Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen II. Section/H02

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Heft 1 des Meissner Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke (Hrsg.)
Heft 2 der Section Meissner Kreis
Heft 3 des Meissner Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Burgk
  2. Schweta
  3. Gävernitz
  4. Rossthal


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Burgk.


In dem an Naturschönheiten so reichen Plauenschen Grunde liegt anderthalb Stunden von der Residenzstadt Dresden, und ebensoweit von dem reizenden Tharand entfernt an der vereinigten wilden und rothen Weisseritz das schöne Rittergut Burgk mit einem äusserst geschmackvollen Schlosse, und neben dem Dorfe erhebt sich der gewaltige Windberg mehr als tausend Fuss hoch über den Spiegel der Nordsee. Der Rücken dieses weithinsichtbaren Berges ist nur auf der nördlichen Seite mit Waldungen bedeckt, und auf seiner nordwestlichen Abdachung befindet sich ein merkwürdiger Erdfall. Hoch über alle Gebirge und Felsenhöhen des Weisseritzthales thürmt sich der mächtige Windberg empor, und die Sage behauptet, dass einst auf seinem Gipfel eine Burg der Grafen von Dohna oder Donyn, die Weissenburg, stand, welche dieses mächtige Dynastengeschlecht sammt der nahen Burg Rabenau im Jahre 1318 vom Markgrafen Friedrich von Meissen in Lehn empfangen haben soll. Von dieser Burg ist indessen keine Spur mehr vorhanden, ebensowenig wie von einer noch älteren Burg, die Wendeburg genannt, die zu den Zeiten Kaiser Heinrichs des Vogelstellers auf der Höhe des Windbergs erbaut wurde. Eine allerliebste Volkssage erzählt dagegen von einem Zauberschlosse im Inneren des Windberges, das ungeheure Schätze bergen soll; und wenn auch die Existenz der Geisterburg zu bezweifeln ist, so birgt doch der Windberg mit einem weiten Umkreise ungeheure unterirdische Schätze, die freilich nicht in Gold und Silber, wohl aber in den unerschöpflichen Kohlenlagern bestehen, welche auf viele Jahrhunderte hinaus eine Goldquelle für ihre Besitzer und eine Erwerbsquelle für Tausende rüstiger Arbeiter bilden. Das Gestein des Windberges ist das sogenannte Rothliegende, die Decke des Steinkohlengebirges, und erscheint als ein feinerdiges und reinthoniges Mineral, in welchem Einschüsse von Quarz, Amethyst, Achat und ähnlichem Edelgestein nicht selten in recht schönen Drusen aufgefunden werden. Auch kommen Kalklagen von achtzehn bis vierzig Zollen Mächtigkeit vor, die indessen sehr zerrissen und verworfen sind. Den Mineralogen ist der Windberg auch als Fundort der sogenannten Staar- und Madensteine bekannt, welche als in Kieselerde verwandelte Pflanzenreste anzusehen sind und der ältesten Flora angehört haben müssen. Sie besitzen viel Aehnlichkeit mit den noch jetzt lebenden Farrenkräutern.

Burgk ist ein uralter Ort und soll wendischen Ursprungs sein, wie denn der Name Burgk von dem slavischen Worte Boragh, welches soviel als „Fichtenhain“ oder nach Anderen „Tannenhain“ bedeutet, hergeleitet wird. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass Schloss und Dorf Burgk seinen Namen von dem ritterlichen Geschlecht der Herren von Burgk (Borc und Borgk in Urkunden genannt) erhielt, von denen Rodenger von Borc um 1250 und Radiger von Borgk um 1280 vorkommt. Die Familie der Burgke scheint zu Anfange des funfzehnten Jahrhunderts noch im Besitze von Burgk gewesen zu sein. Im Jahre 1612 gehörte das Rittergut Georg Zeutzschen, welcher zum Dresdener Defensionswerke ein Ritterpferd stellen musste. Der jetzige Besitzer ist der Freiherr Herr C. F. A. Dathe von Burgk.

Das Rittergut Burgk, welches die Patrimonialgerichtsbarkeit über das Dorf Grossburgk ausübt, besitzt an Areal 145 Acker 210 □ Ruthen, nämlich 3 Acker 27 □ Ruthen Gebäude und Hofräume, 71 Acker 115 □ Ruthen Feld in den Classen 2–7, 5 Acker 186 □ Ruthen Wiesen in den Classen 3–7, 49 Acker 27 □ Ruthen Wald in den Classen 2–4, und 12 Acker 54 □ Ruthen Gärten, Pflanzungen u. s. w. in den Classen 2–7. Durch den gegenwärtigen Besitzer wurden in mehreren benachbarten Ortschaften Grundstücken im Betrage von ungefähr 95 Ackern dazu gekauft und mit zur Bewirthschaftung des Rittergutes gezogen. Im Jahre 1707 brannten die Wohngebäude desselben nebst den daran liegenden Wirthschaftsgebäuden gänzlich nieder, wurden jedoch sofort wieder aufgebaut. Das jetzige Wohnhaus erhielt durch den derzeitigen Rittergutsbesitzer einen neuen Thurm und Ausbau der Dachräume, welche Veränderung im Jahre 1846 stattfand, und dem Schlosse seine jetzige äusserst vortheilhafte Gestalt gab.

Das zum Rittergute Burgk gehörige Dorf gleichen Namens wird zum Unterschiede von dem angrenzenden zu Potschappel gehörigen Dorfe Kleinburgk Grossburgk genannt, und hat nebst dem vom Freiherrn C. F. A. von Burgk gegründeten Neuburgk 130 Feuerstellen mit etwa 1200 Einwohnern. Während des siebenjährigen Krieges wurde das Dorf fast gänzlich verwüstet und die Jahre 1812 und 1813 brachten ebenfalls nicht wenig Kriegsdrangsale über den Ort; seit letztgenannter Zeit aber, und insbesondere seit dem Jahre 1820, wo der Freiherr von Burgk den Steinkohlenbau auf eine höhere Stufe brachte, finden die Einwohner reichliche Arbeit und guten Verdienst, so dass der Wohlstand derselben sich unaufhörlich verbessert.

Während ein grosser Theil der Einwohnerschaft Burgks sich mit dem Steinkohlenbergbau beschäftigt, pflegt man hier auch eine vortreffliche Obstbaumzucht, [10] und es giebt wohl kaum in Burgk ein Haus, das nicht eine Baumschule neben sich hätte. Ueberall, auf den Fluren des Rittergutes wie des Dorfes, an allen Wegen und Stegen stehen die herrlichsten Obstbäume, welche namentlich während der Blüthenzeit der ohnehin schönen Gegend einen neuen Reiz verleihen. Der wackere Gründer dieser einträglichen Obstbaumzucht ist der Pfarrer Martin Künzelmann zu Döhlen, welcher im Jahre 1535 bis 1581 sein geistliches Amt verwaltete und allgemein betrauert und bewundert in hohem Alter starb. Als tiefer Forscher nach den geheimen Kräften der Natur, und weil er oft die Vorurtheile seiner Zeitgenossen geschickt zu seinen Zwecken benutzte, auch bei den schwersten Krankheiten sich oft als tüchtiger Arzt und Helfer bewährte, kam er bald in den Ruf, dass der Teufel mit ihm im Bunde sei. Trotzdem suchte man seine Hülfe, die er auch gern und willig gewährte, von nah und fern, wobei der wackere Pfarrherr sich keine andere Belohnung geben liess als junge Obstbäume und Pfropfreiser. Ein reicher böhmischer Graf, dessen schwererkrankter Sohn durch den Pfarrer Künzelmann gerettet wurde, bot diesem in der Freude seines Herzens eine grosse Geldsumme an, die Künzelmann indessen entschieden zurückwies und den Grafen nur um einige Obstbäume und Reiser von sehr guter Gattung bat. Hierdurch wuchs im Volke die Meinung von seinen übernatürlichen Kräften dergestallt, dass der vermeinte Wundermann endlich selbst im Auslande grossen Ruf genoss und von Reich und Arm um Rath und Beistand angegangen wurde. Da nun seine Gemeinde, wie auch einige seiner Freunde, Künzelmanns Beispiele als Obstzüchter folgten und die Bäume nach seiner Anordnung pflanzten und pflegten, so entstand die in hiesiger Gegend allgemein bekannte und lohnende Obstzucht. Nachkommen des Pfarrers Künzelmanns sollen sich noch in Gittersee befinden, wo er einst sieben Hufen Landes urbar machte und einige Güter baute.

Die zum Rittergute Burgk gehörigen und durch Ankauf der in den Fluren der Dorfschaften Zschiedge, Birkicht, Kleinburgk, Kleinnaundorf, Bannewitz, Wilmsdorf, Niederhässlich, Schweinsdorf, Deuben, Döhlen, Oberhermsdorf, Wurgewitz, Kohlsdorf und Pesterwitz gelegenen erlangten Kohlenlager umfassen einen Flächenraum von 4–5000 Scheffeln Land, und sichern dem Rittergute auf Jahrhunderte hinaus eine Erwerbsquelle, dem Vaterlande aber die reiche Ausbeute eines unentbehrlichen Brennmaterials, gleichwie einer grossen Anzahl der Bevölkerung nährenden Erwerb.

Rittergut und Dorf Burgk sind in die Kirche zu Döhlen eingepfarrt, welche ihre jetzige Gestalt im Jahre 1587 empfing. Die Kirche besitzt ein grosses Crucifix, das auf dem Altar stehend fast das kunstvolle Altargemälde verdeckt, und auf eine damals für übernatürlich gehaltene Art hierherkam. In uralter Zeit war nämlich die Weisseritz einmal so angeschwollen, dass ihre Fluthen sich bis an die hohe Kirchentreppe erhoben. Vermuthlich hatte der ungestüme Fluss im oberen Lande ein Kirchlein zerstört, denn auf seinen Wellen schwamm ein Crucifix daher und blieb auf der Treppe der Döhlener Kirche liegen. Die staunende Menge sah in diesem Zufall ein Wunder, das Kreuz wurde mit grosser Feierlichkeit nach der Kirche gebracht und dort auf dem Altar emporgerichtet. Bald verbreitete sich die Kunde von dem angeschwommenen Christusbilde über das ganze Land, und Tausende strömten herbei um vor demselben ihre Gebete zu verrichten. So blieb das Crucifix in hohen Ehren Jahrhunderte hindurch, bis endlich die Aufklärung der späteren Zeit das Wunderbare von einem Ereigniss abstreifte, welches damals Tausende zu gläubigem Gebet begeisterte. – Uebrigens befindet sich in der Kirche zu Döhlen auch ein interessantes Deckengemälde, welches die Versuchung Christi in der Wüste darstellt, der Versucher ist aber nicht, wie er immer abgebildet wird, eine Mannsperson, sondern – ein Frauenzimmer! –

Des wackeren Pfarrers Martin Künzelmann ist bereits Erwähnung gethan. lhm folgte als hiesiger Pastor sein Sohn, Bartholomäus Künzelmann, der im Jahre 1616 starb. Er war so unglücklich sich dem in Sachsen eingeschlichenen Calvinismus anzuschliessen, wozu er sich namentlich von seiner Frau verleiten liess, die ihn zur Unterzeichnung eines darauf bezüglichen Cirkulars mit den Worten aufmunterte: „Schreibt, lieber Herr, schreibt! dass Ihr nur bei der Pfarre bleibt! –“ welche Rede später zum Sprichworte geworden ist. Als jedoch nach Churfürst Christians Tode der Kryptocalvinismus mit aller Härte aus Sachsen verdrängt wurde, hatte auch Pastor Künzelmann viel zu leiden, und man erzählt, dass er zu der Strafe verurtheilt gewesen sei, einen Priesterrock mit nur einem Aermel zu tragen. Eingepfarrt in die Kirche zu Döhlen sind die Ortschaften Deuben, Potschappel, Birkicht, Gittersee, Grossopitz, Gross- und Kleinburgk, Leissnitz, Niederhässlich, Schweinsdorf, Weissig und Zschiedge.




Da wir fast im Mittelpunkte des Gebietes stehen, durch welche die bis jetzt untersuchten Steinkohlenflötze streichen, so dürfte es unseren Lesern nicht unangenehm sein, wenn wir hier einen Blick auf den so wichtigen Zweig der Gewerbsamkeit, den Steinkohlenbau, werfen. Es wurde schon erwähnt, dass die Kohlenlager sich von Burgk am Fusse des Windberges weithin erstrecken. Die Flötze lagern auf Porphyr. Die Weisseritz scheidet die angebrochenen Flötze in zwei Hauptbezirke; auf dem linken Ufer theilt der Zaukeroder Bach, der bei Potschappel in die Weisseritz fällt, und der Sauberg, zwei Reviere ab, wovon das eine von Pesterwitz und Kohlsdorf bis zum Sauberge, das andere von hier bis Zaukerode, Döhlen und Niederhermsdorf sich erstreckt. Die einzelnen Reviere, welche auf dem linken Ufer des Flusses liegen sind durch tiefe Schluchten getrennt, die sich durch den Abfall der Porphyrgebirge, zwischen denen die Kohle liegt, gebildet haben. Man theilt das Steinkohlengebirge in sieben Arten ein. Die erste enthält ein Lager von mürbem Sandstein, welcher unmittelbar über dem Porphyr liegt, und bisweilen Versteinerungen von Conchylien und Würmern enthält. In diesem Sandsteine liegen, als zweite Art, drei Kohlenflötze von der Stärke eines Viertellachters bis zu einem Lachter, die in verschiedenen Weiten übereinander schichten. Ueber dieser Sandsteinschicht liegt als dritte Art das oberste oder vierte Kohlenflötz, welches in diesem Bezirk verschiedene Mächtigkeit hat und mit seiner Tiefe immer mächtiger wird. Auf diesem Flötze ruht die vierte Art, eine Lage Kalkmergel, auf dem die fünfte Art Schieferthon mit Abdrücken von Pflanzen und Kräutern liegt. Ueber dem Schieferthon findet sich bisweilen noch Kalkstein, den man auch hier und da bricht, und auf diesem ruht ein aus Conglomerat und Thonstein bestehendes Gebirge, das bisweilen in Porphyr mit aufgelösten [11] Feldspatkristallen übergeht. Auf dem rechten Ufer der Weisseritz befinden sich die Werke von Burgk und Potschappel, und in letzteren ist die Kohle so fest, dass sie oft mit Pulver gesprengt werden muss. Burgk hat die tiefsten Gruben, und die Luft darin ist ungemein schwül, so dass die Arbeiter die Kleider ablegen müssen.

Die Kohlen, welche man hier gewinnt sind von dreierlei Art. Die Schmiedekohlen bestehen aus Blätter- und Pechkohlen und einer in Schieferkohle übergehenden Blätterkohle, ruhen in den oberen Flötzschichten, und geben nach geprüften Versuchen das beste und am meisten hell brennende Gas, sowie die vortreflichsten Coaks. Die Schieferkohle findet man sowohl hart wie auch weich, doch ist die harte gewichtiger und schwefelhaltiger als die weiche, brennt mit geringerer Flamme als diese, entwickelt aber eine stärkere Gluth und lässt mehr erdige Theile zurück. Die Kalkkohlen endlich sind ein Gemisch von Schmiede- und Schieferkohlen, werden hauptsächlich zum Kalkbrennen gebraucht und geben ein ziemlich gutes Gaslicht. Die Steinkohlen werden bergmännisch, theils mit der Keilhaue, theils durch Bohren und Pulversprengung gewonnen, und die unterirdischen Gänge, welche der Arbeiter in dem Gestein ausbricht, schützt man durch gemauerte Wände, stehengebliebene Pfeiler von Steinkohlen und Auszimmerung vor einem möglichen Einsturz. Die ältesten Nachrichten über den Kohlenbau des Weisseritzgebietes, reichen bis zur ersten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts hinab, und die Volkssage erzählt von einem Kohlsdorfer Hirten, der auf dem Felde ein Feuer anmachte und nicht wenig erstaunte, als die schwarzen Steine mit welchen er dasselbe gegen den Wind schützen wollte zu brennen anfingen. Dass in Kohlsdorf zuerst auf Steinkohlen gebaut wurde, ist durch Urkunden nachzuweisen, in der zweiten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts finden sich indessen schon landesherrliche Privilegien zur Betreibung des Steinkohlenbaues im Weisseritzthale vor, womit natürlich die Grundbesitzer, denen für das Einschlagen auf ihren Grund und Boden nur ein Schadenersatz gewährt wurde, nicht eben zufrieden waren. Der Kohlenbau gewann übrigens auch an Ausbreitung durch die falsche Hoffnung im Plauenschen Grunde reiche Silberadern zu finden. Das Bergamt zu Freiberg nahm im Jahre 1577 plötzlich[WS 1]den ganzen Landstrich zwischen Dresden und Freiberg im Beschlag und erklärte selbigen für landesherrliches Eigenthum, die betroffenen Grundbesitzer erhoben indessen über diesen Akt rücksichtsloser Willkühr so laute Klagen, dass der Freiberger Bergschöppenstuhl – jedoch erst nach völliger Ueberzeugung, dass die Berge des Plauenschen Grundes kein Silber in ihrem Schoosse trügen – den Ausspruch that, dass Steinkohlen kein Regal, sondern Eigenthum der Grundbesitzer wären, welchem Urtheile auch der Joachimsthaler Schöppenstuhl bepflichtete. In späterer Zeit schlossen die Rittergutsbesitzer mit ihren Bauern Verträge, worin sie sich für die Zustimmung der Grundbesitzer zum Kohlenbau auf ihren Grundstücken zu einem Tonnenzinse verpflichteten, oder den Bauer, welcher selbst Kohlen grub, zur Abgabe eines Zehnten zwangen.

Die Kohlenbergwerke bei Zaukerode und Döhlen entstanden erst um das Jahr 1740, und da bald darauf der siebenjährige Krieg seine verwüstenden Schaaren auch hierher führte, so blieben die Werke bis 1770 liegen, worauf sie mit neuer Thätigkeit wieder aufgenommen wurden. Das Bergamt in Freiberg fühlte sich wegen des in seinen Werken und Schmieden oft eintretenden Kohlenmangels seit 1788 veranlasst, mit einigen Grundbesitzern zu Hermsdorf Verträge abzuschliessen, wodurch es ein Recht erlangte, auf dem Weisseritzgebiete Kohlen zu bauen. Aber der Bau, welcher unter Aufsicht des Bergamtes stattfand, entsprach den gehegten Erwartungen so wenig, dass man die Gruben im Jahre 1799 an den Churfürsten abtrat, welcher die begonnenen Arbeiten mit neuem Eifer fortsetzen liess. Später kaufte der Landesherr noch einige Steinkohlenlager, und endlich im Jahre 1805 die beiden Rittergüter Döhlen und Zaukerode, wozu ansehnliche Kohlengruben gehörten. Das königliche Steinkohlenwerk im Plauenschen Grunde erstreckt sich seitdem über die Reviere von Döhlen, Zaukerode nebst den dazu gehörigen Fluren von Hainsberg und Weissig, einige an den Bezirk von Zaukerode angrenzende Felder von Potschappel, einen grossen Theil des Niederhermsdorfer Bezirks und einige Striche in den Revieren Pesterwitz und Burgk. Die Verwaltung der Kohlenwerke übernahm eine besondere, unter dem Finanzministerium stehende Behörde.

Schon im Jahre 1801 hatte man zur Gewinnung der im Bezirke von Niederhermsdorf gelegenen, ersoffenen Gruben den tiefen Weisseritzstollen angefangen, der durch die Fluren von Zaukerode und Pesterwitz am Fusse des Burgwartberges hin bis zur Weisseritz fortgeführt, seit 1806 aber auch nach den Gruben des Döhlener Bezirkes getrieben wurde. Nicht weniger wichtig und erfolgreich war die Erbauung eines neuen Kunstzeuges bei Döhlen, das im Jahre 1807 fertig und mit dem älteren schon 1795 erbauten Kunstschachte verbunden wurde, um die Grubenwässer zu gewältigen und zu Tage zu heben. Das Gestänge, welches nach dem Kunstschachte führt, ist 212 Lachter lang, und der neue Schacht dient zugleich als Beförderungsschacht für die Kohlen, welche in Tonnen aus selbigem heraufgezogen werden. Kaum war diese neue Anstalt vollendet, als sich sofort auch ihre ausserordentliche Zweckmässigkeit bewährte. Es brach nämlich im April des Jahres 1808 der angeschwollene Wiederitzbach in die Gruben ein, und füllte mit seinen Fluthen alle Schächte. Hier zeigte sich das neue Schöpfwerk in seiner ganzen Vortrefflichkeit, denn ohne dessen Thätigkeit würde der Steinkohlenbau vermuthlich rettungslos verloren gewesen sein. Nicht weniger wichtig für den Betrieb der Kohlenwerke war die Anlegung einer neuen Kohlenstrasse, welche von der Tharandterstrasse unterhalb Potschappel in einer fast ganz geraden Richtung über Zaukerode nach Kesselsdorf geführt wurde. Zu dieser Förderung des Kohlenbaues kam später auch noch die Herstellung eines neuen Stollens zur Ableitung der Grubenwässer, der von Zaukerode bis nach Priesnitz führt, wo er am Elbufer mündet. Die neueste Zeit hat mit ihrer Dampfkraft ungemein viele Schwierigkeiten gehoben, die man früher für beinahe unüberwindlich hielt.

Wenn schon seit dem Anfange unseres Jahrhunderts der Betrieb des Kohlenbaues immer schwunghafter und umfangreicher wurde, so musste mit den Eisenbahnen und anderen Dampfmaschinen der Werth der Kohlen sich um das Doppelte erhöhen. Seit etwa zwanzig Jahren gehört deshalb die Steinkohle zu den kostbarsten und segensreichsten Producten unseres Vaterlandes, und bildet einen seiner wichtigsten Handelsartikel. Die Zahl der Arbeiter in den Gruben hat sich bei dem bedeutend erhöhten Kohlenbedarf ungemein vermehrt. Sie haben die Rechte und die Kleidung der Bergleute, sind aber auch denselben Gefahren und Beschwerden unterworfen. Fast mehr [12] in der Nacht ihrer Kohlenschächte als in dem freundlichen Schoosse ihrer Familien sind sie in steter Gefahr von niederbrechenden Wänden erschlagen zu werden, von der schlüpfrigen Leiter abgleitend in die bodenlose Tiefe hinabzustürzen, durch einströmende Wasser zu ertrinken oder ihren Tod durch Schwefeldünste zu finden. Ebenso gefährlich sind die laufenden oder schlagenden Wetter, wie man das Entzünden der angesammelten brennbaren Dünste nennt, und viele Bergleute wurden schon durch diese Wetter getödtet oder verstümmelt. Um sich zu überzeugen, ob der Schacht von bösen Dünsten frei sei, wirft der Kohlenhäuer ein brennendes Stück Kien hinab, der bei Anwesenheit von Gefahr sofort erlöscht. Diese Wetter stellen sich indessen oft auch so schnell ein, dass nur die eiligste Flucht den Arbeiter vom Tode des Erstickens retten kann. Oft muss eine von Wettern heimgesuchte Grube wochenlang verlassen bleiben, und wer dann wieder zuerst anfährt schwebt in der grössten Gefahr. Das Alles aber macht den Häuer nicht muthlos, die Gewohnheit hat ihn, gleich dem Bergmann, mit der Gefahr vertraut gemacht, und mit dem Glauben an eine über ihn verhängte Bestimmung steigt er getrost in seinen Schacht. Zu Potschappel wurde im Jahre 1795 auch ein Vitriolwerk angelegt, wo man aus einer grünlichen Kohle des Hauptflötzes, die vorher an der Luft zersetzt wird, durch Aussieden Vitriol erzeugt, der dann in mehreren Oefen zu Vitriolöl gebrannt wird.

Otto Moser, Redact.     




Schweta.


Das Schloss Schweta bei Döbeln, in einer schönen fruchtbaren Gegend unmittelbar am Zusammenflusse der Zschopau und Mulde gelegen, tritt mit seinen uralten hohen Mauern und spitzen Erkern dem von Leissnig herkommenden Reisenden als ein ächtes Bild altdeutscher Baukunst entgegen. Die Sage versetzt seine Entstehung in das neunte Jahrhundert, wo das Schloss der Sitz eines Bischofs gewesen sein soll, weshalb auch ein naheliegender Berg den Namen Bischofsberg führt. Ein Gang und eine Küche unter den Kellern der ehrwürdigen Burg zeigen noch Spuren eines gemauerten Ganges, der unter dem felsigen Flussbett der Mulde nach dem Bischofsberge leitete; da aber später Wasser in die unheimlichen Souterrains eindrang ist es jetzt nicht mehr möglich in dieselben zu gelangen, wohl aber fällt sämmtlicher Russ eines zur Zeit noch benutzten Rauchfangs in die unbetretbaren Räume. Schauerliche Empfindungen erregt der Besuch des im tiefsten Grunde des Schlosses gelegenen fürchterlichen Burgverliesses, von dem gleichfalls ein Theil mit Wasser angefüllt ist, denn eiserne Halsringe und Bügel, welche den Leib des unglücklichen Gefangenen umschlossen, sind stumme Zeugen der grauenhaften Jammerscenen, deren Schauplatz die tausendjährigen Gewölbe der Burg Schweta gewesen sein mögen.

Der älteste bekannte Besitzer Schwetas ist Otto von Sueth, der 1288 unter den Zeugen genannt wird, welche gegenwärtig waren, als der Pfalzgraf Friedrich von Sachsen zu Rochlitz das Kloster Buch mit einer Hufe Landes und der Fischerei in Krolop belehnte. Derselbe Otto von Sueth wird nebst einem Conrad von Sueth wiederum als Zeuge in einer Urkunde von 1290 erwähnt, worin Friedrich, Landgraf in Thüringen, das Kloster Buch mit einigen Zinsen im Dorfe Erlau begnadigte. Hieraus scheint hervorzugehen, dass die Burg Schweta das Stammhaus der Herren von Schweta ist, indem nach der Sitte des früheren Mittelalters die Edelleute sich nach ihren Schlössern nannten. Zu Anfange des vierzehnten Jahrhunderts befand sich Schweta jedoch nicht mehr im Besitz des ritterlichen Geschlechts gleichen Namens, denn 1328 gehörte das Schloss den Gebrüdern Friedrich, Herrmann und Albrecht von Maltitz, die in diesem Jahre dem Kloster zu Staucha einige Einkünfte in ihrer Dörfern Marschitz und Albertitz überliessen, welche Schenkung Landgraf Friedrich von Thüringen zu Rochlitz und zwar am Tage des Märtyrers Vitus bestätigte. Von den Maltitzen gelangte Schweta an die Herren von Honsberg, deren Stammschloss „Hainsburg“ bei Zeitz gelegen ist, und 1454 besass die Burg Schweta Tylich von Honsberg, der am Montag nach Allerheiligen den Predigermönchen des Oberklosters zu Freiberg ein Schock neuer Groschen schenkte, das auf dem Wasser zu Ziegra, die Zschopau genannt, haftete, und welches der Fischer, der das Wasser gepachtet hatte, als Zins entrichtete. Dafür musste das Kloster in der Kapelle des Honsbergischen Geschlechtes eine ewige Lampe halten. Dietrich von Honsberg empfing die Lehn über Schweta 1461, und 1485 wurde Georg von Honsberg mit dem Dorfe Technitz, nebst der Kirche und dem Altarlehn daselbst, von dem Burggrafen von Leissnig belehnt. Der Ritter Georg von Honsberg hatte von dem Kloster St. Afra zu Meissen das ganze Dorf Weitschenhain mit allem Zubehör und eine Hufe in Marschwitz in Lehn, und empfing von demselben jährlich siebzehn Schock funfzig Groschen acht Heller, sechsundvierzig Scheffel Korn, neues Maass, zwölf Scheffel drei Viertel Weizen, neun Scheffel Gerste , drei Scheffel Erbsen, einundvierzig Scheffel Hafer, zwölf Schock und zehn Eier, und eine Tonne Wagenpech. Dieses Weitzschenhain ist wahrscheinlich das Dorf Wisca, am Flusse Jahna im Lande Daleminzien und in der Grafschaft des Markgrafen Heinrich gelegen, welches Kaiser Heinrich III. am XVI. calend. Martii 1090 der Kirche zu Meissen schenkte.

Johannes von Honsberg erborgte am Dienstage nach Franziskus 1512 von dem Stifte Meissen 140 Gülden und verschrieb dagegen sieben rheinische Gulden jährliche Zinsen auf zwei Bauergüter in Albertitz und Ibanitz, und [13] zwei Jahre später lieh er abermals eine Summe von 200 rheinischen Gülden und sicherte dem Stifte zehn rheinische Gülden auf den Dörfern Ibanitz und Litzschnitz. Ihm folgte im Besitze Schwetas Georg Dietrich von Honsberg um das Jahr 1537, der 1554 mit Tode abgegangen zu sein scheint, indem zu dieser Zeit seine Söhne Hans, Heinrich und Gustav mit Schweta und Zubehör beliehen wurden. Der älteste dieser drei Brüder, Ritter Hans von Honsberg war ein wüster grausamer Herr, dessen Andenken durch eine blutige Sage aufrecht erhalten wird, die an das Märchen vom Ritter Blaubart erinnert. Der unmenschliche Edelmann hatte nämlich zehn Frauen geheirathet, die in kurzen Zwischenräumen eines schnellen Todes verstarben. Die erste seiner Gemahlinnen war ein Fräulein von Grostewitz, dieser folgten eine von Brandenstein, eine von Hopfgarten, eine von Holda, eine von Böcken, eine von Creutze, eine von Schönbergk, eine von Weissenbach, eine von Schönfeld und endlich eine von Pflugk, und alle diese Frauen soll der blutgierige Schlossherr kurz nach der Vermählung heimlich ermordet haben. In einem Saale des Schlosses befindet sich noch jetzt ein Altar, an dem die in Stein gehauenen Wappen und Namen der ermordeten Edelfrauen sammt dem Wappen ihres gefährlichen Gemahls zu sehen sind. –

Eustachius von Honsberg besass Schweta um das Jahr 1576 und 1582 vermählte sich Hansens von Honsberg auf Schweta Tochter, Margaretha, mit Hans Jörg von Schönberg auf Schönau, der 1618 starb. Dieser Hans von Honsberg war der letzte Besitzer Schwetas aus dem Stamme der Honsberge, denn 1592 gehörte das Gut Melchior von Hayn, der „drei Scheffel baaren Geldes“ hinterliess. Von ihm gelangte Schweta an den Wohlthäter der Freiberger Schulbibliothek, Adam von Wallwitz, auch Wahlwitz und Weltewitz genannt, der nebst seinen Brüdern Sebastian und Johann das Opus biblicum Regium in acht Theilen für 125 Gülden erkaufte, prachtvoll einbinden liess und genannter Bibliothek verehrte. Von ihm gelangte Schweta 1630 an Caspar von Schönberg, und 1671 an Caspar Heinrich von Schönberg, der es seinem Sohne Caspar Joachim von Schönberg hinterliess. Der folgende Besitzer war 1728 Friedrich Gottlob von Metzsch und 1735 dessen Sohn Ernst Friedrich Gottlob von Metzsch. Später gehörte das Gut den Gebrüdern Johann Ernst Siegmund von Metzsch, königlich Preussischem Obersten von der Armee und Ritter des Verdienstordens, der 1812 starb, und Hans Gottlob Friedrich von Metzsch. Im Jahre 1840 erkaufte Schweta der Kaufmann Albert Barchwitz, und im Mai 1845 kam das Gut an Herrn Heinrich Hensel, dessen Frau Wittwe es noch jetzt besitzt.

Was die Gebäude Schwetas anlangt, so sind dieselben in neuerer Zeit fast durchgängig neu aufgebaut worden. Das alte Schloss, dessen Mauern im Souterrain fast sieben Ellen stark sind, wurde von dem bereits genannten Hans von Honsberg vielfach restaurirt, wovon noch sein eigenes und zwei Wappen seiner Frauen, der von Grostewitz und von Pflugk, am Thurme in Stein ausgehauen, Kunde gehen. Ebenso hat auch Herr Barchwitz, sowie in neuster Zeit die Familie Hensel viel im Schlosse gebaut, um demselben ein freundlicheres und wohnlicheres Ansehen zu geben. – Die Fluren Schwetas, denen die hohen Dämme, die felsigen Einschnitte und die grosse Zschopaubrücke der Chemnitz-Riesaer Eisenhahn zu nicht geringer Zierde gereichen, sind in der Neuzeit durch verschiedenartige Erdarbeiten und Drainirung bedeutend verbessert worden. Das jetzige Areal des Ritterguts Schweta besteht aus 225 Ackern Feld, 35 Ackern Wiese, 54 Ackern Holz, ungefähr 5 Ackern in kleinen Inseln auf der Zschopau und Mulde, und 24 Ackern Zschopauflussbett, worin dem Rittergute, gleichwie bis zum Bauchlitzer Wehre in der Mulde, die Fischerei zusteht. In der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts gehörte zu Schweta auch der sogenannte Kassauer Grosswald, zwischen Hainichen, Mittweida und Frankenberg gelegen, eine der bedeutendsten Waldungen des Königreichs Sachsen, mit welchen die drei Brüder Hans, Heinrich und Gustav von Honsberg gleichfalls im Jahre 1554 beliehen wurden; in den Lehnsurkunden späterer Zeit geschieht indessen des Waldes nicht mehr Erwähnung. Die Tradition erzählt über den Verlust des Waldes folgende Thatsache: „Im Jahre 1575 befand sich im Kassauer Walde ein ungeheures Wildschwein, das anstatt der gespaltenen Hufe mit Bärenklauen versehen war. Churfürst August von Sachsen, bekanntlich ein leidenschaftlicher Waidmann, liess nach erhaltener Nachricht von dem Wunderthiere unverzüglich dem Schwetaer Ritter befehlen, auf keinen Fall das merkwürdige Schwein zu tödten; geschähe es, so würde er dem Ritter ohne Weiteres den Kassauer Wald wegnehmen. Hans von Honsberg war aber nicht der Mann, welcher irgend einem Verbote zu gehorchen sich geneigt fühlte, deshalb griff er nach seinem Jagdzeuge, und war auch bald so glücklich, oder vielmehr so unglücklich, das Wunderschwein zu erlegen, denn Churfürst August hielt Wort und zwang den ungehorsamen Ritter zur Abtretung des herrlichen Waldes. Charakteristisch für Hans von Honsberg ist es, dass er den Hochweitzschener Forst, welchen ihm der gutmüthige Landesherr später als Entschädigung überlassen wollte, nicht annahm, sondern das werthvolle Geschenk trotzig zurückwies. Im Schwetaer Schlosse aber kann man in einem Gewölbe noch heute das Bild des Schweines mit den Bärenklauen sehen, mit der Jahreszahl 1575 und Angabe des Ortes wo der Ritter Honsberg es erlegte.“

Zum Rittergute Schweta gehören ein Antheil vom Dorfe Ibanitz, Limmeritz, das in Urkunden auch Nimmerich und Nimmertitz genannt wird, Technitz, Weitzschenhain, ein Antheil von Wetitz, ein Antheil von Marschitz, ein Antheil von Albertitz und ein Antheil von Staucha, mit zusammen ungefähr 500 Bewohnern.

Das Rittergut Schweta ist nebst den Dörfern Bischwitz, Limmeritz, Forchheim, Stockhausen, Masten, Keuern, Nöthschütz, Strölla, Höckendorf, Möckwitz, Wöllsdorf und den Bischofswiesenhäusern nach Technitz eingepfarrt. Die Kirche zu Technitz wird urkundlich bereits in der frühesten Zeit erwähnt, und ausser dem Pfarrer, welcher an der Mutterkirche fungirte, gab es auch noch einen Kaplan, der in den nahegelegenen Kirchorten Ziegra und Mockritz, wo bis zur Reformation Kapellen standen, den Gottesdienst zu versehen hatte. Dieser Kaplan wohnte in Technitz, und ein Gärtnergut, welches um die Zeit der Reformation an das Rittergut Schweta gelangte, späterhin aber wieder durch Verkauf davon abkam, führte noch zu Anfang des dreissigjährigen Krieges den Namen der Kaplanei und wird unter dieser Benennung in alten Actenstücken oft erwähnt.

Die Kirche von Technitz war ein uraltes Gebäude, eine ohne Symetrie und Geschmack auf einander gehäufte Steinmasse, mit einem eigenthümlich geformten Thurme, dessen oberer Theil aus einer hölzernen Haube bestand [14] die angeblich in Folge eines Blitzstrahles, der den Thurm traf und beschädigte, auf die dicken Mauern gesetzt werden musste. In den Jahren 1665 und 1667 wurde bereits mit dem Kirchhause eine bedeutende Veränderung vorgenommen. Ein Actenstück aus jener Zeit berichtet, das Kirchlein sei dermalen so baufällig gewesen, dass man eine Reparatur für unerlässlich gefunden, die auf 600 Thaler veranschlagt worden sei. Weil nun aber dieses Geld nicht vorhanden war, auch auf dem gewöhnlichen Wege wegen der vielen Restanten nicht erlangt werden konnte, so mussten der Schulmeister sowie die Kirchenvorsteher von Haus zu Haus gehen, und freiwillige Beiträge sammeln, wodurch das Fehlende bald herbeigeschafft wurde. Es blieben damals nur die vier Mauern des Kirchhauses stehen, die Bedachung und das Innere wurde erneuert und eine kellerartige Sakristei aufgemauert. In diesem Zustande blieb die Kirche 200 Jahre hindurch, ohne dass auch nur das Geringste gethan worden wäre das finstere feuchte ungestalte Gotteshaus in einen besseren Zustand zu versetzen, bis endlich 1828 die Nothwendigkeit eines Neubaues oder wenigstens einer gründlichen Reparatur so klar hervortrat, dass man zur Realisirung des allgemein gehegten Wunsches Schritte that, in deren Folge nach Jahren eine Verordnung der Kreisdirection zu Leipzig in Technitz einging, welche die Durchführung eines neuen Kirchenbaues betraf. Im Jahre 1851 begann der neue Bau, und macht seinem Meister, dem Baumeister Uhlig von Grünberg bei Augustusburg alle Ehre, denn die Kirche ist eine Zierde des Muldenthales geworden, und im Innern wie im Aeusseren ein zwar einfaches aber höchst geschmackvolles Gebäude. Von der alten Kirche ist in das neue Gotteshaus nur die grosse und mittlere Glocke und ein Taufstein hinübergenommen worden; die grosse Glocke und der Taufstein sind Geschenke einstmaliger Besitzer Schwetas. Anton von Wallwitz verehrte der Kirche im Jahre 1615 die grosse Glocke, und der Taufstein ist ein Geschenk des Ritters Hans von Honsberg aus dem Jahre 1563. Dieser Taufstein, dessen Erneuerung eine bedeutende Summe kostet, ist ein Meisterwerk, und neuerdings sind sogar Abbildungen von ihm an die Altherthumsvereine zu London und Paris abgegangen. Unter den herrlichen Bildhauerarbeiten, welche den Taufstein zieren, befinden sich auch die Wappen Hans von Honsbergs und dreier seiner Frauen, der von Holda, von Böcken und von Weisenbach. Durch den Neubau der Kirche, Vergrösserung des Friedhofes und andere Verbesserungen ist der nicht eben wohlhabenden Kirchengemeinde eine Schuld von 26000 Thalern erwachsen. – Die Collatur über Kirche und Schule zu Technitz steht dem Rittergute Schweta zu.

Otto Moser, Redact.     




Gävernitz.


Am Ausgange des sogenannten Schiebockgrundes, auf dem linken Elbufer, und zwar drei Stunden von Dresden, zwei Stunden von Meissen und anderthalb Stunden von Wilsdruf entfernt, liegt das Schloss Gävernitz, – auch Gävertitz, Gävernitz und Gaueritz geschrieben, – inmitten einer äusserst reizenden und fruchtbaren Gegend. Die Bergeshöhen sind hier flacher als die bei Weisstropp und Scharfenberg, und in der Nähe befinden sich mehrere durch den Elbstrom angeschwemmte Heger, von denen der grösste einen bedeutenden Umfang hat und früher mit vortrefflichen Gartenanlagen geziert war, die indessen durch Hochfluthen häufig verwüstet worden sind.

Was die älteste Geschichte des Schlosses Gävernitz betrifft, so lässt sich mit Gewissheit behaupten dass es bald nach dem langen blutigen Kriege der Deutschen mit den Slaven entstand und ursprünglich zur Ueberwachung der nahen sorbischen Ansiedelungen diente. Alte Nachrichten behaupten, das Gävernitz sammt Grossröhrsdorf und dem jetzt nicht mehr vorhandenen Vorwerke Kleinröhrsdorf, sowie dem Schlosse Klipphausen um das Jahr 1100 Eigenthum des frommen Bischofs Benno von Meissen gewesen sei. Im vierzehnten Jahrhundert wird das Schloss Jauernytz genannt, und gehörte damals den Herren von Ziegler. Von dieser Familie besassen um das Jahr 1360 die Brüder Nikol, Wyrand und Michel das Schloss und Dorf Gävernitz nebst dem nahen Constappel, – welches Letztere sehr lange für ein besonderes Gut galt, und Michel von Ziegler, der jüngste Bruder, gründete die Gauernitzer Linie, welcher das Gut bis 1595 gehörte. Im Jahre 1496 wurde auf dem Gävernitzer Schlosse der berümte Leipziger Professor der Theologie Bernhard von Ziegler geboren, der am 1. Januar 1552 starb und in der Paulinerkirche zu Leipzig begraben liegt, wo man sein Denkmal noch heute sehen kann. In der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts besassen Gävernitz eine Zeit lang die Herren von Schleinitz, von denen 1446 Jörg und Dietrich von Schleinitz auf dem Schlosse wohnten, und hieraus entsteht die Vermuthung, dass damals die Herren von Ziegler Gävernitz blos als ein Afterlehn von dem sogenannten Schleinitzer Ländchen innehalten. Die Ziegler blieben im Besitz von Gävernitz bis zum Jahre 1595, wo der tief verschuldete Franz von Ziegler das Gut an Caspar Pflugk auf Zabeltitz verkaufte, dessen Familie es bis zur Mitte des siebzehnten Jahrhunderts gehörte. In Jahre 1752 kam Gävernitz an die Gräfin von Callenberg, Gemahlin des Geheimen Rathes von Zinzendorf und später an die Familie von Hopfgarten, welche es bis 1819 besass, wo Sr. Durchlaucht der Fürst Otto Victor von Schönburg-Waldenburg das Gut sammt Zubehör erkaufte und es noch jetzt besitzt. – Das Rittergut hat mittle und niedere Jagd, das Recht der Fasanenzucht und darf zum eigenen Bedarfe eine Elbfähre halten. Zu ihm gehören das Vorwerk zu Constappel, Kleinschönberg, Pinkewitz, ein Bauergut zu Pinkewitz, und eine [15] Mühle. In alten Zeiten gehörten zu Gävernitz auch Pretschitz, drei Güter zu Leuben und die nach Heselicht zustehenden vier Hufen zu Weitzschen. Kleinschönberg kam von Klipphausen an Gävernitz; dagegen gehörte schon 1554 zu Klipphausen das isolirte Bauergut zu Gävernitz, welches unweit Scharfenberg steht und dessen Grenzen bis an die Bergränder des Gävernitzer Territoriums reichen. Von dem Schlosse Klipphausen nahm eine zweite Linie der Ziegler’schen Familie ihren Unterscheidungsnamen an, und ein Fusssteig durch die Röhrsdorfer Fluren, der Rittersteg genannt, deutet noch jetzt auf eine frühere Verbindung zwischen Gävernitz und Klipphausen hin.

Das Dorf Gävernitz besteht aus dreissig und einigen Häusern mit etwa vierhundert Einwohnern, unter denen sich eine grosse Anzahl von Gärtnern und Weinbauern befinden, welche auf den hiesigen Bergen eine sehr starke und gewinnreiche Rebenzucht treiben. Erwähnenswerth ist auch das vortreffliche Gävernitzer Bier, welches weit und breit gern getrunken wird. Gävernitz ist mit Hartha und Pinkewitz in die Kirche zu Constappel eingepfarrt.

Die Kirche zu Constappel wurde wahrscheinlich im elften Jahrhundert gegründet, denn zwei päpstliche Bullen, von denen eine 1358 von Innocenz VI. zu Avignon, die andere 1515 von Leo X. ausgestellt wurde, nennen das Gotteshaus „ein altes Gestift zu Ehren des heiligen Nikolaus“, welchen man damals als Patron des Elbstromes verehrte, und zu dessen Verehrung Wallfahrten nach der Kapelle zu Constappel unternahm. Die beiden genannten Bullen befanden sich zu Constappel im Pfarrarchive, der zweite protestantische Prediger aber, M. Starke, welcher 1552 starb, hatte den unglücklichen Einfall aus allzugrossem Eifer für die Reformation die beiden interessanten Urkunden in das Feuer zu werfen. Vielleicht trägt der übereifrige Pfarrer auch die Schuld, dass alle schriftlichen Nachrichten über die frühesten Schicksale der Constappler Kirche verloren gegangen sind. Im Jahre 1652 war das alte Gotteshaus so baufällig geworden, dass man sich gezwungen sah, einen Neubau desselben vorzunehmen, und 1723 sowie 1788 richtete der Sturm an dem Gebäude solche Verwüstungen an, dass bedeutende Reparaturen nöthig wurden, mit denen man auch Veränderungen im Inneren verband. Die Kanzel und der Altar sind im Jahre 1823 neu erbaut, und erstere, die sich vormals an einem Seitenpfeiler befand, erhielt ihren Platz über dem Altar. Das Collaturrecht über die Kirche zu Constappel übt der jedesmalige Besitzer des Rittergutes Gävernitz. Die Schule besuchen gegen 150 Kinder.

Otto Moser, Redact[WS 2].     




Rossthal.


Zwischen dem Plauen’schen Grunde und dem Dorfe Priesnitz, dessen hochgelegene uralte Kirche die Umgegend weit überragt, liegt eine Stunde von der Stadt Dresden entfernt in sehr fruchtbarer, hauptsächlich durch Obstplantagen und Alleen gezierter und ungemein bevölkerter Gegend das Rittergut Rossthal. Von seinen Fluren geniesst man eine weithinreichende Aussicht auf das herrliche Elbthal, von den Sandsteinfelsen der Sächsischen Schweiz bis zu den freundlichen Bergeshöhen Meissens herab, und die dichtgedrängten Ortschaften, darunter die stolze Königstadt Dresden mit ihren gewaltigen Brücken und stolzen Bauten, bilden mit dem Elbstrome und seinen reizenden Ufern eine Landschaft, wie es deren in unserem Vaterlande keine zweite giebt.

In den frühesten Zeiten war Rossthal ein Nonnenstift mit einer von Wallfahrten vielfach besuchten, der heiligen Rosalie gewidmeten Kapelle, deren Ueberreste leider durch den Ueberbau einer Scheune verloren gegangen sind. Diese Kapelle gab dem Orte, in welchem sich damals noch kein Rittergut befand, den Namen Rosalienthal, in Urkunden Rosztyl und Rustyl, und erst in neuerer Zeit nannte man ihn Rossthal. Das noch jetzt stehende, mit alterthümlichen Zackengiebeln und einem Thurme gezierte Schloss wurde 1657 erbaut, erlitt jedoch später mehrfache Umänderungen. In den Kriegen von 1745–1759 wurde der Ort hart mitgenommen und in der Schlacht bei Kesselsdorf, am 15. December 1745, wo die vereinigte Oesterreichische und Sächsische Armee unter Johann Adolf von Weissenfels von der Preussischen unter dem sogenannten alten Dessauer oder dem Fürsten Leopold von Anhalt Dessau geschlagen ward, hatte Rossthal eine völlige Ausplünderung zu ertragen und ging zum Theil in Flammen auf. Auch im Jahre 1813 während der Schlacht bei Dresden war Rossthal der Schauplatz blutiger Gefechte, welche mit dem Angriffe der von Murat befehligten Truppen auf die Stellung der Oesterreicher nach dem Plauenschen Grunde hin zusammenhingen. An diesem Tage wurde es mehrere Male gestürmt, dabei aber glücklicher Weise überschossen, wodurch es dem Schicksale entging, von den Flammen zerstört zu werden, eine Heimsuchung, die das nur zehn Minuten entfernte Dorf Dölschen am Abhange des Plauenschen Grundes betraf.

Der älteste bekannte Besitzer Rossthals wird in einem Register von 1468 erwähnt, worin gesagt ist, dass der Ort dem Meister Hartungk zuständig sei, die Gerichte aber nach Dresden gehörten, wohin der Schoss gezahlt werden musste. Dasselbe Register gedenkt auch schwerer Drangsale, welche Rossthals Einwohner durch die eingedrungenen Hussiten erduldeten. Später war der Ort [16] eine Präbende des Domcapitels zu Meissen und wurde im Jahre 1628 dem churfürstlichen geheimen Kammerdiener Ullmann mit Genehmigung des Churfürsten Johann Georg I. durch den Domprobst von Haugwitz in Lehn gegeben, zum Rittergute erhoben und darauf dem neuen Besitzer gegen einen jahrlichen Erbzins von drei Gülden die Erbgerichtsbarkeit ertheilt. Durch eine Zahlung von 700 Gülden erlangte das Gut später Befreiung von allen Frohnen und sonstigen Dienstleistungen. Nach Ullmanns Tode kam Rossthal in Besitz der Familie von Krahn, welcher im Jahre 1657 Churfürst Johann Georg die Ober- und Erbgerichtsbarkeit nochmals erb- und eigenthümlich bestätigte. Im Jahre 1736 gelangte Rossthal an die Herren von Nimptsch, deren Eigenthum es blieb bis 1819, einige Zeit vereinigt mit dem naheliegenden Rittergute Pesterwitz, welches später wieder davon getrennt wurde. Die Herren von Nimptsch und namentlich der zu Ende des vorigen Jahrhunderts lebende Geheimrath von Nimptsch, liessen sich die Verbesserung des Gutes durch pflegliche und sorgsame Bewirthschaftung sehr angelegen sein. In letzter Zeit gehörte Rossthal einer Frau von Dallwitz, nachher dem Kaufmann Mertz und seit 1852 ist es Eigenthum des Herrn Freiherrn Arthur von Burgk, der das Gut wiederum mit dem ihm bereits zuständigen Rittergute Pesterwitz und einigen Vorwerken vereinigte. Es umfasst zur Zeit ein Areal von 492 Ackern mit einem lebenden Inventarium von 120 Stücken Rindvieh, 400 Mastschafen, hat Dampfbrennerei, lebhaft betriebene Ziegeleien und sehr umfangreiche Obstbaumanlagen mit drei Weinbergen.

Das zum Rittergute Rossthal gehörige Dorf zählt in 18 Feuerstätten gegen 180 Einwohner und liegt etwa 1000 Schritte von der Freiberger Chaussee entfernt, 668 Pariser Fuss über der Nordsee. Etwa 600 Schritte westlich befinden sich einige vom Rittergute abgebaute Häuser, wobei die sogenannte rothe Schmiede, welche Grundstücken zusammen den Namen „der rothen Häuser“ führen. Nicht weit von Rossthal und gleichfalls auf des Rittergutes Grund und Boden liegt der Ort Neunimptsch, welcher aus einem schönen, jetzt von Bergleuten bewohnten Weinbergsgebäude und sechs Häusern besteht, und im Jahre 1794 von dem Geheimrath von Nimptsch angebaut wurde. Der Volkswitz nennt Neunimptsch „den Kuckuk oder das Juchhe“. Das erwähnte Weinbergshaus gehört zu den schönsten des Landes, es besteht aus drei Flügeln mit einem Thurme, und gewährt eine unbeschreiblich schöne Aussicht auf den Plauenschen und Zauckerodaer Grund. Am Fusse des Berges liegt ein von den Dresdenern häufig besuchtes Wirthshaus, auch führt hier ein Stollen, „der tiefe Stollen“ genannt, in das Kohlengebirge von Pesterwitz und Kohlsdorf ein.

Das Dorf Rossthal besitzt trotz seiner verhältnissmässig wenigen Einwohner schöne und bedeutende Güter mit 21½ Hufen trefflichen Feldes, die jedoch wegen des ausgezeichneten Bodens ziemlich klein sind, auch wird hier viel Obstbaumzucht und etwas Weinbau getrieben. Der Ort ist zur Hälfte nach Pesterwitz gepfarrt, die andere Hälfte gehört nach Dresden, wo die Frauenkirche Abendmahl und Trauungen, die Kreuzkirche Aufgebote und Taufen, die Annenkirche aber Leichenfeierlichkeiten zu verrichten hat. – Als Curiosum ist noch zu erwähnen, dass im Jahre 1500 hier ein Kind geboren wurde, das jeden Theil des Körpers doppelt besass.

Otto Moser, Red.     




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Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: plötzlieh
  2. Vorlage: Readact.
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