ADB:Weigand, Karl

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Artikel „Weigand, Karl“ von Edward Schröder in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 55 (1910), S. 360–363, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Weigand,_Karl&oldid=2513266 (Version vom 17. November 2017, 21:09 Uhr UTC)
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Weigand *): Friedrich Ludwig Karl W., deutscher Lexikograph, wurde geboren am 18. November 1804 zu Niederflorstadt in der Wetterau, als Sohn eines reitenden Försters der Ganerbschaft Staden. Den sechsjährigen Knaben nahm sein Großvater mütterlicherseits, der Amtschirurg Lichtstadt zu Staden, in sein Haus, um ihm persönlich den Anfangsunterricht zu ertheilen. In Staden, wo er später Pfarrer war, hatte 300 Jahre früher auch Erasmus Alberus seine Knabenjahre verlebt, und zu diesem engsten Landsmann hat sich W. als Hesse und Wörterbuchschreiber zeitlebens besonders hingezogen gefühlt, wie er denn später auch zu dem Schulmann und Lexikographen des 18. Jahrhunderts Johann Leonhard Frisch in eine Art von persönlichem Verhältniß trat. Zu Weigand’s frühesten Eindrücken gehörten die Nachrichten von Napoleon’s russischem Feldzug, von der Leipziger Schlacht und, aus nächster Nähe, der Schlacht bei Hanau. Seine Weiterbildung begegnete manchen Hemmnissen, und nach dem frühen Tode des Vaters mußte W. auf den Besuch eines Gymnasiums verzichten und sich nur, im wesentlichen privatim, für das Schullehrerseminar in Friedberg vorbereiten, das er 17jährig im J. 1821 bezog. Hier entwickelte er sich bei schwacher Gesundheit, von tüchtigen und herzlich verehrten Geistlichen und Schulmännern gefördert, zu einem der besten Zöglinge der Anstalt, die ihn im Herbst 1824 nach der Abschlußprüfung mit einem vortrefflichen Zeugniß entließ. Er fand alsbald eine Stelle als Hauslehrer in der Familie des preußischen Generals v. Müffling in Mainz, wo er unter den angenehmsten Verhältnissen über fünf Jahre geblieben ist. Hier bot sich ihm Gelegenheit und Muße, sich wissenschaftlich fortzubilden und den im Stillen stets festgehaltenen Plan, doch noch Theologie zu studiren, durch eifriges Studium insbesondere der alten Sprachen zu fördern. Daneben aber legte er bereits den Grund zu seinen späteren lexikographischen Arbeiten, indem er seit dem Jahre 1825 für ein wetterauisches Idiotikon zu sammeln begann; in Beiträgen zu der von dem Hofprediger D. Zimmermann in Darmstadt herausgegebenen „Allgemeinen Schulzeitung“ hat er (von 1828 ab) auch schon sein besonderes Interesse an der deutschen Synonymik bethätigt.

Im Frühjahr 1830 bestand er vor der sogenannten Pädagogischen Commission [361] zu Gießen eine Maturitätsprüfung, die ihm den Zugang zur Universität erschloß, und hat dann sieben Semester an der Ludoviciana Theologie und Philologie studirt: von seinen Lehrern verdienen Schmitthenner für Geschichte, Jos. Hildebrand für Philologie und Litteraturgeschichte, Osann für Griechisch, sowie die Theologen Kühnöhl, Palmer, Hundeshagen (damals Privatdocent) und im letzten Semester Credner genannt zu werden. Unter diesen ist er Schmitthenner, den er später als Lexikograph ersetzen sollte, persönlich nahe getreten und hat von ihm wohl den stärksten Einfluß erfahren. W. war während seiner ganzen Studienzeit eifrig bemüht, alle Lücken seiner Bildung auszufüllen; der energische, zielbewußte Autodidakt hat nie verkannt, was ihm der Mangel einer methodischen Erziehung auf einer humanistischen Anstalt vorenthalten hatte. Dem studentischen Treiben blieb er fern, aber ein engerer Freundeskreis lernte seinen Frohsinn, seine geselligen Gaben und seine ideale Sinnesrichtung wohl kennen. Im Juli 1833 brachte er seine Universitätsstudien mit der theologischen Decanatsprüfung zum Abschluß. Sein eigentliches Ideal, Landpfarrer zu werden, sollte W. auch jetzt nicht verwirklichen – und hat es nie verwirklicht. Nachdem er ein Jahr lang als Hauslehrer in Nidda gelebt hatte, erhielt er eine Berufung an die im Entstehen begriffene Realschule zu Michelstadt im Odenwald: so ist er zum Lehrberuf zurückgekehrt und hat von ihm aus später den Uebergang zur Universität vollzogen. Von Michelstadt aus hat er 1836 mit einer ausgereiften Probe seines „Handbuches der sinnverwandten Wörter der deutschen Sprache“ die Doctorwürde an der Landesuniversität erworben; im Frühjahr 1837 ist er als ordentlicher Lehrer an die gleichfalls neu begründete Realschule nach Gießen übergesiedelt, das nun für den Rest seines arbeitsamen Lebens ihm zur Heimath wurde. Er brachte seine junge Frau mit, eine Nürnbergerin von katholischer Confession, mit der ihn, den lutherischen Theologen, der nachträglich (1846) noch ordinirt wurde, eine lange, glückliche Ehe verbunden hielt.

Weigand’s Lehrfächer an der Realschule waren Religion, Geschichte und Deutsch; er ist als Lehrer vollbeschäftigt gewesen, bis ihm zwanzig Jahre später nach längerer Stellvertretung definitiv das Directorat der Anstalt übertragen wurde; 101/2 weitere Jahre hat er die Leitung der Anstalt geführt, von der er im Herbst 1867 zurücktrat, um sich ganz auf die wissenschaftliche Arbeit und sein Amt als Universitätslehrer zu beschränken. Denn seit dem Sommersemester 1849 gehörte er auch zum Lehrkörper der Gießener Hochschule: zunächst als Privatdocent, seit dem 12. December 1851 als außerordentlicher Professor; seine Beförderung zum Ordinarius erfolgte, nachdem W. in die Fortführung des „Deutschen Wörterbuchs“ der Brüder Grimm eingetreten war, am 28. September 1867 unter gleichzeitiger Enthebung vom Directorat der Realschule. Mit gesteigerter Anstrengung seiner wissenschaftlichen Kräfte hat W. die späte Anerkennung gelohnt, bis ihn im Frühjahre 1878 ein Herzleiden zwang, mit jeder ernstlichen Thätigkeit auszusetzen; am 30. Juni 1878 ist er dieser Krankheit erlegen.

W. hat alle seine Aemter: als Lehrer, Director, Universitätsprofessor, mit Pflichttreue und Ordnungsliebe verwaltet, ausgerüstet mit reichen Kenntnissen, die zu vermehren er unablässig bemüht war, und gewiß nicht ohne innere Wärme, wie sie besonders in seinem innigen Pietätsverhältniß zu Jacob Grimm und Schmeller sympathisch zu Tage tritt, aber auch aus mancher Zeile seiner wissenschaftlichen Arbeit, aus vielen seiner populären Aufsätze hervorleuchtet. Wenn es galt, hat er auch – schon in jungen Jahren – festliche Strophen von Schiller’scher Prägung gedichtet, und von seinen Liedern im wetterauischen Dialekt sind ein paar mit Recht volksthümlich geworden. Aber [362] seiner schlichten und ehrlichen Natur widerstrebte nichts mehr als ein höherer Aufschwung zu gebotener Stunde. So hatte sein Vortrag nichts fortreißendes und sein Unterricht überhaupt wenig werbende Kraft. Von der behaglichen Lässigkeit, die er aus dem ruhigen Gefühl eines ausreichenden wissenschaftlichen Wohlstands in Colleg und Examen entfaltete, erzählte man sich wohl die eine oder andere heitere Anekdote. Das schadete seinem Ansehen wenig, denn die Gießener wußten, daß ihr Weigand als Gelehrter eine höchst respectable Person war und daß er nach dem Tode der Brüder Grimm als Deutschlands angesehenster Lexikograph dastand.

Freilich auf die Lexikographie – im weitesten Sinne, wo sie Synonymik, Mundartenforschung, Ortsnamenkunde einschließt – ist Weigand’s Bedeutung in der Geschichte der Wissenschaft auch beschränkt. Wohl hat er in jenen glücklichen Tagen, wo es überall noch etwas zu finden gab, aus hessischen Archiven und Bibliotheken allerlei werthvolle Stücke altdeutscher Litteratur ans Licht gezogen (Zeitschr. f. d. Alterthum Bd. 5–15): so die „Marien Himmelfahrt“ aus Gießen, das Darmstädter Aventiuren-Verzeichniß zum Nibelungenliede, den Friedberger „Christ und Antichrist“ und die Dirigirrolle des dortigen Passionsspiels – was er sonst über deutsche Litteratur aus alter und neuer Zeit geschrieben hat, trägt nur den Charakter der Gelegenheitsarbeit und ist meist in populärer Form gehalten. In Schul- und Kirchenzeitungen und populären Wochenschriften zerstreut sind auch seine zahlreichen Materialien und Deutungen zum oberhessischen Wortschatz, die dann später, 20 Jahre nach seinem Tode mit seinem und anderer Landsleute handschriftlichem Nachlaß dem „Oberhessischen Wörterbuch“ von Wilhelm Crecelius (Darmstadt 1897. 1899) einverleibt wurden; ferner die Mittheilungen von Sagen aus der Wetterau und sonstigen Beiträgen zur Volkskunde. Besondere Erwähnung verdienen die „Oberhessischen Ortsnamen“ im „Archiv f. hess. Geschichte und Alterthumskunde“ Bd. 7 (1853), eines der frühesten Beispiele für eine exakte wissenschaftliche Behandlung dieses schwierigen Gebietes, auf dem beständige Rückfälle in den Dilettantismus leider unvermeidlich erscheinen.

Es bleiben die großen lexikalischen Schöpfungen Weigand’s. Zunächst das in langjähriger Arbeit höchst gewissenhaft vorbereitete „Wörterbuch der deutschen Synonymen“, das in 3 Bänden Mainz 1840–43 erschien und 1852 eine zweite Auflage erlebte – leider die letzte, denn es hätte in weit höherem Maße eine dauernde Benutzung verdient, als das alte Handwörterbuch von Eberhard und Maaß, das man neuerdings schlecht und recht wieder zugestutzt hat, oder als die Leistungen von D. Sanders. Die Bedeutungsabgrenzung ist überall wohlerwogen: hier scharf und bestimmt, dort mit verständiger Rücksicht auf die neutrale Zone des Gebrauchs. Dazu ist es das einzige Werk seiner Art, das von der Existenz einer Wissenschaft der deutschen Philologie auf jeder Seite Zeugniß ablegt, überreich ausgestattet mit Belegen, die W. selbst zusammengebracht hat. Aber freilich: ein Synonymisches Wörterbuch ist zum Nachschlagen bestimmt, und die es nachschlagen sind zumeist Laien, denen eine wissenschaftliche Belehrung oft unbequem ist; sie verlangen überall präcise Auskunft und feste Rathschläge. Die wissenschaftlich interessirten Leser aber haben sich gewöhnt, die Auskunft direct aus der Quelle der großen Wörterbücher zu schöpfen, und so ist es gekommen, daß das große Unternehmen Weigand’s, zu dessen „tapferer Beendigung“ ihn J. Grimm (der es später oft gebraucht hat) beglückwünschte, heute so gut wie unbekannt ist.

Zum Theil allerdings hat W. selbst dazu beigetragen, daß sein älteres Werk vergessen wurde: denn sein eigenes „Deutsches Wörterbuch“, das als „Dritte völlig umgearbeitete Auflage von F. Schmitthenner’s kurzem deutschem [363] Wörterbuche“ zu Gießen 1857–1871 in Lieferungen (= 2 Bde.) herauskam und von dem er gleich nach dem Abschluß eine zweite Auflage (1872–1876) rüsten mußte, übernahm begreiflicherweise einen guten Theil der Bedeutungsangaben, der Ableitungen und Belege aus dem „Wörterbuch der Synonymen“, freilich ohne dieses in seinen speciellen Zwecken und Leistungen zu beeinträchtigen. Wenn W. dies sein Wörterbuch zunächst als eine Neubearbeitung des Schmitthenner’schen Werkes einführte, so geschah das sowohl aus Pietät gegen den Mann, der sein Lehrer gewesen war, wie aus geschäftlicher Rücksicht auf den Verleger, der die Anregung gegeben hatte. In Wahrheit durfte W. das Wörterbuch von der ersten Lieferung ab das seine nennen, und es ist im Fortschreiten und nun gar in der neuen Auflage ganz „der Weigand“ geworden, der nun schon seit Jahrzehnten als „der alte Weigand“ auf unserem Arbeitstische steht und dessen wesentlicher Eigenart eine soeben erscheinende Neubearbeitung, wie mir scheint, nicht gerecht wird: denn sie läßt die Etymologie viel zu sehr in den Vordergrund treten und kommt dadurch zumeist Bedürfnissen entgegen, die weniger gesund sind als die, welche W. selbst befriedigte. Bei W. erhält man in erster Linie Auskunft über das Alter der Wortformen und Wortbedeutungen, wo nöthig über ihre locale Herkunft und Heimath, sowie über mundartliche Abwandlungen in Form und Gebrauch. Weigand’s sprachwissenschaftliches Interesse ist mehr antiquarisch als linguistisch, aber es ist darum nicht weniger wissenschaftlich. Man sieht deutlich die historische Linie, aus der der Lexikograph Weigand herkommt: sie führt von Erasmus Alber, dem er das Interesse für das Landschaftliche verdankt, über J. L. Frisch, der als Erster starke antiquarische Interessen zeigt, zu Schmeller und Jacob Grimm.

Jacob Grimm, dem hessischen, wetterauischen Landsmann, „dessen wahrhaft großartige Schöpfung, die deutsche Philologie“ zu preisen W. nicht müde wurde, ihm bewahrte er zeitlebens eine Vasallentreue, die von kindlicher Liebe und Ehrfurcht durchglüht war. Grimm’s Bekanntschaft, seine Freundschaft machte daß Glück seines Lebens aus. W. stand auch am 24. September 1863 an seinem Sarge, und wenn er es auch mit schwerem Herzen that, so ist er doch ohne Zaudern an den Platz getreten, für den ihn der Meister als den Geeignetsten bezeichnet hatte: er übernahm für die Fortsetzung des großen Deutschen Wörterbuchs, an dem nach dem Tode Jacob Grimm’s nur Rud. Hildebrand (für das K) beschäftigt war, zunächst den Abschluß des Buchstabens F, mit dem J. Grimm bis zum Worte „Frucht“ gelangt war, und erklärte sich für später bereit, das S zu bearbeiten. Dazu ist es dann freilich nicht gekommen, denn nach der Pause, die W. 1872 eintreten ließ, ist er nicht wieder zum D. W. B. zurückgekehrt. So hat er nur das F (in Bd. IV 1) zu Ende geführt; obwohl er sich weit enger als Hildebrand an die Arbeitsweise und Darstellung J. Grimm’s anschloß, brauchte doch auch er mehr als das Doppelte des Raumes, aber was der Meister einst den ersten Lieferungen des Weigand’schen Wörterbuchs nachgerühmt hatte, gilt auch von dieser Leistung im Dienste des großen nationalen Werkes: es ist „grundehrliche, aus genauestem Forschen hervorgegangene Arbeit“.

O. Bindewald, Zur Erinnerung an Friedrich Ludwig Karl Weigand. Ein Lebensbild (Gießen 1879), wo S. 95–110 ein genaues Verzeichniß der Beiträge Weigand’s zu Zeitschriften und Zeitungen steht. – Briefe der Brüder Grimm an Weigand bei Stengel, Private und amtliche Beziehungen der Brüder Grimm zu Hessen II, 315–386.

[360] *) Zu S. 14.