Adalbert Töckel, der Raucher

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Textdaten
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Autor: Hermann Marggraff
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Titel: Adalbert Töckel, der Raucher
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 21, S. 161–164.
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
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Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München, Commons
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Adalbert Töckel, der Raucher.


Wie die Männer die Poesie zu verkennen pflegen, welche in dem Strümpfestricken der Frauen liegt, so verkennen auch die Frauen die Poesie, welche in dem Tabakrauchen der Männer liegt. Das Stricken und Stopfen von Strümpfen ist allerdings eine ziemlich nützliche und dabei reinliche Beschäftigung, und eine Frau thut überhaupt nichts, was nicht zugleich förderte und schaffte und seine Pfennigprocente abwürfe; um wie vieles poetischer dagegen ist das Tabakrauchen der Männer, und zwar schon darum, weil es, wie die Poesie selbst, eigentlich gar nichts abwirft, vielmehr noch Geldopfer verlangt.

Es gibt wirklich Männer, welche ihre Frau lieber missen würden, als ihre Pfeife, denn jene ist häufig kalt und leer an Gefühlsinhalt, wenn der Mann wünscht, sie möchte warm und voll sein, diese läßt sich in jedem Augenblick füllen und in einen brennenden Zustand versetzen; die Frau hat in jedem Augenblicke hundert Spitzen, die Pfeife immer nur eine; die Pfeife steht im Schmollwinkel ohne zu schmollen, die Frau macht das ganze Zimmer zu ihrem Schmollwinkel; der Pfeife kann man eher ein Dutzend Mal den Kopf, als der Frau einmal den Mund stopfen; bei der Pfeife fließen die bittern Säfte nach unten ab, bei der Frau steigen sie nach oben wie Dämpfe, die sich in Form von Tropfen – bei den Frauen Thränen genannt – an den Deckel hängen; die Frau setzt sich ihr Köpfchen selbst auf; der Pfeife wird er aufgesetzt; aber darin sind sie sich ähnlich, daß beiden häufig der Kopf raucht, und daß man beide ausklopfen kann.

Die Pfeife, diese Lippen-, Gaumen- und Luftröhren-Verlängerung des Mannes, diese verschwiegene, treue, anspruchslose, demüthige Geliebte, die mit wahrer Inbrunst an seinen Lippen und nur auf sein ausdrückliches Gebot an den Lippen eines Fremden hängt, ist daher des Mannes begleitende und tröstende Freundin geworden durch Freud’ und Leid, in Krieg und Frieden, im Müssiggange und bei der Arbeit, zu Wasser und zu Lande. Der Matrose, der Krieger, der arme Gelehrte ertragen alle Stürme des Meeres, alle Schrecken eines Feldzuges, alle Entbehrungen der Studierstube leichter im Zusammensein mit der gemüthlichen Pfeife, die ein nothwendiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden ist, und mancher Student hat sich seinen Hunger, mancher Soldat seine Feigheit, mancher Junggeselle seine glühende Sehnsucht nach [162] einer Tisch- und Bettgenossin, mancher Verliebte den Gram und das seelenmörderische Feuer seiner ungestillten Liebe verraucht.

Wie das erste Kind den jungen Mann zum Vater macht, so macht die erste Pfeife den jungen Menschen zum Mann.

Jeder kennt die Poesie, die uns in der ersten Blume, welche der Frühling erzeugt, entgegen blüht, in der ersten Reise, die wir über das Weichbild der Geburtsstadt unternehmen, uns aus Wald und Thal und Strom entgegenquillt, in dem ersten Kinde, zu dem wir uns als Vater zu bekennen veranlaßt sind, uns entgegenlächelt; aber dieß Alles reicht nicht an die Poesie der ersten Pfeife!

Jetzt hat der junge Mensch Etwas, was er mit Fug und Recht sein nennen kann; etwas Reelles, welches seiner idealistischen Stimmung das Gleichgewicht hält, eine interimistische Ergänzung seines innern Menschen, der nach einem zweiten weiblichen Sein verlangt, um sich mit ihm verschmelzen zu können – kurz, den Vorgeschmack der ehelichen Amalgamirung mit einer jungen Frau, welche durch die Pfeife symbolisch angedeutet und eingeleitet wird.

Und welche männliche Prüfungen muß ein junger Mensch bestehen, ehe es ihm gelingt, der ersten Pfeife vollkommen Herr zu werden! Seht die Krämpfe und Verzuckungen, die um seine Lippen spielen, nachdem er die ersten Züge gethan! Wie er die verhängnißvolle Pfeife immer wieder erlöschen läßt, und immer wieder sie anzündet, als fürchte er, die herbe Prüfung nicht bestehen zu können! Wie er seufzt, stöhnt, würgt, hustet und prustet! Wie endlich seine Lippen blau werden, seine Wangen erbleichen, seine Nase sich verlängert und zuspitzt, seine Augen halbgebrochen starren, und die Angst in Gestalt von Schweißtropfen auf seiner Stirne sichtbar wird! –

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Doch nein! ich will dieß herzerschütternde Gemälde nicht weiter ausführen. „Das Leben ist ein Moment“ sagt Mortimer, „der Tod ist auch nur einer!“ Um wie viel mehr wird das Rauchen der ersten Pfeife nur ein Moment sein.

Der junge Mensch hat endlich die bittre Prüfung bestanden und ein Heiligenschein von Mannhaftigkeit und Würde schwebt um die bleiche Stirn des unerschrockenen Märtyrers.

Aber die Frauen leider verstehen diese Poesie des Rauchens nicht, und es ist dieses Mißverständnisses wegen manche Liebe und manche Ehe aus den Fugen gegangen, und, um so zu sagen, verraucht worden. Hört ihr lieben Leser folgende Geschichte:

Seraphine und Adalbert Töckel waren zwei junge und in sich und ihrem Gott vergnügte Eheleute. „Kein noch so leichtes Wölkchen,“ würde einer von den früheren Romanschriftstellern sagen, „trübte den Rosenhimmel ihrer Ehe,“ wobei man freilich eigentlich nicht weiß, was man unter Rosenhimmel zu verstehen hat. Leider ließ sich aber Herr Töckel von einer teuflischen Leidenschaft blenden, die ihn früher beherrscht hatte, von ihm mühsam unterdrückt wurde, jetzt aber wieder mit erneuerter Stärke zum Ausbruch kam. So lange er sich um die Liebesgunst der holden Seraphine bewarb und während der Bräutigamsepoche hatte er seine Tabakspfeife bei Seite gestellt; denn das Tabakrauchen war der Dämon, der ihn beherrschte, von dem aber Seraphine, geborne Pudel, lange Zeit nichts ahnte.

Jetzt als Ehemann und im sichern Besitze seiner liebenswürdigen Herzensdame, suchte er ein altes bestaubtes Gestell von einer Tabakspfeife wieder hervor, setzte sich in seine Arbeitsstube, verriegelte die Thür, stopfte, that ein paar Züge, immer scheu, wie ein Verbrecher, nach der Thür, um sich, hinter sich blickend, ob nicht der Engel von Frau sich durch das Schlüsselloch eingeschlichen habe. Er setzte die Pfeife weg, aber seine Blicke konnten von ihr nicht lassen, und die abgesetzte Geliebte sah ihn so wehmüthig an, so wehmüthig, daß es ihm wie ein Messerstich durch das Herz griff.

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Noch ein paar Züge! – die Pfeife ist ausgeraucht; mehr nicht, nein, heute nicht. Und doch – die Stube ist ohnehin schon voll Rauch, also eine zweite Pfeife, eine dritte; Adalbert Töckel schwimmt in Rauchwolken; es ist bitter kalt draußen, er öffnet die Fenster; er badet sich in Eau de Cologne als er zu Tische gerufen wird; nichts hilft: seine junge Frau meint, seine Haare dufteten so eigenthümlich, nach einem Gemisch aus Riechwasser und Tabaksdampf; denn die Frauen haben eine eben so feine Spürnase, als die Jagdhunde, und werden von ihren Müttern eben so gut dressirt.

Herr Töckel schiebt ihren Geruch auf Sinnentäuschung und behauptet, sie müsse den Schnupfen haben. Seraphine geborne Pudel, aber, gründlich und neugierig, wie Frauen in solchen Dingen sind, schleicht sich heimlich auf Adalberts Arbeitszimmer, welches, wie er ausdrücklich begehrte, heute nicht gereinigt werden soll. Sie findet es verschlossen, den Schlüssel abgezogen; aber sie blickt durch das Schlüsselloch – die [163] Fenster sind geöffnet. Himmel! zwanzig Grad Kälte und die Fenster geöffnet! Eine wichtige Entdeckung, die zu weiteren Enthüllungen führen muß.

Aber für heute schweigt sie; man ist zärtlich gegen einander, doch gezwungener und kälter als sonst, denn sie hat etwas auf dem Herzen, was sie auch gerne auf der Zunge haben möchte, und er hat etwas auf dem Gewissen, was er lieber ganz auf dem Ungewissen haben möchte.

Andern Tags ist er wieder auf dem Arbeitszimmer. Er hat sich das Wort gegeben, nicht zu rauchen; aber die Pfeife sieht ihn heute noch viel schmachtender und trauriger an als gestern, gerade wie eine verlassene Geliebte, welche alle ihr zu Gebote stehenden Mittel der Coquetterie aufwendet, um ihren grausamen Liebhaber abermals in ihr Netz zu ziehen. Er kann nicht widerstehen; er stopft, glimmt an und raucht in vollen Zügen gerade wie gestern; das Verbrechen wächst; jeder Zug ein Frevel; und Zug auf Zug und Frevel auf Frevel! Er öffnet die Fenster, er hüllt sich tief in Pelz und Schlafrock, er friert, daß ihm die Zähne klappern; aber er raucht doch; und der Unglückliche ahnt nicht, daß Seraphine durch das Schlüsselloch ihn beobachtet.

Beim Mittagessen hält er sich von seiner Frau möglichst ferne; sie aber thut höchst unbefangen, zärtlich, schmiegt sich an ihn, er rückt fort, sie ihm nach.

„Warum fliehst Du mich, Lieber?“ sagt sie vorwurfsvoll – jetzt umschlingt sie ihm, er hält den Athem an, sie aber nähert ihr Spürnäschen seinen Haaren.


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„Schrecklicher Mensch!“ ruft sie plötzlich und fährt zurück. „Leibhaftiger Tabaksduft! Unglücklicher! Du rauchst wohl?“

Verlegen wie er ist, stammelt er etwas von einem Freunde, der ihn besucht und in seinem Arbeitszimmer eine halbe Cigarre geraucht habe. Sie schüttelt ungläubig den Kopf, läßt sich aber für heute noch beschwichtigen, um den Hauptausbruch ihres Zorns auf eine gelegenere Zeit aufzusparen. Doch tritt wieder eine merkliche Verstimmung ein.

Und so kam der dritte Tag.

Adalbert Töckel kämpfte wie ein Held mit sich selbst und mit der Pfeife, die, ihres Triumphs gewiß, heute verlockender und verführerischer aussah, als je, wenn auch weniger schmachtend und betrübt sehnsüchtig. Aber er konnte in der Nähe seiner Geliebten nicht arbeiten, er dachte an sie, er liebäugelte mit ihr. Nach einer Stunde meinte er: für alle Fälle stopfen kannst du sie, das wird dir auch deine Frau nicht verargen.

Gedacht, gestopft! –

Er hatte heute eine neue Sorte Tabak. Wie mag er schmecken? Die Wißbegierde wuchs: und eh’ er selber noch wußte, wie es kam, duftete ihm das Aroma des edelsten Varinas um die Nase, die sich auf diesem höchsten Stadium ihrer Glückseligkeit fast in einen Verklärungsschimmer zu hüllen schien. Ein Engelslächeln spielte um seine Lippen, über seine Wangen zuckte es wie das Roth der ersten Jugendliebe.[1] Gerade die Heimlichkeit, das Verbot steigerten den Genuß. Die Thür war abgeriegelt, sogar das Schlüsselloch heute mit Papier verstopft.


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Plötzlich klopfte es. Herr Töckel fuhr zusammen, und zitterte heftig. Wer klopft? rief er unmuthig.

„Oeffne doch, lieber Mann!“ klang die zarte Stimme Seraphinens, die sich auf Socken herbeigeschlichen hatte; „was für Heimlichkeiten treibst Du denn, daß Du Dich einschließest?“

Entsetzt schleuderte Adalbert die Pfeife auf den Boden, daß der Kopf zerbrach und die Asche umherstaubte.

„Weib!“ rief er zornig, und es war das erste Mal, daß er sein liebes Frauchen mit Weib anredete, „Du weißt, wie ungern ich mich in meinen Arbeiten stören lasse. Was führt Dich zu mir?“ –

[164] „Etwas höchst Wichtiges!“ betheuerte Madame Töckel, indem sie zugleich versicherte, daß sie nicht wanken noch weichen werde.


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Der unglückliche Töckel öffnete endlich, da die sonst so zarte Stimme der Madame Töckel immer durchdringender wurde, und man kann sich denken, welche Ehestandsscene, die erste zwischen beiden Gatten, nun erfolgte. Sie behauptete, daß sie höchst unglücklich verheirathet sey, da ihr Mann rauche, er habe sie betrogen, er kenne ihre Antipathie gegen das Tabakrauchen, das ihr noch abscheulicher sei, als der Trunk, lieber möge er täglich im Dusel sein; sie beklagte die eben erst aufgesteckten reinen Fenstervorhänge und sich selbst, während er ihr vorwarf, sie habe ihn verrätherisch belauscht, sie habe hier nichts zu suchen, in seiner Stube sei er Herr und könne thun und lassen was er wolle – endlich, nachdem sie einen Strom von Thränen vergossen, und ihres Mannes Zorn gelöscht hatte, verglich man sich dahin, daß es ihm gestattet sein solle, jeden Morgen eine Cigarre der feinsten und wohlriechendsten Art auf seinem Zimmer rauchen zu dürfen, das Pfeifenrohr aber wurde in Beider Dasein auf dem Feuerherde in einem feierlichen Auto da fe verbrannt.

Aber man lasse den Löwen Blut lecken und sein Blutdurst wird wachsen; so auch der Rauchdurst des Herrn Töckel. Er rauchte häufig zwei, drei und vier Cigarren, er begann überhaupt seine Frau zu meiden, er begleitete sie nicht mehr auf ihren Spaziergängen, er ging lieber allein und verpaffte und verpuffte seine Zärtlichkeit vermittelst der Cigarren in die Luft; er blieb selbst Abends nicht mehr zu Hause, sondern begab sich in eine Bierstube, wo er eine neue Geliebte, eine Meerschaumpfeife, und diese ihn unterhielt; er kam häufig mit einem Spitz, d. h. einem Rausch, nach Hause, und entschuldigte sich vor sich selbst mit der Grausamkeit und Hartherzigkeit seiner Frau, welche ihn zu Hause nicht rauchen lassen wolle.

Sie aber behauptete das ganze Haus, die Wäsche, die Betten dufteten nach Tabak, man könne es nirgends mehr aushalten, sie sank in Ohnmacht, wenn er aus der Bierstube nach Hause kam, obgleich er ihr vorhielt, daß sie und andere Damen im Wintergarten, wo Hunderte von Cigarren in Arbeit seien, recht wohl ausdauerten; kurz der häusliche Frieden war untergraben, der Riß wurde weiter und weiter, die Zungen schlugen sich gegenseitig Wunden, die nicht mehr zu heilen waren und immer heftiger bluteten, und immer mehr die edelsten Organe des ehelichen Verhältnisses angriffen – und so trennte man sich endlich, mit beiderseitiger Bewilligung und zu beiderseitigem Vergnügen.

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Er hat nie wieder geheirathet, um seiner alten Geliebten, der Pfeife, ganz und gar leben zu können, und sie durfte nicht darauf rechnen, einen zweiten Mann zu bekommen, da der Fluch auf ihr haftete, wenn auch einen Mann, doch keinen Tabakrauchenden ertragen zu können.

Dies ist die tragische Geschichte von Adalbert Töckel und Seraphine, geborne Pudel, geschiedene Töckel, allen Eheleuten zur Lehr’ und Warnung aufgeschrieben.

Hermann Marggraff.


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Anmerkungen (Wikisource)

  1. In der Vorlage hier ohne Punkt.