ADB:Walther, Bernhard

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Artikel „Walther, Bernhard“ von Siegmund Günther in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 41 (1896), S. 97–99, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Walther,_Bernhard&oldid=2145457 (Version vom 2. März 2015, 03:53 Uhr UTC)
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Walther: Bernhard W., Astronom, geboren zu Nürnberg um 1430, † ebenda Ende Mai 1504. Daß W. ein Patricier gewesen sei, wie man zum öfteren liest, ist unzutreffend, wol aber gehörte er einem geachteten, rathsfähigen Bürgergeschlechte an. Vierzig Jahre seines Lebens verflossen, ohne daß die Geschichte ihr Augenmerk auf ihn gerichtet hätte, da brachte das Jahr 1471 eine durchgreifende Aenderung. Damals traf nämlich der große Astronom Joh. Müller (s. A. D. B. XXII, 564), genannt Regiomontanus, in Nürnberg ein, um hier dauernden Aufenthalt zu nehmen, und mit seiner Anwesenheit beginnt sich das [98] über W. lagernde Dunkel zu lichten. Er wurde der Mäcen des genialen Gastes und stellte demselben reichliche Mittel zur Verfügung, um eine mechanische Werkstätte, eine Druckerei und die bekannte Sternwarte (auf dem Hause Walther’s in der Rosengasse) einzurichten. Nachdem Regiomontan Nürnberg verlassen hatte, um bald nachher zu Rom einen allzu frühen Tod zu finden, setzte W. die Beobachtungen auf eigene Hand fort und suchte auch dadurch das Andenken des verblichenen Freundes in Ehren zu halten, daß er dessen Instrumente und nachgelassenen Bücher aufkaufte; dabei war ihm, wie eine handschriftlich auf uns gekommene Notiz Th. v. Murr’s besagt, der Umstand behülflich, daß Walther’s Schwester den Bürgermeister Schirling in Müller’s Geburtsstadt Königsberg i/F. geheirathet hatte. Diese Bibliothek muß, dem von Petz gegebenen Verzeichnisse zufolge, außerordentlich reichhaltig gewesen sein; kein mathematischer Classiker des Alterthums fehlte ihr, und auch die wichtigsten orientalischen Werke waren in Handschrift vorhanden; allein von Walther’s Erben wurde der Bücherschatz in unverantwortlichster Weise verschleudert. Er selbst scheint über denselben bei Lebzeiten geizig gewacht zu haben, denn Niemand durfte denselben benützen, und es mag dabei der unfreundliche Charakter des alten Junggesellen wol stark zum Ausdruck gekommen sein. Der treffliche Werner wenigstens (s. d. Artikel), der so gerne diesen Hort für die Wissenschaft ausgenützt hätte, sich aber immer abgewiesen sah, nennt deshalb W. einmal einen „melancholischen Hüter des ihm anvertrauten Gutes“ und ein zweites Mal „einen harten, gänzlich unerbittlichen Menschen“. Was den alternden Mann bewogen hat, noch mit dreiundsiebzig Jahren seine lange besessene Wohnung mit einer andern zu vertauschen, kann nicht aufgeklärt werden. W. starb unbeweibt als letzter seines Geschlechtes. Als der Rath merkte, wie wenig gewissenhaft mit Walther’s Hinterlassenschaft verfahren wurde, schritt er ein und rettete durch Ankauf noch mancherlei. Einige Manuscripte Regiomontan’s gab nachmals Schöner heraus; ein paar andere zählen noch jetzt zu den Kimelien der Nürnberger Stadtbibliothek. So wurden auch die Beobachtungen erhalten, welche Müller und W. zusammen vier Jahre lang angestellt hatten; sie wurden von Schöner 1544 zu Nürnberg und von Snellius 1618 zu Leiden herausgegeben. Sie erwiesen sich vielfach nützlich, wie denn Coppernicus und Tycho Brahe aus der Handschrift selber wichtige Daten für die Bahnbestimmung des selten sichtbaren Merkur entnommen hatten.

Aus unserer Darstellung könnte vielleicht geschlossen werden, daß W. einzig und allein in der Unterstützung seines Freundes und in der Pflege Regiomontan’scher Ueberlieferungen aufging, aber ein solcher Schluß müßte als voreilig bezeichnet werden. W. ist der erste, der die Nothwendigkeit erkannte, daß auf die von den Griechen bloß physikalisch erkannte Strahlenbrechung in der Luft auch bei astronomischen Höhenmessungen Rücksicht genommen werden müsse. Ihm eignet ferner das große Verdienst, die Räderuhr in die praktische Astronomie eingeführt zu haben; infolge dessen dürfte auch in Nürnberg seit 1488 neben der üblichen (antiken) Tageseintheilung in ungleiche Stunden (zwölf je auf den Tag- und Nachtbogen der Sonne entfallend) die heute allgemein gebrauchte Zeitmessung sich Eingang verschafft haben. Endlich sagt Wolf: „W. scheint auch der erste gewesen zu sein, der statt des Mondes die Venus zur Ortsvergleichung mit der Sonne anwandte, was bei guter Constellation und scharfem Auge wirklich schon vor Erfindung des Fernrohrs ausführbar war.“ Man sieht, W. war durch seinen Freund und Lehrer auch zu selbständiger Gedankenarbeit und Erfinderthätigkeit erzogen worden.

Doppelmayr, Historische Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern, Nürnberg 1730, S. 23 ff. – v. Wurzelbau, Uranies Noricae [99] basis astronomico-geographica, Nürnberg 1719, S. 37 ff. – Petz, Mittheilungen des Vereines für Geschichte Nürnbergs, 7. Heft, S. 122 ff. – R. Wolf, Geschichte der Astronomie, München 1877, S. 87, 118, 153, 157 ff., 181 ff.
Günther.