Auch ein Karlsschüler

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Karl Wartenburg
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Auch ein Karlsschüler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 611-613
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: George Cuvier, französischer Naturforscher
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[611]
Auch ein Karlsschüler.
Skizze von Karl Wartenburg.
Die Gartenlaube (1855) b 611.jpg

George Cuvier.

Es war an einem heiteren Maiabend des Jahres 1784, als eine große, mit Staub bedeckte, gelbe Landkutsche durch das reutlinger Thor hinein in die Straßen Stuttgarts fuhr. Vor dem Gasthofe zum „rothen Hirschen“ hielt der Wagen still, und nachdem der herbeigelaufene Hausknecht den Wagentritt heruntergelassen, stiegen drei Personen aus, zwei ältere Männer, von denen der eine ein Geistlicher war, und ein Jüngling – wenn man einen jungen vierzehnjährigen Menschen von wohlgebildetem Aussehen und mit klaren, geistreichen Augen so nennen will.

„Wir sind an Ort und Stelle, Georg,“ sprach der geistliche Herr in ziemlich schwerfälligem Französisch und mit unverkennbarem deutschen Accent, „der Herr Secretär wird Dich morgen zur Aufnahme in die Akademie abholen und nun Gott befohlen, mein Bursche.“

Der junge Mensch dankte in geläufigem, gutem Französisch, dem man anmerkte, daß es seine Muttersprache war und ging dann mit seinem Reisepäckchen in den Gasthof, während der Kaplan – das war der geistliche Herr – und der Secretär sich entfernten.

Diese beiden Männer waren der Kaplan und der Secretär des Herzogs Karl von Würtemberg, und der junge Reisende ein Schüler aus Mömpelgard, welches damals zu Würtemberg gehörte, der in die Karlsschule aufgenommen werden sollte. Am nächsten Morgen – es war der vierte Mai 1784 – stand der Secretär mit Georg in dem Saale der Karlsschule, wo die neuen Zöglinge in Gegenwart des Herzogs aufgenommen wurden. Nachdem mehrere Ankömmlinge dem Herzog vorgestellt und von demselben über die verschiedensten Dinge befragt worden, traf auch Georg die Reihe.

„Wie heißt er?“ redete der Herzog, den jungen Menschen scharf betrachtend, ihn an.

„Verzeihung, Eure Durchlaucht,“ nahm der Secretär, welcher Georg begleitet hatte, das Wort, „der junge Mann ist aus Montbelliard (Mömpelgard) und von französischen Aeltern.“

„So, so!“ brummte der Herzog, den Jüngling dann in seiner Muttersprache anredend.

„Mein Name ist George Cuvier, Durchlaucht,“ antwortete der Gefragte mit festem, bescheidenem Ton.

„Ah! Ihr seid der junge Schüler, von dem mir meine Frau Schwester gesagt, der junge Cuvier! Ihr habt Euch schon in Montbelliard eine Reclame gemacht, und man hat mir erzählt, daß Ihr in Mathesi und Geschichte und in den Alten tüchtige Progressen gemacht. Na! halte Er sich gut und hab’ Er Attention auf sich, ich werde mich nach Ihm erkundigen; wenn Er sich gut hält, kann Er vielleicht einmal in meinem Finanzcollegio angestellt werden. Adieu!“ Und er wendete sich, während der junge Mensch, sich tief verbeugend, zurücktrat, zu einem Andern.

Am Nachmittag dieses Tages noch erhielt George Cuvier die Uniform der Offizierssöhne der Karlsschule, die hellblaue Aermelweste mit dem Aufschlag von schwarzem Plüsch, die weißen Tuchhosen, den kleinen Militärhut, unter welchem zwei ungepuderte Papilloten an jeder Seite hervorschauten. – Bevor wir in der [612] Darstellung seiner späteren Entwickelung fortfahren, wollen wir einige Worte über seine Familienverhältnisse und sein früheres Leben beifügen.

George Cuvier, der am 23. August 1769 zu Mömpelgard, welches damals noch zu Würtemberg gehörte, geboren wurde, war der Sohn eines verdienten, protestantischen Offiziers aus dem in französischen Diensten stehenden Schweizerregiment Walden. Die Familie stammte eigentlich aus dem französischen Jura, welchen der Urgroßvater Cuvier’s, der der reformirten Lehre anhing, zur Zeit der protestantischen Verfolgung in Frankreich, verlassen hatte, um in Montbelliard einen Zufluchtsort zu finden. – Cuvier’s Vater selbst zeichnete sich in dem Militärdienst vortheilhaft aus. Ludwig XV. ernannte ihn sogar zum Ritter des militärischen Verdienstordens, da er als Protestant den nur für die Katholiken bestimmten Orden vom heiligen Ludwig nicht tragen konnte. Seine junge Frau – Cuvier’s Vater war, als er heirathete, schon funfzig Jahre alt – gebar ihm drei Söhne, von welchen Georg der zweite war. Kurz vor seiner Geburt war der Erstgeborene gestorben, und alle Liebe und Zärtlichkeit der jungen Mutter wurde nun ihm zu Theil, der als ein sehr schwächliches Kind zur Welt kam.

Wenn wir die Lebensgeschichte großer Männer studiren, so finden wir fast immer, daß es die Mütter waren, welche die jungen Keime des werdenden Talentes ihrer Söhne erkannten und pflegten. Man braucht nicht an Cornelia, die Mutter der Gracchen, zu erinnern – es ist genug, die Mütter unserer großen Dichterfürsten, unseres Goethe und Schiller und die des großen Amerikaners George Washington zu nennen. Auch Cuvier’s Mutter, eine junge, durch Herzens- und Geistesbildung gleich ausgezeichnete Frau, war die erste Lehrerin ihres Sohnes und ihrer mütterlichen Sorgfalt und ihrem Eifer gelang es, dem Knaben schon im vierten Jahre geläufig lesen zu lernen. Sie führte ihn täglich selbst an der Hand in die Schule, wo er den ersten Unterricht genoß, und indem sie den Knaben auf die Wichtigkeit desselben aufmerksam machte, erfüllt sie seine junge Brust mit einer glühenden Lernbegier. Georg war noch nicht zehn Jahre alt, als er schon auf das Gymnasium seiner Vaterstadt kam, wo er vier Jahre blieb, um sich in dem Studium der Alten, der Geschichte, der Geographie, Mathematik und Rhetorik, die damals einen wesentlichen Theil des Unterrichts auf den gelehrten Schulen bildete, zu unterrichten. In diesen Zeitraum fällt eine Episode, welche ein gewichtiger Anlaß für die spätere Richtung, welche die Entwickelung seines Geistes nahm, wurde.

Eines Nachmittags war der zwölfjährige Knabe bei seinem Onkel, einem Gelehrten, der eine ziemlich reichhaltige Bibliothek besaß. Das Bibliothekzimmer war nun von jeher George’s liebster Aufenthalt gewesen, und so saß er auch heute vor einem der großen Bücherschränke und las und blätterte in den großen, schweren Folianten. Da fielen ihm auch zwei große dicke Bände in die Hände, von denen der eine eine Menge colorirter Bilder enthielt. Es war dies Geßner’s Naturgeschichte und die Histoire naturelle générale et particulière par Buffon, den berühmten Naturforscher und Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts. Von diesem Augenblicke an war ein Band von Buffon’s Werken sein steter Begleiter, und wenn er an dem grünen Ufer der Alaine, die an Montbelliard vorüberfließt, spazieren ging, so las er stets in dem Buch oder betrachtete die Tafeln, welche die Abbildungen der Thiere enthielten. Vor Allem war es der blühende, glänzende Styl Buffon’s, der den Knaben bezauberte und fesselte, und dieselbe Eigenschaft derentwegen Buffon von den Encyclopädisten, von d’Alembert, Diderot, Condillac, angegriffen wurde – der blumen- und bilderreiche Schmuck seiner Darstellung war es, welcher in Cuvier ein so tiefes Interesse für die Naturwissenschaft erregte. – Die Verehrung Buffon’s begleitete Cuvier bis an sein Lebensende, wenn er auch erkannt hatte, daß Buffon’s Werke sich allerdings durch kühne, schimmernde Hypothesen, eine lebhafte Einbildungskraft, aber im Grunde doch weniger durch jene gründliche Forschung auszeichneten, welche bei keiner Wissenschaft nothwendiger als bei der Naturwissenschaft sind. Der junge Cuvier hatte indessen das vierzehnte Jahr erreicht und war fähig, die Hochschule zu beziehen. Seine Familie hatte ihn zum geistlichen Stande bestimmt, und er sollte deshalb in Tübingen, der Landesuniversität, Theologie studiren. Die geringe Wohlhabenheit seines Vaters, der eine nur mäßige Pension von Frankreich genoß und die Aussicht auf Erlangung gewisser Stipendien, die Georg erhalten würde, mögen zu dieser Bestimmung wohl das Meiste beigetragen haben. Ein geringfügiger Umstand änderte diesen Plan, und verhütete, daß Cuvier vielleicht als würtembergischer Landpfarrer in einem kleinen Dorfe des Schwarzwaldes sein Leben unbekannt beschloß.

Der Director des Gymnasiums zu Mömpelgard war ein wunderlicher, pedantischer Mann, der, wie es wohl hier und da noch jetzt auf manchen Gelehrtenschulen üblich, die Entwickelung der eigenen, selbstständigen Individualität des Schülers höchst ungern sah und Jeden ohne Unterschied nach den allgemeinen Formeln und Regeln bilden wollte. Ein Uebelstand, der jetzt noch auf so manchen Bildungsanstalten vorkömmt und vielleicht die Ursache ist, warum man im Leben so viele mittelmäßige Dutzendmenschen und so wenige selbstständige Charaktere findet. Gegen diesen pedantischen Director hatte der junge Cuvier nun einige beißende Epigramme gedichtet, und da die Ertheilung der Stipendien in Tübingen von einer Arbeit abhing, welche die Concurrenten fertigen mußten, so gab ihm der Director bei der Preisbewerbung die dritte Censur, während Cuvier früher stets die erste erhalten hatte. Damit war nun die Aussicht auf das Stipendium und zugleich auf ein Studium in Tübingen verschwunden, und es war noch ein glücklicher Umstand für ihn, daß er durch die Schwester Herzog Karl’s die damals in Mömpelgard wohnte, ihrem Bruder, dem regierenden Herzog empfohlen wurde und so in die Karlsakademie zu Stuttgart aufgenommen wurde.

Die Reise dahin und seinen Eintritt in die berühmte Lehranstalt haben wir oben geschildert. Vier Jahre blieb nun Cuvier in der Karlsschule, wo er im Anfang vor Allem die Rechts- und Cameralwissenschaft studirte. Die Beschäftigung mit der letzteren, der Cameralwissenschaft, bot ihm Gelegenheit, sich mit den Naturwissenschaften zu beschäftigen, und er versäumte es natürlich nicht, sich mit seinen Lieblingsschriftstellern, Buffon und Linné, dessen botanisches System ihn im höchsten Grade interessirte, immer vertrauter zu machen. In diese Periode fällt auch die Anlegung seines Herbariums, welches er sich auf seinen Spaziergängen sammelte und die Zeichnungen einer Menge Vögel, Insekten, Pflanzen, welche er noch in spätern Jahren mit vieler Freude in vertrauten Kreisen seinen Freunden zeigte. Dabei vernachlässigte er aber durchaus nicht die andern Fächer, und ein entschiedener Feind jener traurigen Halbwisserei, die sich, wie in unsern Tagen, auch dazumal schon in der Wissenschaft, Literatur und Kunst breit machte, lernte er zugleich die deutsche Sprache, und er, der bei seiner Ankunft in Stuttgart kein Wort sprechen konnte, war unserer, für Ausländer bekanntlich so schwer zu erlernenden Sprache nach neun Monaten schon so mächtig, daß er bei der Prüfung den Preis für den besten deutschen Aufsatz gewann.

Während Cuvier auf der Realschule zu Stuttgart war, hatten sich in Frankreich schon jene Erscheinungen gezeigt, welche den tiefer Blickenden das Nahen einer großen Umwälzung verkündeten. Die Finanzen befanden sich in der größten Verwirrung, kaum daß die nothwendigsten laufenden Ausgaben gedeckt werden konnten und an das Auszahlen der Pensionen war nicht zu denken. Auch Cuvier’s Vater erhielt seinen Ruhegehalt nicht und Georg konnte deshalb, nachdem er die Karlsschule verlassen, nicht die langwierigen und gehaltlosen Acceß-Jahre aushalten, um zu warten, bis er in seinem Vaterland Würtemberg eine Anstellung erhielt, sondern mußte sich nach einem andern Erwerb umsehen. –

Die Hofmeisterstellen haben im Leben unserer deutschen Gelehrten und Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Meistentheils arm, in gedrückten Verhältnissen lebend, suchten sie, nachdem sie ihre Studien beendigt, als Hofmeister bei irgend einem jungen, reichen Edelmann, der sie mit auf Reisen in die Schweiz, Italien, England, Frankreich nahm, unterzukommen. Die Protection ihrer ehemaligen Zöglinge verschaffte ihnen dann irgend eine Bibliothekarstelle oder ein Professorat – es war eben die Zeit, wo Schiller z. B. ein fixes Einkommen von zweihundert Thalern hatte, Klopstock für den Druckbogen seiner Messiade zwei Thaler Honorar empfing, und die edelsten Geister unseres Volks sich mit den erbärmlichsten Sorgen des alltäglichen Lebens herumschlagen mußten. Auch Cuvier suchte nach einer Hofmeisterstelle und er war glücklich, als ihm der Graf d’Héricy auf Schloß Fiquainville bei Caen in der Normandie die Erziehung seines einzigen Sohnes anvertraute. Als er eines Abends in den Kreis seiner stuttgarter Freunde kam, verkündete er ihnen die Neuigkeit. Diese, welche Cuvier schon im Besitz der höchsten Staatsstellen sahen, die ihm [613] nach ihrem Dafürhalten bei seiner ausgezeichneten Befähigung nicht entgehen konnten, waren außer sich über diesen verzweifelten Entschluß, sich in einem unbekannten Winkel der Normandie zu verbergen, und so sein Licht unter den Scheffel zu stellen.

„Die Sonne scheint überall,“ gab Cuvier lächelnd zur Antwort, und den andern Tag packte er seinen kleinen Reisekoffer und reiste nach der Normandie ab.

Es war dies im Juli 1788. Es ist eine eigenthümliche Wahrnehmung, daß gerade das, was bei gewöhnlichen Naturen verderbenbringend wirkt, bei großen Männern die entgegengesetzte Wirkung hat. Wäre Cuvier eine jener Alltagsnaturen gewesen, die, herausgerissen aus ihrer Laufbahn, sich nun dem blinden Ungefähr überlassen und unrühmlich und unbekannt mit verfehltem Lebenszweck in irgend einem Winkel, einer Provinzialstadt verkümmern und zu Grunde gehen, so würden ohne Zweifel jene Umstände, die ihn zwei Mal aus seiner Laufbahn rissen, ihn demselben Ende entgegengeführt haben. Aber das Talent, der Genius bricht sich immer Bahn. In dem einsamen Schloß der Normandie am Meeresstrande vollendete Cuvier seine Bildung, zu der er den Grund in Mömpelgard und Stuttgart gelegt. Er sammelte am Ufer Mollusken und studirte ihre anatomischen Verhältnisse, und mehrere Mammuthsknochen, die man in der Nähe von Fécamp ausgrub, erweckten in ihm die Idee, eine Vergleichung der fossilen Knochen mit denen der jetzt lebenden Thiere anzustellen. Seine „Recherches sur les ossements fossiles“ (Forschungen über die fossilen Gebeine) sind eine Frucht dieser Idee. Der Naturforscher von Fach weiß dieses Werk, voll der tiefsten, gründlichsten Forschungen, zu würdigen, wir begnügen uns, es hier anzuführen. Wie bescheiden Cuvier dabei war, und wie er auch in dieser Hinsicht als Beispiel aufgestellt werden kann, zeigen die Worte, welche er über seine damaligen schriftlichen Arbeiten, in denen er das Resultat seiner Forschungen niedergelegt, an einen Freund schrieb.

„Das Manuscript,“ schreibt er, „ist nur für mich bestimmt; ohne Zweifel ist alles darin Enthaltene schon bekannt und von den pariser Naturforschern schon besser erklärt worden; denn ich habe ohne Bücher und Sammlungen gearbeitet.“

Hier war es auch, wo Cuvier mit dem berühmten Nationalökonom, dem Verfasser der Artikel über die Agricultur im Dictionnaire de l’Encyclopédie méthodique, mit dem Abbé Tessier, bekannt wurde. Tessier hatte nämlich geglaubt, als Abbé unter der Schreckensherrschaft in Paris nicht sicher zu sein, und war deshalb als Regimentsarzt unter einem falschen Namen in die Armee eingetreten und lag zu seiner Zeit in Valmont in Garnison. Cuvier erkannte ihn, obgleich er ihn nie gesehen, doch augenblicklich an seinem Vortrag, den Tessier eines Abends in einer Zusammenkunft wissenschaftlich gebildeter Männer auf Schloß Fiquainville hielt, und worin er dieselben Ideen entwickelte, welche er in seinen Artikeln in obengenannter Zeitschrift dargelegt. Als Cuvier den verkappten Abbé mit seinem wahren Namen anredete und begrüßte, schrak Tessier zusammen und rief verzweifelt aus: „Ich bin entdeckt – ich bin verloren!“ Cuvier beruhigte ihn, und von dieser Zeit an datirt sich seine Freundschaft mit Tessier, die ihn in die engste Verbindung mit einer Menge ausgezeichneter Gelehrten wie Lacépède, Millin de Grandmaison, Geoffroy, Saint Hilarie u. A. brachte.

Die Verbindung mit diesen Männern lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn, und im Jahre 1795 wurde er, als er sich auf einer Reise in Paris befand, von der Regierung zum Mitglied für die Commission der Künste und nicht lange darauf zum Professor an der Centralschule des Pantheons ernannt.

Von jetzt an beginnt seine glänzende Laufbahn, die wir nur in kurzen, gedrängten Zügen darlegen wollen, um den gegebenen Raum nicht zu überschreiten. Schon im Juli 1795 wurde er als Substitut dem am Jardin des plantes als Professor der vergleichenden Anatomie angestellten Mertrud beigegeben. Ihm verdankt der Jardin des plantes die unübertroffene Sammlung für vergleichende Anatomie, die man jetzt noch in Paris bewundern kann.

Im Jahre 1796 wurde er Mitglied des Institut national und erhielt dabei die Stelle eines dritten Secretärs der Gesellschaft. Den ihm von dem damaligen General Buonaparte durch Berthollet gemachten Antrag, die Expedition nach Aegypten zu begleiten – im Frühjahr 1798 – lehnte er ab, da ihm die Sammlungen seines Museums im Jardin des plantes zu sehr am Herzen lagen. Im Jahre 1800 gab er seine Leçons d’anatomie comparée (Vorlesungen über vergleichende Anatomie) heraus und in demselben Jahre erhielt er am Collège de France die Stelle, welche bis jetzt Daubenton, Busson’s berühmter College, welcher mit diesem die Naturgeschichte der Säugethiere herausgab, inne gehabt hatte. Im Jahre 1802 wurde er von dem ersten Consul zu einem der sechs Generalinspectoren ernannt, welche in zweiunddreißig französischen Städten Lyceen errichten sollten. Der Sonnenschein des Glücks verließ ihn von da an niemals wieder.

Er wurde hintereinander zum Rath bei der kaiserlichen Universität, zum Maître des Requêtes im Staatsrath, im Jahre 1813 zum außerordentlichen kaiserlichen Commissär und 1814 zum Staatsrath ernannt. Ludwig XVIII. bestätigte ihn in seinen Aemtern, und 1819 wurde er Präsident des Comitées für die innern Angelegenheiten im Staatsrathe. Das Ministerium des Innern, welches man ihm antrug, lehnte er ab, weil er sich nicht zu einem Werkzeug der zurückgekehrten Emigrirten hergeben wollte. Er wurde Mitglied der Academie von Frankreich, Großmeister der Universität und Großoffizier der Ehrenlegion. –

Aber keinem der Sterblichen schenken die götter ein ungetrübtes Glück. Von Ehrenbezeugungen und Würden überhäuft – war Cuvier unglücklich als Vater. Aus seiner Ehe mit Madame Duvancel, einer jungen, liebenswürdigen Wittwe, wurden ihm drei Kinder geboren, von denen keins den Vater überlebte. Es war im Jahr 1827, als ihm der Tod auch das letzte Kind, seine einzige, schöne, zweiundzwanzigjährige Tochter Clementine raubte, kurz vor ihrer Vermählung. Der Schmerz darüber warf den Greis, dessen Haare von Arbeit und Nachtwachen gebleicht, auf’s Krankenlager. Als er nach seiner Wiedergenesung wieder in den Staatsrath, dessen Präsident er war, erschien, leitete er ruhig und gefaßt die Verhandlungen, wie er aber das Resumé geben sollte, da übermannte ihn von Neuem der Schmerz und Thränen traten in seine Augen. Er senkte das Haupt auf den Tisch und verhüllte sich das Gesicht mit den Händen. Tiefe, stumme Wehmuth herrschte in der Versammlung der Räthe. Endlich erhob Cuvier das Haupt wieder und sprach:

„Verzeihen Sie, meine Herren – ich war Vater und habe Alles verloren.“ Hierauf setzte der die Verhandlung fort.

Nach der Julirevolution ernannte ihn Ludwig Philipp zum Pair von Frankreich, und schon war das königliche Decret, welches ihn an die Spitze des Staatsraths rief, ausgefertigt, als ihn der Tod am 13. Mai 1832 inmitten seiner Thätigkeit ereilte.

„Die Willensnerven sind die leidenden Theile,“ sprach er kurz vor dem Augenblick des Sterbens, indem er sich dabei an die neuen neurologischen Entdeckungen Bell’s und Scarpa’s erinnerte. In der zweiten Nachmittagsstunde des 13. Mai brach sein strahlendes Auge, über seine Stirn flog der Schatten des Todes, und die Welt war um einen ihrer großen Bürger und Naturforscher ärmer. –