ADB:Hottinger, Johann Jakob (Historiker)

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Artikel „Hottinger, Johann Jakob (Historiker)“ von Georg von Wyß in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 13 (1881), S. 199–201, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hottinger,_Johann_Jakob_(Historiker)&oldid=- (Version vom 16. August 2019, 02:20 Uhr UTC)
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Hottinger: Johann Jakob H., Historiker in Zürich, geb. am 18. Mai 1783, † am 17. Mai 1860; war der Sohn des Kaufmanns Joh. Kaspar H. in Zürich, eines Urenkels des Orientalisten J. Heinrich H. († 1667). Zum geistlichen Stande bestimmt, schon im zehnten Jahre vaterhalb verwaist und von frühe an darauf angewiesen, dereinst die Stütze seiner Mutter und fünf jüngerer Geschwister zu sein, übernahm H., nach dem Abschlusse seiner Studien am zürcherischen Carolinum durch die erlangte Ordination, im Herbste 1804 eine Lehrstelle am zürcherischen Waisenhause, begleitete 1806 als Informator einen jungen Zürcher nach Leipzig, wobei sie in Erfurt der eben gegen die Franzosen ins Feld rückenden preußischen Armee begegneten (s. Hottinger’s Mittheilung in Zschokke, Miscellen f. d. neueste Weltkunde, Jahrgang 1811, Nr. 21) und kehrte, als sein Zögling bald darauf einer Seuche erlag, heim, hier theils vicariatsweise mit geistlichen Amtsverrichtungen, theils mit Unterricht als Lehrer an der höhern Mädchen- und an der Kunstschule sich beschäftigend. Freundliches, anregendes und belebendes Wesen, womit er sich der Jugend auch außerhalb der Schule vielfach annahm, machten ihn bald zu einem der beliebtesten Lehrer und Führer derselben. Auch als Jugendschriftsteller, als Dichter, als thätiges Mitglied wissenschaftlicher, wohlthätiger und geselliger Kreise, erwarb er sich rasch Ruf und Dank. Unter dem Namen: J. J. H. der jüngere, schrieb er 1810 bis 14, wie sein älterer Namensverwandter, der vorgenannte Chorherr H., vaterländische Schauspiele für die Jugend, betheiligte sich an des letzteren „Zürcherischen Beyträgen“ und ließ im Helvetischen Almanach, in den Alpenrosen, im Morgenblatte poetische Versuche erscheinen. Innerer Trieb und äußere Veranlassungen führten ihn indessen theils zu bestimmten, insbesondere historischen Studien, theils zu Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten. 1816 bis 18 betrat er durch Uebernahme der Redaction der „Schweizerischen Monatschronik“ vorübergehend das Gebiet der Publicistik. 1820 zum Lehrer der Religion an der Kunstschule mit dem Titel als Professor ernannt, nahm er an den Discussionen über religiöse und kirchliche Fragen Antheil, die damals in Zürich zwischen dem Theologen-Chorherrn J. Schultheß, Vertreter des Paulus’schen Rationalismus, Hans Georg Nägeli, dem Schöpfer des Volksgesanges u. A. m. geführt wurden. Als Nägeli in einer originellen anonymen Schrift für das Recht der Gläubigen in der Kirche gegenüber der von Schultheß beanspruchten Alleinherrschaft seiner Schule auftrat, veröffentlichte H., als Entgegnung auf Nägelis Ausführungen, mit Namensunterschrift, die: „Seitensätze zu dem summarischen Glaubensbekenntniß der Orthodoxen, Chiliasten, Mystiker u. s. f.“, Zürich 1822, worin er seine einem gemäßigten Rationalismus entsprechenden Ansichten aussprach. Bereits aber hatte er sich in erster Linie historischen Studien zugewandt, vorzüglich angeregt durch J. Hch. Füßli (Bd. VIII. S. 263) und die Bekanntschaft mit dem 1816–18 in Zürich weilenden Glutz-Blotzheim (Bd. IX. S. 262). Als 1818 auf Veranlassung mehrerer angesehener Magistrate eine zürcherische vaterländisch-historische Gesellschaft unter Staatsrath Ludwig Meyer von Knonau entstand, wurde H. eines der thätigsten Mitglieder derselben, neben Meyer und dem Historiker H. Escher (Bd. VI. S. 353). Er feierte in ihr das Andenken von Glutz, wurde 1820 auch zum Mitgliede der schweizerischen geschichtforschenden Gesellschaft ernannt, welche Schultheiß S. Fr. v. Mülinen 1811 gestiftet hatte, und faßte nun, aufgemuntert durch die Genannten, durch Georg Müller in Schaffhausen u. a. m. den Entschluß, die Fortsetzung von Johann v. Müller’s und Glutz’ „Geschichte der Eidgenossen“, zunächst über die Zeit der Reformation, zu unternehmen. Das schweizerische Reformationsfest vom 1. Januar 1819, dessen Verlauf H. in einem „Rückblick auf [200] die dritte Säcularfeier der schweizerischen Reformation“, Zürich 1819, beschrieb, schien zu einem solchen Unternehmen ganz besonders aufzufordern. Nach langer gründlicher Vorbereitung und umfassenden Forschungen erschien in Zürich 1825 der erste und 1829 der zweite Band der: „Geschichte der Eidgenossen während der Zeiten der Kirchentrennung. Von J. J. H.“, als sechster und siebenter Band des Müller’schen und Glutz’schen Werkes. Hervorgegangen aus fleißigster Benutzung eines damals meist noch handschriftlichen Quellen zu entnehmenden Stoffes, der in wohlgewählter und übersichtlicher Anordnung gegliedert wird, ist Hottinger’s verdienstliche Arbeit dem schweizerischen Geiste nach, der sie durchweht, und in ihrer warmen schönen Sprache, dem Werke seiner Vorgänger vollkommen ebenbürtig. Daß H. nach seinem Studiengange und Stande von selbst dahin geführt wurde, sich Zwingli’s Persönlichkeit mit ganz besonderer Vorliebe zuzuwenden und des Reformators Einfluß auf die zürcherische Politik in dessen letzten Lebensjahren (1528–31), sowie diese Politik selbst, mehr vom Standpunkte des überzeugungswarmen Protestanten der Epoche von 1819, als von demjenigen des eidgenössischen Staatsrechts des 16. Jahrhunderts aus beurtheilt, kann nicht sehr verwundern. An seiner Zeichnung von Zwingli’s Charakter wird wenig auszusetzen sein, wie Mörikofers ausgeführteres, sorgfältiges und feines Bild zeigt. Einen Theil der wichtigsten Aktenstücke aus seinen archivalischen Forschungen brachte H. in der Zeitschrift „Archiv für schweizerische Landeskunde“, 2 Bde., Zürich 1827–29, zum Abdruck, die er damals gemeinsam mit Escher herausgab. Mittlerweile veränderte sich auch seine äußere Stellung. 1822 hatte er seine Professur an der Kunstschule gegen diejenige für Geschichte und Erdbeschreibung an der nämlichen Anstalt vertauscht; 1823 wurde er zugleich zum Mitgliede der obersten kantonalen Behörde für das Unterrichtswesen, des Erziehungsrathes, ernannt. Hier nahm H. neben Escher und Joh. Kaspar v. Orelli an der Leitung des zürcherischen Schulwesens und den Berathungen über Verbesserung desselben vorzüglichen Antheil. Aus Hottinger’s Feder stammte der „Bericht über den Zustand des Landschulwesens“, der anfangs 1830 der Regierung eingereicht wurde. Indessen erfolgte die Staatsumwälzung im Kanton Zürich, ehe die Vorlage zu bestimmten Ergebnissen führte und erst unter ganz neuen Verhältnissen wurde die Aufgabe wieder aufgenommen. H., durch Stellung und bisherige Wirksamkeit ausgezeichnet, wurde jetzt Mitglied der neuen gesetzgebenden Behörde, auch Mitglied der obersten Verwaltungsbehörde, des Regierungsrathes, aus welchem er indessen im Frühjahr 1832 seine Entlassung nahm, blieb aber Mitglied und Vicepräsident des neuen Erziehungsrathes, der die Umgestaltung des gesammten Unterrichtswesens durchführte. Die Eröffnung der Kantonsschule und der Hochschule im Frühjahr 1833 bildeten den Abschluß dieser Arbeiten. Gleichzeitig war H. auch zur Berathung der neuen Kirchenorganisation herbeigezogen worden, bei welchem Anlasse er die Schrift: „Die Kirche in ihrer richtigen Stellung bey den Veränderungen der Zeit“, Zürich 1832, erscheinen ließ. Von der Regierung 1833 zum Professor der vaterländischen Geschichte an der Hochschule berufen, widmete er sich mehr und mehr ausschließlich diesem, ihm große Befriedigung gewährenden Wirkungskreise, zumal Abnahme des Gehörs ihn zum Rücktritt aus allen anderen öffentlichen Stellungen bewog; er setzte auch, als ihn 1837 schmerzliche Krankheit befiel und für drei Jahre, mit nur zeitweisen Unterbrechungen, ans Zimmer fesselte, seine Vorträge für Studirende fort, und nahm sie nach unerwarteter gänzlicher Wiederherstellung im Frühjahr 1840 mit frischer Kraft wieder auf, nun während zweier Jahrzehnte eine neue Wirksamkeit theils als Lehrer, theils als fruchtbarer Schriftsteller auf dem historischen, dem kirchenpolitischen, dem gemeinnützigen und auch [201] dem Gebiete der Freimaurerei, deren er eifrig pflegte, entfaltend. Niemals hatte er seine Feder ganz ruhen lassen; 1837–39 mit Gerlach und Wackernagel in Basel das „Schweizerische Museum für historische Wissenschaften“ 3 Bde. (Frauenfeld), publicirt und mit werthvollen Arbeiten über die zürcherische Geschichte ausgestattet; 1838–40 in Verbindung mit Hr. Hch. VögeliHeinrich Bullinger’s Reformationsgeschichte“, 3 Bde. (Frauenfeld), zum Drucke gebracht. 1840 Mitstifter der allgemeinen geschichtforschenden Gesellschaft der Schweiz unter J. Kaspar Zellweger, übernahm H. die Leitung ihrer Zeitschrift: „Archiv für schweizerische Geschichte“ (erster Band Zürich 1843), von welcher fünf Jahrgänge durch ihn selbst, weitere unter seiner Mitwirkung erschienen und bis 1853 eigene Arbeiten und Beiträge von seiner Hand enthalten. H. ließ aber auch, von 1840 an, fortwährend theils in anderen Zeitschriften, theils als besondere Schriften, eine zahlreiche Reihe von kleineren und größeren Arbeiten verschiedensten Inhaltes erscheinen, die von der seltenen Geistesfrische zeugen, die er sich bis ins Greisenalter bewahrte. Als die bedeutendsten dieser Arbeiten sind herauszuheben: 1842 „Huldreich Zwingli und seine Zeit, dem Volke dargestellt“ (veranlaßt durch die zürcherische Volksbewegung von 1839); 1844 die „Vorlesungen über die Geschichte des Untergangs der Eidgenossenschaft der XIII Orte“ (fast mehr politische Betrachtung, als eigentliche Geschichte; denn H. verkennt die realen Schwierigkeiten, welche die 1798 bestehenden staatlichen und socialen Verhältnisse, sowie die eigentliche Bedeutung der ersten Umwälzungsversuche den Regierungen schufen, in dieser Darstellung allzusehr); 1852 die Biographie: „Hans Konrad Escher von der Linth, Lebensbild eines schweizerischen Republikaners (eines der anziehendsten und gelungensten Werke von H.); 1855 die Schrift: „Die Stadt Zürich in historisch-topographischer Darstellung“ (in neuer Ausgabe 1859 von H. und G. v. Escher); 1857 die Fortsetzung von Bluntschli’s „Geschichte der Republik Zürich“, dritter Band (die Zeit von 1533-1777 umfassend). Auch übersetzte H. 1845 den dritten Theil der: „Geschichte der Eidgenossen im 16. und 17. Jahrhundert“, die der ihm innig befreundete Vulliemin seit 1841 als weitere Fortsetzung von Müller an Hottinger’s zwei Bände des großen Werkes angeschlossen hatte. Eine letzte größere, inhaltreiche und lebensvolle Arbeit lieferte H. schließlich in seinem 74. Jahre, die Abhandlung: „Das Wiedererwachen der wissenschaftlichen Bestrebungen in der Schweiz in der Mediations- und Restaurationsperiode“. Die Abhandlung diente als Einladungsschrift zur 25. Feier des Stiftungstages der Hochschule Zürich am 29. April 1858. Die Regierungsbehörden und die Hochschule gestalteten diese Feier zugleich zum Amtsjubiläum des Greisen, der in 50jährigem Wirken als Lehrer und in amtlichen Stellungen verschiedenster Art so viel verdienstvolles geleistet hatte. Mit einem Collegium über neuere Geschichte im Sommer 1859 schloß H. diese öffentliche Wirksamkeit ab und zog sich in den Privatstand zurück. Nach längerer Krankheit erlosch sein Leben am Auffahrtstage 1860.

Vortrag am Amtsjubiläum des Herrn Prof. Dr. J. J. Hottinger nebst den Erwiederungsworten des Jubilaren, Zürich 1858. (Von dem Unterzeichneten; mit Verzeichniß aller Arbeiten von Hottinger.) – Gallerie berühmter Schweizer der Neuzeit von Hasler und Hartmann, Bd. II. – Neujahrsblatt von der Hülfsgesellschaft in Zürich auf das Jahr 1861 (mit Hottinger’s Bildniß).