ADB:Werner, Johannes (Astronom)

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Artikel „Werner, Johannes“ von Siegmund Günther in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 56–58, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Werner,_Johannes_(Astronom)&oldid=- (Version vom 21. Oktober 2019, 17:57 Uhr UTC)
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Werner: Johannes W., Astronom und Mathematiker, geboren am 14. Februar 1468 zu Nürnberg, † ebenda im J. 1528 (genauer Todestag nicht bekannt). Das äußere Leben dieses hervorragenden, erst in neuerer Zeit seinem vollen Verdienste nach gewürdigten Gelehrten verlief einfach. Er genoß die gelehrte Bildung, welche die Pfarrschulen seiner Vaterstadt – andere gab es dort damals noch nicht – ihm bieten konnten, und zog mit 25 Jahren in das gelobte Land der Wissenschaft, nach Italien, wo er fünf Jahre geblieben zu sein scheint. Von 1498 an weilte er wieder in Nürnberg, wo er verschiedene Pfarrstellen bekleidete, zuletzt diejenige am Kirchhofe zu St. Johannis. Daß er in seinen späteren Jahren sich der Reformation zugewandt habe, ist als sicher anzunehmen, da die Reichsstadt ihren Geistlichen das lutherische Bekenntniß – allerdings aber mit Beibehaltung vieler äußerer Formen des Katholicismus – vorgeschrieben hatte. Wie Doppelmayr berichtet, gehörten alle Freistunden, die W. von seiner amtlichen Thätigkeit erübrigte, den mathematischen Wissenschaften, weil diese durch ihre Klarheit den menschlichen Geist am meisten erfreuen müßten. In der That hat er auch als Schriftsteller hervorragendes geleistet, und daß er auch auf die Gewerbethätigkeit und auf die mechanischen Künste, durch welche das damalige Nürnberg sich hervorthat, anregend gewirkt habe, wird ausdrücklich bezeugt. Ein wohlhabender Glockengießer, Sebald Behaim, ließ durch W. eine – leider verloren gegangene Uebersetzung der euklidischen „Elemente“ anfertigen, indem er zugleich die Bedingung stellte, daß jedem Satze ein Beispiel praktischer Anwendung beigefügt sei. Der Lohn für diese Arbeit soll ein hoher, eher fürstlich denn bürgerlich zu nennender gewesen sein.

Wir werfen zuvörderst einen Blick auf Werner’s Thätigkeit als mathematischer Schriftsteller. Sein „Libellus arithmeticus, qui complectitur quaedam commenta arithmetica“, mußte leider ungedruckt bleiben, weil sich kein Verleger dafür finden wollte, und nur durch die aufopfernde Freundschaft des aus Augsburg stammenden, damals aber in Wien ansässigen „Buchführers“ Alantsee kamen wenigstens die geometrisch-astronomischen Schriften an die Oeffentlichkeit. Ein inhaltschwerer Sammelband vereinigt die geometrischen Abhandlungen („Libellus Joannis Werneri Norimbergensis super viginti duobus elementis conicis. Ejusdem [57] commentarius, seu paraphrastica enarratio in undecim modos conficiendi ejus problematis, quod cubi duplicatio dicitur. Ejusdem commentatio in Dionysodori problema, quo data sphaera sub data secatur ratione. Alius modus idem problema conficiendi, ab eodem Joanne Vernero novissime compertus, demonstratusque.“ Norimbergae 1522). W. betrachtet die Curven der zweiten Ordnung auf dem Kegel selbst und erweist sich als höchst geschickter Synthetiker, der den projectivischen Methoden der Folgezeit mit Glück und Geist vorarbeitet. Die Untersuchungen über die altberühmte Aufgabe, einen Würfel unter Beibehaltung seiner Gestalt zu verdoppeln, erweisen sich als von gründlicher geschichtlicher Kenntniß dessen getragen, was schon früher über den Gegenstand gedacht und geschrieben worden war; auch versteht W. es sehr geschickt, eine kubische Gleichung, auf welche man bei der erwähnten Kugeltheilung geführt wird, durch die Durchschnittspunkte zweier Kegelschnitte zu lösen. Von einem anderen hierher gehörigen Werke Werner’s („Tractatus resolutorius, qui prope pedisequus existit libris datorum Euclidis“) ist uns bloß der Name bekannt, der auf eine Beschäftigung mit dem, was die Alten „geometrische Analysis“ nannten, hindeutet.

Mit den geometrischen Arbeiten des eifrigen Mannes stehen diejenigen zur mathematischen Geographie in engster Beziehung. Zunächst ist hervorzuheben der ohne Jahreszahl herausgekommene Ptolemaeus-Commentar („Joannis Verneri Norimbergensis recens interpretamentum in primum librum Geographiae Cl. Ptolemaei“), worin nicht bloß die Lehren des genannten Werkes erläutert, sondern auch selbständige Gedanken in nicht geringer Zahl eingestreut werden. Am meisten hat uns seine Paraphrase der von Ptolemaeus angegebenen Projectionsmethoden zu interessiren, weil dieselbe hinüberleitet zu einem eigenen Schriftchen des Autors über Kartenprojektion. Dasselbe („Libellus Joannis Verneri Norimbergensis de quatuor aliis planis terrarum orbis descriptionibus“) ist dem um die Pflege der Wissenschaft in Nürnberg so hoch verdienten Patricier Wilibald Pirckheymer gewidmet. Allerdings ist Werner’s Leistung keine völlig originale, und insbesondere war es sein Freund, der kaiserliche Hofmathematicus Stabius, der bei dieser Arbeit Gevatter stand, allein nichtsdestoweniger kennzeichnet letztere einen bedeutenden Fortschritt in der Netzentwurfslehre. Die Thatsache, daß es flächentreue Abbildungen, d. h. ebene Kugelbilder gibt, bei denen stets zwischen Original und Copie das gleiche Flächenverhältniß obwaltet, ist mit dem Namen unseres W. untrennbar verknüpft. Beachtenswerth ist ferner der Commentar Werner’s zu dem mathematisch-geographischen Werkchen eines Byzantiners Amiruccius, denn hier gibt W. erstmalig die allgemeine Regel, wie für zwei durch ihre sphärischen Coordinaten gegebenen Punkte der Kugelfläche deren kürzeste sphärische Entfernung berechnet werden kann.

Um auch dem Astronomen W. gerecht zu werden, sei zuerst betont, daß er den aus dem Mittelalter stammenden, aber erst von Regiomontan in seinem wahren Werthe erkannten Jakobstab, das bequemste Beobachtungswerkzeug des Zeitalters, verbesserte und praktische Tabellen zum Gebrauche desselben construirte. Zur Bestimmung der Polhöhe des Ortes empfahl er dasjenige Verfahren, welches den genannten Bogen als das arithmetische Mittel aus den Höhen der oberen und unteren Culmination eines Circumpolarsternes darstellt. Auch ist auf ihn der glückliche, wenn schon vor Erfindung des Fernrohres keiner eigentlichen Verwerthung fähige Gedanke zurückzuführen, daß die geographische Länge am sichersten durch Beobachtung sogenannter Monddistanzen gefunden werden könne. Gern beschäftigte er sich mit der Sonnenuhrkunde, welche seinen geometrischen Neigungen viel Stoff darbot; der oben erwähnte Stabius ließ sich von W. bestimmen, an die Südwand der St. Lorenzkirche zu Nürnberg jene schöne Sonnenuhr zu zeichnen, welche nach ihrer im J. 1885 erfolgten Renovierung die Aufmerksamkeit [58] aller Beschauer auf sich zieht. Nur in einem Punkte war W. als Astronom weniger glücklich. Seine „Summaria enarratio theoricae motus octavae sphaerae“ dient nämlich der von ihm zähe festgehaltenen Ansicht, daß das Zurückgehen der Aequinoctionalpunkte kein ganz gleichmäßiges sei, und indem er so die veraltete arabische Trepidationstheorie wieder aufleben lassen wollte, mußte er den berechtigten Tadel des Coppernicus über sich ergehen lassen.

Endlich gebührt W. das hohe Lob, consequente, Jahre hindurch fortgesetzte Witterungsbeobachtungen angestellt zu haben („Canones sicut brevissimi, ita etiam doctissimi, complectentes praecepta et observationes de mutatione aurae clarissimi mathematici Joannis Verneri, ed. J. Schoener“, Nürnberg 1546). Freilich waltet in den Erklärungen noch ganz der astrometeorologische Wahn vor, allein die Aufzeichnungen selbst werden dadurch nicht berührt; sie charakterisiren vielmehr so ziemlich den höchsten Stand, welchen die Witterungskunde vor der Erfindung der Meßinstrumente zu erreichen im Stande war.

Doppelmayr, Historische Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern, Nürnberg 1730, S. 31 ff. – Chasles, Geschichte der Geometrie, deutsch von Sohncke, Halle a. S. 1839, S. 629 ff. – Günther, Johann Werner von Nürnberg und seine Beziehungen zur mathematischen und physischen Erdkunde, Halle a. S. 1878. – Günther, Der Wapowski-Brief des Coppernicus, Mittheilungen des Coppernicus-Vereins für Wissenschaft und Kunst zu Thorn, 2. Heft, Thorn 1880.