ADB:Vogt, Johann Karl

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Artikel „Vogt, Johann Karl“ von Hyacinth Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 40 (1896), S. 178–181, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Vogt,_Johann_Karl&oldid=2508547 (Version vom 11. Dezember 2018, 23:40 Uhr UTC)
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Vogt: Johann Karl V., Astrolog, geboren am 13. Februar 1813 zu Augsburg, war bei der großen Dürftigkeit seiner Familie zum Schreiner bestimmt, zeigte aber schon in frühester Jugend eine auffallende Begeisterung für den gestirnten Himmel und eine unbezwingliche Neigung zu der Sternkunde; er verwendete häufig mit Verkürzung des Schlafes jeden freien Augenblick auf das Lesen astronomischer Schriften und jede vom Munde abgesparte Erübrigung [179] zur Vermehrung seiner kleinen Büchersammlung. Nach Ablauf der Lehrzeit ging V. auf die Wanderschaft nach der Schweiz, wo seine Neigung zur Astrologie überraschende Nahrung fand, er durchzog dann Deutschland bis Hamburg, wendete aber wieder nach Basel und dem Thurgau zurück, wo man den stillen Menschen, der außer der Arbeit keine Bedürfnisse hatte als Bücher zu lesen, gerne sah und derselbe eine Menge kleiner Schriften zusammenbrachte und geschenkt erhielt. Zu Basel las V. „in den Sternen“, daß er sich nach München begeben müsse, indem dort ein großes Glück seiner harre. Er borgte das Geld zur Reise und wartete zu München mehrere Tage auf das Eintreffen der Versprechung, bis ihn plötzlich „eine höhere Eingebung“ bestimmte, in dem Lotto gewisse Zahlen zu besetzen. V. that dieses und hätte sofort die Summe von 66 000 Gulden gewonnen, wenn diese nicht durch die von der Lottoadministration verfügten Abstriche auf 27 000 Gulden reducirt worden wären. Indessen machte ihn schon diese Summe zum reichen Manne, er gab das Tischlerhandwerk auf, kaufte sich ein gutes Fernrohr und lebte ausschließlich seinen astrologischen Studien, die er jetzt mit unermüdlichem und rastlosem Eifer verfolgte und um so energischer betrieb, als er sich alle erforderlichen Hülfsmittel seiner „Wissenschaft“ verschaffen konnte. Kurz darauf gewann V. aus derselben Quelle 43 000 Gulden, die ihm dieses Mal unverkürzt ausbezahlt wurden. Nun kaufte er sich ein schönes Haus in der Luitpoldstraße, dazu zwei Gärten (in einer zur künftigen Stadterweiterung äußerst günstigen Lage, deren Werth alsbald bedeutend stieg, so daß V. selbe noch um den Preis einer Million losschlagen zu können hoffte), heirathete und vergrub sich ganz in die Stille und Zurückgezogenheit seiner Studien, berechnete für sich und viele andere Personen das „Horoskop“, immer uneigennützig, ohne für seine Bemühungen eine Gegengabe zu fordern oder anzunehmen. Es war ein schlanker, hagerer, etwas vorgeneigt gehender Mann, mit ernsten, farblosen Gesichtszügen, hoher gewölbter Stirne, schwarzhaarig, glattrasirt, mit einer damals noch sehr seltenen goldenen Brille, sorgfältig gekleidet; seine Gestalt prägte sich unwillkürlich der Erinnerung ein; er war eine stadtbekannte Persönlichkeit, von der eigentlich Niemand etwas besonderes wußte, als daß er der „traurige Tischlergeselle“ genannt wurde, mit dem Beisatze, er habe durch die „Sternguckerei“ zwei Mal große Gewinne in der Lotterie gemacht. Sein Name kam erst in Flor als er der Gräfin M., einer Schwester des Fürsten W., das Horoscop ihres damals in Italien lebenden Gemahls gestellt und die Ursache, Art, Zeit und Ort seines Todes, ebenso dessen in Amerika befindlichen Sohnes vorausgesagt hatte. Diese und andere ähnliche Fälle gaben den Anlaß, daß der gerade nicht leicht zugängliche Mann – auswärtige Zuschriften und Anfragen wurden niemals berücksichtigt – plötzlich mit Gesuchen um Horoscopstellung, insbesondere aus der sogenannten Crème der Gesellschaft bestürmt wurde. Fast täglich warteten Equipagen vor seinem Hause und wenn auch keine Kaiser und Könige, so kamen doch Prinzen und Fürsten, Grafen, Freiherren, Professoren, Staatsbeamte, Officiere, kurz Leute jeden Standes, Alters und Geschlechts, so daß V. nimmer im Stande war, den kauderwälschen Wünschen und Ansprüchen zu genügen und mit geringen Ausnahmen fast Allen die Thüre schloß, nur um Rast und Zeit für seine, immer sehr umständlichen und weitläufigen Berechnungen und Combinationen zu erübrigen. V. selbst hat niemals über den Gang seiner Forschungen und über die gewonnenen Resultate geschrieben, er gestattete aber dem alten Polyhistor Ludwig Hauff (welcher am 4. November 1866 siebzigjährig aus dem Leben schied) allerlei Einblicke in seine Methode, worüber der gelehrige Hauff alsbald in allerlei Zeitungen und Broschüren in die Oeffentlichkeit berichtete. Dem Vorwurf, daß die Astrologie zum Fatalismus führe, setzte V. entgegen, daß der [180] Mensch die bösen Neigungen bekämpfen und den Einfluß der ungünstigen Sterne beseitigen und besiegen könne. Auch über Vogt’s System verbreitete sich Hauff und gab als Beispiele die Horoscope auf Marschall Pelissier, Admiral d’Urville, Nikolaus Lenau, König Ferdinand II. von Neapel, König Friedrich August von Sachsen, Kaiser Nikolaus von Rußland, Napoleon I. und Napoleon III., Nero und sein eigenes, welches neue sanguinische Erwartungen in nächster Folge und sicherer Aussicht zeigte. Auch bethätigte sich V. als „Seher“, theils mit höchst unbestimmten Verheißungen, theils mit sicheren Aussprüchen, wozu es keiner besonderen Wissenschaft bedurft hätte, z. B. daß der Papst noch viele Trübsale zu erleben habe, daß dem Kaiser Alexander II. ein großer Beruf in Asien erblühe, daß die Sonnenfinsterniß des Jahres 1858 von einer großen, fünfjährigen Nachwirkung begleitet sei, daß zu Constantinopel ein großer Schatz gefunden werde u. dergl. Neben solchen Nichtigkeiten findet sich schon 1858 der Satz „daß der Prinzregent von Preußen an die Spitze der deutschen Heere treten, daß er im Laufe des Krieges sich zum großen Feldherrn heranbilden und am Ende ein siegreicher und ruhmgekrönter königlicher Heerführer sein und dann zurückerobern werde, was Deutschland vor Jahrhunderten verloren habe“. Dazu kam aber als Probirstein seines Wissens auch der zuversichtliche Ausspruch, von dessen Erfüllung oder Nichterfüllung sein und seiner Familie Glück oder Unglück bedingt sein sollte, daß er noch vor dem 1. Juni 1860 einen neuen, colossalen Gewinn in einer Staatslotterie machen werde. V. hatte nämlich, um einen ihm befreundeten, durch Mißwirthschaft tief verschuldeten Edelmann aus namenloser Verlegenheit zu lösen, die wechselmäßige Verpflichtung übernommen, bis zu jenem vorgenannten Termine die Summe von einmalhunderttausend Gulden zu bezahlen und zur Sicherheit der Wechselgläubiger sogar zu einem Eintrag im Hypothekenbuche bezüglich seiner beiden Gärten, dem vorgenannten Millionengarten an der Maximilianstraße und dem Garten in der Luisenstraße gewilligt. Daß er eine solche Verpflichtung übernahm, erregte um so größeres Staunen, als er rechtlich hiezu durchaus nicht verbunden war und überdies doch wissen mußte, daß sein ganzer Besitz auf dem Wege einer etwaigen Zwangsversteigerung weit unter dem imaginären Werthe losgeschlagen würde. Vogt’s Freunde waren darüber entsetzt, daß er unter solchen Umständen, als sorgsamer, liebevoller und treuer Gatte und Vater eine Verpflichtung auf sich wälzte, die seine und seiner Familie Existenz gefährdete, die er nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge unmöglich erfüllen könne, die sein Vermögen übersteigen und ihn des ganzen bisher erworbenen Besitzes berauben müsse. V. aber erklärte mit unüberwindlicher Zuversicht: „Gott wird mir helfen. Ich werde meiner Verpflichtung nachkommen und noch vor dem ersten Juni einen Gewinn in einer Staatslotterie machen, der mehr als genügend ist. Es wird sich zeigen, ob an meinem Wissen etwas Wahres ist oder nicht!“ Seine Erwartung wurde völlig getäuscht. V. hätte den Verlust seines Vermögens ertragen, nicht aber den gänzlichen Ruin dessen, was er als seine heiligste Wissenschaft erklärt hatte. Der in seinen tiefsten Combinationen völlig irregewordene und vernichtete Mann endete schon am 4. Mai 1860 durch einen Schuß sein Leben. Seine Gläubiger nahmen Alles. Die in ihrem Ensemble werthvolle Bibliothek wurde maculirt, das schön eingerichtete Haus nebst den Gärten subhastirt. Die Kinder griffen der Mutter nach Möglichkeit unter die Arme, ein Sohn starb, ein anderer trat in den Staatsdienst, die feingebildete Tochter fand als Erzieherin eine Stelle in einem hochadeligen Hause. In demselben Jahre erschien Ludwig Bechstein’s „Geschichte der Astrologie“ und J. Ennemoser’s Broschüre über „Das Horoskop in der Weltgeschichte“. Vogt’s Porträt findet sich im XXVIII. Bande der Illustr. Zeitung, Leipzig 1857, S. 143.

[181] Vgl. Der Astrolog und Seher zu München und sein Versuch einer Wiederherstellung der Astrologie, nebst Andeutungen über sein Betreiben derselben und seiner Vorhersagungen. Von Ludwig Hauff. Mit 6 astrolog. Tafeln. Heilbronn u. Leipzig 1858 (in 4 Auflagen). – Die in Erfüllung gegangenen und weiteren Vorhersagungen des Astrologen und Sehers zu München. Von Ludwig Hauff. Mit dem Horoscop des Kaisers Alexander II. München 1859. – Das Horoskop Napoleon’s III. von dem Astrologen und Seher Johannes Karl Vogt – und dessen neueste Vorhersagungen über die Geschichte Europas, Deutschlands, das Ende Napoleon’s III. u. s. w. herausgegeben von Ludwig Hauff. München 1860.