ADB:Vulliemin, Louis

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Artikel „Vulliemin, Louis“ von Gerold Meyer von Knonau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 40 (1896), S. 377–379, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Vulliemin,_Louis&oldid=- (Version vom 21. Juli 2019, 09:21 Uhr UTC)
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Vulliemin: Louis V., schweizerischer Historiker, geboren am 7. September 1797, † am 10. August 1879. Aus denselben Ursachen, welche G. von Wyß in der Einleitung des Artikels über Monnard in der A.D.B. XXII, 759 u. 760, sehr richtig zum Ausdruck brachte, gehört auch der Waadtländer V. in dieses Sammelwerk hinein, als einer der Fortsetzer Johannes Müller’s, als ein Vertreter der Vereinigung französischen Wesens mit den deutschen schweizerischen Elementen. – V. war der Sohn des Steuereinnehmers und Kornhausverwalters im Dienste der die Waadt beherrschenden bernerischen Obrigkeit zu Yverdon und wurde gerade in der letzten Zeit vor dem Aufhören der alten Staatszustände geboren. In dem ehemaligen landvögtlichen Schlosse bestand seit 1805 die Erziehungsanstalt Pestalozzi’s (s. A.D.B. XXV, 456 u. 457), in die V. alsbald eintrat. Der Zögling gab später, als Greis, in seinen reizenden 1871 erschienenen Souvenirs racontés à ses petits enfants, Cap. III Pestalozzi, eines der lebenswahrsten Bilder des großen Menschenfreundes, das wohl überhaupt entworfen worden ist. In Thun, also auf deutsch-schweizerischem Boden, dann in Lausanne wurde der Unterricht fortgesetzt. Als Student der Theologie half V. 1819 den schweizerischen Verein Studirender, der nach dem Versammlungsorte Zofingen den Namen trägt, gründen, und der zugleich patriotische und wissenschaftliche Zweck der Verbindung erschien ihm ganz besonders auch in der Anknüpfung mit der deutsch-schweizerischen studirenden Jugend gegeben. 1820 gewann er auf diesem Wege die ersten ihm hoch erfreulichen Verbindungen, voran mit Bern und Zürich; zugleich schloß er auf einer sich weiter anschließenden Reise nach der nordöstlichen Schweiz eine für die Zukunft wichtige Freundschaft mit Joh. Kaspar Zellweger (s. den Artikel). Schon durch diesen, ebenso durch den Rath des feurigen zürcherischen philologischen Lehrers Joh. Kaspar von Orelli (s. A.D.B. XXIV, 411–416) wurde in V. das Interesse für historische Studien lebhafter geweckt. Allein zunächst trat er nun in die praktische theologische [378] Laufbahn ein. Von 1821 an lebte er dieser Aufgabe als Geistlicher an verschiedenen Orten der Waadt, und in diese Jahre fiel auch die Vermählung mit Marie Galliard, aus einer seit der Aufhebung des Edicts von Nantes nach der Waadt gekommenen Hugenottenfamilie. Doch 1826 zwang ärztliche Vorschrift, weil das Predigtamt als zu anstrengend sich erwies, die öffentlichen geistlichen Amtsverrichtungen aufzugeben; indessen vermochte V. auch im Privatstande, durch eifrige Betheiligung am Kampfe für die Erhaltung der religiösen Freiheit gegen die Einschränkungen durch die staatlichen Behörden (s. A.D.B. XXII, 760), seine religiöse Ueberzeugung darzulegen. In diesen Jahren beginnt aber außerdem Vulliemin’s litterarische Bethätigung, in der das historische Fach rasch in den Vordergrund tritt. Mitten in eindringlicher Durcharbeitung des großen Müller’schen Werkes war V. die von Hottinger (s. A.D.B. XIII, 199 u. 200) geschriebene Fortsetzung, über die Reformationszeit, zugekommen, und im Lesen übersetzte er sie. Nachdem nun die zwar freie, doch getreue Wiedergabe schon 1832 bei einem von V. in Zürich gemachten Besuche von Hottinger gebilligt worden war, kamen 1840 diese beiden Bände VI und VII der deutschen Ausgabe als Band X der französischen heraus, im Anschluß an die von Monnard übertragenen Bände I bis IX, die Müller’s und Glutz-Blotzheim’s Werken (s. A.D.B. IX, 262 u. 263) gleichkommen. Doch Hottinger ermuthigte auch V., jetzt selbst die Reformation der französischen Schweiz nachzuholen, also überhaupt die Fortsetzung des großen Werkes, die er selbst nicht durchführen konnte, an die Hand zu nehmen. V. begann diese neue Arbeit damit, daß er 1835 und 1836 in der Zeitschrift Le Chroniqueur seine engeren Landsleute um dreihundert Jahre zurückversetzte, dadurch daß er die 1535 und 1536 in Frankreich und am Genfersee eingetretenen wichtigen Vorgänge quellengemäß vor den Augen seiner Leser sich entwickeln ließ, und das gelang ihm so gut, daß schon nach Erscheinen des dritten Heftes Abonnentinnen des Blattes in einer kleinen waadtländischen Stadt durch die Straßen liefen, jammernd über die in Frankreich geschehenden Religionsverfolgungen, diejenigen die König Franz I. vor drei Jahrhunderten angeordnet hatte. Während dieser Arbeit war V. von Nyon nach Lausanne hinübergezogen, um dem Archive näher zu sein. Eine Edition der Histoire de la réformation de la Suisse des Abraham Ruchat († 1750) – im ersten Theil Wiederabdruck, während die Fortsetzung aus der Handschrift ganz neu erschien – schloß sich an diese Arbeiten an. Dann erwuchs 1837 auf Anregung des besonders auf dem Felde der Genealogie, aber auch der Rechtsgeschichte der Waadt äußerst eifrigen Barons Fred. de Gingins-la-Sarra unter Vulliemin’s bereitwilliger Handreichung die Société d'histoire de la Suisse Romande, mit Sitz in Lausanne, als Vereinigungspunkt der Geschichtsfreunde der französisch sprechenden Kantone, und die 1838 eröffnete Serie der Publication der Gesellschaft: Mémoires et documents zeigt V. als Präsidenten an der Spitze des Bureau. In ähnlicher Weise nahm V. 1840 gleich an der ersten gründenden Versammlung der allgemeinen geschichtsforschenden Gesellschaft der Schweiz zu Baden theil, und 1850 leitete er als deren Präsident eine in Murten gehaltene Jahressitzung; von da an begann auch der unausgesetzte briefliche Verkehr mit dem Zürcher G. von Wyß (s. d. Art.), der den besten Beweis für die Vielseitigkeit der Interessen der beiden Männer in sich birgt. Dem „Archiv für schweizerische Geschichte“, der Publication der schweizerischen Gesellschaft, gab V. 1847 bis 1851 in Band V-VIII, die Actensammlung: ‚L'histoire suisse étudiée dans les rapports des ambassadeurs de France avec leur cour‘, 1646 bis 1654. Inzwischen jedoch, 1840 und 1842, war nun Vulliemin’s Stück der Fortsetzung Müller’s – Histoire de la Confédération suisse – in den Theilen XI bis XIII der französischen Ausgabe [379] (Band VIII-X der deutschen Uebersetzung, 1842 bis 1845) wirklich erschienen, eingeleitet durch die von hohem sittlichen Ernste erfüllte paränetische Betrachtung: A tous les Confédérés, datirt vom 1. Mai 1840. Zuerst holte V. die ganze Geschichte der Westschweiz, vorzüglich die kirchliche Reformation, seit 1517, nach, und darauf führte er die Geschichte der gesammten Eidgenossenschaft durch die Zeit der Gegenreformation und durch das 17. Jahrhundert bis 1718, bis zum Abschlusse des letzten großen innern Krieges zwischen den confessionellen Gegensätzen innerhalb der alten Schweiz. Nach seiner ganzen Art legte V. größeres Gewicht, als auf streng kritische Abwägung, auf die Kunst harmonischer Anordnung, und zudem sind für das 16. Jahrhundert erst seither die aufschlußreichsten Materialien neu publicirt; größerer Werth ist der Darstellung des 17. Jahrhunderts zuzuschreiben. Ueberhaupt zeigt sich Vulliemin’s litterarische Bedeutung mehr in kleineren Arbeiten, der Studie: „Chillon“ (1851), den biographischen Werken, 1855 über den ehrwürdigen Decan Bridel (s. A.D.B. III, 327 u. 328), 1860 über den Waadtländer Staatsmann Landammann Pidou († 1821), 1864 über seinen verstorbenen Freund Aimé Steinlen. Allein das anmuthigste, was aus seiner Feder hervorging, ist ohne Zweifel das schon erwähnte, 1871 erschienene, aber nicht in den Buchhandel gegebene autobiographische kleine Buch für die Enkel, das freilich nur Études et ministère, premières publications historiques behandelt. Das Tableau du canton de Vaud, von 1849, bildete in zweibändiger deutscher Uebersetzung (1847, 1849) Theil XIX des A.D.B. XXI, 618 genannten Sammelwerkes, „Gemälde der Schweiz“. Fortwährend war daneben V., als gewandter und geschmackvoller litterarischer Referent, für die Bibliothèque universelle und andere Zeitschriften thätig. Allein noch in hohen Jahren entschloß sich V., in gedrängter Schilderung einen Abriß der Geschichte der Schweiz weiteren Kreisen zu schenken, die zweibändige „Histoire de la Confédération suisse depuis les plus anciens âges jusq'à notre temps“ (1875, 1876: Tom. I, 2. Édit., 1879), und mit unermüdlichem Eifer ging er, als die erste Auflage beste Aufnahme gefunden hatte, an die Neubearbeitung, trefflich berathen durch G. von Wyß und den Genfer Historiker Pierre Vaucher, der später im „Jahrbuch für schweizerische Geschichte“, Band VIII, durch Auszüge aus Briefen bewies, wie gewissenhaft V. die einzelnen Fragen zu ergründen suchte. – Noch im August 1878 erschien der allverehrte Aelteste der schweizerischen Historiker, der Patriarch von Mornex, wie ihn wol die Freunde nach seinem bescheidenen, reizend gelegenen Hause unterhalb Lausanne nannten, zu Stans auf der Versammlung der schweizerischen geschichtsforschenden Gesellschaft und gab in herzlichem in deutscher Sprache, die an das Berner Idiom klang, vorgebrachtem Gruß seine treue Gesinnung zu erkennen. Ueber der Arbeit entschlief er sanft ein Jahr später, und die Wittwe schrieb an G. von Wyß: C'est une grande grâce que cette faculté de travail; il en a beaucoup joui.

Vgl. Charles Vulliemin: Louis Vulliemin d'après sa correspondance et ses écrits, essai biographique (Lausanne, 1892). – P. Vaucher in der Revue historique, Tom. XI (1879), 500–502. – C. Ferdinand Meyer in der Neuen Zürcher Ztg. von 1878, Nr. 126 u. 128.