ADB:Tetens, Johann Nicolaus

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Artikel „Tetens, Johann Nikolaus“ von Hugo Liepmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 588–590, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tetens,_Johann_Nicolaus&oldid=- (Version vom 20. Mai 2019, 01:12 Uhr UTC)
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Tetens: Johann Nikolaus T. wurde 1736 zu Tetenbüll im Herzogthum Schleswig geboren. Er studirte in Rostock und Kopenhagen, wurde 1763 Professor an der Universität zu Bützow, wo er 1765 auch das Directorat des dortigen Pädagogiums übernahm. 1776 folgte er einem Rufe nach Kiel und zwar diesmal als Professor der Philosophie. Später erhielt er dazu den Lehrauftrag für Mathematik. Das Jahr 1789 brachte einen völligen Umschwung in Tetens’ Leben: Er gab Lehrthätigkeit und die rein theoretische Beschäftigung völlig auf, um sie mit dem Verwaltungsdienst zu vertauschen. Er wurde nämlich nach Kopenhagen an das Finanzcollegium berufen, in welchem er zuerst Assessor, seit 1791 Etatsrath und Deputirter war. In dieser Kopenhagener Zeit gab sich der ehemalige Philosoph und Mathematiker fast gänzlich praktischen Aufgaben hin und nahm einen regen Antheil an der wirthschaftlichen Entwicklung Dänemarks. T. starb im J. 1807.

Noch mehr, als aus der Verschiedenheit der Aemter, die T. bekleidete, geht seine erstaunliche Vielseitigkeit aus einem Blick auf das umfangreiche Verzeichniß seiner Schriften hervor. Da finden wir neben einer Prüfung der Beweise für das Dasein Gottes, einer Untersuchung über den Ursprung von Sprache und Schrift, über die menschliche Natur, die allgemeine speculative Philosophie u. s. w., eine „Anleitung zur Berechnung der Leibrenten und Anwartschaften“, eine Abhandlung über den „jetzigen Geldkurs und die Münzveränderung in den Herzogthümern Schleswig und Holstein“, eine Arbeit „über die Einpfropfung der Blattern“ und Aehnliches. Keine philosophische, mathematische, physikalische, meteorologische, wirthschaftliche Frage lag ihm fern. Ein ausführliches Verzeichuiß dieser mannichfaltigen Schriften findet man bei Meusel, Das gelehrte Teutschland VIII und derselbe, Neunzehntes Jahrhundert IV.

[589] Sein Hauptwerk, durch welches er einen dauernden Platz in der Geschichte der Philosophie erworben hat, sind die „Philosophischen Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung“, 2 Bde. Leipzig 1776 und 77. Dasselbe ist schon dadurch bedeutsam, daß es, wie ausdrücklich bezeugt ist, einen starken Einfluß auf Kant geübt hat, während es andererseits selbst wieder Einwirkungen von Kant’s Inauguraldissertation erfahren hat. Entgegen den ontologischen Deductionen der Wolffianer, die damals noch von den deutschen Kathedern herabtönten, will T. in dem Buche „eine Analysis der Seele, die auf Erfahrungen beruht“ geben. Die Methode, die er befolgt, ist „die Methode in der Naturlehre“. Mit großer Klarheit entwickelt er die Grundsätze, welche noch heute in den empirischen Wissenschaften Geltung haben.

Mit dieser Behandlung der Psychologie weist er sowol alle theologischen Gesichtspunkte ab, wie er auch das von den Schülern Wolff’s beliebte Ausgehen von metaphysischen Aufstellungen in der Psychologie verwirft. Umgekehrt, meint er, müßten metaphysische Erkenntnisse erst aus den Ergebnissen der Beobachtungen hervorgehen. Schlägt er sich so mehr auf die Seite der Locke’schen Schule und ihrer deutschen Anhänger, so versagt er doch einer ausschließlichen Associationspsychologie seine Anerkennung. Ebensowenig ist er mit den Materialisten einverstanden, die Seelenvorgänge mit Gehirnschwingungen zu identificiren. Ohne leugnen zu wollen, daß zu allen seelischen Veränderungen körperliche „unentbehrlich“ seien, meint er doch, daß einerseits die „Physik des Gehirns“ noch viel zu sehr in „Finsterniß gehüllet“ sei, um über bloße Vermuthungen hinaus zu kommen, daß andererseits selbst die fortgeschrittensten Kenntnisse in dieser Richtung eine psychologische Analyse nicht er- und entsetzen könnten. Die Seele bleibt ihm übrigens mit Leibnitz und Wolff ein einfaches immaterielles Ding. Der fruchtbare Weg zur Erforschung der Seele ist also der, „die Beobachtungen der Seele so zu nehmen, wie sie durch das Selbstgefühl erkannt werden“. Von den Ergebnissen, zu denen T. auf diesem Wege gelangte, können hier nur einige besonders für die Weiterentwicklung der Philosophie wichtig gewordene erwähnt werden. Die alte Zweitheilung der seelischen Functionen in theoretische und praktische hatte schon Sulzer verworfen, indem er dem Vorstellungs- und Begehrungsvermögen das „Empfindungsvermögen“ hinzufügte. T. hat diese Dreitheilung zu allgemeiner Anerkennung gebracht und dabei der dritten Grundthätigkeit der Seele den noch heute gültigen Namen des Gefühls gegeben. Mit „Vorstellen, Wollen, Fühlen“ gab er somit die Dreitheilung des seelischen Lebens, die sowol in Kant’s System, wie in der modernen Psychologie herrschend geblieben ist.

T. unterschied, wie Kant, zwischen Form und Inhalt der Erkenntniß. Beide Denker hatten diese Unterscheidung von Lambert. Die Empfindungen liefern den Inhalt, die Thätigkeit des Intellectes die Form. Nur durch Zusammenwirken beider, der Sinne und des Intellectes, kommt Erkenntniß zu Stande. Die Gesetze, nach denen der Intellect verfährt, „die Naturgesetze des Denkens“ erfährt der Intellect, indem er sie anwendet. Durch ihre subjective Nothwendigkeit gewinnen sie den Charakter von Vernunftwahrheiten. Die sogenannten nothwendigen Wahrheiten sind also schon bei T. die zum Bewußtsein gekommenen eigenen Acte des Denkens. Eine höhere Objectivität als diese subjective Notwendigkeit ist dem Menschen nicht erreichbar. Trotzdem polemisirt T. gegen Hume’s Skepticismus. In diesen, wie in anderen Punkten, berührt sich T. mit Kant. Das sehr interessante Verhältniß der beiden Denker ist neuerdings mehrfach behandelt worden. (So von Ziegeler 1888 und Wreschner 1891.) Bemerkenswerth ist, daß T. schon psychische Messungen im Sinne unserer experimentirenden Psychologie vorgenommen hat. So hat er die Dauer der Nachempfindungen [590] für verschiedene Sinne bestimmt. Kurz und treffend charakterisirt ein neuerer Autor (Dessoir) T., indem er ihn einen „antimaterialistischen Empiriker mit kriticistischen Neigungen“ nennt.

Meusel, Gel. Deutschl. VIII. – Meusel, Neunz. Jahrh. IV. – Kordes, Lexik. d. Schleswig-Holsteinischen Schriftst. – M. Dessoir, Des Nic. Tetens Stellung i. d. Gesch. d. Philos., in der Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. v. Avenarius, XVI, 3, S. 355. Hier findet man auch eine Reihe dänischer Quellen über Tetens aufgeführt.