ADB:Wegner, Ernestine

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Artikel „Wegner, Ernestine“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 41 (1896), S. 786–788, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wegner,_Ernestine&oldid=- (Version vom 20. Januar 2020, 07:03 Uhr UTC)
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Wegner *): Ernestine W.[1], Soubrette, wurde am 7. März 1850 zu Köln a/Rh. geboren, ein Schauspielerkind, Tochter des sie überlebenden Mimenveteranen Adolf W. Bis zum achten Jahre daselbst normal erzogen, machte sie dann zu Coblenz ihren ersten theatralischen Versuch als „Hansl“ in Raimund’s „Verschwender“, der größtes Aufsehen und Prophezeiungen veranlaßte. In der Schweiz, wo ihre Eltern engagirt waren, ausgebildet, fand sie in Bern und Zürich früh Verwendung und sang schon als Confirmandin in Zürich den Hirtenknaben in „Tannhäuser“, Bärbchen in „Figaro’s Hochzeit“ u. a., nach der Einsegnung alle Opern-, Operetten- und Possensoubretten am Luzern-St. Galler Theater unter der Direction Walburg-Kramer. Anfangs 1868 wurde sie ans Woltersdorff-Theater in Berlin engagirt und mit ihrem dortigen voll einschlagenden Debüt am 1. Mai in Hopf’s „Berliner Bauernfänger“ als Zeitungsjunge war sie an Spree-Athen mit ihrem Dasein und Wirken gebunden. Tine im „Milchmädchen von Schöneberg“, Lieschen Spröde in „Auf eigenen Füßen“, Karoline in „Wir Barbaren“ machten sie rasch allgemein bekannt, zumal diese Rollen ebenso wie ihre spätern Paradepartien für sie geschaffen waren. Nach Engagementsablauf gehörte sie dem von Ch. Maurice geleiteten Hamburger Thaliatheater an, von wo sie unter Erlaß einer einjährigen Verpflichtung ans Berliner Wallnertheater, die Stätte ihrer größten Triumphe, übertrat. Hier fand sie das richtige Feld, um ihre Eigenart zur Geltung zu bringen, die Gabe der Ausprägung realistisch-humoristischer Typen energisch auszubilden. Ohne sich etwa dem einseitigen Berlinerthum zu verschreiben, hat sie doch in dieser Specialität ihren Gipfel erreicht und alle Nebenbuhlerschaft hinter sich gelassen. Mimische Naturanlage, Nachahmefähigkeit, schlagfertige Momentkomik verbanden sich mit einem Declamations- und Gesangsvermögen, das gründlich geschult und auf verschiedenen Gebrauch hin ständig gepflegt war. Dieser Eifer im Studium hob die W. rasch über die andern führenden Standescolleginnen empor, zur anerkannten Primadonna der norddeutschen Schwank- und Operettensoubretten. Als solche erntete sie stürmische Anerkennung auf den Berliner Brettern durch mehr als anderthalb Jahrzehnte, nicht minder auf Gastspielen in Breslau, Magdeburg, Stettin, Königsberg, Bromberg, Colberg, Leipzig, Dresden, Weimar, Bremen, Dortmund, Wiesbaden, Mannheim, Prag, Wien u. s. w. Aus der Zeit des Gastspiels in letzterer Stadt, 1876, wo sie und das schnell elektrisirte Publicum, obwol durch heimische Soubretten verwöhnt, sich leicht in einander fanden, sind entzückte Briefe S. H. Mosenthal’s und der österreichischen Genossin Josephine Gallmeyer erhalten. Ihre Glanznummern während dieser Höheperiode waren Emma in „Mein Leopold“, Lilly in „Ihre Familie“, Pauline in „Die Lachtaube“, Marie in „Der Compagnon“, Vera in „Der Mann im Monde“, Caprice (Niniche) in „Ebbe und Flut“, besonders aber der Fähnrich Bernhard, d. h. der Titelträger, in „Der jüngste Lieutenant“. Mit letzterer Figur schoß sie den Vogel ab und machte diese Gesangsposse Ed. Jacobson’s zum kräftigsten Zugstücke ihrer Bühne und aller verwandten Institute Norddeutschlands. Die [787] 111. Wiederholung am 30. April 1884[2] sah sie zum letzten Male vor den Rampen. Schon 1882 hatte ihre Unverwüstlichkeit einen Stoß erlitten; jetzt mußte sie sofort ins Bad nach Pyrmont und, ungebessert zurückgekehrt, im September infolge eines inzwischen ausgebrochenen Nervenleidens nach Wiesbaden, wo sie am 2. November starb. Ganz Berlin, von dem Rücktritt der allverehrten Künstlerin schmerzlich berührt, trauerte über diesen Verlust und huldigte bei dem großen Leichenbegängnisse am 6. November dem Genius seiner Localposse; ihr Wirkungsheim, das Wallnertheater, veranstaltete unter imposanter Theilnahme eine Todtenfeier und eine Vorstellung für einen Denkmalsfond, an der sich die ersten Bühnenkräfte der Reichshauptstadt betheiligten. Berliner Laune und Scherz hatten mit ihrem Auftreten nicht bloß die höchsten dramatischen Triumphe errungen, sondern auch auswärts siegreiche Eroberungsfahrten unternommen. Die am meisten mit Witz gewürzten und glücklichen Couplets ausgestatteten Erzeugnisse dieses Schlags, diejenigen Eduard Jacobson’s (geb. 1833), ruhten wesentlich auf ihrem Spiel, wie der Verfasser dankbar eingeräumt hat. Etwas kritisch-Prüfendes, einen Bestandtheil des norddeutschen Humors, verleuguete sie niemals. Ernestine W. verkörpert in der Geschichte des deutschen Volksdramas eine Stufe, die Freunde und Kenner des Theaters leicht über die Achsel anzusehen geneigt sind. Im Schlußartikel einer vor einigen Jahren im „Berliner Tageblatt“ erschienenen Artikelserie über „Die Wandlungen des Berliner Volkshumors“ (von R[ichard] S[chmidt-Cabanis ?]) heißt es von Anna Schramm und unserer E. W.: „Beide führten siegreich das wieder auf Charakterzeichnung und dramatischer Situationskomik beruhende Bühnengenre der neuen Phase des Volkshumors ins Treffen.“ Die W. ist bis zum frühen unfreiwilligen Ende ihrer Laufbahn dieser Gattung treu geblieben, ohne indeß deshalb den Makel zu verdienen, ihre Begabung sei eng begrenzt gewesen. Denn sie hat auch im sentimentalen Volksstück L’Arronge’schen Calibers dauernden Beifall eingeheimst und zudem auf plattdeutschem Boden, z. B. in K. Th. Gädertz’ – mit sensationellem Gelingen am 25. Januar 1880 unter Prinz Georg’s von Preußen (d. i. „Georg Conrad“) Aegide im Berliner „Nationaltheater“ aus der Taufe gehobenen Schwank – „Eine Komödie“, worin die dessen 2. Druckausgabe angehängten Recensionsauszüge übereinstimmen. Obzwar als Persönlichkeit von scharf umrissener Physiognomie, die jedem Zuhörer unvergeßlich blieb, besaß sie doch eine höchst vielseitige Begabung: mag auch im schalkhaften, oft parodistischen Conterfei zeitgenössischer Individualitäten und Standesrepräsentanten ihre Stärke liegen, sie war doch durchaus Gemüthsmensch. Eine edle Seele, ein vornehmer Charakter, fein freigebig, ungezwungen ohne Derbheit, eine Künstlerin, die streng mit sich selbst ins Gericht ging, so lebt sie im Gedächtniß derer fort, die vorurtheilslos ihre sieggekrönte Wirksamkeit zu schätzen wußten und überzeugt waren, ihr gebührte ein Ehrenplatz am deutschen Theaterhimmel. Wie die hingerissenen Auditorien ihr schier unglaubliche Lorbeeren gespendet haben, so darf die Nachwelt unübertrieben ihr einen vollen Kranz flechten. Ja, in der Entwicklung unseres nationalen Theaters bedeutet ihre jetzt fast ausgestorbene Art beinahe eine culturhistorische Episode.

Eine Menge, theilweise authentischen Materials enthält ein – mir in dieser Form durch den Berliner theatergeschichtlichen Schriftsteller Josef Lewinsky nachgewiesener Aufsatz Adolf Kohut’s, „Zwei berühmte Soubretten“, in Boll’s Musik. Haus- und Familienkalender von 1891 (Berlin), – wol erweitert – abgedruckt in seinem Buche „Die größten und berühmtesten Soubretten des 19. Jahrhunderts“ (1891); hier ist die W. S. 81–113 behandelt, mit viel anekdotischem Beiwerk, auch Coulissenbagatellen; S. 9 f., 44–46, 180, 201 stehen kleine Einzelnotizen (an letztgenannter Stelle heißts in einem Briefe Jacobson’s 1890, nach etlichen andern Soubretten, die seine Figuren vorführten, [788] „gelangte ich endlich an die Wegner. Sie haben die Triumphe dieser gottbegnadeten Künstlerin mit erlebt, und wissen, daß mein Name mit denselben eng verknüpft war. Sie spielte fast nur in meinen Stücken“). Dr. Eduard Jacobson erklärt mir Kohut’s Angaben für „durchaus verläßlich“ und seinerseits nicht ergänzungsbedürftig. Die Mittheilung vom Gädertz’schen Stück verdanke ich dem Autor; die im genannten Anhang dazu, S. 44 f., aus dem „Berliner Börsen-Courier“ vom 27. Januar 1890 mit ausgehobene Aeußerung (J. Landau’s) über die W.: „Die unwiderstehliche Soubrette der sämmtlichen Berliner Theater – sie spielt nur zufällig bei Wallner und Kroll etwas häufiger“ verstehe ich nicht. Unsere obige Feststellung über Ernestine Wegner’s äußere Erlebnisse fußen meist auf Briefen ihres Vaters; sie ist nicht 1853 geboren, nicht 1883 gestorben und heißt nicht Wegener, wie man vielerorts liest. Die ihr (s. v.) gewidmeten kurzen Artikel in Oppenheim-Gettke’s „Deutschem Theater-Lexikon“ und in Meyer’s Conversationslexikon, 4. Aufl., mannichfach fehlerhaft, sind hiernach zu corrigiren. Auch im sonst äußerst sorgfältigen „Fachkatalog für deutsches Drama und Theater“ (redigirt von K. Glossy) der „Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen. Wien 1892“ steht für sie bezüglich der zwei daselbst gebotenen Bilder (das eine, bekannteste, (als „jüngster Lieutenant“) S. 334 f., Nr. 1435 und 1437 „Wegener“ als Name, 1852 als Geburtsjahr.


[786] *) Zu S. 426.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 786–788. Wegner, Ernestine: Sie wurde in Berlin allgemein Tini oder Tinchen genannt, ist 1883, nicht 1884, gestorben und feierte ihren größten Erfolg (nach Mittheilung P. Schlenther’s, der ihr einen Nachruf, wol in der „Vossischen Zeitung“, widmete) mit den Variationen zu „Kommt ein Vogel geflogen“ von Ernst Scherz d. i. Siegfried Ochs. Ueber der Wegner erfolgreiches Auftreten mit plattdeutschen Liedern (von Gustav Lehnhardt componirt) als Hamburger Dienstmädchen und Vierländer Blumenverkäuferin in K. Th. Gaedertz’ „Eine Komödie“ (1880/81) s. dessen „Das niederdeutsche Schauspiel“2 I, S. 223 Anm. [Bd. 44, S. 574]
  2. S. 787. Z. 4 v. o.: Ernestine Wegner ist dennoch 1883 (nicht 1884) gestorben, wie uns ein Augenzeuge ihrer Beerdigung versichert. [Bd. 45, S. 676]