Andalusische Mutprobe

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Andalusische Mutprobe
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aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1913, Bd. 7, S. 220–223
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Erscheinungsdatum: 1913
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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[220] Andalusische Mutprobe.Salsa de Tomates, auf deutsch Tomatentunke, ist der harmlose Name für eine uralte, furchtbare Sitte in Andalusien, die sich trotz aller Achtsamkeit der Behörden bis heute nicht hat ausrotten lassen.

Die Andalusier lieben nichts so sehr als die Aufregungen eines Kampfes, bei dem es um das Leben geht. Daher auch die Vorliebe für die Stiergefechte, die im spanischen Volksleben ja eine Hauptrolle spielen. Die Salsa de Tomates nun ist nichts als eine Mutprobe zwischen zwei Männern, die die besten Freunde sein können, kein Zweikampf, wie bisweilen behauptet wird.

[221] In den Bergen Andalusiens besteht seit alters her ein Geheimbund, dessen Hauptzweck die Veranstaltung derartiger Kämpfe ist. Über die Organisation dieser Geheimgesellschaft weiß man so gut wie nichts. Werden Leute bei einer Salsa von der Polizei abgefaßt, so lassen sie sich eher auf Jahre ins Zuchthaus sperren, als daß sie auch nur ein Sterbenswörtchen von ihren Geheimnissen verraten. Nichtmitgliedern gelingt es selten, dem grauenhaften Schauspiel eines derartigen Kampfes beizuwohnen. Bisher ist nur ein einziger Fall bekannt, daß ein englischer Reisender als Zuschauer zu einer Salsa zugelassen wurde, und dies nur unter allen erdenklichen Vorsichtsmaßregeln. Der betreffende veröffentlichte über dieses Erlebnis im Jahre 1901 in einer englischen Zeitschrift einen Artikel, der ein anschauliches Bild von dieser entsetzlichen Sitte gibt.

„Mein Wort gab ich zum Pfande, daß ich über das, was ich sehen würde, nichts verlautbaren lassen wollte, was die Teilnehmer an jener Salsa den Behörden in die Hände liefern könnte. Als wir den Ort der Zusammenkunft kurz nach Mitternacht endlich erreichten, hatten wir nicht weniger als drei in großen Entfernungen voneinander aufgestellte Wachposten passiert. Gegen unliebsame Überraschungen waren wir also gesichert. In dem engen Talkessel lagerten beim Scheine zahlreicher Harzfackeln gegen zwanzig Männer, große Krüge standen umher, gefüllt mit einer Mischung, von der ich sicher keine drei Becher vertragen hätte. Die anderen gossen alle Augenblick einen neuen hinunter. Man zeigte mir dann die beiden, die heute ihre Kräfte gegeneinander messen wollten; zwei noch junge, aber bärenstarke Burschen waren es. Sie reichten mir die Hand zur Begrüßung mit einer Miene, als ob Könige einen Gruß verschenken. Ich will sie Sancho und Miguel nennen. In Wahrheit hießen sie ganz anders.

Endlich erhob sich ein alter, grauhaariger Mann, dessen Gesicht wie gegerbtes Leder aussah und dabei runzlig war wie die Schale einer Walnuß. Offenbar spielte er in dieser Gesellschaft eine besondere Rolle. Er gab ein Zeichen mit der Hand, und das Spiel begann. Die beiden Kämpfer setzten sich [222] auf den Boden nieder, die Gesichter einander zugekehrt. Dann band man sie mit um den Leib gelegten Stricken an zwei in die Erde eingerammten Pfählen derart fest, daß sie sich nur mit weit ausgestreckten Armen berühren konnten. Die Burschen waren nackt bis zum Gürtel, nur um den linken Arm hatte jeder mehrmals ein dickes Tuch geschlungen. In der Rechten hielten sie die Navaja, das kurze spanische Messer mit feststehender Klinge. Man reichte ihnen nochmals bis oben gefüllte Becher, deren Inhalt sie langsam ausschlürften.

Der grauhaarige Alte verteilte jetzt die Fackeln derart, daß jeder der Kämpfer hell beleuchtet wurde. Dann ein kurzer Zuruf.

Sancho holte blitzschnell zum ersten Stiche aus, sich weit vorbeugend. Aber sein Gegner fing das Messer mit dem umwickelten linken Arm geschickt ab. Nun folgten die Angriffe rasch aufeinander. Jeden Stoß konnte ich genau verfolgen. Ich merkte bald, daß die beiden in der Kunst dieser Art des Fechtens nicht ungeübt waren. Da erhielt Sancho die erste Wunde. Ein Stich hatte ihm die Wange durchbohrt und zwei Zähne herausgestoßen. Es war, als ob der Anblick des rinnenden, im Fackellicht glitzernden Lebenssaftes die Zuschauer förmlich berauschte. Laute aufmunternde Zurufe, Beifallsklatschen, blitzende Augen, gespannte Mienen – und darüber der Nachthimmel mit seinen unzähligen Sternen, zu dem wie anklagend der Rauch der Harzfackeln emporstieg.

Die Gesichter der Kämpfenden verzerrten sich immer mehr. Haß, Wut, Mordgier sprach aus ihnen. Immer schneller zuckten die blinkenden Klingen hin und her, an immer neuen Stellen der nackten Körper rieselte das Blut hervor.

Ich saß wie gelähmt da. Unwillkürlich langte ich nach meinem Becher und trank, nur um meine zitternden Nerven zu betäuben.

Endlich ein ächzender Schrei – Miguel war nach seitwärts umgesunken und lag regungslos da.

Man band ihn los, untersuchte ihn. Ein Stich saß mitten im Herzen. Er war tot.

Schaudernd sah ich, wie der grauhaarige Alte jetzt die [223] Wunden des Toten zählte. Ein anderer Mann tat dasselbe bei dem ebenso mit Blut über und über bedeckten Sancho.

‚Zweiunddreißig!‘ sagte der Alte nach einer Weile.

‚Neunzehn!‘ gab der andere an.

‚Sancho, du hast gesiegt,‘ erklärte der Alte feierlich.

Der Sieger nickte nur. Er war vom Blutverlust so erschöpft, daß er taumelte.

‚Was geschieht mit der Leiche?‘ fragte ich schüchtern.

‚Die wird morgen an anderer Stelle zufällig gefunden. Niemand wird wissen, wo und von wem Miguel getötet wurde,‘ erwiderte man mir.

Die Salsa war zu Ende. Einzeln verließen die Leute das Tal. Als mein Führer und ich den letzten Wachtposten wieder passiert hatten, dachte ich erst daran, nach der Uhr zu sehen. Es war halb zwei Uhr. Der Kampf hatte also höchstens fünfzehn Minuten gedauert. Und mir war’s vorgekommen, als hätte ich stundenlang diesem gräßlichen Schauspiel mit beiwohnen müssen.“

Soweit der englische Reisende.

Im Jahre 1910 wurden in Granada sechzehn Männer zu langjähriger Zuchthausstrafe wegen Beteiligung an einer Salsa verurteilt, bei der beide Kämpfer das Leben eingebüßt hatten – ein Beweis, daß der blutige Brauch noch heute besteht.

W. K.