An die Florentiner

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Textdaten
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Autor: Dante Alighieri
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Titel: An die Florentiner
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aus: Die unbekannten Meister – Dantes Werke, S. 217–222
Herausgeber: Albert Ritter
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Entstehungsdatum: 1311
Erscheinungsdatum: 1922
Verlag: Gustav Grosser
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Albert Ritter (Karl Ludwig Kannegießer)
Originaltitel: An die Florentiner
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: siehe auch

Vorbericht: Brief an die Florentiner

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[217]

An die Florentiner (1311).

Dante Alighieri, der Florentiner und unschuldig Verbannte, grüßt die ruchlosen einheimischen Florentiner.


Die hehre Vorsicht des ewigen Königs, der dem himmlischen Reiche durch seine Güte ewige Dauer verleiht, ohne von dem irdischen sein Auge abzuwenden, hat der hochheiligen Herrschaft der Römer die menschlichen Angelegenheiten zur Leitung übergeben, damit unter der Ungetrübtheit eines so mächtigen Schutzes das menschliche Geschlecht [218] in Ruhe wohne und allenthalben der Forderung der Natur gemäß ein bürgerliches Leben führe, obgleich dies durch biblische Lobsprüche bestätigt wird, obgleich, auf die Grundlage der bloßen Vernunft gestützt, die alte Zeit dies bezeuget, so wirft doch auch der Umstand auf diese Wahrheit ein helles Licht, daß, während der kaiserliche Thron leer steht, der ganze Erdkreis aus seiner Bahn weicht, weil der Steuermann und die Ruderer auf dem Nachen Petri schlummern, und daß den Ungestüm der Winde und Fluten, von welchen das arme, nur der Willkür einzelner preisgegebene und von aller öffentlichen Leitung entblößte Italien hin und her geworfen wird, nicht Worte auszusprechen vermöchten, ja kaum die Tränen der unglücklichen Italer ermessen. Wenn daher auf alle die, so in frevelem Wahne gegen diesen klaren und offenbaren Willen Gottes sich aufblasen, das Schwert dessen, der da spricht: „Die Rache ist mein“, noch nicht vom Himmel fuhr, so mögen jetzt vor dem strengen Gericht des herannahenden Richters ihre Wangen erbleichen.

Euch aber, die Ihr göttliche und menschliche Rechte überschreitet, Euch, die Ihr, keinen Frevel scheuend, von unersättlicher Gier verlockt werdet, machen Euch nicht die Schrecken des zweiten Todes erbeben, daß Ihr zuerst und allein das Joch der Freiheit verschmähend, gegen den Ruhm des römischen Fürsten, des Königs der Welt, des Beautragten Gottes getobt, und auf das Recht der Verjährung Euch berufend, vorgezogen habt, der schuldigen Ergebenheit Pflichten zu verweigern und zu des Aufruhrs Raserei Euch zu erheben? Wisset Ihr nicht, Ihr Betörten und Sinnlosen, daß das öffentliche Recht erst an der Grenze der Zeit sein Ende findet und keiner Rechnung der Verjährung unterworfen ist? Denn die Gesetzeinweiher erklären offen, und die menschliche Vernunft entscheidet es durch ihre Forschungen, daß sie trotz langer Vernachlässigung nimmer schwinden oder durch Schwächung heimgesucht werden können. Denn was allen frommt, kann ohne aller Schaden nicht untergehen oder auch nur an [219] Kraft verlieren. Das will nicht Gott und nicht Natur, und es würde der Bestimmung der Sterblichen gänzlich widerstreben. Wollt Ihr, durch so törichte Meinung bewogen, gleich neuen Babyloniern, von dem frommen Kaisertum euch losreißen und neue Reiche versuchen, daß ein anderes das florentinische und ein anderes das römische Staatentum sei? Warum beliebt es euch nicht gleichfalls, auf die apostolische Einherrschaft scheel zu sehen, damit, wenn am Himmel der Mond verdoppelt werden soll, auch eine doppelte Sonne sei? Wenn es Euch also nicht schreckt, Eurer bösen Wagnisse zu gedenken, so schrecke es wenigstens Euer verhärtetes Herz, daß nicht nur die Weisheit, sondern der Anfang derselben zur Strafe für Eure Schuld Euch genommen ist. Denn kein Zustand des Verbrechers ist entsetzlicher, als wenn er schamlos und ohne Furcht vor Gott ganz nach Willkür handelt. Oft nämlich wird der Gottlose von solcher Züchtigung getroffen, daß er im Tode seiner selbst vergißt, der im Leben Gottes vergaß.

Wenn durchaus in Eurem verruchten Übermut Eure Stimme so sehr des Taus von der Höhe, gleich den Gipfeln Gilboas, Euch beraubte, daß Ihr nicht fürchtetet, dem Beschlusse des ewigen Rates Widerstand zu leisten und auch Eure Furchtlosigkeit Euch nicht Furcht einflößt, wird aber jene zu Eurem Verderben gereichende, menschliche und irdische Furcht von Euch fernbleiben können, wenn der unvermeidliche Schiffbruch Eures hochmütigen Blutes und Eures noch oft von Euch zu beweinenden Raubes eilig herannaht? Werdet Ihr, hinter lächerliche Wälle verschanzt, irgendeiner Verteidigung vertrauen? O Ihr nur zum Übel Einträchtigen, von wunderbarer Leidenschaft Verblendeten, was wird es Euch helfen, mit Wällen Euch zu verschanzen, was mit Außenwerken und Türmen Euch zu verfestigen, wenn erst der Adler in goldenem Felde schreckenbringend herbeischwebt, der, bald die Pyrenäen, bald den Kaukasus und bald den Atlas überfliegend, durch der himmlischen Heerscharen Lenkung [220] gekräftigt, den weiten Ozean einst in seinem Fluge nicht als ein Hindernis geachtet hat?[1] Ja, wenn Ihr erstarren werdet, Ihr unglückseligsten unter den Menschen, vor der Ankunft dessen, der das wahnsinnige Hesperien bezwingt? Traun, nicht Hoffnung, welche Ihr vergeblich ohne Maß hegt, wird dem Sträuben frommen, sondern an diesem Riegel wird die Ankunft des gerechten Königs sich noch mehr entflammen, und die Langmut, die immer seine Scharen begleitet, unnütz entweichen; und wo Ihr das Ehrenkleid falscher Freiheit zu verfechten wähnt, da werdet Ihr in die Sklavenkerker wahrer Knechtschaft versinken. Denn durch Gottes wunderbares Gericht wird ein jeder getrieben, auf eben dem Wege, auf dem er der verwirkten Strafe zu entfliehen vermeint, sich derselben schwerer entgegenzustürzen, und, wenn er freiwillig und wohlbewußt wider den göttlichen Willen ankämpfte, unbewußt und widerwillig für denselben zustreiten.

So werdet Ihr denn trauernd Eure Gebäude, die nicht, wie es dem Bedürfnisse geziemt, versehen, sondern zu Üppigkeiten unverständig verkehrt sind, unter den Stößen des Mauerbrechers zusammenstürzen und von den Flammen verbrennen sehen. Den Haufen des Volkes, der jetzt von allen Seiten rasend, bald für und bald wider, in die Gegensätze umspringt, werdet Ihr dann einstimmig wütendes Geschrei gegen Euch verführen hören, wenn er dem Hunger und der Furcht zugleich zu widerstehen nicht mehr vermag. Und nicht minder wird es Euch schmerzen, die ihres Schmuckes beraubten und von dem klagenden Zusammenfluß der Frauen erfüllten Kirchen zu schauen, welche der Väter ihnen unbewußte Sünden zu büßen bestimmt sind. Täuscht sich mein prophetischer Geist nicht, dem wahrhafte Zeichen und unwiderlegliche Gründe zur Seite stehen, so werden unter Euch nur wenige, der Verbannung Aufgesparte, nachdem Gott oder Gefangenschaft die Mehrzahl hinweggerafft haben wird, die anhaltender Trauer verfallene Vaterstadt endlich fremden [221] Händen übergeben sehen. Und, daß ich es mit wenigen Worten sage, eben die Leiden, welche, in der Treue verharrend, Sagunt für die Freiheit zu ewigem Ruhme getragen, die zur Schande in der Untreue für die Knechtschaft zu erdulden ist Euch bestimmt.

Schöpfet auch nicht aus dem unvermuteten Glücke der Parmesaner kecken Mut, die, von dem zum Unheil überredenden Hunger getrieben, mit murrrendem Zuruf untereinander: Sterben wir lieber und stürzen uns mitten unter die Waffen! das Lager des Cäsars in Abwesenheit des Cäsars überfielen. Denn auch sie, obwohl sie über Vittoria den Sieg erlangten, erwarben nicht weniger Schmerz durch Schmerz zu dessen Gedächtnis. Aber zählet die Blitze des ersten Friedrich, und nehmet Mailand, und nicht minder Spoleto, in Rat, sintemal Eure geschwollenen Eingeweide, durch deren Sturz und Vertilgung gedehnt erstarren und Eure zu sehr entflammten Herzen zusammenschrumpfen werden. Ach, Ihr Eitelsten unter den Tuskern, sinnlos ebensosehr durch die Schnödigkeit als von Natur! Wie sehr in der Finsternis der Nacht die Füße heilloser Gesinnung vor den Augen der Beflügelten irregehn, das erwägt Ihr, das stellt Ihr Euch nicht vor in Eurem Unverstande. Denn es sehn Euch die Beflügelten und auf ihrem Pfad Unbefleckten gleichsam auf der Schwelle des Kerkers stehen und wie Ihr jeden bedauert und abwehrt, der Euch Gefangene etwa befreien wollte, die Ihr an Händen und Füßen gefesselt seid. Wohl gewahrt Ihr mit Blindheit Geschlagenen nicht, wie die Leidenschaft Euch beherrscht, mit giftigem Flüstern Euch schmeichelt und den Weg zur Umkehr mit hinhaltenden Drohungen Euch versperrt, wie sie Euch der Knechtschaft im Gesetze der Sünde unterwirft und Euch hindert, den heiligen, der natürlichen Gerechtigkeit nachgebildeten Gesetzen zu gehorchen, deren Befolgung, wenn sie eine willige und freie ist, nicht nur keine Dienstbarkeit genannt werden kann, sondern vielmehr den tiefer Aufmerkenden auf das, was sie wirklich ist, als die höchste [222] Freiheit sich offenbart; denn was ist diese letztere anders als des Willens ungehindertes Fortschreiten zur Tat? Und eben dieses gewähren die Gesetze ihren Getreuen. Sind nun also diejenigen wahrhaft frei, die dem Gesetze des freien Willens gehorchen – welchen wollt Ihr Euch zuzählen, die Ihr, die Liebe zur Freiheit vorschützend, gegen jegliches Gesetz Euch wider den Fürsten der Gesetze verschwört?

O beklagenswerter Samen von Fäsulä, o wiederkehrende Zeit der Finsternis! Erfüllt Euch das Gesagte noch nicht mit genügender Furcht? Nein, ich bin überzeugt: Wenn Ihr Euch in Gebärden und lügenhaften Worten Hoffnung heuchelt, zittert Ihr wachend und schreckt aus Euern Träumen häufig auf, sei es, daß Ihr Euch vor den Euch offenbarten Ahnungen entsetzt, oder sei es, daß Ihr der Ratschläge des Tages gedenkt. Aber wenn Ihr mit Recht zittert und, ohne das Ihr klagt, Euer Wahnsinn Euch gereut, dann bleibt Euch übrig, damit die Bäche der Furcht und des Schmerzes zu tiefer Reue zusammenfließen, Euren Herzen einzuprägen, daß dieser Träger des römischen Reichs, Heinrich, der Vergötterte, der Triumphator, nicht aus Durst nach seinem besondern, sondern nach dem öffentlichen Heil der Welt dies schwierige Amt für Euch übernimmt, freiwillig unsre Strafe zu der seinigen machend, als ob nach Christi Zeit Jesaias auf ihn mit prophetischem Finger gezeigt habe, da er mit der Offenbarung des göttlichen Geistes sprach: „Wahrlich, er trug unsre Schwachheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“ So sehet Ihr denn, daß die Zeit der bitteren Reue über Euer freches Beginnen, wenn Ihr Euch nicht verstellen wollt, da ist. Aber die späte Reue wird Euch dann nicht der Same der Verzeihung, vielmehr der Anfang frühzeitiger Züchtigung sein; denn der Sünder wird mit Ruten gestrichen, damit er ohne Widerstand umkehre.

Geschrieben am 31. März von den Grenzen Tuskiens an der Quelle des Arno im ersten Jahre der heilbringenden Rückkehr des Cäsars Heinrich nach Italien.


  1. Siehe Paradies, 6. Gesang.

Anmerkungen (Wikisource)

Die Anmerkung entstammen aus:

K. L. Kannegießer (Hrsg/Übers.)
Dante Alighieri's prosaische Schriften mit Ausnahme der Vita Nova - Zweiter Theil.
Leipzig; Brockhaus Verlag, 1845;