Aus dem Jesuitenorden

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Titel: Aus dem Jesuitenorden
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31–33, S. 500–502, 532–534
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[500]
Aus dem Jesuitenorden.
Nach eigenen, im Orden gemachten Erfahrungen erzählt von einem Exjesuiten.
I.

Ausschließlich auf den Umstand, daß ich nicht von Hörensagen und nach Allen zugänglichen Schriften, sondern aus eigenem Erlebniß, eigener Anschauung berichte, gründe ich die Berechtigung, in dieser Zeit des neuen großen Kampfs gegen den Orden und des hundertjährigen Gedächtnisses der ersten päpstlichen Aufhebung desselben mich an die Abfassung dieses Artikels für die „Gartenlaube“ zu wagen.

Ja, ich erfuhr mehrere Jahre lang die Segnungen der jesuitischen Erziehung in vollstem Maße an mir selbst und konnte mich nur nach langem Ringen mit der größten Mühe von den Banden des Ordens befreien. Nicht etwa die Lesung von jesuitenfeindlichen Schriften – denn solche bekommt der Jesuit nicht zu lesen –, nicht etwa mündliche oder schriftliche Mahnungen human denkender Freunde – denn sprechen durfte man mit Fremden nur mit Erlaubniß des Obern und im Beisein eines andern Ordensbruders, und Briefe mit solchen Ermahnungen würde der Obere, durch dessen Hand alle gehen, dem Adressaten gar nicht abgeben –, sondern die Regeln, die Erziehung im Kloster selbst führten mich aus demselben zurück. Denn da meine Vernunft nur eingeschläfert, nicht ertödtet war, wagte ich es, darüber nachzudenken, wozu der Wust von Regeln und Constitutionen, die Geist und Herz lähmende Ascetik, die zwecklose und vernunftwidrige Befolgung der Gelübde führen, und so gelangte ich nach langem Nachdenken über das Ordenswesen selbst und nach Prüfung meines eigenen, noch nicht verloren gegangenen individuellen Charakters zu der Ueberzeugung, daß ich selbst für die Anforderungen des blinden Gehorsams nicht tauge, und zugleich zu der Meinung, daß der Orden nicht durchaus so göttlich sei, wie ich bisher geglaubt, sondern als menschliches Machwerk auch seine Schattenseiten haben könne und in der That auch habe. Und nun erlaube man mir, durch einzelne Mittheilungen aus meinen Erfahrungen zur genauern Kenntniß des Ordens das Meinige beizutragen.

Gleich am Eingange der Constitutionen ist als der ausgesprochene doppelte Zweck des Ordens aufgezeichnet: mit Beihülfe der göttlichen Gnade für das Heil und die Vollkommenheit der eigenen Seele zu sorgen und mit ganz besonderer Sorgfalt für das Heil und die Vollkommenheit des Nächsten zu wirken.

Sehen wir zunächst, auf welche Weise der erste Zweck erfüllt wird.

Sobald ich als Aspirant die Schwelle des Klosters überschritten hatte, gehörte ich nicht mehr mir selbst an. So wie der Soldat im Heere nicht nach persönlichem Willen und zu selbsterwähltem Zwecke, sondern nur nach dem absoluten Willen seiner Oberen zum gemeinschaftlichen Zwecke der von diesen beabsichtigten Heeresoperationen handelt, so muß auch beim Jesuiten eigener Wille und eigener Zweck völlig verloren gehen. Daher die militärische Bezeichnung: Gesellschaft, societas, spanisch compañia, und die des Hauptes als Ordensgenerals. Ignatius Loyola war spanischer Soldat gewesen. Er dachte sich den von ihm zu gründenden Orden als ein schlagfertiges Heer, welches sowohl im Innern durch das Band des Gehorsams verbunden sein, als auch nach außen stets zur Disposition des Papstes stehen müsse. Die Unterwerfung unter die Leitung des Obern geht aber viel weiter, als bei dem Heere oder bei jedem anderen weltlichen Organismus. Denn nicht etwa blos in gewissen äußeren Dingen soll der Jesuit abhängig sein, sondern auch in Angelegenheiten des Gewissens und geistigen Lebens, im Studium etc.

Damit der Obere alle seine Untergebenen nicht nur dem Charakter und den allgemeinen Neigungen und Fähigkeiten nach, sondern sogar in ihren geheimsten Gedanken, Wünschen, Vorzügen und Mängeln genau kennen lerne, ist Jeder verpflichtet, dem Oberen die sogenannte Gewissensrechnung (ratio conscientiae), über die in den Regeln eine besondere Rubrik besteht, außerhalb des Bußsacraments freiwillig (?!) abzulegen. Der Noviz muß dies wenigstens einmal wöchentlich thun. Dabei müssen folgende Punkte ganz genau angegeben werden: ob man gegen irgend eine Regel oder Vorschrift des Obern eingenommen sei, ob man Schwierigkeiten in ihrer Befolgung spüre und gegen welche man am meisten verstoße; zu welchen Tugenden man sich am meisten hingezogen fühle; wie es besonders um die volle Hingebung an seine Oberen und die Abtödtung des Willens stehe; welche Frucht man vom Gebrauche des Gebetes, ob man darin Andacht oder Lauigkeit und Zerstreuung fühle? etc.

Damit man die Scham überwinde, über seine geheimsten Neigungen und Fehler offen und frei Rechenschaft abzulegen, soll man bedenken, daß diese Demuth Gott ganz besonders angenehm sei, der die Thörichten erwählt und die Weisen verwirft, und daß die Leitung des Obern, der Gottes Stelle vertritt, nur zum Nutzen der Seele ausfallen kann, während man, in seinem Seelenleben sich selbst überlassen, leicht auf Abwege gerathen könne, da der böse Feind besonders die Seelen derjenigen unter dem Vorwande des Guten betrügt, die da glauben, ohne Gehorsam und Leitung des Obern dem Willen Gottes nachgehen zu können.

Durch solche Vorspiegelungen entsteht erklärlicher Weise eine solche Furcht in den Gemüthern der meisten, besonders der jüngeren Mitglieder, daß sie mit der geringsten Kleinigkeit sofort zum Rector laufen, um sich bei ihm Rath zu erholen, mit dem immer eine besondere Gnade zur Ueberwindung der betreffenden Schwierigkeit verbunden sein soll. Sehr häufig entläßt der Obere den Fragenden ohne Antwort, weil diesem das Gefühl, daß er durch Eröffnung seines Gebrechens seine Pflicht gethan habe, schon an sich genügen muß.

Aber nicht blos ein Jeder selbst soll sich dem Obern offenbaren, sondern Alle sollen einander dazu verhelfen, daß dieser sie genau kenne. Daher soll der Jesuit nach strenger Vorschrift der Constitutionen sich insoweit des Rechtes auf seinen guten Ruf entäußern, daß er sich damit zufrieden erklärt, daß alle seine Vergehen, Fehler und was sonst noch an ihm bemerkt wird, dem Obern zugetragen werden; auch soll er auf diese Weise, das heißt durch gleiche Angeberei, den Anderen zu ihrem Seelenheile förderlich sein. Diese an Eidesstatt abgegebene Verpflichtung muß der Noviz viermal schriftlich einreichen. Dem Obern ist es streng untersagt, den Angeber jemals zu verrathen. Ich habe diese Regel erwähnt, wie sie ist; wozu sie dient, möge sich jeder Unbefangene selbst sagen.

Es läßt sich denken, was für ein durch die Regeln geheiligtes Klatsch- und Spitzelwesen im Kloster herrscht. Außer den zum Angeben ganz besonders verpflichteten Personen klatscht jeder auf eigene Faust, was er nur zu bemerken glaubt, einerlei, ob mit Recht oder Unrecht. Wenn ich oder meine Cameraden zum Rector kamen, hatte dieser, noch ehe man sein Anliegen vorbrachte, meistens eine Menge Klagen vorzubringen. Bald hatte man sich der verpönten deutschen Sprache bedient (davon später), bald die Regel des Stillschweigens nicht eingehalten, bald zu wenig Freudigkeit im Gehorsam bewiesen und so fort. Und wehe demjenigen, der Unzufriedenheit darüber bezeigte! Es wurde ihm gleich in’s Gedächtniß zurückgerufen, wozu er sich verpflichtet habe.

Dem eintretenden Novizen, der gewöhnlich ein lebenslustiger Gymnasiast ist und schon auf der Schule die Angeberei in viel wichtigeren Dingen nicht leiden mochte, fällt diese Regel selbstverständlich schwer, weil er noch „fleischlich gesinnt“ ist und den „Geist Gottes“ noch nicht versteht. Allmählich lernt er aber einsehen, „daß in der Welt nur Zwang und Vortheil die Motive sind, im Orden dagegen die Ehre Gottes und das Seelenheil“. Er erkennt die Weisheit des heiligen, gotterleuchteten Ordensstifters an, der ihm in dieser Regel, sowie in allen anderen, ein vorzügliches Mittel an die Hand giebt, „Gott wohlgefälliger zu werden“.

Um sich nur als Glied der Mutter Societas zu wissen, soll man kraft der Regeln alle Bande brechen, die den Menschen an seine Familie, sein Vaterland und seine Freunde fesseln.

Die fleischliche, natürliche, „daher höchst unvollkommene“ Liebe zu Eltern und Geschwistern soll man buchstäblich unterdrücken und in eine reine, geistige umwandeln, sodaß man für sie betet und für ihr Seelenheil sorgt. Reden darf man [501] mit ihnen nur mit specieller Erlaubniß, mit den weiblichen Familiengliedern ganz entschieden niemals ohne Beisein eines anderen Ordensbruders! Schreiben darf man an sie nur mit besonders eingeholter Erlaubniß des Obern, dem auch die Briefe abgegeben werden und der sie auch nicht abschicken soll, wenn er es nicht für gut befindet in dem Herrn! Den umgekehrten Weg gehen die ankommenden Briefe. Der Obere bekommt sie, liest sie durch und giebt sie nach seinem Gutdünken ab oder nicht ab! Auf das Absenden eines Briefes ohne Erlaubniß, gleichviel an wen, ist der kleinere Bann gesetzt!

Der Jesuit ist also für seine Familie, sowie diese für ihn verloren. Der Obere ist sein Vater, die Gesellschaft seine Mutter (ich habe sie nur als Stiefmutter kennen gelernt), die anderen Jesuiten seine geliebten Brüder in dem Herrn, die er daher „Geliebteste“ (carissimi) zu tituliren hat. Es wird dies auch als besondere Belohnung von Seiten Gottes gepriesen, daß er für das Verlassen einer Familie und eines Hauses so viele Brüder und so viele Häuser verleiht. Denn in der That findet der reisende Jesuit in jedem Colleg stets freundliche Aufnahme. Darin soll sich das Wort Christi bewahrheiten: „Wer Vater und Mutter um meinetwillen verläßt, wird es hundertfach wieder erlangen.“

Zur Verspottung der „sündhaften Elternliebe“ war in unseren ascetischen Lesebüchern folgende Wunderanekdote verzeichnet: Ein Pater befand sich auf der Reise zu seiner Mutter, zu der er nach langem Bitten die Erlaubniß erhalten hatte. Unterwegs wurde er ersucht, kraft seiner priesterlichen Gewalt einen vom Teufel Besessenen zu heilen. Als er an diesen heranging und die vorgeschriebene Formel betete, verspottete ihn der Teufel durch den Mund das Besessenen, indem er vor der versammelten Menge schrie: „Mama! Mama!“ – weshalb der Pater mit Schimpf abziehen mußte.

Ferner soll das Vaterland vergessen werden. Sowie die zum Militär Ausgehobenen ihren Beruf verlassen müssen, um, so lange sie Soldaten sind, sammt und sonders dem einzigen Waffenhandwerk zu folgen, so geht es den Jesuiten betreffs ihrer Nationalität. Alle Nationalgefühle der Einzelnen müssen vollkommen aufhören, damit sie sich nur als Glieder einer einzigen Nation fühlen, die unter allen Nationen zerstreut ist. Wenn einzelne Klöster etwas für das Land thun, in welchem sie liegen, so thun sie dies nur aus Zwang oder anderer Umstände halber, nicht aus Patriotismus, denn dieser wird in den Zöglingen systematisch erstickt. Die Erwähnung des Vaterlandes war uns völlig verboten, und zwar nicht nur, wenn Angehörige verschiedener Länder untereinander waren, was vielleicht in dem Streben nach Erhaltung des inneren Friedens seine Erklärung finden könnte, sondern auch den Angehörigen desselben Staates untereinander. Es durfte sich Keiner als Deutscher, Preuße etc., sondern nur als Jesuit fühlen.

Ich befand mich die ganze Zeit meines Klosterlebens hindurch in Collegien, in denen die preußische, deutsch-österreichische und polnische Nationalität fast zu gleichen Theilen vertreten waren. Wir Deutsche und besonders wir Preußen waren fortwährend eines als unreligiös geltenden patriotischen Particularismus verdächtig. Sobald man uns zusammen sah, sprengte man uns sofort auseinander und gab uns wegen dieser Nährung der weltlichen Vaterlandsliebe Verweis über Verweis. Deutsch durften wir lange Zeit hindurch gar nicht sprechen, da wir in dieser Sprache unsere Meinungen am besten austauschen konnten. Der Rector (selbst ein Deutscher und preußischer Unterthan) äußerte zur Motivirung dieses seines Verbotes: es scheine ihm, als sei die deutsche Sprache dazu da, um in ihr Gott zu beleidigen.

Auch Politik durften wir Studirenden nicht treiben. Vom Kriege von 1864 erfuhr ich erst nach zwei Jahren. Im Kriege von 1866 war es uns vorgeschrieben, für welchen Theil wir sympathisiren sollten. Es wurde uns nämlich mitgetheilt, das ketzerische Preußen befinde sich mit dem katholischen Oesterreich in einem Kriege, welcher ein Religionskrieg sei und nur die Ausbreitung des Protestantismus in Deutschland bezwecke. (Dasselbe wurde auch von der Kanzel herab dem gläubigen Volke verkündigt.) Der Orden müsse daher für das Wohl Oesterreichs beten, nicht etwa aus Liebe zu diesem Lande, welches auch nicht im Geiste Gottes verwaltet würde, und weil es an sich gleichgültig sein müsse, wer siegen würde, sondern lediglich aus Liebe zum Katholicismus. Nach der Affaire von Königgrätz war die Niedergeschlagenheit groß. Gott hat Oesterreich durch Preußens Zuchtruthe gestraft, sagte man, wird aber bald auch die Ruthe verwerfen und verbrennen. Ich wiederhole an dieser Stelle nochmals, daß ich nur das berichte, was ich gesehen, gehört und erfahren habe.

Auch die Freundschaft soll unterdrückt werden. Was die Freunde außerhalb des Klosters anlangt, so versteht sich dies von selbst. Aber auch im Kloster selbst darf der Jesuit keinen Freund haben. Alle seine Mitbrüder soll er auf gleiche Weise lieben, zu keinem derselben darf er sich besonders hingezogen fühlen. Die besondere Freundschaft (amicitia particularis) ist ein arg verpöntes Ding und wird als Quelle vieler Sünden betrachtet. Sie ist an sich schon Gott nicht angenehm, da man außer ihm Niemand lieben dürfe. Ferner könnten intime Freunde leicht ihre Schwierigkeiten gegenseitig austauschen und sich in einem ordnungswidrigen Geiste bestärken, weshalb ihnen die Freundschaft zum Verderben gereichen würde. Um dieses Unheil zu verhüten, dürfen niemals zwei allein längere Zeit zusammen sein, sondern wenigstens drei, und zum Spaziergange werden diejenigen, welche zusammengehen sollen, bestimmt.

Das möge über den ersten Zweck des Ordens vor der Hand genügen. Betrachten wir nun den andern Zweck, welcher sich dem Seelenheile des Nächsten zuwendet.

Hundertmal wurde uns in den Erklärungen der Regeln, besonders derer über den Zweck des Ordens, und in den vielen ascetischen Büchern, die wir pflichtschuldigst lesen mußten, die Geschichte der Entstehung des Ordens auf eine Weise vor die Augen geführt, als ob dieselbe während der Wirren der Reformationszeit als eine besondere Fügung und Bestimmung des weisen und für das Wohl seiner heiligen Kirche besorgten Gottes geschehen wäre, und so ist’s denn auch allbekannt, daß die Tendenz des Ordens dem Protestantismus und jeder von dessen Entstehung sich datirenden Gewissens- und Forschungsfreiheit diametral entgegensteht. Er pflanzt als Hort des Romanismus überall das Banner der starrsten, der verknöchernden Orthodoxie auf und trachtet danach, daß nur eine einzige sogenannte Tugend, die des unbedingten Gehorsams und der Unterwerfung des Verstandes und Willens unter die Machtsprüche der Hierarchie, geübt werde. Mit Einem Worte: Alles soll im Gehorsam gegen die Kirche aufgehen. Gehorsam und Kirche sind aber nach der Meinung der Jesuiten untrennbare Begriffe. Der Satz „Ubi Petrus, ibi ecclesia“ wird in seiner ganzen Bedeutungsfülle angenommen. Der ganze Orden steht dem Papste zur Disposition, jedes ältere Mitglied muß ein besonderes Gelübde des Gehorsams gegen den Papst ablegen. Die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes in rebus fidei et morum gehört zu denen, die als aus dem kirchlichen Glauben selbst fließend in der Gesellschaft Jesu von Anfang an gelehrt werden mußten. Als andere Lehren der Art – was ich nebenbei bemerke – wurden uns genannt: die unbefleckte Empfängniß Mariens (die vor ihrer Dogmatisirung jeder Jesuit durch ein Gelübde zu vertheidigen sich verpflichten mußte), die körperliche Himmelfahrt Mariä und die ganz abnorme Lehre, daß, obwohl ein Katholik an und für sich und direct zur Heiligenverehrung nicht verpflichtet sei, er jedoch ohne Verehrung Maria’s die Seligkeit durchaus nicht erlangen könne.

So wie der Orden des Papstthums, so ist auch das Papstthum des Ordens vornehmste Stütze. Papst Paul der Dritte, der die Regeln des Ordens bestätigte, soll in ihnen einen besondern Fingerzeig Gottes (digitus Dei) erkannt haben, was bei der päpstlichen Unfehlbarkeit für die beste Garantie der göttlichen Einsetzung des Ordens gehalten wird. So wurden Papstthum und Jesuitenorden durch wechselseitige Bande aneinandergelegt und einander unentbehrlich.

Die Bekehrung Andersgläubiger zum orthodoxen Romanismus ist der Hauptzweck der Gesellschaft Jesu. Wenn ein Ketzer oder freisinniger Katholik einer Unterredung mit einem Jesuiten gewürdigt wird, so kann er gewiß sein, daß die Proselytenmacherei gegen ihn beginnt. Einer meiner Collegen suchte sogar seine protestantische Mutter in allen seinen Briefen zur Bekehrung zu bewegen, weil sie sonst dem ewig brennenden Höllenfeuer unfehlbar anheimfallen müßte.

[502] Von dem orthodox-particularistischen Standpunkte der jesuitischen Anschauung, die mit der der Katholiken in romanischen Ländern und speciell mit der der Curie identisch ist, ist der größte Verbrecher, wenn er nur katholisch ist, vor Gott weit besser daran, als jeder Nichtkatholik; denn jener erlangt nach der ersten Absolution sofort sein Seelenheil wieder, was für diesen unmöglich ist. Es wird zwar zugegeben, daß ein Andersgläubiger, der nie etwas von der römischen Kirche gehört hat, in seinem Glauben aus besonderer Gnade Gottes selig werden kann, das ist aber nicht möglich für diejenigen, die die katholische Kirche kennen, da sie, wenn sie nur eine Spur von Wahrheiten liebe hätten, früher oder später zum Nachdenken über die in die Augen fallende Einigkeit, Heiligkeit und Allgemeinheit der Kirche bewogen werden und sich bekehren müßten.

Wie soll nun das Seelenheil der Katholiken erhalten und gefördert werden? Mit anderen Worten: Worin besteht die Seelsorge der Jesuiten?

Zuerst muß, um die Augen der Leute anzuziehen und zu blenden, der Gottesdienst recht glänzend sein. Die Kirchen der Jesuiten sind gewöhnlich mit vielen Altären und Bildern geschmückt; auf dem Hochaltare brennen an Festtagen dreißig und mehr Kerzen; von früh Morgens bis spät Abends wird fortwährend gebetet und gesungen; die Messen werden mit glänzender Assistenz, die Processionen mit zahlreicher Begleitung der Cleriker abgehalten. Zahlreiche Bruderschaften werden eingeführt, wie die Rosenkranz-, Scapulier-, Herz-Mariä-Bruderschaft. Alle diese sind mit zahlreichen Ablässen versehen und haben ihre bestimmten Feste, so daß des Gottesdienstes kein Ende ist. Auch sind mit dem Eintritte in diese Bruderschaften nach besonderen Offenbarungen außerordentliche Gnaden verbunden. So soll derjenige, der mit dem Scapulier stirbt, laut einer Offenbarung, die dem Carmeliter Simon Stock im dreizehnten Jahrhundert geschah, am nächsten Sonnabende nach seinem Tode aus dem Fegefeuer befreit werden und in den Himmel kommen. Ueberhaupt florirt unter anderen Aeußerlichkeiten ganz vorzugsweise die Heiligenverehrung. Ganze Monate werden bestimmten Heiligen gewidmet; in zahlreichen Novellen wird besonders den Heiligen der Gesellschaft der gebührende Cult erwiesen. Die Feste der Mutter Gottes und die Ordensheiligen werden mit viel größerem Pomp begangen, als die Feste Christi. Ich kann dreist sagen, daß im Innern des Ordens selbst und in den Kirchen desselben die Verehrung Gottes durch die der Heiligen vollständig erstickt wird.

Die hauptsächlichste seelsorgliche Beschäftigung der Jesuitenpatres besteht in der Abhaltung von Missionen, damit jeder Gläubige Gelegenheit erhalte, den Stand seiner Seele einer gründlichen Revision zu unterwerfen. Der Stoff der Missionspredigten im Großen und Ganzen beruht auf den Anleitungen des Ignatius zu den geistlichen Exercitien. Es wird in täglich vier bis fünf Predigten über die Bestimmung des Menschen, den Fall Adam’s, die Hölle, den Tod und das Gericht geredet. Der Zweck dieser Predigten ist die Erregung der größtmöglichsten Furcht in den Gemüthern und Anleitung zu einer Generalbeichte.

Dann wird auf Belehrung und Bekehrung des Volkes viel durch Katechisation gewirkt. Jeder Novize, der kaum nothdürftig seinen Katechismus gelernt hat und oft ein Knabe von fünfzehn Jahren ist, muß in der Kirche, der Sacristei und den Wohnhäusern älteren Leuten die Glaubenswahrheiten beibringen. Besonders werden Brautleute vor der Ehe solchen Knaben zur Katechisation überwiesen.

Gebildete Leute, besonders Weltpriester, werden dazu angehalten, sich den geistlichen Exercitien unter jesuitischer Leitung zu unterziehen. Im Verlaufe derselben wird an geeignerer Stelle das Thema von der Standeswahl erklärt und der Betrachtung überwiesen. Es geht nämlich darum, daß Derjenige, der sich noch in keinem unveränderlichen Stande befindet, wie es der Ehe- oder Ordensstand ist, sich einen solchen wähle; aber dies nicht nach eigenem Hange, sondern nach dem Willen Gottes. Man soll sich daher jedem Stande gegenüber zuerst indifferent verhalten, um jeden persönlichen Hang zu unterdrücken, und zur besseren Ermöglichung Dessen sich auf die Seite des Schwereren und dem Willen Entgegengesetzten neigen. Erst dann soll man unter Gebet und Betrachtung sich einen Stand wählen. Es ist klar, daß eine solche Betrachtung unter dem noch frischen Eindrucke der vorhergehenden Höllenbetrachtungen die geeignetste ist, dem Orden Proselyten zuzuführen, was auch die Geschichte des Ordens und für mich meine eigene Erfahrung bestätigt.

[532]
II.


Zu den wichtigsten Principien des Jesuitenordens gehören die drei Gelübde der Keuschheit, der Armuth und des Gehorsams, die nach zweijährigem Noviciat abgelegt werden.

Der Bewahrung der Keuschheit gilt die strenge Regel, daß Keiner einen Anderen, nicht einmal im Scherz, anrühren soll. Wegen dieser Regel habe ich, so lange ich im Kloster war, Niemandem zur Begrüßung die Hand gereicht.

Die Armuth ist so zu verstehen, daß die Mitglieder kein Besitz- oder freies Verfügungsrecht über irgend eine Sache haben; es ist dies jedoch mehr eine Abhängigkeit, eine neue Art von Gehorsam, als wirkliche Armuth, denn das Leben im Kloster ist durchaus nicht schlecht, sondern besser, als bei so manchen bürgerlichen und adeligen Familien. Täglich wurden zu Mittag zwei, zu Abend eine Fleischsspeise gegessen; an Festtagen, deren es im Orden vierzig bis fünfzig giebt, aß man sechs, oft acht, auch zehn Gänge. Ich muß gestehen, daß, wenn ich im Ordenskleide bei den armen Bauern unserer Parochie vorbeiging, ich mich meiner sogenannten Armuth wegen sehr schämte.

Der Gehorsam gilt als die höchste Tugend, die alle anderen Tugenden erzeugt und in sich schließt. In der kurzen Zusammenfassung der Ordensprincipien (summarium constitutionum) verlangt Ignatius dem Obern gegenüber denselben Gehorsam wie gegen Gott, ohne Murren, ohne Zaudern, ohne Rückhalt. So wie ein Leichnam, heißt es hier, ohne Widerstand zu leisten, sich auf jede Seite hinwenden läßt, und wie der Stab des Greises von diesem nach Belieben regiert wird, so soll auch der Jesuit nicht seinen eigenen Willen haben, sondern blind dem des Obern unterthan sein. So lehrt es der Brief des Ignatius „über den Gehorsam“ an die Brüder in Portugal 1553. Er ist officiell, gilt als integrirender Theil der Regeln, steht als solcher in der kleinen Regelausgabe, die jedem Mitgliede gegeben wird, wird allmonatlich bei Tisch vorgelesen und muß im Noviciat auswendig gelernt werden.

Dieser blinde Gehorsam begreift in sich drei Stufen der Vollkommenheit, nämlich den Gehorsam der That, den des Willens und den des Verstandes. Der Gehorsam der That ist schon der höchste Grad der Selbstverleugnung, und besteht in der pünktlichen, sofortigen Ausführung des Befohlenen, so daß sogar selbst der angefangene Buchstabe unvollendet gelassen werden soll, wenn die Stimme des Vorgesetzten oder die Glocke zu einer andern Beschäftigung ruft; er genügt aber noch nicht und verdient nicht einmal den Namen einer Tugend, wenn der Gehorsam des Willens nicht dazu kommt, daß man nämlich nicht gezwungen und aus menschlichen Rücksichten, sondern mit freudigem Herzen und aus Liebe zu Gott gehorche und sogar dem Befehle zuvorkomme, indem man auch einen, wenn auch noch nicht ausgesprochenen, sondern nur geahnten Wunsch ausführt, als wäre er Befehl. Der Gehorsam des Verstandes erheischt, daß man im befehlenden Vorgesetzten Gottes Weisheit anerkenne, wenn er auch anscheinend Zweckloses und Thörichtes gebieten sollte; in letzterm Falle ist der Gehorsam sogar bei Weitem verdienstvoller, als wenn man das ausführt, was von einem weisen Manne aufgetragen wird und dessen Zweckmäßigkeit man anerkennt. So ging, wie Ignatius anführt, Maurus, ein Schüler Benedict’s von Nursia, auf dessen Befehl auf einen See, und – o Wunder! – sein Fuß ward nicht naß; ein Anderer begoß laut Auftrag ein ganzes Jahr lang einen verdorrten Baum, ohne zu fragen, wozu.

Ein solcher Gehorsam gilt mehr als alle anderen Tugenden; kleinliche Dinge werden durch ihn zu gottgefälligen Werken gestempelt. Dagegen müssen wirklich gute Werke aus Gehorsam unterbleiben, denn dieser ist besser als Opfer, und um Gottes willen muß man sogar Gott selbst verlassen; eine aus Gehorsam unterlassene fromme Uebung hat das doppelte Verdienst der guten Absicht und des Gehorsams. Nur eine offenbare Sünde darf der Jesuit aus Gehorsam nicht begehen. d. h. Etwas, dessen Schlechtigkeit unzweifelhaft und allgemein ist. Ob aber das Aufgetragene durch den Zweck, durch die Umstände etc. zu einer schlechten That wird, danach hat der Untergebene niemals zu fragen, wie überhaupt es seine Sache ist, zu wissen, was gethan werden soll, nicht aber warum und wozu. Er soll in dieser Hinsicht auf Gottes Vorsehung, der er sich durch das Gehorchen völlig in die Arme wirft, bauen, daß sie nur das von ihm verlangen wird, was zu seinem Heile und zu seiner Vollkommenheit dient; für Zweck und Endziel des aufgeführten Auftrages ist vor Gott nicht er, sondern der Obere Rechenschaft schuldig.

Die geistige Nahrung des Jesuiten sind die pietistischen Uebungen, die ihm zur Ausübung der Tugend Kraft geben und ihn darin befestigen sollen.

Obenan steht unter diesen die Betrachtung, die alle Morgen eine Stunde lang abgehalten wird. Am Abend vorher schon beginnt die Vorbereitung dazu, indem der meist aus der Bibel oder dem Leben der Heiligen entnommene Stoff eine Viertelstunde lang überdacht wird, damit man sich vor Schlafengehen und gleich beim Erwachen dessen erinnere. Um fünf Uhr beginnt das vorzüglichste unter allen Gebeten, das die Jungfrau Maria selbst dem Ignatius in der Höhle zu Manresa offenbarte. Nachdem der Jesuit sich aller irdischen Gedanken entschlagen, fromm die Erde geküßt, in einem langen, heißen Gebete um Gnade und Erleuchtung gefleht, beginnt er die drei Uebungen des Gedächtnisses, Verstandes und Willens. Ersteres vergegenwärtigt ihm im Zusammenhange das am vorigen Abende Vorbereitete; der Verstand überdenkt genauer – nicht etwa, ob dies auch wahr und in dem Sinne zu verstehen sei, wie es das fromme Lesebuch will, denn daran ist ja durchaus nicht zu zweifeln – sondern wie schön, wie erhaben, wie Gott wohlgefällig, wie nützlich es sei, wie schwer er sich durch Vergessen dieser Wahrheit versündige, wie er sich für die Zukunft hüten müsse, derselben untreu zu werden. Der Wille verabscheut die Sünde und faßt in Betreff der Mittel zur angestrebten Tugend gute Vorsätze. Dann kommen Affecte der Reue, Liebe etc. Das Ganze schließt mit einem langen Gebete. Nach der Betrachtung folgt eine Recapitulation als Prüfung seiner selbst, wie man die Zeit der Betrachtung verbracht, Notirung der göttlichen Erleuchtungen, die man gehabt, und der Vorsätze, die man gefaßt. An letztere soll man den Tag über öfters denken.

Zweimal des Tages findet über alle Fehler und Vergehungen, die man den halben Tag über begangen, eine Gewissenserforschung statt, wieder verbunden mit Reue und Vorsatz. So plagt sich der Jesuit um das Bischen Vollkommenen, dessen Erringung er als seine höchste Aufgabe auf der Welt betrachtet, bessert, flickt und putzt an seiner Seele und kann sie doch nicht gut und rein genug bekommen. Ich erinnere mich einer Anekdote aus unseren pietistischen Lesebüchern: ein frommer Ordensmann hätte in seinem Kloster eine Menge von Teufeln gesehen, die um die Wette bemüht waren, die Klosterbrüder zur Sünde zu verleiten, während für die ganze übrige Stadt ein einziger gehörnter Mephistopheles genügte, welcher noch dazu träge auf dem Stadtthore saß, weil alle Leute von selbst ohne seine Versuchungen der Sünde nachliefen.

Außer der allgemeinen Gewissensrechnung findet täglich zweimal eine specielle über eine besondere Tugend oder einen besonderen Fehler statt. Die Zahl der Fehler oder Tugendacte soll hierbei mit Punkten notirt und dem Oberen vorgezeigt werden, damit dieser den Fortschritt im Guten controliren könne. Vermehren sich die Punkte der Tugenden von Tag zu Tag und vermindern sich die Punkte der Defecte, so ist der Fortschritt schwarz auf weiß bewiesen.

Von anderen pietistischen Uebungen seien noch erwähnt: das Rosenkranzgebet, das täglich verrichtet wird, dessen Wichtigkeit daraus erhellt, daß der Rosenkranz über dem Habit auf der linken Seite getragen wird und mit dem Kreuze und dem Regelbüchlein die Trias der dem Klostermann heiligen Gegenstände bildet; ferner das Lesen ascetischer Bücher, welches großes Leid im Gemüthe darüber bewegt, daß die darin enthaltenen Wundergeschichten sich jetzt nicht mehr zutragen; die Beichte, die im Durchschnitt fast zweimal wöchentlich abgelegt wird; Novenen oder neuntägige Andachten vor den Festen aller Heiligen der [533] Gesellschaft, die Josephsandacht den ganzen März, die Marienandacht den ganzen Mai, die Herz-Jesu-Andacht den ganzen Juni hindurch, die zehnsonntägliche Ignatius- und die sechssonntägliche Aloysiusandacht. Bei allen diesen Andachten gefiel es mir auch in meiner orthodoxesten Periode niemals, daß die Heiligen viel mehr verehrt wurden als Gott. Als ich einmal darüber den Rector bescheiden um Auskunft ersuchte, schalt er mich einen Ketzer, der durch seinen früheren Umgang mit deutschen Protestanten sich solche kirchenfeindliche Ansichten angeeignet hätte.

Da durch Studium und anderweitige Verrichtungen der Geist zerstreut, vom Himmlischen ab- und dem Irdischen zugewendet wird, so werden jedes Jahr die Exercitien oder Recollectionen abgehalten, in denen die Seele sich wieder in Gott sammeln soll. Diese dauern im Noviziat vier Wochen, später acht Tage. Während derselben ist vollständiges Stillschweigen zu beobachten, täglich werden vier Betrachtungen abgehalten, deren jede mit Vorbereitung und Recapitulation eine und eine halbe Stunde dauert, die übrige Zeit wird in mündlichem Gebet, frommer Lesung und Vorbereitung zu einer Generalbeichte zugebracht.

Zur Uebung in der Abtödtung der Eigenliebe sind folgende ascetische Einrichtungen getroffen:

Die Culpa. Es kniet derjenige, welcher sich eine Uebertretung einer Regel oder der Hausordnung zu Schulden kommen ließ, im Speisesaale zu Anfang der gemeinschaftlichen Mahlzeit hin, küßt die Erde und bekennt sich aller seiner Vergehungen im Allgemeinen und im Besonderen der betreffenden schuldig. Ist das Vergehen größer, oder kommt es häufiger vor, so wird die Schuld auf Befehl des Oberen vom Vorleser veröffentlicht und dem Sünder eine Strafe zudictirt, wofür sich derselbe demüthigst zu bedanken hat.

Wieder ein anderes Demüthigungsmittel ist das Capitulum. Bei demselben muß der Büßende knieend vernehmen, wie jeder der um ihn herumsitzenden Mitbrüder dessen ihm bekannte Fehler nennt, die dann vom Oberen gerügt werden. Das Entdecken der Fehler von Seiten Anderer wird „geistiges Almosen“ genannt. Zweimal im Jahre muß Jeder seine eigenen Fehler zum Zweck der Vorlesung bei Tisch aufschreiben. An Fasttagen wird während der Mittagsmahlzeit ein niedriger Tisch in die Mitte gestellt und mit Büßern besetzt, welche daran in knieender Stellung essen und dann ihren Mitbrüdern die Füße küssen. Dieses Manöver wird auch Einzelnen als Strafe zudictirt. Andere Bußen sind: Geißelung seiner selbst über Tisch und Verbot des Ausgehens. Schwere Carcerstrafen hat der Orden jedoch nicht.

Außer den der Recreation oder Erholung gewidmeten Zeiten muß ein vollkommenes Stillschweigen beobachtet werden, so daß man auch zu seinem Zellengenossen nur in ganz dringenden Fällen reden darf. Besondere Regeln giebt es über die äußere, dem sittlichen Ernst eines Klostermannes entsprechende Haltung, modestia (Bescheidenheit) genannt. Sie schreiben unter Anderem vor, daß man das Haupt ruhig und gesenkt, die Augen, ohne sie rechts und links schweifen zu lassen, niedergeschlagen und beim Gespräch niemals auf des Anderen Augen, sondern unter dieselben gerichtet, den Mund weder offen, noch zu fest geschlossen, alle Glieder ruhig halten, nicht laut lachen und sich eines langsamen feierlichen Ganges befleißigen solle.

Was endlich das Noviziat, die erste Probezeit vor Ablegung der Gelübde betrifft, so erhält der Postulant, sobald er in das Kloster eintritt, einen Novizen zum Aufseher (angelus), dem er Gehorsam schuldet und der ihn mit den Regeln bekannt macht. Nach zwei bis drei Wochen macht er Exercitien, legt eine Generalbeichte von seinem ganzen Leben ab und wird dann in das Noviziat eingeführt, das zwei Jahre dauert. Es soll eine gründliche Vorbereitung zum geistlichen Leben, eine Schule der Abtödtung und des vollkommensten Gehorsams bilden. Daher darf er sich, wenigstens im ersten Jahre, fast gar nicht mit Studien befassen, sondern nur seiner Seele warten.

Zur besseren Uebung in der Demuth müssen die Novizen außer ihrem eigentlichen Vorgesetzten, dem Rector oder Novizenmeister, auch einem unter ihnen, dem Manuductor, gehorsam sein. Zum Manuductor wird aber durchaus nicht etwa der klügste und gebildetste Noviz ernannt, sondern gerade einer der jüngsten und dümmsten, wenn er nur barsch zu befehlen und alle Vergehungen brav anzuzeigen versteht, da ja der Gehorsam gegen einen solchen verdienstvoller ist, weil mehr dazu gehört, in einem jungen, unerfahrenen Mitnovizen Gottes Weisheit anzuerkennen, als in einem gebildeten, älteren Manne.

Wir wohnten als Novizen in einem großen, mit einem Altare geschmückten Saale Alle zusammen; Keiner durfte auch nur auf einen Augenblick dieses Heiligthum, Asceterium genannt, ohne Erlaubniß des Manuductors verlassen, der deshalb Jedem einen Begleiter bestimmte. In die Capelle oder in den Speisesaal gingen Alle paarweise, wie Spitalknaben, im Gebet versunken, die Augen tief gesenkt, die Hände auf der Brust gefaltet, wie lichtscheue Gespenster aussehend; der Aufpasser schritt hinterdrein. Im Asceterium selbst sagt der Manuductor die rasch nach einander folgenden Beschäftigungen, nachdem er zuvor geklingelt, mit den frommen Worten an: „ad majorem Dei gloriam et beatissimae virginis Mariae honorem,“ (zur höheren Ehre Gottes und der allerheiligsten Jungfrau Maria) worauf Alle hinknieen, ein „Ave Maria“ beten und die Erde küssen. Außer den schon erwähnten geistlichen Uebungen wechselt geistliche Lesung, die ein Jeder für sich abzuhalten hat, mit einer Litanei oder einem anderen Gebete, oder einer lauten Vorlesung; bald wird in die Capelle zum Gebet gegangen, dann wieder die Reinigung von Corridoren und Zimmern besorgt etc. So vergeht der Tag in solchen Beschäftigungen, die zur Abtödtung des Gemüthes wirklich die geeignetsten sind.

Bevor der Novize zu den Gelübden zugelassen werden kann, muß er mehrere größere, durch die Institutionen vorgeschriebene Proben gut bestehen. Außer den vierwöchentlichen Exercitien und der Katechisation gehören hierzu Arbeiten in der Küche und eine Wallfahrt oder Peregrination.

Die Peregrination dient dazu, daß der Noviz sich selbst das zu seinem Lebensunterhalte Nothwendige erbetteln und sich so auf Gottes Vorsehung verlassen lerne. Wir wurden Drei zusammen ausgesandt, wovon Einem das alleinige Recht zu befehlen zustand, der Zweite zu seiner Zeit zur Verrichtung der geistlichen Uebungen ermahnen, der Dritte die erbettelten Batzen bei sich führen sollte. Ohne das Ziel der Reise zu wissen, wurden wir angewiesen, beim Pfarrer des nächsten Ortes uns zu Tische zu bitten. Mitgegeben wurden uns zwölf Kreuzer zur Bestreitung der ersten dringenden Bedürfnisse, und ein versiegeltes Paketchen, in dem sich der Reihe nach kleinere befanden, von denen auf jeder Station immer das folgende geöffnet werden sollte, um die darin aufgeschriebene nächste Station zu erfahren, so daß wir erst auf der vorletzten das Endziel erfuhren, welches eine Klosterkirche war, in der wir einen Ablaß gewinnen sollten; ebenso ging es auf dem Rückwege, der wie bei den drei Weisen aus dem Morgenlande ein anderer war, als der Hinweg. Ueberall bettelten wir bei den Pfarrern und Gutsbesitzern „um der Liebe Gottes und Mariä willen“ um ein Almosen. Ein Pfarrer gab uns als wirklichen Bettlern eine Handvoll Kupfergeld; ein Gutsbesitzer ließ uns als Landstreicher zu seinem Hofe hinausjagen; fromme Seelen nahmen uns aber auf, bewirtheten uns reichlich und entließen uns mit einem Almosen. Die ganze Reise, die meist zu Fuß gemacht wurde, war als Abwechselung und Befreiung von dem ewigen Einerlei des Klosters doch noch etwas werth.

Nach diesen gut bestandenen Proben legt der Noviz die einfachen, das heißt durch den General des Ordens lösbaren Gelübde der Keuschheit, der Armuth und des Gehorsams ab; die feierlichen, nicht mehr lösbaren Gelübde (die Profeß) werden nach etwa zwölf Jahren abgelegt, nachdem zuvor noch ein Probejahr bestanden worden, das dem Noviziat ähnliche Uebungen in sich schließt.

Zum Schlusse noch Einiges über die Studien im Orden.

Im Allgemeinen wird das, was zu dem im sechszehnten Jahrhundert durch den General Claudius Aquaviva festgestellten Lehrplane gehört, sehr sorgfältig behandelt. Dieser Lehrplan hat aber keineswegs die allgemeine Bildung im Auge, sondern nur die priesterlichen Fachstudien und ihre Vorbereitungsdisciplinen, wie sie im Mittelalter aufgefaßt wurden. Latein ist die Kirchensprache, Philosophie die ancilla theologiae (die Magd der Theologie), Rhetorik zum Predigen nöthig; dieses sind also die drei wichtigsten Disciplinen.

Von der deutschen Literatur hält man natürlich nicht viel; [534] Lessing und Wieland dürfen gar nicht, von Schiller und Goethe darf nur Weniges mit specieller Bewilligung des Oberen gelesen werden; ohne specielle Erlaubniß darf man überhaupt nur die von Jesuiten herausgegebenen Werke und die vorgeschriebenen Schulbücher benutzen. Naturgeschichte, Geschichte und Geographie, sowie neuere Sprachen sind in den Lehrplan überhaupt nicht aufgenommen, können daher nur ausnahmsweise mit besonderer Bewilligung des Generals zu Rom gelehrt werden. Ich selbst genoß von diesen Disciplinen nur Unterricht in einer Art von Wissenschaft, die der vortragende Professor „Philosophie der Geschichte“ nannte, die er aber besser hätte „Theologie der Geschichte“ nennen sollen.

Der Hauptgedanke derselben, der aus Bibel, Tradition und Kirchenrecht dargethan wurde, war folgender: Sowie der Mensch als Individuum dazu geschaffen ist, Gott in Heiligkeit zu dienen, und je nach Erfüllung dieser seiner Bestimmung begnadigt oder verworfen wird, so sind auch die Völker als moralische Personen dazu da, Gottes Willen zu erfüllen. Weichen sie von dieser Norm ihrer Staatseinrichtungen ab, so gehen sie in Bildung und Nationalkraft zurück und müssen endlich vom Schauplatze der Geschichte verschwinden, wie es den Assyriern, Babyloniern, Syriern und Aegyptern, die sich am Volke Gottes versündigten, und diesem, weil es den Heiland verkannte, erging. Das römische Reich ging wegen seiner Immoralität und der Christenverfolgungen zu Grunde. Deutschland ward wegen seines Kampfes mit der Kirche durch Zersplitterung seiner Kraft in Folge der Erstarkung der Vasallen und wegen des Reformationsgräuels durch den dreißigjährigen Krieg, Oesterreich für das antipäpstliche Gebahren Joseph’s des Zweiten durch Napoleon gestraft u. a. m. Als moralisches Ganzes muß die ganze Menschheit einen König haben; dieser kann kein anderer sein, als Christus, der in der Schrift so oft als König der Völker dargestellt wird, dessen Vasallen also die Könige sind. Da aber Christus nicht mehr unter uns weilt, so hat er den Papst als seinen Stellvertreter mit seiner ganzen Macht bekleidet, der also folgerichtig das Recht der Herrschaft über Könige und Völker hat. Es war noch vor dem vaticanischen Concil, da Solches gelehrt wurde.

Die Theologie begreift einen kleineren und einen größeren Cursus. Den letzteren machen die Fähigeren durch, die ein gutes Examen in den philosophischen Disciplinen abgelegt haben. Die minder Fähigen müssen mit dem kleineren vorlieb nehmen und werden nur als Prediger und Beichtväter, nicht aber als Professoren verwendet. Im kleineren Cursus ist die sogenannte Moraltheologie die Hauptsache, die meistens nach Gury – schmachvollen Andenkens – behandelt wird. Dazu noch etwas Dogmatik, und der Theologe hat nach kaum zwei Jahren seine Studien absolviert. Zur biblischen Exegese, Kirchengeschichte und zum Hebräischen ist er nicht verpflichtet. Im größeren theologischen Cursus ist die scholastische Dogmatik die Hauptsache, die in vier Jahren bei täglich zwei Vorträgen und noch einigen Disputationsstunden wöchentlich tractirt wird; die Moral ist dieselbe, wie beim kleineren Cursus.

Aus der Betrachtung der Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit der Welt und der Vollkommenheit, die im Orden herrscht, entwickelt sich im Jesuiten ein geradezu pharisäischer Stolz: Der Jesuit theilt nämlich die Welt in Rangstufen ein. Auf der untersten Stufe stehen die Nichtkatholiken und von den Katholiken diejenigen, die nicht an alle Dogmen glauben und im Wahne ihrer Verblendung dahin irren; dann kommen die gläubigen Laien, die zwar alle Mittel zur Seligkeit besitzen, aber doch noch (laut einer Offenbarung) wie Schneeflocken in die Hölle fallen; ferner die Weltpriester, die vielen Gefahren ausgesetzt und größtentheils noch sehr unvollkommen sind; endlich die Ordensleute, und von diesen am höchsten stehen die Jesuiten.

Es ist wohl nicht nöthig, dem hier Vorgelegten zum Schlusse mehr hinzuzufügen, als die Ermahnung zu der Bitte: „Herr, erlöse uns von dem Uebel!“