinnige Ehebrecherin und eine karge und harte Hausfrau zur Seite und einen jungen aber energischen Bußprediger gegenüber. Dieser realistischen Wiedergabe des wirklichen Lebens entspricht die Beschränkung des allegorischen Personals. Weder Gottvater noch die Jungfrau Maria erscheint, es fehlen die Personificationen von Reichthum, Stärke, Schönheit, Verstand, die den sterbenden Elckerlijck nach einander verlassen; nicht Frau Tugend und Frau Glaube trösten den Verzagenden, sondern der protestantische Prediger, der ihn auf Christi Verdienst hinweist. Außer dem Tode und einem zum Schluß erscheinenden Engel behält St. nur die aus L. Culman’s Drama herstammenden Gestalten von Teufel, Sünde und Gesetz bei, die den Schlömer vor Moses’ Gericht verklagen und seine Verdammung bewirken, die erst der Prediger im Namen Christi aufhebt: eine echt protestantische Gegenüberstellung von Gesetz und Evangelium. Die Wirkung dieser überirdischen Figuren hebt St. in richtiger Weise dadurch, daß er vor ihrem Auftreten alle andern Personen außer dem Schlömer von der Bühne entfernt. Die Handlung concentrirt er auf den Raum eines Tages und bereichert und belebt sie durch manche neue Motive; das Trinkgelage stellt er naturgetreu dar, legt aber dem Narren, um über seine eigene Ansicht keinen Zweifel aufkommen zu lassen, bitter ironische Bemerkungen in den Mund. Die Wirkung des „Düdeschen Schlömers“ auf weitere Kreise erhellt aus den von dem Theologen Chr. Pelargus bearbeiteten, theilweise interpolirten Frankfurter Nachdrucke und aus der Entlehnung einer Scene durch die Dramatiker Arnold Quiting (1593) und J. Bechmann (1604); auch Fischart führt das Buch im Catalogus catalogorum an.

Vgl. meine Ausgabe des Düdeschen Schlömers, Norden 1889.