ADB:Wilhelm I. (Graf von Holland)

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Artikel „Wilhelm I. Graf von Holland“ von Pieter Lodewijk Muller in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 81–83, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wilhelm_I._(Graf_von_Holland)&oldid=- (Version vom 18. Juli 2019, 05:20 Uhr UTC)
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Wilhelm I., Graf von Holland, dritter Sohn des Grafen Florens III. (s. A. D. B. VII, 126) war nach dem Tode des Vaters, den er in Friedrich’s I. Kreuzheer nach dem Orient begleitet hatte, mit seinem Bruder Dietrich VII.. (s. A. D. B. V, 178) wegen der Erbschaft zerfallen und gezwungen zu den Friesen zu entweichen. Mit ihnen fiel er im Bunde mit dem Grafen von Flandern, in Holland ein, wurde aber von seiner Schwägerin, der Gräfin Adelheid, unweit Egmont aufs Haupt geschlagen. Die Verwandten erwirkten eine Aussöhnung, welche ihm den Besitz der freilich wenig bedeutenden Grafschaft Westergo zusicherte. Doch scheint die Aussöhnung kaum eine herzliche gewesen zu sein, wenigstens wurde sein von ihm befehdeter Nachbar, der Herr von Kuieder nicht allein von seinem Lehnsherrn, dem Utrechter Bischof, sondern auch von Holland unterstützt, und als W., der denselben aus seinem Besitze vertrieben hatte, den Bruder, während dessen vorübergehender Herrschaft in Utrecht auf der Burg Horst besuchte, wurde er dort festgehalten. Jedoch er entkam [82] und kehrte mit Hülfe des Grafen Otto von Geldern und Zütphen (s. A. D. B. XXIV, 690) in seine Grafschaft zurück. Um jene Zeit hat er dessen Tochter Adelheid geheirathet. Als Dietrich 1204 gestorben war, und die Wittwe ihre Tochter Ada, um derselben die Herrschaft zu sichern, in unziemlicher Eile mit dem Grafen Ludwig van Los verheirathete, wurde W., der nach Holland geeilt war um seine Rechte zu wahren (der zweite Bruder war Geistlicher) nicht einmal zum Begräbniß zugelassen und schimpflich ausgewiesen. Doch ein Theil des holländischen Adels und der mit der Herrschaft ihres Burggrafen, Hugo von Voorne, unzufriednen Seeländer rief ihn bald wieder ins Land. Von Zierikzee aus bekämpfte er, im Bunde mit den Aufständischen, die Gegner mit solchem Erfolg, daß der Graf van Los und die Gräfin-Wittwe sich nach Utrecht flüchteten, während Ada, in der Leidener Burg eingeschlossen, gezwungen wurde, sich zu ergeben und nach Texel, später sogar nach England geführt und erst nach langen Jahren ihrem Mann zurückgegeben wurde. Freilich wendete das Glück sich bald, als die Bischöfe von Utrecht und Lüttich, der Herzog von Limburg und die Vläminger die Vertriebenen, welche von einem Theile des Adels unterstützt wurden, ins Land zurückzuführen sich bestrebten. Holland wurde fast gänzlich von ihnen besetzt und W. gezwungen, sich zu verbergen. Doch die gegen die Fremdherrschaft sich mächtig sträubende Bevölkerung veranlaßte ihn sich wieder an ihre Spitze zu stellen. Nach langem und heftigem Kampf gelang es ihm die Gegner zu vertreiben. Vom Jahre 1205 an scheint er sich immer behauptet zu haben, wenn gleich der wirkliche Hergang der Dinge im Dunkeln bleibt. Namentlich ist es ein vom Grafen Philipp von Namur, Regenten Flanderns, gethaner Spruch aus dem Jahre 1206, welcher bei späteren Unterhandlungen immer zu Grunde gelegen hat, welcher viele Schwierigkeiten veranlaßt hat. Denn dabei wurde bei weitem der größte Theil des bestrittenen Landes dem Grafen van Los zugewiesen. W. erscheint da vollständig als dessen unterlegener Gegner. Doch steht es fest, daß weder sein Nebenbuhler noch seine Frau das Land je wieder betreten haben. Der Streit war bald enge mit dem Kampf der Staufer und Welfen verflochten. Im großen Ganzen scheint W. noch zur staufischen Partei gehalten zu haben, während auch die Gunst des Papstes Honorius weniger ihm als dem Gegner zugewendet war. Es scheint er selbst habe darum im J. 1217 das Kreuz genommen. Nach Recht wurde in diesen Kämpfen nie gefragt, doch scheint es auch den Zeitgenossen eine ziemlich unlösbare Frage gewesen zu sein, ob Holland der Tochter des Grafen anheimfallen könnte. Wie dem auch sei, gewiß ist es, daß W. sich behauptet hat und, wenn auch nicht ohne Einbuße, wie er z. B. nie den Titel eines Grafen von Seeland geführt hat, seine Herrschaft ziemlich ungeschmälert erhielt. Im J. 1214 schloß er sich, wol von den vlämischen und brabanter Nachbaren dazu veranlaßt, dem Heerzuge Kaiser Otto’s an und kämpfte mit bei Bouvines. Einer Nachricht zufolge wurde er dort gefangen, was man sonst nirgends bestätigt findet. Gewiß ist es, daß er bald die Partei wechselte und sich dem Sohne Philipp August’s auf seinem Zuge gegen England anschloß. Endlich 1217 stellte er sich an die Spitze der niederländischen Kreuzfahrer und segelte mit ihnen, den Friesen und den Niederrheinischen nach dem heiligen Lande. Es war der von Olivier von Köln beschriebene Zug nach Damiette. Wie bekannt überwinterte W. mit einem Theil des Kreuzheeres in Portugal und erfocht einen bedeutenden Sieg über mehrere arabische Emire. Im nächsten Jahre erschien W., der vom Papst veranlaßt war, den Zug fortzusetzen, vor Damiette und nahm an der langwierigen Belagerung Antheil. In wie weit er und seine Untergebenen dabei sich so sehr hervorgethan haben als die Legende will, wollen wir dahin gestellt lassen. Nach dem Fall der Festung meinte W. seinem Gelübde genügt zu haben und kehrte heim. Seine Frau war indessen verstorben und er verheirathete [83] sich 1220 mit Maria von Brabant, der Wittwe des Kaisers Otto. Drei Jahre hat er dann noch, wie es scheint in ungestörter Ruhe gelebt, dann ist er 1223 gestorben.

W. ist der erste Graf von Holland, dessen Gestalt einigermaßen deutlich hervortritt, so wie auch eben in jenen Jahren die holländischen Verhältnisse sich weniger schattenhaft gestalten. In den Kämpfen um die Nachfolge werden die meisten Adelsgeschlechter, welche im nächsten Jahrhundert im Lande hervortreten, zum ersten Male genannt, einige Namen werden freilich nie wieder vernommen. Ebenso stammen von W. auch die ersten uns überlieferten holländischen Stadtrechte, von Geertruidenberg im J. 1213, von Middelburg, zusammen mit der Gräfin Johanna von Flandern, im J. 1217, später, als er die Stadt seiner zweiten Frau verliehen hatte, von Dordrecht. Schon die Zahl der von ihm stammenden Urkunden beweist, daß wir mit seiner Regierung den geschichtlichen Boden erreicht haben. Dazu läßt sich auch sein Antheil an den großen Ereignissen der Zeit viel besser ersehen als der seiner Vorfahren. Doch ist uns manches undeutlich und der Versuch Brill’s im dritten Bande seiner Voorlezingen over de geschiedenis der Niederlanden seine Thätigkeit und seinen Charakter historisch zu begründen kann als völlig gescheitert angesehen werden.

Vgl. weiter: Chronicon Egmondanum bei Kluit, Historia critica comitatus Hollandiae, der auch mehrere Excurse diesen Ereignissen gewidmet und darin Ordnung gebracht hat; Narratio de Groninga, die bekannten Chroniken von Beka, Melis Stoke, Emo und Menco; Olivarius de Colonia; v. d. Bergh’s Oorkondenboek u. s. w. – Von Litteratur nenne ich zuerst Blok, Geschiedenis van het Nederlandsche Volk, Bd. I, dann Arends, Compilation Bd. II, 1, Wagenaar, Wenzelburger, Bilderdijk u. s. w. und namentlich auch Winkelmann, Philipp von Schwaben und Otto IV. von Braunschweig.